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"Das Schöne ist die Abwechslung"

VON CHRISTIAN REMENYI

Thomas Seuß ist Chemiker und Patentanwalt mit eigener Kanzlei. Im Nachrichten-Interview berichtet er, warum er mehr Naturwissenschaftler ist als Jurist, warum es sich lohnt, die harte Ausbildung durchzuhalten und dass der europäische Patentanwalt eigentlich gar nicht so heißen darf.

"Das Schöne ist die Abwechslung"© Nachrichten aus der ChemieChemiker und Patentanwalt Thomas Seuß über seine Arbeit und die Chancen, die dieser Beruf mit sich bringt
Nachrichten aus der Chemie: Sind Patentanwälte eigentlich mehr Juristen oder Naturwissenschaftler?

Thomas Seuß: Von der Ausbildung her sind wir Naturwissenschaftler, die etwas Juristisches draufgesattelt haben. Das hat viel für sich, denn man muss in der Lage sein, eine Erfindung zu verstehen, um sie beschreiben zu können. Da hat ein Naturwissenschaftler einen leichteren Zugang als ein Rechtsanwalt ohne naturwissenschaftliche Vorbildung.

Nachrichten: Aber ein Rechtsanwalt darf doch ebenfalls Patente anmelden oder?

Seuß: Das ist richtig. Ein Rechtsanwalt darf per se jedermann in allen juristischen Dingen beraten und damit auch im Patentrecht. Ein Patentanwalt darf nur in Patentdingen oder den verwandten Rechtsgebieten beraten, aber keine Strafsachen. Bei Patentverletzungsprozessen ist es zum Beispiel so, dass der Patentanwalt nicht alleine vor Gericht auftreten darf. Er muss einen Rechtsanwalt mitnehmen. Da ist der Rechtsanwalt für den prozessrechtlichen Teil zuständig und der Patentanwalt für den technischen.

Nachrichten: Aber vor einem Patentgericht darf er allein auftreten.

Seuß: Ja, wenn es nur um das Patent geht, beim Patentamt oder beim Bundespatentgericht, macht der Patentanwalt alles alleine. Nur bei Verletzungsfällen geht es zu zweit vors Landesgericht.

Nachrichten: Welche Voraussetzungen brauche ich, um Patentanwalt zu werden?

Seuß: Die erste Voraussetzung ist Berufspraxis, allerdings wird die beim Chemiker übliche Promotion in der Regel als solche anerkannt. Dann folgen zwei Jahre und vier Monate Ausbildung bei einem Patentanwalt und daneben ein Fernstudium, das einem die juristischen Kenntnisse vermittelt. Die letzten acht Monate muss man ans Deutsche Patentamt und ans Patentgericht nach München.


"Man muss sich durchbeißen"


Nachrichten: Ein steiniger Weg.

Seuß: Das kann man wohl sagen. An meinem ersten Tag als Patentreferent bei Schering sollte ich einen Brief vom US-Patentamt beantworten. Er war nur eine halbe Seite lang - aber ich habe den ganzen Tag versucht, überhaupt erst einmal zu verstehen, was das Amt mir mitteilen wollte. Ich dachte: "Na gut - du kannst nach Hause gehen, das war es mit dem Job!"

Nachrichten: Geben viele auf?

Seuß: Ja, man muss sich durchbeißen. Aber am Ende bietet der Beruf auch viel. Das Schöne am Patentanwaltsberuf ist die Abwechslung: Mein Hauptgeschäft sind neue Wirkstoffe oder neue Indikationen für alte Wirkstoffe. Aber einer unserer Kunden ist ein Bauunternehmen, das Bewehrungen für Beton herstellt. Es geht darum, Stahl in Beton einzubetten. Hier haben meine Erfahrungen mit der pharmazeutischen Industrie, dem Kunden sogar eine neue Sicht vermittelt.

Nachrichten: Welche war das?

Seuß: Pharmaunternehmen haben immer vor Generika-Herstellern Angst und versuchen, alle möglichen Produktionswege sicherheitshalber gleich mit zu patentieren. Und als ich mir den Produktionsprozess des Bauunternehmens angeschaut haben, fiel sogar mir als fachlichem Laien eine andere Methode ein, zu diesem Produkt zu kommen. Das Unternehmen hat dann Experimente durchgeführt, und die Methode erwies sich als prinzipiell praktikabel, so dass sie diesen alternativen Weg gleich mit ins Patent aufgenommen haben.

Nachrichten: Verdient man in der Ausbildung so viel, dass man seinen Lebensunterhalt bestreiten kann?

Seuß: Normalerweise ja. Kanzleien zahlen einem Chemiker meist nicht so viel wie Unternehmen. Aber das dreht sich dann später um, wenn man tatsächlich Patentanwalt ist. Bei den Unternehmen ist es nämlich häufig so, dass eine patentrechtliche Ausbildung zwar gewünscht ist, aber nicht unbedingt, dass Mitarbeiter auch die Prüfung zum Patentanwalt machen. Denn dann könnten sie ja zu einer Kanzlei abspringen.


"European Patent Attorney - das klingt gleich viel internationaler"


Nachrichten: Es gibt ja nicht nur den deutschen, sondern auch den europäischen Patentanwalt. Wie wird man das?

Seuß: Gar nicht, denn er heißt offiziell nicht Patentanwalt, sondern Zugelassener Vertreter vor dem Europäischen Patentamt. Das hört sich aber so nach Staubsaugerverkaufen an, und deswegen sagen alle European Patent Attorney - das klingt gleich viel internationaler. Als der Berufsstand der Patentanwälte sich in Deutschland um das Jahr 1900 etablierte, haben die Rechtsanwälte geschlafen und keinen Einspruch gegen die Bezeichnung "Anwalt" erhoben. Aber als dann diese europäische Patentbehörde geschaffen wurde, haben die Anwälte diesen Fehler nicht nochmal gemacht.

Nachrichten: Aber im Prinzip macht der Europäische Patentanwalt, Verzeihung, der European Patent Attorney, doch dasselbe wie der deutsche Patentanwalt?

Seuß: Ja, allerdings ist die Ausbildung nicht so hart, denn tatsächlich muss man nur den Nachweis führen, dass man drei Jahre im Patentrecht praktisch gearbeitet hat. Die Prüfung ist allerdings schwer, von den deutschen Kandidaten fallen etwa 60 bis 70 Prozent durch.

Nachrichten: Woher kommt diese hohe Quote?

Seuß: Viele gehen einfach so in die Prüfung und machen sie so nach Art eines Freischusses, man darf sie nämlich beliebig oft wiederholen. Es macht sich auch bemerkbar, dass viele die Prüfung aus einem sicheren Job bei einem Industrieunternehmen heraus angehen. Motto: Wenn ich die Prüfung bestehe, hilft es mir, wenn nicht, schadet es aber auch nicht.

Nachrichten: Haben andere Länder höhere oder niedrigere Durchfallquoten?

Seuß: Aus den südeuropäischen Ländern fallen über 90 Prozent durch, aus England allerdings nur sehr wenige. Das hängt damit zusammen, dass die nationale englische Patentanwaltsprüfung ähnlich strukturiert ist wie die europäische.

Nachrichten: Vielleicht haben die Briten auch sprachliche Vorteile?

Seuß: Im Gegenteil, die Engländer müssen mindestens noch deutsch oder französisch können, denn die Prüfung wird in drei Sprachen gemacht. Alle Unterlagen sind in drei Sprachen vorhanden und man muss mindestens zwei davon gut verstehen, um die Aufgaben korrekt bearbeiten zu können.

Nachrichten: Wie sieht es denn mit dem Nachwuchs aus?

Seuß: Fachkräftemangel haben wir nicht. Aber in den nächsten Jahren gehen sicher viele Patentanwälte in Ruhestand, deshalb kann ich alle, die es sich zutrauen, nur ermutigen, Patentanwalt zu werden.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: März 2012

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