Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Befreit die Uni!"

Von Jan-Martin Wiarda

Die Studenten in Österreich hoffen darauf, dass ihre Proteste gegen das Kaputtsparen ihrer Hochschulen auch in Deutschland zünden.

"Befreit die Uni!"© Bob Folscheid - iStockphoto.com
Zuerst ist es nur ein Gerücht. In Deutschland haben sie das erste Audimax besetzt, erzählt jemand, bald fallen auch Städtenamen: Heidelberg, Potsdam, Münster. Und immer wieder die Rückfragen: Stimmt das? Echt? Die Innsbrucker Studenten, die seit Ende Oktober tapfer in einem Hörsaal der Sozialwissenschaftlichen Fakultät ausharren, wollen es nur allzu gern glauben. Sie hocken inmitten von Transparenten, Computerterminals und Schlafsäcken, müde gekämpft in immer neuen, öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen. Unter dem Motto »University for sale« haben sie vor der Aula Inventar, Studiengänge und sogar die Studenten ihrer Hochschule versteigert, mit schwarzen Masken und aufgemalten Matrikelnummern sind sie durch die Innenstadt gezogen, um ein Zeichen gegen den vermeintlichen Uniformitätszwang der neuen Bachelorstudiengänge zu setzen. Und dann ist da das fast schon heilige Banner »Free Uni«, das erst an der Salzburger Festung gehangen hat und dann an der Innsbrucker Europabrücke. Jetzt ist es unterwegs nach München, raunen sie sich im Sowi-Hörsaal zu. Als aus dem Gerücht von den deutschen Uni-Besetzungen Realität wird, bricht Jubel aus in Innsbruck. Und nicht nur dort: Auch die Wiener Studenten, die gerade noch den Berufsverkehr mit ihrer Demo lahmgelegt haben, und ihre Mitstreiter von Salzburg bis Linz halten den Atem an: Springt jetzt der Funke über zum großen Nachbarn im Norden? Schnell werden Online-Schaltungen organisiert, Wien ruft Heidelberg, und Potsdam ist auch schon im Livestream. Auch wenn es in Innsbruck vor dem Wochenende noch keiner so sagen mochte: Deutschland ist die neue, große Hoffnung der streikenden Österreicher, denn ihnen droht allmählich die Puste auszugehen. Vor mittlerweile drei Wochen haben die Besetzungen in Wien ihren Anfang genommen, die Studenten des Alpenstaats haben etwas geschafft, was ihren deutschen Kommilitonen beim Uni-Streik des vergangenen Sommers nicht gelungen war: einen Protest zu organisieren, der dauerhaft ist und nicht nach ein paar Aktionstagen im Sand verläuft. Dann hatte den Innsbrucker Besetzern sogar noch ein Mitglied der konservativen ÖVP einen Riesengefallen getan: Der Student hatte über die angeblich schweigende Mehrheit der Studenten räsoniert, die ihren Hörsaal unverzüglich zum Studieren wiederhaben wolle. Keine Parole der Besetzer hätte einen größeren Mobilisierungsschub für die Fortsetzung der Proteste auslösen können, der Antrag scheiterte mit 370 zu 7 Gegenstimmen, am Ende war sogar der kleinlaute Antragsteller für die Besetzung. Jetzt setzt die Erschöpfung ein. Die allabendlich wiederkehrenden stundenlangen Grundsatzdebatten über Basisdemokratie und geeignete Repräsentationsformen fordern ihren Tribut. Dazu kommt, dass die Besetzer mühsam nach Feinbildern suchen. Der Rektor? Unterstützt die Proteste von Anfang an. Und die Vizerektorin für Lehre und Studierende, in deren Zuständigkeit die viel kritisierte Bolognareform fällt, setzt sich abends schon mal gern ins Besetzerplenum und lauscht den Reden. All das passt zum ausgeprägten Bedürfnis der Protestierer, gemocht zu werden.

»Wir sind seit einer Woche hier, dafür sieht der Hörsaal doch echt sauber aus, oder?«, sagt Stephanie Rauscher, 29. Ein bärtiger Student berichtet stolz, bisher sei nichts kaputtgegangen, und den Müll räumten sie auch weg. »Wir wollen die Unterstützung der Öffentlichkeit, keinen Stress«, sagt Rauscher, die sich nach der Versteigerungsaktion nett bei der Vizerektorin für die Möglichkeit zum Demonstrieren bedankt hat. Ohne das gewisse Quäntchen Konfrontation aber fällt das Motivieren schwer. Immerhin ist Verlass auf den unpopulären ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn, der die Wellen der Wut regelmäßig hochschlagen lässt. Er wechselt zwar bald als EU-Kommissar nach Brüssel, verfügt aber immer noch über Aussitzerqualitäten. Über die bereits zugesagten 34 Millionen Euro und eine für den 25. November zugesagte Dialogveranstaltung hinaus sehe er keine Notwendigkeit zu zusätzlichen Maßnahmen, verkündet er überall. Auch eine repräsentative Umfrage hat den für eine offene Uni kämpfenden Studenten zugesetzt: 86 Prozent der Österreicher sprechen sich, ganz im Sinne der Konservativen, für Zugangsbeschränkungen aus, um der Überfüllung der Hochschulen Herr zu werden. So geht der Blick der Besetzer immer öfter in Richtung Deutschland, von wo täglich neue Belagerungsmeldungen eintreffen - aus Tübingen, Greifswald und Duisburg-Essen. Und am 17. November soll dort dann auch offiziell der Bildungsstreik vom Sommer weitergehen. Die Innsbrucker spüren: Wenn die Proteste in Deutschland abheben, kann ihnen das den Stimmungsschub geben, den sie so dringend brauchen.


Aus DIE ZEIT :: 12.11.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote