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"Building Bridges": Spitzenforscher für Deutschland, Spitzenforschung in Deutschland

Von Eva-Jasmin Freyschmidt

Zahlreiche deutsche Spitzenforscher arbeiten für einige Jahre in den USA, weil sie dies als wichtige Station ihrer Karriere betrachten. Doch kehren viele nicht mehr nach Deutschland zurück. Was kann man tun, um die deutsche Wissenschaftslandschaft für Spitzenforschung attraktiv zu gestalten? Einige Vorschläge.

"Building Bridges": Spitzenforscher für Deutschland, Spitzenforschung in Deutschland© ts-grafik.de - Photocase.comDeutsche Spitzenforscher kehren oft nach einem Auslandsaufenthalt nicht nach Deutschland zurück
"Internationale Forschungsgruppen aus Spitzenforschern sind ein besonderer Nährboden für Kreativität - sich einer fremden Umwelt zu stellen, ist wichtig für den eigenen Stil.", so beschreibt es der deutsche Physiknobelpreisträger Professor Wolfgang Ketterle. Er kam 1990 als Postdoktorand an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA - und blieb. Promotion oder Postdoktoranden-Stelle im Ausland sind für viele Wissenschaftler eine angestrebte Karrierestation. Den Gedanken an eine Auswanderung hegen dabei die wenigsten Spitzenforscher, soll doch die Zusatzqualifikation nach der Rückkehr in die Heimat Deutschland zu mehr Optionen verhelfen. Nach zwei bis vier Jahren in der Fremde entscheiden sich jedoch viele Spitzenforscher für eine Professur oder Industrie-Position im Gastland, über 20.000 sind es derzeit alleine in den USA.

Der Verlust an Wissen, Kompetenz und Innovationen, der durch diese Abwanderung entsteht, lässt sich nur schwer in Zahlen fassen. Den "Abfluss der Gehirne" ("brain drain"») in eine Zirkulation zu verwandeln, also deutsche Auslandswissenschaftler - wie auch internationale Wissenschaftler - wieder nach Deutschland zu bringen, und die Attraktivität Deutschlands als Forschungsstandort aufzuzeigen, das sind die Aufgaben von Organisationen wie der German Scholars Organization (GSO) und dem German Academic International Network (GAIN). In diesem Frühjahr wurden daher deutsche Auslandswissenschaftler weltweit aufgerufen, sich für das viertägige Programm "Building Bridges" der GSO in Berlin zu bewerben. Das mittelbare Ziel der Veranstaltung: Sie für den Standort Deutschland zurückzugewinnen. Jeder der 100 Spitzenforscher hatte für das Auswahlverfahren Anregungen für Änderungen am Forschungsstandort Deutschland eingereicht. Zusammengefasst im GSO-Reformpapier wurden sie im Schloss Bellevue dem Bundespräsidenten Christian Wulff überreicht. Was sind die wichtigsten Punkte?

Struktur- und Rahmenbedingungen

Perspektiven und Flexibilität: Eine frühe wissenschaftliche Unabhängigkeit ist ein großer Wunsch der Wissenschaftler. Diese wird zwar durch die 2002 eingeführte Juniorprofessur gewährt, jedoch sind nur acht Prozent dieser Stellen mit einem "Tenure Track"» ausgestattet. Selbst bei Bewährung in Forschung und Lehre läuft das Dienstverhältnis nach sechs Jahren einfach aus. Dass diese Ungewissheit, wie es nach dem Einstieg und bei generell befristeter Beschäftigung weitergehen soll, die Quelle einer Leistungssteigerung sein soll, stößt bei Spitzenforschern auf Unverständnis. Sie fordern daher die Aussicht auf eine Festanstellung nach positiver Evaluierung ("Tenure Track"-Option).

Die an die Juniorprofessur gekoppelte hohe Lehrverpflichtung wird als zu groß und als mögliche Beeinträchtigung der Qualität der Forschung empfunden. Neben dem prinzipiellen Aufruf für die Schaffung von mehr Einstiegsstellen wird eine Stärkung des akademischen Mittelbaus vorgeschlagen mit zusätzlichen unbefristet angestellten Wissenschaftlern und Dozenten ohne Habilitation und reinen Lektorenstellen. Eine W1-Besoldung ist von einer echten Konkurrenzfähigkeit mit z.B. den USA oder der Schweiz weit entfernt. Kompetitive Gehälter wären ein Anreiz, um Auslandswissenschaftler, aber auch internationale Wissenschaftler nach Deutschland zu locken.

Reformbedarf sehen die Auslandswissenschaftler auch bei den Berufungsverfahren. Neben deren Verkürzung und mehr Transparenz wünschen sie sich auch eine Änderung der Berufungskultur. Der derzeitige Ablauf an deutschen Universitäten dauert bis zu zwölf Monate, mindestens doppelt so lang verglichen mit den USA. Transparenter sollte auch die Vergabe von Forschungsstellen und -geldern werden. Durch externe Gutachter könnte bei Berufungsverfahren und Forschungsfinanzierung mehr Neutralität gewährleistet werden. Auch die Lehre sollte neutral und strukturiert evaluiert werden.

Bei Kooperationen mit der Industrie wünschen sich die Wissenschaftler mehr Offenheit von Seiten der Universitäten. Spitzenforschung sollte integrativer gestaltet werden. Die Zusammenarbeit zwischen und von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen sollte noch stärker angeregt und gefördert werden. Positive Signale sind Nachwuchsgruppen-Stipendien wie sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Max- Planck-Gesellschaft angeboten werden. Bei einigen herrscht jedoch eine strenge Altersbegrenzung. Ausgeschlossen werden zum Beispiel Kandidaten, deren Promotion mehr als vier Jahre zurückliegt. Die Postdoktoranden-Phase dauert jedoch in einigen Fachbereichen länger, besonders wenn ein Umzug ins Ausland vorausgegangen ist. Auch ein Wechsel des Forschungsgebiets, die Etablierung neuer Projekte und Veröffentlichungen in "High Impact Journals" nehmen mehr Zeit in Anspruch.

Allgemein ist auffällig, dass die Erwartungen an einen Lebenslauf eher starr sind. Neben der Forschungstätigkeit existiert kaum Spielraum für multidisziplinäre Ansätze und die Erlangung anderer Expertisen zum Beispiel im Management- und Führungsbereich. Die Auslandswissenschaftler wünschen sich daher mehr Offenheit für unkonventionelle Werdegänge. Eine Forschergruppe aus Spitzenforschern drängt besonders intensiv auf mehr Flexibilität in der Stellengestaltung: Mediziner. Deutsche Universitätskliniken können oft keine zufriedenstellende Kompatibilität von Forschung und Klinik ermöglichen. Auf Hürden stoßen auch Wissenschaftlerinnen mit Familie oder Kinderwunsch. Die Ursprünge der Hindernisse sind praktischer, oft aber auch gesellschaftskultureller Natur. Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordern die Wissenschaftler daher mehr Kindertagesstätten-Plätze, mehr Offenheit und Akzeptanz für forschende Mütter und Angebote zur "Dual Career".

Willkommenskultur

Angemessene Löhne sind eine Art, wie ein Land seine Wertschätzung gegenüber Wissenschaftlern ausdrücken könnte, aber auch die Rekrutierungspraxis ist nicht unerheblich. Oft gibt es erst sehr spät oder gar keine Rückmeldung auf Bewerbungen oder nach Vorstellungsgesprächen. Bei Berufungsverfahren "kommt man sich an einigen deutschen Universitäten eher wie ein Bittsteller vor, während man sich z.B. in den USA umworben fühlt". Eine Verbesserung dieser Umstände würde nicht nur die Rückkehr von deutschen Auslandswissenschaftlern vereinfachen, sondern auch generell mehr Akademiker aus ihren jetzigen Gastländern anziehen. Zudem regen die GSO-Stipendiaten an, mehr in Wissenschafts-Öffentlichkeitsarbeit im In- und Ausland zu investieren. Das unterstütze nicht nur die Attraktivität Deutschlands als Forschungsstandort, sondern fördere auch gezielt eine Internationalisierung. Diese wird von vielen Wissenschaftlern als Basis einer kreativen Arbeitsatmosphäre angesehen, die Essenz der Forschung.

Informationsversorgung und Netzwerke

Vorschläge bezüglich der Karrierebegleitung des wissenschaftlichen Nachwuchses wurden ebenfalls eingereicht. Darunter fallen Mentoren- und Beratungsprogramme für Doktoranden und Postdoktoranden, Kurse zur Förderung von Führungsqualitäten, Teamfähigkeit und Kommunikation, sowie Informationsveranstaltungen zur Netzwerkbildung und -pflege. Wie bedeutend persönliche Kontakte in Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen im Laufe einer Karriere werden, das wissen besonders deutsche Wissenschaftler im Ausland. Als essentiell empfinden sie daher die von der GSO und GAIN organisierten Tagungen in den USA und in Deutschland (z.B. die GSO Building Bridges Konferenz), bei denen die Forscher auf Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung treffen.

Wichtig ist den 100 Wissenschaftlern, dass ihr Reformpapier nicht als reiner Katalog von Forderungen oder Aufruf zur "Amerikanisierung" des Wissenschaftssystems gesehen wird. Vielmehr besteht der Wunsch, dass es als Basis für einen Dialog verstanden wird. Warum nicht die "Rosinen" existierender Systeme herauspicken, sie mit Bewährtem und Neuem vermengen und so einen einzigartigen Forschungsstandort schaffen?

Das vollständige Thesenpapier ist im Internet unter gsonet.org» abrufbar.


Über die Autorin
Dr. Eva-Jasmin Freyschmidt ist Wissenschaftlerin am Children's Hospital Boston und Juniorfakultätsmitglied der Harvard Medical School. Gemeinsam mit Dr. Katrin Arnold erstellte sie das GSO-Reformpapier aus den Vorschlägen der 100 Auslandswissenschaftler.


Aus Forschung und Lehre :: September 2011

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