Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

100 Kilometer bis zur Klinik

VON CATERINA LOBENSTEIN

Windparks auf See sollen die Energiewende bringen - so will es die Politik. Für alle, die auf den Plattformen arbeiten, bestehen erhebliche Risiken.

100 Kilometer bis zur Klinik© Pgiam - iStockphoto.comIn Deutschland sollen Windenergie-Anlagen in der Zukunft 15 Prozent des Energiebedarfs decken
Jeden Monat fahren Volker Mertens und seine Kollegen raus aufs Meer und schrauben an einer Vision. Mit riesigen Maschinen rammen sie stählerne Fundamente in den Meeresgrund, sie verlegen Unterwasserkabel und klopfen Rost vom glitschigen Metall. Sie kriechen in ölverschmierte Turbinenräume, in 100 Meter Höhe, bei peitschendem Regen und bei Sturm. Männer wie Mertens bauen Windkraftanlagen auf See. Sie machen sich die Hände schmutzig für Deutschlands Traum vom sauberen Strom.

Mehr als 100 Techniker, Ingenieure, Anstreicher und Rostklopfer arbeiten in deutschen Offshoreparks, bald werden es mehr als 1000 sein. Denn in zwanzig Jahren sollen statt der 52 Windräder, die derzeit in der Nord- und Ostsee stehen, 6000 Anlagen errichtet sein. 15 Prozent des Energiebedarfs der Deutschen sollen sie dann decken. Eine Großbaustelle wächst vor Deutschlands Küste, und wie auf jeder Baustelle, wie an jedem Arbeitsplatz kann es dort draußen Unfälle geben: Schweißer, die sich verbrennen, Elektriker, die im Turbinenraum zusammenbrechen, Ingenieure, die metertief stürzen. Das Havariekommando in Cuxhaven, die deutsche Leitstelle für große Seenotlagen, rechnet mit zwei bis vier Unfällen pro Woche, wenn einmal alle Parks, für die es derzeit Bauanträge gibt, ans Netz gegangen sind. 70 Verletzte und einen Toten hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gezählt, seit der erste deutschen Offshorewindpark vor zwei Jahren eröffnet wurde. Doch wer für die Bergung der Verletzten zuständig ist, ist bis heute ungeklärt: Es gibt dort draußen keinen offiziellen Rettungsdienst.

Wer an Land in Not gerät, wählt die 112. Spätestens nach einer Viertelstunde kommt ein Krankenwagen, so schreiben es die Rettungsdienstgesetze der Bundesländer vor. Wer dagegen auf einem Windrad vor der Küste verunglückt, wartet, wenn er Pech hat, stundenlang auf Hilfe. Der bislang größte deutsche Windpark, der zurzeit in der Nordsee gebaut wird, liegt 100 Kilometer vor Borkum. Rund eine Stunde fliegt ein Hubschrauber bis dorthin. Doch selbst bei ruhigem Wind und guter Sicht brauchen Rettungsteams viel länger, bis sie helfen können. Das Problem sitzt an Land, genauer: im Deutschen Bundestag. Denn bis heute hat die Regierung kein Gesetz auf den Weg gebracht, das regelt, welche Rettungsstelle zuständig ist, wenn vor der Küste ein Techniker von einem Windrad stürzt. Windparkbetreiber müssen deshalb selber für die Sicherheit und Rettung ihrer Angestellten sorgen. Doch von staatlicher Seite gibt es kaum Standards, nach denen sie sich richten könnten. Jedes Offshore-Unternehmen strickt sich sein eigenes Sicherheitskonzept: Manche montieren an ihren Windrädern Plattformen, von denen Verletzte mit einem Helikopter geborgen werden können, manche schieben verunglückte Arbeiter lieber durch eine schmale Luke und seilen sie auf einen Rettungskreuzer ab. Manche schicken ihre Betriebssanitäter wochenlang auf Schulung, manche halten ein paar Tage für genug.

Harakiri-Manöver bei den Rettungseinsätzen

Die Rettung der Verletzten ist so kompliziert, dass sie ein einzelner Betreiber kaum leisten kann. Selbst für erfahrene Ärzte, Piloten und Höhenretter sind die Windparks vor der deutschen Küste Neuland. Nirgendwo auf der Welt werden so weit entfernt vom Festland Windräder gebaut. Die See ist hier besonders rau, die Bergung von Verletzten viel riskanter als in Küstennähe und auf Schiffen: Reicht der Sprit des Hubschraubers für den Einsatz? Hat der Rettungsarzt gelernt, sich auch bei Sturm und Regen abzuseilen? Bei schweren Unfällen greifen die Betreiber deshalb auf externe Rettungskräfte zurück, auf Marinepiloten, Seenotretter, Höhenrettungsteams und Ärzte mit Kletter- und Seeausbildung - so wie ein Flughafenbetreiber, der bei kommunalen Rettungsstellen Hilfe sucht, wenn die Betriebsfeuerwehr überfordert ist.

Doch weil es keine Zentrale gibt, die bei einem Windparkunfall die verschiedenen Rettungsteams steuert, ist es schwierig, die Einsätze zu planen. Der Cuxhavener Notfallmediziner Christian Flesche berichtet von »Harakiri-Manövern« und »dilettantischen Fehlern, die an Land nie passieren dürften«. Als der Offshorearbeiter Volker Mertens dringend Hilfe braucht, steht er auf einem Windrad im Turbinenraum, 100 Meter über dem Meer, durch die geöffnete Dachluke sieht er die Rotorblätter. Vom Fundament bis zur Rotorspitze ist so ein Windrad höher als der Kölner Dom, allein die Turbinengondel ist groß wie ein Haus. Auf dem stählernen Windradfundament frisst sich salzige Gischt ins Metall, Algen machen es schmierig und unberechenbar. Wer hier draußen arbeitet, trägt einen Überlebensanzug, einen Overall aus Neopren, der warm und über Wasser halten soll bei einem Sturz ins Meer.

Mertens spürt Schmerzen, so heftig, dass ihm schwindlig wird. Er ruft den Betriebssanitäter, doch der lässt ihn nach wenigen Minuten allein. »Der war komplett überfordert«, erinnert sich Mertens. Benommen klettert er zum Aufzug, fährt hinunter zum Fundament der Anlage und kauert sich auf den nassen Stahl, wartet auf das Schiff, das die Arbeiter nach Feierabend zum Hafen bringt. Als er Stunden später an Bord steigt, wird er ohnmächtig. Bis Mertens im Krankenhaus behandelt wird, vergehen fast neun Stunden. Woran er genau erkrankte, wo er arbeitet und wie er wirklich heißt, will er nicht in der Zeitung lesen. Er fürchtet um seinen Arbeitsplatz. »Es gibt Probleme mit der Rettungskette, das wissen wir hier draußen alle«, sagt Mertens. Während der Sicherheitstrainings an Land habe es stets »Safety first« geheißen. Doch draußen auf den Anlagen gebe es manchmal nicht einmal ein Pflaster.

»Wenn wir die Verantwortung für die Notfallrettung weiter in privater Hand lassen, bekommen wir auf lange Sicht ein Riesenproblem«, sagt Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Ferlemann ist CDU-Bundestagsabgeordneter von Cuxhaven, er kennt das Offshorerevier vor der Nordseeküste: »Das ist menschenfeindliches Gebiet.« Wie gefährlich es dort ist, sei in Berlin fast niemandem bewusst. Deshalb will Ferlemann die Offshorerettung zur Staatsaufgabe machen, ein Bundesgesetz soll die Zuständigkeit der Behörden regeln. Allerdings erst, wenn draußen in der Nord- und Ostsee deutlich mehr Windparks stehen als heute. »Wir haben noch genug Zeit«, meint Ferlemann. Im kommenden Jahr will er dazu ein Papier vorlegen. Bis ein Gesetz daraus wird, könnte es Jahre dauern.

Spätestens seit Fukushima boomt die Branche

In Berlin sieht man das Problem erst kommen. An der Küste sieht man die Engpässe schon heute. Die überbuchten Helikopter, die schlecht geschulten Sanitäter. Im November forderte selbst die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste, ein Dachverband, der sich sonst vor allem mit Küstenschutz beschäftigt: »Die Bundesregierung steht in der Pflicht, ein Konzept für die Einsatzplanung und die Schulung aufzustellen und in Kraft zu setzen - und zwar unverzüglich, schließlich sind jetzt bereits Windparks in der Nordsee in Betrieb.« Wer 100 Kilometer vor der deutschen Nordseeküste bei Sturm von einem Windrad stürzt, muss lange warten, bis ihn ein Facharzt untersucht. Wer in Berlin bei Nieselregen in den Bundestag spaziert und einen Herzinfarkt bekommt, ist in höchstens zehn Minuten in der Charité. Vielleicht ist auch das ein Teil des Problems.

»Die Parks hier draußen sieht man nicht an Land«, sagt Udo Helge Fox von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die bei Offshorenotrufen hilft, obwohl sie eigentlich für Schiffe zuständig ist und sich aus Spendengeldern finanziert. »Wer dort arbeitet, ist ganz weit draußen«, sagt Fox. »Weit hinterm Horizont.« Die Männer hinterm Horizont sollen Deutschland in ein neues Energiezeitalter führen. Windkraft auf See, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen, sei das »Rückgrat der erneuerbaren Energien«. Spätestens seit in Fukushima die Reaktoren explodierten und die Bundesregierung den Abschied vom Atomstrom beschloss, boomt die deutsche Offshorebranche. Allein in Bremerhaven haben sich in wenigen Jahren mehr als 100 Windkraftfirmen angesiedelt. 30.000 neue Arbeitsplätze sollen bis 2030 entstehen, die Hochschulen der Küstenländer bieten Offshore-Studiengänge an. Selbst tot geglaubte Werften machen dank des Windkraftbooms Gewinn. Eine ganze Region prescht hier nach vorn. Nur die Behörden hinken hinterher: Das deutsche Rettungswesen ist geteilt in Land und Wasser, in Kraftfahrzeuge und Schiffe, in zuständig und nicht zuständig. Fährt auf einer Landstraße ein Auto gegen einen Baum, rückt der Krankenwagen an. Bricht sich in der Deutschen Bucht ein Fischer auf seinem Boot den Arm, ruft er die Seenotretter. Doch fällt in einem Offshorepark ein Techniker vom Mast, gibt es ein Problem.

Windparks passen nicht ins Schema. Sie stehen im Meer, aber sie bewegen sich nicht vom Fleck. Sie sind keine Insel, aber auch kein Schiff. Sie sind Zwitterwesen, für die es in der bundesdeutschen Notfallbürokratie noch keine zuständige Behörde gibt. Wird in der Nord- oder Ostsee ein Windkraftpark beantragt, dann regeln die Behörden, wie tief ein Unterwasserkabel liegen darf, wie hell ein Warnlämpchen leuchten muss, das an der Gondel eines Windrads blinkt, und wie man Schweinswale gegen den Baulärm schützt. Nur wie man Menschen rettet, die sich dort verletzen, das regeln sie nicht. Draußen vor der Küste, so scheint es, haben Meeressäuger eine stärkere Lobby als Techniker und Anstreicher, Rostklopfer und Ingenieure. Als Volker Mertens im Herbst im Krankenhaus liegt, überlegt er, seine Arbeit aufzugeben. Ist es das wert, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen für einen gut bezahlten Job? Was, wenn beim nächsten Unfall wieder niemand hilft? Mertens könnte auch an Land arbeiten, Windparks gibt es dort genug. Doch auf See verdient er mehr als doppelt so viel Geld. Am nächsten Tag fährt er wieder raus aufs Meer. Die Tasche hat er schon gepackt.

Aus DIE ZEIT :: 29.12.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote