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"Chinesisch zu lernen lohnt sich."

VON LISA SRIKIOW

Daher hat die Universität Göttingen den ersten Studiengang für angehende Lehrer eingerichtet.

"Chinesisch zu lernen lohnt sich."© krockenmitte - Photocase.comIm Herbst können sich 25 Studenten an der Uni Göttingen zu Chinesischlehrern ausbilden lassen
Wir schreiben das Jahr 2020. China ist die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt, selbst die USA sind abgeschlagen. Auch in Wissenschaft und Politik richten sich die Blicke gen Fernost, good old Europe als Vorreiter ist lange passé. Wer jetzt kein Chinesisch kann, kommt nicht weit. Ob diese Zukunftsvision tatsächlich bereits im Jahr 2020 eintreffen wird, darüber streiten sich die Ökonomen noch. Dass China eines Tages die Nummer eins sein wird, ist allerdings unbestritten. Auf dem Arbeitsmarkt sind Chinesischkenntnisse daher schon heute begehrt.

In Deutschland wird Chinesisch an 44 Schulen als reguläres Unterrichtsfach angeboten, nur an einigen als Abiturfach - gemessen an der Bedeutung, die die Sprache erlangt, ist das noch eine sehr überschaubare Anzahl. »Ein zentrales Problem bei der Etablierung des Schulfachs liegt darin, dass es nicht genug entsprechend qualifizierte Lehrer in Deutschland gibt«, sagt Hiltraud Casper-Hehne. Sie ist die Vizepräsidentin der Universität Göttingen. Dort wird vom Wintersemester 2011/12 an der Lehramtsstudiengang »Chinesisch als Fremdsprache« angeboten. Bisher kamen die Chinesischlehrer über Sonderwege an die Schulen: als Muttersprachler oder durch eine Zusatzqualifikation. In München und Köln gibt es Chinesisch als Ergänzungsfach. Der Göttinger Studiengang mit Chinesisch als zweitem Pflichtfach ist dagegen der erste seiner Art. Der Fachverband Chinesisch als Fremdsprache forderte schon 1984, dass auch Schüler Chinesisch lernen sollten. Im August 2010 hat das Kultusministerium Niedersachsen nachgezogen und zugestimmt, Chinesisch als zweite Fremdsprache an niedersächsischen Schulen einzuführen. Um genügend Lehrer zu stellen, beschloss man ebenfalls, den entsprechenden Lehramtsstudiengang in Göttingen einzurichten. Eine Hürde war die Referendariatsausbildung der angehenden Chinesischlehrer. »Wir mussten klären, ob es in Deutschland dafür qualifizierte Lehrkräfte gibt. Mittlerweile haben wir - nach längeren Recherchen - mehrere Personen gefunden, die für diese Aufgabe geeignet sind«, sagt Casper-Hehne.

Das Fach Chinesisch kommt sehr gut bei Schülern und Eltern an

Im Herbst können sich 25 Studenten zu Chinesischlehrern ausbilden lassen. Sie werden einen langen Atem brauchen. »Wer Englisch und Latein gelernt hat, lernt schnell Französisch und Spanisch. Man erkennt die Worte wieder. Im Chinesischen gibt es nicht ein Wort, nicht ein grammatisches System, das dem unseren gleicht«, sagt Axel Schneider. Er ist der Leiter des Ostasiatischen Seminars, zu dem auch der neue Studiengang gehören wird. Neben dem Lehramtsstudium gibt es zwei weitere Studiengänge, die ganz auf das moderne China ausgerichtet sind. »Wir wollen, dass unsere Studenten das China von heute verstehen und nicht ausschließlich die klassischen Texte lesen. Sie können sich aussuchen, ob sie den Fokus auf eine sprachliche Ausbildung legen oder ihre Kenntnisse zum modernen China lieber mit einer Fachwissenschaft wie Jura oder Geschichte verzahnen«, sagt Schneider.

Besteht tatsächlich so ein starker Bedarf an Chinesischlehrern? Christiane von Schachtmeyer ist nicht nur überzeugt davon, dass es einen Bedarf an qualifizierten Chinesischlehrern gibt, sondern dass dieser weiter wachsen wird. »Das Fach kommt sehr gut bei Schülern und Eltern an. 15 Prozent unserer Schüler lernen Chinesisch, obwohl es sehr anspruchsvoll ist und vier zusätzliche Wochenstunden bedeutet«, sagt von Schachtmeyer. Sie ist die Schulleiterin des Gymnasiums Marienthal in Hamburg. Dort wird Chinesisch ab der fünften Klasse bis zum Abitur unterrichtet. An ihrer Schule unterrichten überwiegend Muttersprachler, aber die Schulleiterin wünscht sich auch deutsche Lehrer, die sich mit Fremdsprachendidaktik auskennen. Von den zukünftigen Absolventen aus Göttingen verlangt Christiane von Schachtmeyer viel. »Sie müssen sprachlich absolut sicher sein, und sie müssen die Sprache und die Kultur aus eigener Anschauung kennen. Es scheint mir sonst undenkbar, dass man Schüler in Chinesisch unterrichten kann.« Denn wer China verstehen will, sollte nicht nur die Schriftzeichen auswendig lernen, sondern sich auch mit den Weisheiten des Lehrmeisters Konfuzius beschäftigen. Dessen Lehrtraditionen haben die chinesische Kultur und Gesellschaft stark geprägt. Auch Axel Schneider von der Universität Göttingen betont, wie wichtig eine fundierte Ausbildung ist. »Vor allem Aussprachefehler lassen sich nur schwer korrigieren, deshalb ist ein guter Start mit einem guten Lehrer so wichtig«, sagt Schneider. In den Göttinger Lehramtsstudiengang ist daher auch ein Auslandsaufenthalt integriert.

Eine Didaktikprofessur soll erforschen, wie man die Sprache vermittelt

Allerdings fehlt eine fundierte und einheitliche Fachdidaktik der chinesischen Sprache. Die Universität Göttingen richtet vom Wintersemester an eine Professur für »Fachdidaktik Chinesisch als Fremdsprache« ein, die erforschen soll, wie man Chinesisch am besten vermittelt. Schließlich erwartet sie viele Bewerber, deren Erwartungen an das Lehramtsstudium sie gerecht werden muss. Von etablierten Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch ist man weit entfernt - noch. Die Hamburger Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer sagt: »Ich erinnere mich, dass wir eine ähnliche Diskussion hatten, als Spanisch als Fremdsprache unterrichtet werden sollte. Und jetzt gehört das Fach fest zum Stundenplan.«

Aus DIE ZEIT :: 07.04.2011

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