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»Darum beneiden uns andere«

Das Gespräch führte ANDREAS SENTKER

Ein Gespräch mit Reimund Neugebauer, dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, über Innovation, heimliche Weltmeister - und das Risiko NSA.

»Darum beneiden uns andere«© Axel Griesch - FraunhoferProf. Dr. Reimund Neugebauer steht seit Oktober 2012 an der Spitze der Fraunhofer-Gesellschaft
Bei Forschung denken die meisten Deutschen zuerst an Unis und Fachhochschulen, bei Produktentwicklung an die Labore großer Konzerne. In der Fraunhofer-Gesellschaft arbeiten 23.000 Mitarbeiter in fast 80 Einrichtungen an 40 Standorten am Übergang von der Erkenntnis zur Anwendung, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Seit Ende 2012 steht Reimund Neugebauer an der Spitze der Organisation. Der gelernte Maschinenbauer und Experte für Umformtechnik ist der erste Ostdeutsche, der eine der großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen leitet. Sein Auftrag: Innovation organisieren.

DIE ZEIT: Gibt es einen perfekten Innovationsprozess, der von der Idee zum Produkt führt?

Reimund Neugebauer: Perfektion wird man vermutlich nie erreichen. Aber es gibt so etwas wie einen mustergültigen Innovationsprozess.

ZEIT: Die vielleicht bekannteste Fraunhofer-Innovation der jüngeren Vergangenheit war die Entwicklung des MP3-Standards für Musikdateien. Da ist der Prozess gründlich schiefgegangen.

Neugebauer: Wir haben MP3 damals ins Ausland lizenziert, weil wir in Deutschland keine Interessenten gefunden haben. Dennoch ist MP3 für mich ein Idealbeispiel.

ZEIT: Obwohl Deutschland die Technologieführerschaft verschenkt hat? Das müssen Sie erklären!

Neugebauer: Am Anfang von Innovation steht immer eine originäre Idee, eine Erkenntnis. Die kann aus allen möglichen Ecken kommen, aus einem Max-Planck-Institut, aus einer Universität oder aus der angewandten Forschung. Dann kommt unser Part: Aus einer Idee muss eine Anwendung werden ...

ZEIT: Ist die Fraunhofer-Gesellschaft vor allem für den Transfer vom Wissen zur Wirtschaft zuständig?

Neugebauer: Viele der grundlegenden Ideen stammen ja von uns selbst. Teil der universitären Forschung und nah am Nachwuchs zu sein, das ist für uns unabdingbar. Wir wollen nicht nur Dienstleister der Wirtschaft sein. Unsere zentrale Aufgabe ist es, originäre Forschung und Innovations-Push für die Wirtschaft zu leisten.

ZEIT: Der ebnen Sie aber den Weg zum Erfolg, indem Sie unternehmerische Risiken abfedern.

Neugebauer: Wenn wir eine Anwendung identifiziert haben, entwickeln wir sie bis zum Prototyp oder zur Nullserie. Für Konzerne wie Siemens und VW wäre es kein Risiko, das selbst zu tun, für kleinere Unternehmen sehr wohl. Denn sie müssen viel investieren, um Produkte zu entwickeln und ihre Fertigung umzustellen, bevor sie Geld verdienen. Deswegen prüfen wir, ob eine Innovation wirklich reif für die Serie ist. Manche Ideen entwickeln wir gleich gemeinsam mit Unternehmen.

ZEIT: Was war bei MP3 anders?

Neugebauer: Das Datenreduktionsverfahren wurde für den digitalen Rundfunk entwickelt und als Audiostandard definiert. Der Durchbruch kam aber erst mit dem Internet und der Verbreitung von leistungsfähigen PCs. Dann wurde es für Fraunhofer ein sehr erfolgreicher Innovationsvorgang. Allerdings war die deutsche Unterhaltungselektronikindustrie schon auf dem absteigenden Ast. Den ersten MP3-Player haben wir zwar mit einer deutschen Firma hergestellt, doch den Markt geschaffen haben Unternehmen aus den USA und Asien. Heute ist MP3 in fast allen Geräten der Elektronikindustrie, in Radios, CD-Playern, Computern und in Handys implementiert. Alle Firmen, die MP3, AAC oder andere Weiterentwicklungen des Formats in ihren Geräten einsetzen, zahlen Lizenzgebühren an Fraunhofer - und das seit vielen Jahren.

ZEIT: Das Ende eines Technikmärchens.

Neugebauer: Nein, die Geschichte geht weiter. Erstens fördern wir mit den Lizenzeinnahmen in der Fraunhofer-Stiftung Vorlaufprojekte. So kann sich Forschung aus Forschung finanzieren. Zweitens generiert der Einsatz von MP3 bei deutschen Unternehmen einen jährlichen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro, der 9.000 Arbeitsplätze sichert. Drittens, und darum ist MP3 für mich ein Musterbeispiel für Innovation, entwickeln und begleiten wir immer neue Anwendungen dieser Technik wie MP3 surround. Das geht kontinuierlich weiter. So wie wir mit den IIS den Audio-Standard geprägt haben, arbeiten wir mit unserem Heinrich-Hertz-Institut an neuen Videostandards.

ZEIT: Kann man solche Erfolge planen?

Neugebauer: Höchstens die Voraussetzungen. Innovation ist nicht an ein Fach oder eine Branche gebunden. Beispiel: In einem Fraunhofer-Institut, das nach Pharmawirkstoffen auf Pflanzenbasis sucht, haben wir einen Ersatz für Kautschuk gefunden, die weiße Milch aus dem Löwenzahn. Gegenwärtig bauen wir mit Continental eine Pilotanlage für Autoreifen aus Löwenzahnmilch auf.

Internationale Kooperation gilt als kluger Expansionsweg. Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft gründen Ableger im Ausland. Pioniergeist und Unternehmertum in Übersee erschienen als Bereicherung. In einzelnen Bereichen, das zeigt der NSA-Skandal, scheinen die Europäer den Wettlauf um die beste Technik jedoch bereits verloren zu haben.

ZEIT: Fraunhofer ist nach dem MIT die weltweit zweitgrößte Institution für angewandte Forschung. Würden Sie gern tauschen und in einem Umfeld forschen, das Risiken weniger scheut?

Neugebauer: Ihre Frage zielt auf ein beständiges Risiko unseres Systems: Wir dürfen nur vorsichtig bleiben, wenn wir dabei nicht den Anschluss verlieren.

ZEIT: Können Sie das konkreter beschreiben?

Neugebauer: Wir diskutieren gerade über die NSA-Affäre und IT-Sicherheit. IT-Sicherheit betrifft einen Kern unserer nationalen Souveränität. Wie schützen wir unser geistiges Eigentum, unsere Erfindungen, unsere Patente? Unser Wissen ist unsere Zukunft. Davon leben wir. Wir haben weltweit die meisten hidden champions, versteckte Meister der Innovation - kleine und mittlere Unternehmen, die in ihrem Bereich Weltmarktführer sind ...

ZEIT: Wir gelten nicht gerade als die weltweit führende IT-Nation!

Neugebauer: Deutsche Produkte sind auf dem Weltmarkt so wettbewerbsfähig, weil sie einen hohen Qualitätsstandard haben. Künftig wird Datensicherheit eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale sein. Dieses Merkmal müssen wir schnell realisieren.

ZEIT: Und wer soll diese Initiative antreiben?

Neugebauer: Wir haben eine strategische Partnerschaft im Rahmen eines Nationalen Leistungszentrums für IT-Sicherheit vorgeschlagen. Das würden wir gern gemeinsam mit anderen Wissenschaftsorganisationen und Verbänden aufbauen. So ein Leistungszentrum müsste in eine europäische Initiative eingebettet werden.

ZEIT: Europa tut sich trotz steigender Förderung aus Brüssel noch immer schwer in der Bündelung seiner Forschungskräfte.

Neugebauer: Europa investiert mehr als 75 Prozent seiner Forschungsmittel in Grundlagenforschung. In den USA, in China und in Japan werden zwischen 70 und 80 Prozent konsequent in die praktische Umsetzung investiert.

ZEIT: Die europäischen Forschungsrahmenprogramme formulieren doch lauter gesellschaftliche Forderungen an die Wissenschaft!

Neugebauer: Ich glaube, wir brauchen da eine neue Balance. Innovation wird von zwei Seiten getrieben: von Ideen und vom Markt.

ZEIT: Und was ist nötig, bessere Forschungsprogramme oder mehr Forschungsfreiheit?

Neugebauer: Zu viel Programmatik in der Forschung schränkt wissenschaftliche Freiheit ein: in der Ideengewinnung, weil Forscher sich am Programm orientieren, statt frei zu denken. In der Anwendung, weil Programmorientierung nicht selten vor Marktorientierung geht. Wir brauchen wie die USA, Großbritannien, Frankreich oder Japan eine steuerliche Förderung der Forschung in Unternehmen. Sie gibt Firmen die Freiheit, risikoreiche Ideen mit hohem Marktpotenzial zu entwickeln.

Deutschland befindet sich in einer Phase des wissenschaftspolitischen Übergangs. Die große Koalition hat endlich die Arbeit aufgenommen. Ob sie wie die letzte Regierung die Forschungsförderung kontinuierlich steigern wird, ist noch unklar. Dafür dominiert der Richtungsstreit um die Energiewende viele Forschungsdebatten.

ZEIT: Deutschland investiert mittlerweile drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung. Sind wir damit am Ziel?

Neugebauer: Wir haben in den letzten Jahren mit viel Mühe den Anschluss an das Spitzenniveau in Forschung und Entwicklung erreicht, den gilt es für die Zukunftssicherung mit allen Mitteln zu erhalten. Barack Obama investiert gerade 1,5 Milliarden Dollar in die Reindustrialisierung und 30 Milliarden in den Life-Science-Bereich. Im November war seine Wirtschaftsministerin Penny Pritzker bei uns, um zu lernen, wie wir solche Programme auflegen. Dafür habe ich einen Termin in China absagen müssen, bei dem ich über die deutsche Innovationspolitik sprechen sollte. Wir haben offenbar etwas zu verlieren, um das uns andere beneiden. Das sollte so bleiben!

ZEIT: Das politische Handeln auf der Baustelle Energiewende wirkt aber eher tastend als planvoll.

Neugebauer: Dass regenerative Energiequellen neue Speichertechnologien und Netze benötigen, hätte ein idealer Masterplan auf Basis der heutigen Erfahrungen wohl mitbedacht.

ZEIT: Und wo sind die Innovationen, die diese Energiewende dringend braucht?

Neugebauer: Ein Beispiel: In Mülheim an der Ruhr entwickeln wir mit der Max-Planck-Gesellschaft und ThyssenKrupp eine Technologie, mit der wir den Klimaschädling CO2 einfangen und chemisch in Energie oder in Produkte umwandeln.

ZEIT: Die Technik steht aber nicht schon morgen zur Verfügung, oder?

Neugebauer: Nein, wir werden noch etwa zehn Jahre bis zur Marktreife brauchen.

ZEIT: 2020 sollen eine Million Elektroautos über deutsche Straßen rollen. Ein absurdes Ziel?

Neugebauer: Hätte es dieses Ziel nicht gegeben, wären wir heute nicht so weit. Offenbar machen wir doch einiges richtig. Die Franzosen haben uns gerade um Hilfe gebeten: Sie wollen eine eigene Hightech-Strategie entwickeln und möchten von unseren Erfahrungen profitieren. Auch der chinesische Wissenschaftsminister hat sich schon umgesehen. Es ist essenziell, dass wir die erfolgreiche Wissenschaftspolitik fortschreiben, wenn die deutsche Wirtschaft ihre weltweit führende Position als Innovationsmotor verteidigen will.

ZEIT: Woran messen Sie deren Erfolg?

Neugebauer: Schauen Sie sich den Welthandel mit forschungsintensiven Waren an, also mit Produkten, in denen gute Ideen stecken. Japan hat 8 Prozent, die USA haben 10 Prozent, China und Deutschland je 12 Prozent Anteil. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl sind wir mit großem Abstand am erfolgreichsten. Aber die Konkurrenz wächst. Chinas Universitäten bilden pro Jahr mehr englischsprachige Ingenieure aus als die USA.

Zwei Milliarden Euro umfasst das Fraunhofer-Budget im Jahr. Ohne die Grundförderung vor allem durch den Bund wäre die Gesellschaft nicht denkbar. Gerade wird gerungen, weil zentrale Programme der Forschungsförderung allmählich auslaufen. Etwa der Hochschulpakt, der auf die Welle besonders starker Hochschuljahrgänge zugeschnitten war. Der Pakt für Forschung und Innovation hat Fraunhofer und den anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen regelmäßige Budgetsteigerung garantiert, er endet im Jahr 2015. Auch das Budget für die Hightech-Strategie der Bundesregierung steht auf dem Prüfstand.

ZEIT: Bei uns sind die Universitäten das schwächste Glied in der Kette, überfüllt und noch immer unterfinanziert.

Neugebauer: Das muss geändert werden. Denn die Universitäten liefern den Humus: frische Ideen und junge Leute.

ZEIT: Mehr Geld wollen aber alle, nicht nur die Hochschulen - oder die Fraunhofer-Gesellschaft.

Neugebauer: Bei uns ist durch unseren wettbewerblichen Erfolg - sowohl in der Industrie als auch in der vorwettbewerblichen Forschung - der Anteil institutioneller staatlicher Mittel immer weiter gesunken. Früher waren es 33 Prozent, heute sind es 28 Prozent. Ich plädiere beim Zuwachs von Forschungsförderung für eine Leistungs- und Wettbewerbsorientierung. Wenn Fraunhofer Erfolg beim Innovationstransfer in die Wirtschaft hat, sollte sich das in staatlicher Förderung niederschlagen. Die Max-Planck-Gesellschaft misst sich an ihren Erfolgen in der Grundlagenforschung, das ist ihre Mission. Was spricht gegen einen Aufschlag auf ihr Budget für jeden neuen Nobelpreis?

ZEIT: Wo wollen Sie denn investieren? Wie definieren Sie Zukunftsfelder?

Neugebauer: Wir orientieren uns an Megatrends. Der demografische Wandel ist ein solcher Megatrend. Er bedingt Klimawandel und Energiehunger. Wir haben mehr alte Menschen, für deren Bedürfnisse wir forschen müssen. Angesichts des wachsenden globalen Konsums werden Rohstoffe knapp. Darum haben wir sehr viel in den Bereich Bioökonomie und nachwachsende Rohstoffe investiert.

ZEIT: Gibt es dafür ein gutes Beispiel?

Neugebauer: Mitten in Leuna, einem einst kontaminierten mitteldeutschen Chemiedreieck, entsteht ein Zentrum für biochemische Prozesse. Dort machen wir aus Bruchholz Granulat für die Produktion abbaubarer Kunststoffe. Und wir erforschen Recyclingprozesse. Autos bestehen aus unzähligen Materialien, die nicht verschweißt werden, sondern verklebt und genietet. Die einzelnen Materialien können sortiert und verwertet werden. Innovation für Nachhaltigkeit ist für uns ein großes Thema.

Aus DIE ZEIT :: 13.02.2014

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