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"Das Zerwürfnis zwischen Zunge und Verstand"


Von Arnd Morkel

Die These von Cicero zeigt auf erstaunliche Art, wie aktuell das Denken klassischer Autoren ist. Erlebt man nicht fast täglich in Diskussionen und Medien, dass Wissenschaftler sich öffentlich nicht verständlich machen können und Politiker die Sache nicht verstehen? Cicero nannte dies "redselige Dummheit" und "unberedte Klugheit". Für eine demokratische Gesellschaft ist dies auf Dauer schädlich, weil eine sachgerechte Debatte nicht geführt werden kann. Eine Erinnerung an Cicero.

"Das Zerwürfnis zwischen Zunge und Verstand": Cicero Sprachen© Bertrand Benoit - Fotolia.comMarcus Tullius Cicero
Cicero kritisiert nicht nur den Redner, der über keinerlei Wissen verfügt, er kritisiert auch, und zwar mit gleicher Heftigkeit, den Philosophen, der jede Beredsamkeit verschmäht. Nach seiner Beobachtung driften Rhetorik und Philosophie, eloquentia und sapientia immer weiter auseinander. Während der Redner mit einem Schwall leerer Worte darüber hinwegtäuscht, dass er von den Dingen, über die er redet, nichts versteht, fördert der Philosoph zwar manche kluge Einsicht zutage, ist aber nicht in der Lage, sich hinreichend genug verständlich zu machen. Der "redseligen Dummheit" (stultitia loquax) steht die "unberedte Klugheit" (indiserta prudentia) gegenüber. Cicero nennt diese Trennung anschaulich" das Zerwürfnis zwischen Zunge und Verstand" (discidium linguae atque cordis). Dieses "unsinnige, nutzlose und tadelnswerte" Zerwürfnis habe dazu geführt, dass uns die einen reden und die anderen denken lehrten.

Nach Ciceros Ansicht ist der Riss zwischen Zunge und Verstand das Ergebnis einer Entwicklung, deren Ursachen weit in die Vergangenheit zurückreichen. Ursprünglich, heißt es in "De inventione", seien Beredsamkeit und Weisheit eng miteinander verknüpft gewesen. Im Lauf der Zeit habe sich diese Verbindung jedoch gelockert. Gewitzte und bedenkenlose Agitatoren hätten die Redekunst als Instrument zur Gewinnung von Macht entdeckt und ohne sich weiter um Weisheit zu bemühen hätten sie sich mit Hilfe ihrer Zungenfertigkeit nach und nach des Gemeinwesens bemächtigt. Dadurch sei die Rhetorik so in Verruf geraten, dass sich die begabtesten Menschen mehr und mehr von ihr abgewandt und nur noch den "rechten und ehrbaren Studien", sprich der Philosophie und den Wissenschaften gewidmet hätten.

Im Grunde handelt es sich bei dem Zerwürfnis zwischen Zunge und Verstand mithin nicht nur um einen Riss zwischen zwei Disziplinen, Rhetorik und Philosophie, sondern um etwas Allgemeineres, Weitreichenderes, nämlich um das gestörte Verhältnis zwischen der Macht, die in den Händen der Redner liegt, und dem Geist, der von den Philosophen und Wissenschaftlern repräsentiert wird: Die politischen Redner pfeifen auf eine sorgfältige Bildung, die Gebildeten machen sich nichts aus einer Beredsamkeit, die auf das Forum zu wirken vermag. Der Arroganz der Macht steht die Arroganz des Geistes gegenüber.

Zeit seines Lebens war es Ciceros Bestreben gewesen, dem Auseinanderdriften von potentia und sapientia entgegenzuwirken und das discidium linguae atque cordis wenn nicht aufzuheben, so doch wenigstens abzumildern. Dies sollte auf zweierlei Weise geschehen. Zum einen sollten sich die Staatsmänner um philosophische Einsichten bemühen, zum andern sollten sich die Philosophen rhetorisches Vermögen aneignen, um auch auf dem Forum verstanden zu werden. Dazu, meint Cicero, seien die Philosophen und Wissenschaftler jedoch vielfach weder fähig noch bereit. Häufig fehle ihnen das Talent, sich einem größeren Kreis mitzuteilen. Ihr Denken kreise in sich selber. Sie schrieben hauptsächlich für ihresgleichen und gäben sich wenig Mühe, auch Laien und Politiker zu erreichen. Solange sie sich aber darum nicht kümmerten, dürften sie sich nicht wundern, wenn ihre Bücher nur von ihnen selbst und ihren Anhängern gelesen würden und Nichtphilosophen darauf verzichteten, sich auf sie einzulassen und von ihnen zu lernen.

Erziehung zum Denken ist Erziehung zur Sprache und umgekehrt

Philosophie und Rhetorik - passt das aber überhaupt zusammen? Cicero ist überzeugt, dass res und verba, ratio und oratio, Denken und Sprechen, Philosophie und Rhetorik untrennbar zusammengehören. Sowenig man die Seele vom Körper trennen könne, sowenig könne man einen Gedanken (res) von seiner Formulierung (verba) trennen, ohne dass beide zugrunde gingen. Ein Gedanke ist immer mit einer bestimmten - zulänglichen oder unzulänglichen, guten oder schlechten - Formulierung verbunden. Die Formulierung ist keine bloße Ausschmückung, die man dem Gedanken hinzufügt: ohne die Formulierung existiert der Gedanke gar nicht. Kurz: Der Gedanke reicht nicht weiter als die Worte, die ihn ausdrücken; solange er nicht vollständig und gut ausgedrückt ist, ist der Gedanke selbst noch nicht gut. "Da sich jede Rede aus der Sache und aus der Formulierung zusammensetzt, kann einerseits die Formulierung keine Basis haben, wenn man die Sache wegnimmt, andererseits fehlt der Sache die Erhellung (lumen), wenn man die Formulierung von ihr trennt".
Wenn res und verba nicht voneinander zu trennen sind, bedarf der Philosoph dann über seinen Sachverstand hinaus überhaupt noch besonderer rhetorischer Fähigkeiten? Stellen sich die Worte nicht von selbst ein? Diese Meinung hat prominente Fürsprecher. Die berühmte Formulierung des älteren Cato bringt sie auf den Punkt:rem tene, verba sequentur - Halte dich an die Sache, die Worte werden sich dann schon einstellen. (Zwei Jahrtausende später heißt es in Goethes "Faust": "Es trägt Verstand und rechter Sinn / Mit wenig Kunst sich selber vor. / Und wenns euch Ernst ist, was zu sagen, / Ists nötig, Worten nachzujagen?") Soweit ich sehe, hat sich Cicero mit Catos These niemals direkt auseinandergesetzt. Hätte er es getan, hätte er ihr sicher nur zu Hälfte zugestimmt. Bejaht hätte er gewiss die Aussage, dass man ohne Sachverstand nicht wirklich gut reden könne. "Es kann ja keine Meisterschaft im Reden geben, wenn der Redende den Gegenstand der Rede nicht beherrscht". Verneint hätte er jedoch die Annahme, dass Sachverstand allein schon beredt mache. "Es klingt zwar recht plausibel, was Sokrates zu sagen pflegte, und doch ist es nicht wahr, dass jedermann auf dem Gebiet, das er beherrsche, ein hinreichend guter Redner sei; da kommt der Wahrheit die Behauptung näher, dass man weder in dem beredt sein kann, was man nicht kennt, noch das, worüber man Bescheid weiß, wortgewandt behandeln kann, wenn man bei allem Wissen nicht auch die rechten Worte zu finden und zu feilen weiß."

Für Cicero fördern sich Philosophie und Rhetorik, Denken und Sprechen wechselseitig. Am Ausdruck feilen heißt soviel wie am Gedanken feilen und umgekehrt, den Ausdruck verbessern bedeutet soviel wie den Gedanken verbessern (Nietzsche). "Denn niemand kann ja gut reden, der nicht auch scharf zu denken vermag. Wer sich darum um die wahre Redekunst bemüht, bemüht sich auch um Einsicht." Und ebenso gilt: Wer sich um Einsicht bemüht, bemüht sich auch, möglichst gut zu sprechen. Wie Viktor Pöschl in einem Aufsatz über "Ciceros Bildungsprogramm" schreibt: "Erziehung zur Sprache (ist) zugleich Erziehung zum Denken, und genauso ist umgekehrt Erziehung zum Denken Erziehung zur Sprache. ...Verworrene Sprache ist nun einmal ein Zeichen für verworrenes Denken, was heute vielfach vergessen wird".

Wie Philosophen beredt werden

Nach Cicero ist es Philosophen und Wissenschaftlern nicht freigestellt, wie sie schreiben. "Es kann gewiss vorkommen, dass einer richtige Ansichten hat, aber diese Ansichten nicht elegant (politus) zu formulieren versteht; aber dass einer seine Gedanken niederschreibt und sie weder zu ordnen noch gut auszudrücken (illustrare), noch den Leser durch irgendeine gefällige Form anzuziehen vermag, das beweist einen unerlaubten Missbrauch der eigenen Muße (otium) und der Sprache" (littera). Dahinter steht die Überzeugung, dass Muße, Sprache und Philosophie keine reine Privatangelegenheit sind, sondern auch dem Nutzen der res publica dienen sollen. Um jedoch dem Nutzen der res publica dienen zu können, müssen die Philosophen "beredt" werden und für ihre Gedanken eine Form der Darstellung finden, die auch auf dem Forum verstanden wird. Ist das überhaupt möglich? Cicero meint: Ja. "Nichts", so schreibt er, "ist so unglaublich, dass es nicht mit Hilfe der Redekunst annehmbar wird".

Wie können Philosophen beredt werden? In "De oratore" hat Cicero in Hunderten von Paragraphen zahllose Regeln erörtert, die, jedenfalls partiell, auch für die philosophische und wissenschaftliche Rede (oder Schreibe) gelten.

Erstens sollte ein Autor den Stoff in guter Ordnung darbieten, das heißt, er sollte die Aufmerksamkeit der Hörer oder Leser zu gewinnen suchen; den Sachverhalt so darlegen, dass auch der Laie begreift, um was es geht; die strittigen Punkte herausarbeiten; seine eigene Meinung begründen und die der Gegenseite widerlegen und schließlich das Ganze zusammenfassen.

Zweitens sollte er sich gut auszudrücken wissen. Im einzelnen heißt das, er sollte sich in seiner Muttersprache korrekt (pure et latine) ausdrücken. Er sollte ein fehlerfreies Latein (in unserem Falle: Deutsch) sprechen, keinen Jargon. Was heute so manchem Philosophen oder Wissenschaftler offensichtlich schwerfällt, stellt in den Augen Ciceros eine leichte Anforderung dar, von der er kein großes Aufheben macht, gegen die er allerdings auch keinen Verstoß duldet. "Niemals hat nämlich jemand einen Redner bewundert, weil er gutes Latein sprach; ist dies nicht der Fall, lacht man über ihn und hält ihn nicht nur für keinen Redner, sondern auch für keinen Menschen".
Ein Autor sollte sich sodann klar und deutlich (plane et dilucide) ausdrücken. Gewiss kommt keine Philosophie, keine Wissenschaft und selbst kein Handwerk ohne eine spezielle Fachsprache aus, die nur Eingeweihten geläufig ist. Wer aber über den engen Kreis von Experten hinaus Gehör finden will, muss versuchen, soweit wie möglich die Fachsprache zu vermeiden und so zu reden, dass auch der Laie verstehen kann, was gemeint ist. Was alle angeht, muss auch allgemeinverständlich formuliert werden. Unverständlichkeit ist bei Texten, die die Öffentlichkeit erreichen sollen, geradezu der größte Fehler. Dunkelheit (obscuritas) zeugt nicht unbedingt von gedanklicher Tiefe, sondern eher davon, dass eine Sache noch nicht vollständig verstanden worden ist.

Schließlich sollte sich ein Autor angemessen (apte) ausdrücken; angemessen hinsichtlich des Gegenstandes der Rede, der Person des Sprechers, der Situation, in der die Rede gehalten wird und der Aufnahmefähigkeit des Publikums. Ein einziger Stil passt nicht für jeden Fall, für jede Person, für jeden Umstand und für jeden Zuhörer. Je nachdem, worüber, wer, wann, zu wem spricht, wird die Rede anders ausfallen müssen. So selbstverständlich das klingt, so häufig wird es dennoch vergessen. Viele Vortragende denken nur an die Sache, über die sprechen, nicht aber an die Hörer, die sie informieren, belehren, überzeugen wollen und sprechen über die Köpfe der Hörer hinweg. Vielleicht liegt darin "gar das rhetorische Grundübel. Der Redende stellt sich niemanden vor, an den er sich wendet. Man weiß nicht, zu wem er eigentlich spricht. Dies nämlich sollte sich ein Redner zunächst klarmachen: zu wem rede ich?" (Hans-Martin Gauger)

Die Stoiker, von denen Cicero die Kriterien des guten Stils übernommen hat, haben noch eine weitere Stilqualität gekannt: die Kürze. Cicero wollte dieses Kriterium nicht generell als Maßstab gelten lassen. "Kürze mag bisweilen an der einen oder anderen Stelle einer Rede zum Lob gereichen - aufs Ganze gesehen erntet sie in der Redekunst kein Lob". Gewiss, eine allzu große Kürze führt leicht zu Unklarheiten, aber daraus folgt nicht, dass langatmige Ausführungen automatisch größere Klarheit bewirken. Zeitgenossen haben Ciceros Reden mitunter vorgeworfen, sie seien zu weitschweifig und enthielten zu viele Wiederholungen. Cicero widerspricht in diesen Fällen seiner eigenen Maxime, die da heißt: Kürze bedeute, jede Sache nur einmal anzusprechen. Könnte es sein, dass die gerügte Weitschweifigkeit daher rührt, dass es Cicero an der Zeit gefehlt hat, "den Acker nicht nur einmal, sondern auch ein zweites und drittes Mal zu pflügen"?

Die Aktualität des Zerwürfnisses

Die Forderung,sapientia und eloquentia, Denken und Sprechen, Philosophie und Rhetorik miteinander zu verbinden, ist auch in nachantiken Zeiten nicht verstummt. Nicht zufällig sind es Humanisten, die das ciceronische Ideal weitertragen. "Worin sonst als in der persönlichen, schön bewegten Sprache lebt denn der humanistische Geist?" (Friedrich Klingner)

Johannes von Salisbury (um 1115- 1180), Humanist der Schule von Chartres, hält - in Anknüpfung an Ciceros ratio et oratio - die Verbindung von Vernunft und Wort für die Grundlage der menschlichen Bildung. So wie die Beredsamkeit blind bleibe, wenn sie nicht von der Vernunft erleuchtet werde, so bleibe die Vernunft unfruchtbar, wenn nicht die Beredsamkeit ihre Früchte ans Licht brächte. Wer die Unterweisung der Eloquenz von den Studien der Philosophie fernhalte, zerstöre alle freien Studien (omnia liberalia studia). Die Menschen würden auf den Stand des Tieres herabsinken, wenn man sie der ihnen verliehenen Rednergabe beraube.
Für den Rennaissance-Humanisten Leonardo Bruni gehört es zu den Merkmalen eines gebildeten Menschen, dass der Erwerb von Sachkenntnissen und sprachliche Bildung Hand in Hand gehen. Die rechtmäßige und wahre Bildung "vereint Beherrschung der Sprache mit Sachwissen. ...Ein guter Stil ohne Sachwissen ist leer, und ein noch so großes Wissen, wenn es des stilistischen Glanzes entbehrt, scheint in Verborgenheit und Dunkel zu liegen." (Zit. nach August Buck, Humanismus.)

Friedrich Schiller schreibt seiner Zeitschrift "Die Horen" die Aufgabe zu, eine Schreibweise zu erproben, welche die Kluft zwischen Philosophie und Rhetorik, zwischen den Gelehrten und dem breiten Publikum überbrückt. "Soweit es tunlich ist", erklärt er in der "Ankündigung", "wird man die Resultate der Wissenschaft von ihrer scholastischen Form zu befreien und in einer reizenden, wenigstens einfachen, Hülle dem Gemeinsinn verständlich zu machen suchen. ...Auf diese Art glaubt man zu Aufhebung der Scheidewand beizutragen, welche die schöne Welt von der gelehrten zum Nachteile beider trennt (und) gründliche Kenntnisse in das gesellschaftliche Leben und Geschmack in die Wissenschaft einzuführen". Nach Herman Meyer ("Schillers philosophische Rhetorik") strebt Schiller mit diesem Vorhaben nichts Geringeres an als eine Erneuerung der antiken Rhetorik im modernen Gewand.

Heute ist die sprachliche Verständigung zwischen Philosophie beziehungsweise Wissenschaft und allgemeinem Publikum schwieriger denn je. Cicero hatte es noch mit zwei Redeweisen zu tun: einer gelehrten und einer allgemein verständlichen. Heute gibt es unzählige Fachsprachen, die sich zudem noch gegenseitig voneinander abschotten. In einer Vorlesung über "Rhetorik in der Demokratie" hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog auf das Paradox hingewiesen, dass wir uns einerseits als "Kommunikationsgesellschaft" begriffen, andererseits aber immer weniger in der Lage seien, verständlich miteinander zu kommunizieren. Eine demokratische Gesellschaft sei jedoch darauf angewiesen, dass sich die verschiedenen Wissenszweige miteinander verständigen könnten. Zwar sei die wachsende Spezialisierung der Wissenschaften nicht mehr rückgängig zu machen, doch sei es bedenklich, wenn sich die einzelnen Disziplinen so sehr in ihren eigenen Sprachspielen verstrickten, dass sie nicht mehr miteinander zu diskutieren vermöchten.

Bei den komplexen Entscheidungen, welche die Politik immer wieder treffen müsse, sei eine Zusammenarbeit der Disziplinen unverzichtbar. Viele Blockaden in unseren politischen Debatten seien im ungenügenden gegenseitigen Verstehen begründet. In einer demokratischen Gesellschaft müssten sich aber nicht nur die Experten untereinander verstehen, Politiker und Experten müssten vielmehr auch imstande sein, die Probleme so darzustellen, dass eine interessierte Öffentlichkeit darüber sachgerecht mitreden könne. Der Kampf gegen die Expertokratie beginne mit dem Gewinn der rhetorischen Kompetenz, das heißt mit sachgerechter Beredsamkeit. Damit sei nicht so sehr die Fähigkeit zum Überzeugen anderer gemeint, sondern die Fähigkeit, ein Problem so darzustellen, dass es auch für nicht Eingeweihte verständlich wird. Das höre sich banal an, sei aber alles anderes als das. In einem Land wie Deutschland, in dem eine schwer verständliche Fachsprache als Ausweis wissenschaftlicher Könnerschaft gelte und in dem das Beherrschen unverständlicher Jargons wie eine rituelle Einweihung erlebt wird, werde gesellschaftliche Verständigung mehr und mehr unmöglich. Zwischen dem akademisch-hermetischen Kolloquium und dem alles nivellierenden Stammtisch klaffe eine tiefe Kluft. Um diese zu überbrücken, brauche man nicht nur Sachkenntnis, sondern auch eine frühe und ständige Übung in Beredsamkeit, eine Übung darin, seine Position klar, nachvollziehbar und überzeugend darzulegen. Mitunter sei es geradezu eine Strafe, wissenschaftlichen Experten und Politikern zuzuhören. Die Wissenschaftler könnten sich oft nicht verständlich machen und die Politiker hätten häufig keine Ahnung von der Sache, über die sie redeten. (Wer dächte hier nicht an Ciceros eingangs zitierte Formulierung von der "unberedten Klugheit" und der "redseligen Dummheit"!) Für eine Demokratie sei dieser Sachverhalt gefährlich, weil die Gesellschaft aus Sprachlosigkeit um die Möglichkeit gebracht werde, eine sachgerechte Debatte zu führen und sachgerecht zu entscheiden.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

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