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"Den Menschen Forschung und Entwicklung nahe bringen"

Interview: Maren Bulmahn und Christian Remenyi

Wolfgang Plischke ist im Bayer-Vorstand verantwortlich für Technologie, Innovation und Umwelt. Die Nachrichten aus der Chemie fragen ihn nach den Innovationskriterien des Konzerns und wie Bayer seine Forschung in Zukunft ausrichten will.

"Den Menschen Forschung und Entwicklung nahe bringen"© Bayer AGDr. Wolfgang Plischke gehört seit dem 1. März 2006 dem Vorstand der Bayer AG an
Nachrichten aus der Chemie: Herr Plischke, gibt es ein gemeinsames zentrales Innovationskriterium aller drei Bayer-Teilkonzerne - Health Care, Crop Science und Material Science?

Wolfgang Plischke: Das Gemeinsame ist, dass wir unsere Arbeitsgebiete darauf ausgerichtet haben, wo besondere Herausforderungen liegen. Bei Material Science besteht diese beispielsweise darin, einen Beitrag zur Energieeffizienz und zum Klimaschutz zu leisten. Bei Crop Science steht die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung im Fokus. Und bei Health Care liegt die größte Herausforderung darin, dass viele Krankheiten, besonders die einer alternden Gesellschaft, noch nicht ausreichend therapiert werden können.

Nachrichten: Wo liegen die Unterschiede?

Plischke: Die Unterschiede sehe ich vor allem in einem Punkt: Bei Bayer Health Care und Bayer Crop Science forschen wir an neuen Wirkstoffen oder an neuen Indikationen für unsere Wirkstoffe - beispielsweise neue Krankheitsbilder oder Schädlinge. Bei Bayer Material Science suchen wir dagegen vor allem neue Einsatzgebiete für bereits existierende Polymere. Deshalb sind natürlich die Erfolgswahrscheinlichkeiten der Forschungsansätze und der Aufwand, den wir da treiben müssen, vollkommen unterschiedlich. Im Gesundheitsbereich müssen wir für ein neues Arzneimittel je nach Indikationsgebiet ein bis zwei Milliarden bis zur Marktreife aufwenden und auch bei Pflanzenschutzmitteln reden wir über dreistellige Millionenbeträge für jeden Wirkstoff. Aber eine neue Anwendung für eines unserer Polymere zu entwickeln, das geht bereits im einstelligen Millionenbereich.

Nachrichten: Die Erfolgswahrscheinlichkeiten für eine Innovation sind wohl auch unterschiedlich?

Plischke: Auf jeden Fall. Nehmen wir ein Beispiel aus der Polymersparte: Wir stellen aus Polycarbonat unter anderem Autodächer her. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Projekt zu einem Erfolg wird, ist relativ groß, obwohl durchaus ein erheblicher Aufwand dahinter steht. Bei der Entwicklung eines neuen Arzneimittels ist die Erfolgswahrscheinlichkeit maximal drei oder fünf Prozent, wenn sie vom Beginn der klinischen Entwicklung ausgehen. Wenn sie in die frühen Phasen der Forschung zurückgehen, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit noch weitaus geringer.

Nachrichten: Wie sieht es denn dann mit dem Zeithorizont aus?

Plischke: In der Wirkstoffentwicklung reden wir von Zeiträumen von zehn bis fünfzehn Jahren bis wir am Markt sind. Aber auch bei den Polymeren benötigt es die gleiche Zeitspanne, bis sich beispielsweise ein neues Verfahren endgültig in der großtechnischen Produktion durchsetzt. Allerdings sind hier die Zyklen kürzer, wenn es nur um neue Anwendungen unserer Polymere geht. Da reden wir eher von wenigen Jahren.

Nachrichten: Bei so langen Entwicklungszeiten: Sind Sie mit dem zufrieden, was Sie in den nächsten Jahren auf den Markt bringen wollen?

Plischke: Wir haben eine viel versprechende Entwicklungspipeline. Im Bereich Gesundheit sind wir mit mehreren neuen Projekten stark aufgestellt; darunter der Thrombosehemmer Xarelto und weitere vielversprechende Projekte aus dem Bereich Kardiologie und Onkologie. Bei Crop Science ist es uns in den letzten Jahren gelungen, praktisch in jedem Jahr zwei neue Wirkstoffe als Herbizid, Fungizid oder Insektizid auf den Markt zu bringen. Und wir sind sicher, dass wir auch in den nächsten Jahren diese Taktung fortsetzen können. Und auch bei Material Science gibt es faszinierende Projekte, wie zum Beispiel die Herstellung von Polyurethanen aus Kohlendioxid.

Nachrichten: Auf der Bayer-Innovationspressekonferenz haben Sie kürzlich Zahlen zu Präparaten präsentiert, die sich in klinischen Tests befinden: Es sind 13 in Phase I, 18 in Phase II und 22 in Phase III. Müssten bei einer gut gefüllten Pipeline nicht mehr Präparate in Phase I sein als in Phase III?

Plischke: Das ist richtig beobachtet. Und wenn wir bei den Zahlen nur neue Wirkstoffe berücksichtigt hätten, wären es in den frühen Phasen tatsächlich mehr und in den späteren Phasen weniger. Unter den Projekten sind aber auch solche, bei denen zum Beispiel die Wirksamkeit verbessert werden soll oder neue Indikationen getestet werden. Diese Forschung an existierenden Wirkstoffen füllt insbesondere die späteren Phasen, denn eine prinzipielle Wirksamkeit hat die Substanz bereits bewiesen. Nehmen wir beispielsweise Xarelto: Es laufen hier momentan klinische Studien für die verschiedensten Anwendungsgebiete, die separat gezählt werden.

Strategisch kooperieren, bevorzugt extern

Nachrichten: Stichwort Forschungslandschaft: Man hat den Eindruck, dass Bayer stark auf eine Externalisierung der Forschung setzt.

Plischke: Dieser Eindruck ist richtig. Wir sind offen für Ideen von extern und für Kooperationen mit Partnern. Das ist sinnvoll, weil es - global betrachtet - natürlich mehr Forschung außerhalb einer jeden Firma gibt als innerhalb. Außerdem gibt diese Zusammenarbeit unserer Forschung neue Impulse und wir bleiben konstant auf dem Stand der Technik. Das wichtigste Merkmal der Externalisierung bei uns ist, dass wir mit den besten Forschungsgruppen zusammen arbeiten wollen - egal ob in Deutschland, den USA oder China. Deshalb haben wir gerade in den vergangenen Jahren diese strategischen Kooperationen gestärkt.

Nachrichten: Was bedeutet strategische Kooperation?

Plischke: In einer strategischen Kooperation geht es nicht darum, kurzfristig ein kleineres Projekt zu bearbeiten oder eine Substanz zu synthetisieren, was dann von uns vergütet wird. Es geht dabei vielmehr um eine mittel- oder auch langfristige Kooperation. Wie zum Beispiel mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum, der Uniklinik Köln im Bereich der klinischen Forschung oder mit der RWTH Aachen auf dem Gebiet der Katalyseforschung.

Nachrichten: Das sind deutsche Beispiele. Im Ausland etablieren Sie zurzeit ja Science Hubs.

Plischke: Auch außerhalb von Deutschland verstärken wir die Externalisierung. Auf der einen Seite ist Bayer als globales Unternehmen auch auf diesen Märkten aktiv und muss nah am Kunden sein. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich auch das Innovationspotenzial anderer Länder nutzen. Deshalb hat beispielsweise Health Care Science Hubs in San Francisco und Beijing, Material Science in Singapur und Crop Science für Saatgut in North Carolina.

Nachrichten: Was ist die Aufgabe der Science Hubs?

Plischke: Science Hubs sind in die Forschungsaktivitäten eines Teilkonzerns eingebunden, haben aber auch die wesentliche Aufgabe, Kontakte mit lokalen Forschern zu schließen und Netzwerke zu bilden.

Nachrichten: Bei der Forschung arbeiten Unternehmen zunehmend mit direkten Konkurrenten zusammen. Beim Hybridreis Arize kooperiert Bayer Crop Science zum Beispiel mit der BASF. Wie kommt das zustande?

Plischke: Gerade in der Pflanzengenetik sind die Patente sehr stark über verschiedene Firmen verteilt. Wer da also etwa Neues machen will, muss zwangsläufig auf Patente von Dritten zurückgreifen. Das zwingt zu Kooperationen - übrigens nicht nur bei Reis, sondern auch bei Soja, Mais oder Raps. Aber insgesamt bleiben wir natürlich Wettbewerber.

Nachrichten: Momentan haben Sie etwa 900 Kontakte in Ihrem externen Netzwerk. 22 Prozent Ihres Forschungsbudgets gehen in diese Strukturen. Ist da ein Endpunkt erreicht oder werden diese Zahlen noch steigen?

Plischke: Wir sind schon sehr gut aufgestellt, haben aber trotzdem noch ein großes Entwicklungspotenzial.

Die Zahlen sind beeindruckend, aber es geht hier gar nicht um die Zahl an sich: Mir geht es um die richtigen, qualitativ hochwertigen und strategischen Kooperationen, die erfolgreich sind.

Asiatische Zukunft auch für die Forschung?

Nachrichten: Neben der institutionellen Veränderung der Forschungslandschaft gibt es ja auch eine räumliche. Ist Asien der Forschungsstandort der Zukunft?

Plischke: Natürlich muss Forschung, insbesondere die anwendungsgetriebene, auch in einem regionalen Zusammenhang zum Kunden und dem Geschäft stehen. Und dies hat schon teilweise seinen Schwerpunkt in Asien, zum Beispiel bei den Polymeren: Asien, vor allem China, macht inzwischen mehr als die Hälfte des Polycarbonatweltmarkts aus. Deshalb haben wir kürzlich den Hauptsitz unserer globalen Polycarbonat-Aktivitäten dorthin verlagert. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir in der Zukunft keine Forschung in Deutschland oder Europa mehr machen werden. Damit würden wir dem Industriestandort Deutschland die Lebensader abschneiden, was nicht in unserem Interesse sein kann.

Nachrichten: Wie sieht es denn in Deutschland mit Ihrer Forschung aus?

Plischke: Heute befindet sich der Schwerpunkt unserer Forschung und Entwicklung in Deutschland und Europa. Dies wird auch in den kommenden Jahren so bleiben. Wir haben sehr gute wissenschaftliche Netzwerke hier. Diese haben wir in den vergangenen Jahren gestärkt und wollen sie auch in Zukunft noch weiter stärken. Die Science Hubs in anderen Ländern mit ihren Forschungskapazitäten vor Ort und ihrer Kompetenz zur Vernetzung helfen uns, die Innovationspotenziale dieser Länder zu nutzen. Das sichert aber auch unsere große Präsenz hier am Standort Deutschland.

Exzellente Forschung von innen und außen

Nachrichten: Bayer engagiert sich auch gesellschaftlich, sei es bei Schülerlaboratorien, Preisen oder Stipendien. Wie profitieren sie als Konzern davon?

Plischke: Wir haben ein großes Interesse daran, den Menschen - insbesondere jungen Menschen - Forschung und Entwicklung nahe zu bringen. Denn wir haben das Ziel, die Akzeptanz von Naturwissenschaft und Technik zu steigern. Ein weiteres Ziel: Wir wollen Leistungen in Forschung und Entwicklung angemessen würdigen. Deswegen vergeben wir Stipendien an hervorragende Wissenschaftler oder veranstalten einen Bayer Science Day - mit rund 800 Bayer-Forschern aus allen Teilen der Welt und vergeben vor dieser Kulisse dann die Otto-Bayer-Medaillen, unsere interne Auszeichnung für herausragende Forschungsleistungen. Denn unser wirtschaftlicher Erfolg als Unternehmen hängt entscheidend von unseren exzellenten Forschern und Entwicklern ab.

Nachrichten: Bayer Health Care hatte die Idee, an Forscher mit guten Ideen von auswärts Innovation Grants zu vergeben. Aber böse gefragt: Wofür braucht man die, hat man selbst keine guten Forschungsansätze mehr?

Plischke: Nein, diese Grants for Targets stellen unsere interne Kompetenz nicht in Frage. Externalisierung ist für alle Forschungsmitarbeiter eine Bereicherung. Wir haben beispielsweise in der Arzneimittelentwicklung ein für universitäre Einrichtungen schwer zu erreichendes Know-how. Aber es gibt Indikationsgebiete, in denen Targets nicht wie Sand am Meer zur Verfügung stehen. Unsere Wissenschaftler bei Health Care haben sich deshalb gesagt: Lasst uns doch mal die wissenschaftliche Community fragen, ob es neue Ansätze gibt, die sich für unsere Forschung eignen. Wenn es passende Ansätze gibt, werden diese vergütet und es kann auch zu einer Zusammenarbeit kommen. Wir haben dann in Nature eine Anzeige mit den Bewerbungskriterien veröffentlicht und die Resonanz war fantastisch.

Nachrichten: Was hat sich beim Wissenschaftlernachwuchs geändert?

Plischke: In den vergangenen Jahren haben wir jeweils bis zu 250 Hochschulabsolventen der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer in Deutschland eingestellt - vor allem Ingenieure, Chemiker und Biologen. Der Frauenanteil lag dabei konstant zwischen 45 und 50 Prozent. Um gute Mitarbeiter zu halten und zu entwickeln, haben wir Programme und Netzwerkaktivitäten wie den Young Talent Events oder den Expert-Club ins Leben gerufen.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: April 2011

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