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"Den Doktoranden tief in die Augen schauen"


Das Gespräch führten JULIA NOLTE und JAN-MARTIN WIARDA

Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, über zu Guttenbergs Streit mit der Uni Bayreuth und die Folgen der Affäre für Nachwuchswissenschaftler.


"Den Doktoranden tief in die Augen schauen"© DFG - Fotograf FrenzProf. Dr.-Ing. Matthias Kleiner ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
DIE ZEIT: Ein paar Wochen lang sah es so aus, als sei Karl-Theodor zu Guttenberg aus den Medien verschwunden. Doch jetzt ist die Debatte um seine Dissertation wieder entflammt: Zu Guttenberg will offenbar die Universität Bayreuth daran hindern, die Ergebnisse der Untersuchungskommission zu den Plagiatsvorwürfen zu veröffentlichen. Die Empörung darüber ist allenthalben groß. Zu Recht?

Matthias Kleiner: Ganz ohne Empörung: Die gesamte Angelegenheit hat so viel an öffentlicher Aufmerksamkeit erfahren, dass ich davon ausgehe, dass auch die Ergebnisse der Untersuchung der Kommission an der Universität Bayreuth öffentlich gemacht werden. Alles andere wäre doch eine weitere bemerkenswerte Volte in einer Debatte, in der ja schon die Wissenschaft auf die Anklagebank gesetzt wurde, obwohl doch sie die eigentliche Betrogene in dieser Affäre war. Zumal zu Vorwürfen an die Adresse der Wissenschaft nun wahrlich kein Anlass bestand, denn ihre Selbstkontrolle mit dem System von Ombudsgremien, das ja wesentlich von der DFG etabliert wurde, funktioniert.

ZEIT: Offenbar ist es so, dass zu Guttenberg sich auf die gegenwärtige Rechtslage berufen kann, wenn er eine Veröffentlichung ablehnt. Sollte man die Rechtslage dann nicht ändern?

Kleiner: Das ist für mich nicht so sehr eine rechtliche Frage als vielmehr eine Frage von Transparenz guter wissenschaftlicher Praxis und Sanktionierung von Fehlverhalten.

ZEIT: Im Fall Guttenberg hat die von Ihnen angesprochene Selbstkontrolle aber doch ganz offensichtlich nicht funktioniert. Was wird getan, damit so ein Fall tatsächlich nicht noch einmal vorkommt? Gibt es konkrete Beschlüsse?

Kleiner: Seitens der DFG gibt es keine neuen Beschlüsse, denn noch einmal: Wir halten das jetzige System der Selbstkontrolle und Selbstsanktionierung für eine gute Grundlage. Und vielleicht müssten Sie ja viel eher die potenziellen Guttenbergs in den Blick nehmen. Generell müssen Universitäten aber darauf achten und auch darauf dringen, dass es verbindliche Arbeitsabsprachen zwischen den Promovierenden und den Betreuerinnen und Betreuern gibt. Jede Promotion verlangt und verdient eine enge und ernsthafte Betreuung. Das gilt ausdrücklich auch für externe Promotionen. Es sollte auch immer Zweitbetreuer geben, dann sind es schon mehr Augen, die hinschauen. Und im Detail gibt es natürlich immer Dinge, die noch besser gemacht werden können. Diese Situation haben wir in der Wissenschaft ständig, wir leben ja von der Unzufriedenheit. Zum Beispiel sollte die eidesstattliche Erklärung in der Doktorarbeit an allen Fakultäten verbindlicher eingeführt werden. Und natürlich könnte man darüber nachdenken, wie man etwa bei sehr textorientierten Arbeiten Plagiatskontrollen effizient durchführt.

ZEIT: Und was bedeutet das konkret?

Kleiner: Wenn Arbeiten in elektronischer Form eingereicht werden, kann man entsprechende Textvergleichswerkzeuge einsetzen. Aber viel wichtiger ist etwas ganz anderes, nämlich dass den jungen Leuten möglichst schon zu Beginn ihres Studiums die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis nahegebracht werden und dass sie diese wie natürlich für sich selbst annehmen. Dazu gehört als elementarer Grundsatz, dass man seine Quellen offenlegt und korrekt zitiert. Und es muss auch klar werden: Wer diese Regeln verletzt, für den gibt es Sanktionen.

ZEIT: Werden Doktorarbeiten künftig also strenger geprüft?

Kleiner: Als Hochschullehrer glaube ich, dass eine solche Affäre natürlich dazu führt, dass jeder nun noch aufmerksamer ist. Ich würde meinen Doktoranden jetzt aber nicht mit größerem Misstrauen gegenüberstehen, denn ich schaue ihnen sowieso tief in die Augen. Gleichzeitig denke ich, dass Misstrauen nicht die Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens und der wissenschaftlichen Beziehungen sein darf.

ZEIT: Was ändert sich noch für Doktoranden durch den Fall Guttenberg?

Kleiner: Vor allem werden Doktoranden dadurch noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass das Promovieren in verbindlichen Forschungszusammenhängen allemal besser ist als ohne solche. Ich meine das Promovieren etwa in Projekten, Graduiertenschulen, Promotionskollegs. Alleine in DFG-geförderten Projekten und Verbünden promovieren aktuell fast 20 000 Doktorandinnen und Doktoranden. Dort wird man nicht allein gelassen, sondern hat den Austausch mit anderen und eine intensive Betreuung durch mehrere Professorinnen und Professoren. Diese verbindlichen Zusammenhänge schützen die Promovierenden, sie schützen aber auch die Betreuer und die Universitäten besser vor Fehlverhalten.

ZEIT: Denken Sie, dass man künftig noch extern promovieren kann?

Kleiner: Ja, das sollte auch in Zukunft möglich sein, das ist nicht per se etwas Falsches. Ich finde aber, dass man gerade bei externen Promotionen besonders sensibel dafür sein muss, einen verbindlichen Arbeitsrahmen herzustellen, und dass es klare Vorgaben dafür gibt, was man erwartet, wie häufig man sich trifft und diskutiert.

ZEIT: Wird es eine Zeitbeschränkung für die Promotion geben?

Kleiner: Ich weiß nicht, ob das ein geeignetes Mittel wäre. Zum einen gibt es Fächer, in denen die Promotionen, objektiv gesehen, sehr zeitaufwendig sind. Zum anderen gibt es immer wieder Doktoranden, die an einem Thema intensiv arbeiten, aber vielleicht nicht hundert Prozent ihrer Arbeitskraft investieren können. Warum sollte man es ihnen verwehren, so eine große wissenschaftliche Arbeit zu machen und dies dann etwas länger zu tun? Die eigentliche Frage ist: Lässt man es einfach laufen, oder kümmert man sich drum? Ich finde, es ist wesentlich, dass diejenigen, die verantwortlich sind für die Betreuung von Doktoranden, es als ihr persönliches Anliegen sehen, junge Leute wissenschaftlich anzuleiten. Wenn man das ernst nimmt, ist die Gefahr schon geringer, dass es haufenweise zu Plagiaten kommt.

ZEIT: Hat die Guttenberg-Debatte dem Ansehen des Doktortitels geschadet?

Kleiner: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Öffentlichkeit hier schon unterscheiden kann.

ZEIT: Was empfehlen Sie denen, die ihre Doktorarbeit gerade beginnen oder abschließen?

Kleiner: Vor allem Redlichkeit. Redlich zu sein! Das ist das Wichtigste. Und andere dazu anhalten, ebenfalls redlich zu sein. Damit meine ich, korrekt zu sein, klar zu sein, transparent zu sein und, wenn man an Ergebnissen Zweifel hat, diese Zweifel auch offenzulegen. Das ist das Wesen der Wissenschaft. Die Guttenberg-Debatte hat immerhin gezeigt, dass sich auch die Öffentlichkeit nicht einfach mit Plagiaten und Fälschungen abfindet. Das finde ich sehr positiv.

Aus DIE ZEIT :: 14.04.2011

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