Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Berufungen dürfen nicht vom Pass abhängen"

Seit 15 Jahren ist der Schweizer Emil Roduner Lehrstuhl-Inhaber für Physikalische Chemie an der Universität Stuttgart. Begonnen hat er seine wissenschaftliche Karriere in Zürich, wo er auch bis heute lebt. Die Nachrichten befragten ihn, wie das denn so ist mit Deutschland, der Schweiz und der Wissenschaft.

Wie hoch ist das Gehalt eines Postdocs in der Schweiz?© Buddel - Fotolia.com
Nachrichten aus der Chemie: Ein schweizerischer Wissenschaftler geht nach Deutschland - ist das überhaupt etwas Besonderes?

Emil Roduner: Also ein Kulturschock war es nicht. Ich bin mir in Stuttgart auch nie als Ausländer vorgekommen, da hatte ein Kollege aus Hamburg mehr Probleme. Aber das Alemannische und das Schwäbische sind ja am Schweizerischen nah dran. Ich entdecke auch gelegentlich alte Wörter, die man hier benutzt, und die mein Vater auch noch gebraucht hat.

Nachrichten: Zum Beispiel?

Roduner: Das Wort Häs. Heute hört man es im Schwäbischen nur noch im Zusammenhang mit der typischen Fastnachtskleidung, aber früher benutzte man es auch für ein normales Gewand.

Nachrichten: Also insgesamt sind die Unterschiede eher klein?

Roduner: Nun ja, die Sorgfalt mit der man hier am Samstag das Auto poliert, die findet man in der Schweiz vielleicht nicht in dem Maße.

Nachrichten: Und an der Institution Universität? Gibt es da fundamentale Unterschiede?

Roduner: Was mich überrascht hat, ist, wie bürokratisch die deutsche Universität ist. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn man um 1990 in Zürich einen Assistenten eingestellt hat, dann musste man ein A4-Blatt ausfüllen, und es gab im Erziehungsdepartement des Kantons eine Person, die für das gesamte Personal der Uni zuständig war. Hier in Stuttgart ist ein ganzer Stapel an Papier nötig, und über die Jahre ist es noch einiges mehr geworden. Das ist aber schon typisch für Deutschland allgemein. Irgend woher muss es ja auch kommen, dass die Schweiz mit weniger Steuern auskommt.

Nachrichten: Das Thema wollten wir doch aussparen ...

Roduner: Stimmt, lassen wir das. Aber ich würde schon schätzen, dass die Schweiz pro 100 000 Einwohner mindestens einen Faktor Zwei weniger Verwaltungsbeamte benötigt als Deutschland.

Gibt es landestypische Wissenschaftstraditionen?

Nachrichten: Ist das kulturelle Umfeld für einen Wissenschaftler wichtig?

Roduner: Eigentlich nicht, zumindest wenn man die Wissenschaft nicht zur Kultur zählt. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Wissenschaft auch zur Kultur gehört, aber persönlich könnte ich in fast jedem Land der Welt leben. Mit ein paar Ausnahmen, nämlich den Ländern, in denen ich mich nicht sicher fühlen könnte.


Nachrichten: Aber die Wissenschaft könnten Sie nicht überall gleich gut betreiben.

Roduner: Das stimmt, es ist klar, dass Afrika ungünstig ist, aber auch Länder wie Australien, Neuseeland, die abseits liegen und deshalb deutlich weniger wissenschaftlichen Austausch haben.

Nachrichten: Was ist mit China oder Russland?

Roduner: Ich hatte einen sechswöchigen Aufenthalt in China und glaube, ich hätte dort keine Probleme, Chemie zu machen. Die Bedingungen in China sind hervorragend, da geht richtig die Post ab. Viel mehr als z. B. in Russland. Russland ist in mancher Hinsicht träge und betreibt die Chemie noch so wie vor 50 Jahren. Das muss natürlich nicht schlecht sein - immerhin haben die Russen auch vor 50 Jahren schon herausragende Wissenschaft gemacht. Aber die Themen und die Methoden sind vielerorts dieselben geblieben.

Nachrichten: Gibt es überhaupt so etwas wie Wissenschaftstraditionen in einem Land?

Roduner: Ja, ganz sicher. Ich bin immer überrascht: Wenn ich in den USA auf Tagungen bin, treffe ich häufig auf Forschungsthemen, die hier in Europa fast nicht mehr vorkommen. Eigentlich erstaunlich, denn das ist ja nicht das Bild, das wir normalerweise von den USA haben. Da denkt man immer nur: "Die sind immer schon einen Schritt voraus."

Nachrichten: Vielleicht ist es aber auch wichtig, gewisse Felder zu pflegen, die scheinbar altmodisch sind?

Roduner: Das stimmt. Das ist tatsächlich gerade für Deutschland ein Problem - diese starken Zyklen. Zurzeit ist ja alles Nano, Opto und Bio. Strahlenchemie beispielsweise gibt es fast nicht mehr. Wenn man jetzt einen Strahlenchemiker braucht, dann gibt es nur noch ganz wenige, die Messungen machen können, und es gibt fast niemanden mehr, der Leute ausbilden kann.

Nachrichten: Ist das in der Schweiz anders?

Roduner: Für die Schweiz ist das schwieriger zu sagen, weil die Schweiz wegen der kleinen Zahlen keine belastbare Statistik liefert. Aber meinem Gefühl nach ist die Schweiz schon anders: Sie läuft nicht gleich jedem Trend und jeder Mode hinterher. Die Ausschläge sind dort immer ein bisschen kleiner. Das ist vielleicht allgemein ein Charakteristikum im Vergleich Schweiz-Deutschland.

Nachrichten: Die Schweiz ist also meist ein bisschen konservativer?

Roduner: Man darf nicht verallgemeinern. Es gibt auch viele Beispiele, wo ich in Deutschland eine sehr große Retardierung der Elemente sehe. Es ist sehr schwierig, gewisse Reformen in Deutschland durchzuziehen. Nehmen wir einmal die Rechtschreibreform: In der Schweiz hat das niemanden bewegt, man schreibt jetzt halt anders. Man hat schon früher Rechtschreibreformen gehabt und wir Schweizer leben immer noch, obwohl man Tier nicht mehr mit Th schreibt. Aber in Deutschland zieht man wegen einer Kommaregel vor das Bundesverfassungsgericht.

Nicht nur das Geld

Nachrichten: Die schweizerische Hochschullandschaft gilt in Deutschland als Vorbild. Zu Recht?

Roduner: Nun, so anders ist sie nicht. Die Schweiz gilt als Vorbild unter den Professoren, weil die Entlöhnung dort sehr viel besser ist.

Nachrichten: Also nur der schnöde Mammon.

Roduner: Es gibt noch einen anderen Punkt. Die Abiturientenquote (in der Schweiz heißt sie Maturantenquote) ist in der Schweiz viel geringer als in Deutschland. Vom Gymnasium kommen zurzeit in der Schweiz etwa 20 % eines Jahrgangs mit der allgemeinen Hochschulreife. In Deutschland sind es knapp 30 %.

Nachrichten: Im Allgemeinen gilt das doch als schlecht. Die OECD strebt doch sogar eine 50%-Quote an.

Roduner: Die wollen sogar noch höher. Ja, das gilt bei den Politikern in Deutschland als schlecht. Aber ich denke, das ist falsch: Leute mit langer Schulbildung sind nicht besser, sondern anders ausgebildet.


Nachrichten: Was bedeutet das für die Universitäten?

Roduner: Für die Universität muss man ganz klar sagen: Man kann mit 30 % eines Jahrgangs nicht dasselbe machen wie mit den besten 20 %. In Europa findet zurzeit eine große Nivellierung der Ausbildung nach unten statt: Der Bachelor wird berufsqualifizierender Regelabschluss und die Fachhochschulen werden zu Hochschulen aufgewertet. Das ist fatal. Nicht, weil ich denke, dass die Universitätsausbildung per se besser ist. Sie ist anders; sie legt ein anderes Schwergewicht.

Nachrichten: Macht die Schweiz das mit?

Roduner: Leider ja; die Fachhochschulen wurden auch umbenannt. In Deutschland ist man etwas weitergegangen, so dass man dann automatisch von der Fachhochschule an die Hochschule wechseln kann.

Bologna und Internationalität

Nachrichten: Ein anderes umstrittenes Thema ist der Bologna-Prozess. Hat die Schweiz ihn besser umgesetzt als Deutschland?

Roduner: Nun zumindest früher und zügiger. In Deutschland wird teilweise heute noch herumgestritten.

Nachrichten: Hat man sich in der Schweiz gleich damit arrangiert?

Roduner: Weitgehend. Allerdings gab es auch in der Schweiz unlängst Proteste der Studenten, die beklagten, sie können nicht mehr im Wortsinne studieren, sondern sie werden nur noch für den Arbeitsmarkt ausgebildet.

Nachrichten: Haben die Studenten da Recht?

Roduner: Da haben sie natürlich Recht, das ist eine der Gefahren dieser Reform. Und leider bezieht sich die ganze Reform oft nur auf die Form - über die Inhalte wird zu wenig geredet.

Nachrichten: Vor einigen Monaten gab es scharfe Vorwürfe an deutsche Wissenschaftler in der Schweiz, die nur Deutsche berufen würden. Ist das tatsächlich ein Thema oder wurde das aufgebauscht?

Roduner: Ich denke, das Thema ist nicht so groß, wie es gemacht wurde. Sicher gibt es Fälle, wo deutsche Professoren bevorzugt deutsche Mitarbeiter nachziehen und das kann dann schon mal böses Blut geben. Die Schweiz fühlt sich teilweise überschwemmt mit Ausländern, die mit - zumindest auf dem Papier - besseren Abschlüssen kommen, und die vielleicht auch besser debattieren können und sich deshalb in Auswahlverfahren besser schlagen. Aber grundsätzlich ist es gut, wenn es eine internationale Durchmischung gibt, und dem müssen sich die Schweizer auch stellen. Ich habe es natürlich auch erlebt, als ich mich in der Schweiz beworben habe und alle, die zum Vortrag eingeladen wurden, Ausländer waren. Aber es wäre Unsinn, einen Schweizerbonus zu fordern, denn wenn man gute Wissenschaft will, dürfen Berufungen nicht vom Pass abhängig sein.

Nachrichten: Die schweizerischen Universitäten sind ja auch sehr international aufgestellt.

Roduner: Ja, das ist richtig. Bei der ETH besonders, aber auch bei anderen Universitäten. Der Anteil an ausländischen Professoren liegt um 50 % und höher. Das hat aber auch mit der Größe des Landes zu tun. Der Ausländeranteil in einem kleinen Land ist generell größer als in einem großen. Wenn Sie sich in Deutschland 200 km bewegen, dann sind Sie immer noch in Deutschland. Wenn Sie das in der Schweiz machen, dann sind Sie mit großer Wahrscheinlichkeit im Ausland.

Nachrichten: Die Internationalität hat also einen praktischen Hintergrund und hat nichts mit der Wissenschaftstradition zu tun?

Roduner: Ich glaube, dass Deutschland einen Sonderweg genommen hat. Wenn wir zum Beispiel 80 Jahre zurückgehen, war die Wissenschaftslandschaft in Europa sehr international, Deutschland nicht ausgenommen. Die Naziherrschaft hat da sehr stark eingegriffen: Einerseits ist ein großer Teil der deutschen wissenschaftlichen Elite emigriert und andererseits hat die Isolierung Deutschlands auch die Sprache der Wissenschaft geändert. Die Wissenschaftssprache war vor dem zweiten Weltkrieg Deutsch und nachher nicht mehr. Davon hat sich Deutschland lange nicht erholt.


Nachrichten: Inzwischen ist dies aber doch überwunden?

Roduner: Noch wenn ich anfangs der 90er Jahre die Jahrestagung der Deutschen Bunsen- Gesellschaft für Physikalische Chemie besuchte, waren die Postdoktoranden zumeist Deutsche, zudem noch ein paar Schweizer und Österreicher. Aber Sie haben Recht, wenn Sie da heute hingehen, sind recht viele ausländische Wissenschaftler dabei, und die Vorträge werden teilweise in englischer Sprache gehalten. Die Internationalisierung ist wieder zurückgekommen.

Angst vor Braindrain?

Nachrichten: Eine oft diskutierte Folge der Internationalisierung ist der Braindrain. Gibt es in der Schweiz auch diese Angst, dass die besten Einheimischen das Land verlassen?

Roduner: Ja, das wird diskutiert. Allerdings nicht so sehr bei den Jungen, sondern erstaunlicherweise bei den Nobelpreisträgern Ernst und Wüthrich an der ETH. Beide hätten mit 65 ausscheiden müssen und hatten schon Angebote aus den USA angenommen. Aufgrund von Protesten hat es dann eine Regeländerung gegeben, und man kann an der ETH jetzt zumindest in solchen Fällen mit einem 30 %-Pensum noch bleiben.

Nachrichten: Hervorragendes und internationales Forschungsumfeld sowie eine gute Bezahlung - es hat Vorteile, Professor in der Schweiz zu sein. Aber hat es auch Vorteile, wenn man als Schweizer eine Professur in Deutschland annimmt?

Roduner: Einer der Vorteile ist die viel größere Auswahl an Universitäten und Arbeitsmöglichkeiten. In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll Universitäten mit dem Fach Chemie, die auch nicht alle das gleiche Renommee besitzen. Wenn man dann die eine abzieht, an der man groß geworden ist, ist man doch sehr eingeschränkt. Was außerdem in Deutschland herausragt, sind die Forschungsförderinstrumente. In der Schweiz gibt es zwar auch Forschungsschwerpunktprogramme, etwa vom Schweizerischen Nationalfonds, dem Pendant der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und außerdem nationale Forschungsprogramme, deren Themen der Bundesrat bestimmt. Aber die Vielzahl von Clustern, Graduiertenkollegs, Schwerpunktprogrammen und Sonderforschungsbereichen in Deutschland - das ist schon toll und inspirierend.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: September 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote