Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Der Elfenbeinturm ist geschleift"

Als Hochschullehrer, Rektor und Wissenschaftsminister hat Peter Frankenberg verschiedene Perspektiven eingenommen. Wie stehen aus seiner Sicht Politik,Wissenschaft und Gesellschaft zueinander? Wo gibt und gab es Konflikte? Fragen und Antworten.

"Der Elfenbeinturm ist geschliffen"© Bilderservice MWKPeter Frankenberg ist Universitäts-Professor für Geographie und seit 2011 Vorsitzender der Heinrich-Vetter-Stiftung
Forschung & Lehre: Sie haben eine "Reakademisierung der Bachelorstudiengänge" gefordert. Wer hat womit der Universität das Akademische ausgetrieben?

Peter Frankenberg: Man muss die Bachelor-Studiengänge hochschulartenspezifisch differenzieren. Für die Universität heißt "Reakademisierung" - soweit notwendig - genügend fachliche Breite, genügend "Freiraum / Wahlmöglichkeiten" im Studium und für mich auch neben den studienbegleitenden Prüfungen, eine Abschlussprüfung. Damit sollen die Studierenden Gesamtzusammenhänge eines Faches darlegen und damit verinnerlicht haben. "Employability" heiß nicht Studium auf einen bestimmten Beruf hin, sondern Erwerbung wissenschaftlicher Fähigkeiten und von Wissen, mit denen akademischen Anforderungen im Beruf genügt werden kann. "Berufsbefähigung" muss für Absolventen von Fachhochschulen oder dualen Hochschulen eine andere Bedeutung haben als für Universitätsabsolventen. Die jeweiligen Stärken der einzelnen Hochschularten sollen nicht verwischt werden. Die Fachhochschulen (Hochschulen für angewandte Wissenschaften) des Landes haben ein ohnehin strukturiertes Studium auf ein in der Regel 7-semestriges BA-Studium umgestellt. Diese Umstellung kann man als generell gut gelungen bezeichnen. In der Lehrerbildung hat Baden-Württemberg die BA/MA Struktur noch nicht umgesetzt, denn dazu wäre Polyvalenz des BA-Abschlusses wesentlich.

F&L: Wie stellen Sie sich den Wiedereinzug des Akademischen in das Studium konkret vor?

Peter Frankenberg: Dazu gibt es gerade von baden-württembergischen Universitäten gute Ansätze/Beispiele, etwa die Einführung eines breiteren Eingangsstudiums (College-Phase), die Möglichkeit, ein Jahr "freien" Studiums einzuplanen oder die generelle Konzeption eines 4-jährigen BA-Studiums. Generell wird dies an Universitäten eher zu einem 4-Jahres-Bachelor führen. Diese Modelle bedürfen zu ihrer Implementierung aber der Aufhebung der strikten 5-Jahres Obergrenze der KMK-Vereinbarungen. Zudem sollte generell mehr Wert auf den eigentlichen Studienerfolg, d.h. z.B. auf eine Verringerung der Abbrecherquote, gelegt werden als auf die Einhaltung von Formalien. Generell sollte ein "Studium unterschiedlicher Geschwindigkeit" möglich gemacht werden. Studium muss immer auch eine individuell mitgestaltete Angelegenheit sein.

F&L: Warum haben Sie dies erst zum Ende Ihrer Amtszeit gefordert? War die Entakademisierung bei Einführung eines studentischen Workloads mit 40-Stunden-Woche und bei Lektüre eines Modulhandbuches bereits vorgezeichnet?

Peter Frankenberg: Seit mehreren Jahren hatte mein Ministerium fortlaufend mit den Universitäten an einer Verbesserung der Bachelorstruktur gearbeitet. Dies ist erst mit den "Studentenstreiks" publik geworden. In den letzten zwei Jahren sind wir die bestehenden Probleme dann sehr systematisch angegangen, in einem großen Kongress und folgenden "Workshops". Dabei sind unter sehr konstruktiver Beteiligung der Studierenden alle Probleme diskutiert und Lösungsmöglichkeiten empfohlen worden: Breite des Studiums, Prüfungsdichte, "freie Module", Übergang Bachelor- Master, Wechselmöglichkeiten und die Internationalisierung. Zudem sollte eine wesentliche Stärke des BA/MA-Systems stärker entwickelt werden, nämlich die berufsbegleitenden Masterstudiengänge bzw. Masterstudium nach einer Berufsphase. So macht etwa gegenüber einem MBA ein konsekutiver Master in BWL weniger Sinn.

F&L: Ihre Nachfolgerin im Amt in Baden-Württemberg will die Studiengebühren wie auch die von Ihnen eingeführten Aufsichtsräte wieder abschaffen. Einsicht in das Unvermeidbare oder nur Rückschritte?

Peter Frankenberg: Die Studiengebühren waren inzwischen weitgehend akzeptiert und hatten sehr positive Auswirkung gerade auf die Verbesserung der Lehre, sei es durch Personal oder Ausstattung. Zudem haben sie zu einer wirklich engagierten Mitwirkung der Studierenden bei der Verwendung der Gelder geführt. Die Aufsichtsräte (Universitätsräte) halte ich nach wie vor für eine unabdingbare innerhochschulische Einrichtung angesichts weitgehender Hochschulautonomie. Sie haben sich in Baden-Württemberg sehr bewährt. Die Mitglieder aus Unternehmen oder anderen wissenschaftlichen Einrichtungen sind hoch engagiert. Eine Umwandlung der Aufsichtsräte in ein beratendes Gremium wird zum Ausscheiden sehr vieler kompetenter externer Mitglieder führen und das Verhältnis Hochschule/Wirtschaft/ Gesellschaft verschlechtern und damit die Hochschulen wieder eher in den Elfenbeinturm führen.

F&L: Ein großes Projekt Ihrer Amtszeit war das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), eine Verbindung der Technischen Universität und des Kernforschungszentrums Karlsruhe. Ist dies auch langfristig finanziell zu sichern?

Peter Frankenberg: Eindeutig Ja, zudem ist das KIT für mich wie auch für Frau Kollegin Schavan ein Musterfall. Meines Erachtens muss es in Kooperation Länder/Bund zu einem System gemeinsam verantworteter technischer Hochschulen/Forschungszentren kommen, das etwa mit der schweizerischen ETH vergleichbar ist. Die Vorteile der Gründung des KIT liegen auf beiden Seiten: die "alte" Universität hat großartige Forschungsinfrastruktur dazu gewonnen. Dies zahlt sich nun bei Berufungen aus. Das ehemalige Forschungszentrum hat die Verbindung zum stets neuen, frischen Geist der Universität gewonnen. KIT wird international sehr beachtet, worauf sich Kooperationen gründen, die sonst nicht möglich gewesen wären., so mit Ivy-league Universitäten.

F&L: Wie stehen Sie zur parteiübergreifenden Kehrtwende in der nationalen Energiepolitik?

Peter Frankenberg: Ich habe Kernenergie aus "Klimaschutzgründen" gleichsam von meiner Herkunft als Wissenschaftler her, immer im Sinne einer Brückentechnologie, für notwendig gehalten, bis regenerative Energien sie ersetzen können - bei entsprechender Versorgungssicherheit bzw. Kosten. Es hat in der Energiepolitik zu viele Kehrtwendungen gegeben. Im Nachhinein stellt sich der "rot-grüne" Ausstiegskompromiss als eine gar nicht so schlechte Lösung dar. Große Nationen wie China und Indien würden ohne Kernkraft ihre Stromenergie nicht erzeugen können. Das deutsche Modell wird sich daran messen lassen müssen, wie schnell Technologiesprünge zu regenerativen Energien gelingen und wie schnell dies auch zu vertretbaren Stromkosten geschieht. Dabei spielt die Entwicklung von Speichertechnologien und "smart grids" eine entscheidende Rolle.

F&L: In Ihrer Amtszeit sind gleich vier baden-württembergische Universitäten (Freiburg, Heidelberg, Konstanz und Karlsruhe) zu Exzellenzuniverstitäten geworden. Warum diese Spitzenstellung unter allen Bundesländern?

Peter Frankenberg: In erster Linie ist dies eine Leistung der Universitäten und ihrer Wissenschaftler. Wir haben im Land für eine langfristig verlässliche Finanzierung (Solidarpakte/Studiengebühren/ Sondermittel für exzellente Berufungen) gesorgt und für eine wettbewerbsorientierte "Governance - Struktur". Die Universitätsräte haben dabei eine sehr positive Rolle gespielt. Wesentlich war auch eine über Jahrzehnte qualitätsorientierte, verlässliche und kontinuierlich die Universitäten weiterentwickelnde Wissenschaftspolitik hin zur autonomen unternehmerischen Hochschule (Unternehmerisch im Sinne einer wissenschaftlichen, nicht ökonomischen Wertschöpfung). Entscheidend für die Qualität von Hochschulen sind erstrangige Berufungen und gute Studierende. Die Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen haben wir als Land - soweit rechtlich möglich - so weit entwickelt wie kein anderes Bundesland.

F&L: Gemessen an der Exzellenzinitiative sind Sie der erfolgreichste Wissenschaftsminister der Nachkriegsgeschichte. Was ist Ihnen gleichwohl misslungen?

Peter Frankenberg: Das können eher die damalige Opposition oder meine Frau besser beantworten. Ich selber sehe Dinge, die ich nicht erreicht habe, etwa die Umwandlung der Pädagogischen Hochschulen des Landes in ein System (state system) einer bildungswissenschaftlichen Universität. Nicht gelungen ist die Föderalismusreform, weil ihr keine Finanzreform folgte. Wir werden daher eine forschungsstarke Universitätslandschaft in Deutschland nur in gemeinsamer Verantwortung von Ländern und Bund erhalten bzw. ausbauen können. Der Exzellenzinitiative muss eine solche institutionalisierte Kooperation folgen. Bedauerlich ist, dass das System des NC nicht hat überwunden werden können. Es schadet m.E. der Schule, weil mit dem Ziel von "Zehntelnoten" Fächer gewählt und Schule absolviert werden. Es schadet der Hochschule, weil es zu sachfremden Studienwahl- Entscheidungen führt. Hier hätte ich gerne Durchbrüche erzielt! Eine wirklich politische Niederlage war, die Einführung der W-Besoldung in ihrer Form nicht verhindert haben zu können. Im Bundesrat fehlten uns dazu die Stimmen eines Landes. Gerade in W2 sind die Grundgehälter zu niedrig. Dies erschwert, etwa Bewerber aus der Wirtschaft gerade für die Fachhochschulen zu gewinnen. Zudem würde die Altersversorgung letztlich deutlich verschlechtert.

F&L: Sie sind Hochschullehrer, Rektor und Minister gewesen und kennen die dazugehörigen Perspektiven. Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Gesamtschau?

Peter Frankenberg: Für mich war mein gesamter Weg einer, in dem ich mich auch als Politiker der Wissenschaft weiter verpflichtet gefühlt und mich insofern nie als Parteipolitiker verstanden habe. Der Reiz meiner Ämterfolge war der stets notwendige Perspektivwechsel, vom Lehrstuhl auf die Fakultät (Dekan), dann die Universität, dann als Vizepräsident der HRK auf die Hochschulen insgesamt und dann die Sicht auf das System Wissenschaft/Gesellschaft/Wirtschaft des Landes. Der Wechsel in die Politik hat mir viele wertvolle menschliche Begegnungen gebracht, gerade auch mit Parlamentariern und Kabinettskollegen, Menschen aus ganz anderen Bereichen. Insofern habe ich einen mich sehr bereichernden Berufsweg erfahren dürfen und bin heute noch Ministerpräsident Teufel dankbar, mir diese Möglichkeit gegeben zu haben.

F&L: Wo sehen Sie das deutsche Wissenschaftssystem in zehn Jahren?

Peter Frankenberg: Es kommt darauf an, was nach der Exzellenzinitiative kommt, wie die Kooperation Bund-Länder dann aussieht, wie sich die Forschungseinrichtungen weiter entwickeln und ob wir Universitäten weiterhin als Stätten von Forschung und Lehre (in dieser Reihenfolge!) sehen. In gemeinsamer Verantwortung; mit mehr Mitteln (und dies schließt Studiengebühren ein) und besserer Verzahnung außeruniversitärer und universitärer Forschung werden wir über einige Spitzenuniversitäten verfügen, bei einem auch im Mittel sehr guten Hochschulsystem (anders als in den USA). Die Großforschungseinrichtungen sollten ihre gegebenen Spitzenstellungen behaupten können. Sie brauchen dazu aber leistungsfähige Universitäten. Ohne Beteiligung des Bundes und insgesamt deutlich mehr Finanzmitteln wird es jedoch keine Spitzenuniversitäten geben. Spitzenuniversität muss zudem auch bessere Betreuungsrelationen bedeuten.

F&L: Wie beurteilen Sie den Weg des Hochschulsystems in Großbritannien?

Peter Frankenberg: Ich kenne es sehr gut. Die Haushaltskürzungen werden alle, außer "Oxbridge", hart treffen. Der Weg in ein einheitliches System war falsch. Nur differenzierte Systeme sind den unterschiedlichen Anforderungen angemessen. Gerade die Absolventen der "new universities" haben Akzeptanzprobleme auf dem Arbeitsmarkt. In der Forschung ist die Ausrichtung auf "Verwertbarkeit" langfristig verheerend. Anwendungsorientierte Forschung verkümmert ohne den Nährboden der Grundlagenforschung.

F&L: Haben die deutschen Hochschulen ein Problem mit der Qualitätssicherung?

Peter Frankenberg: Das gegenwärtige Akkreditierungssystem ist weder auf Dauer praktikabel noch zielführend. Daher sollte an seine Stelle die Akkreditierung von Qualitätssicherungssystemen der Hochschule treten. Andererseits heißt Autonomie auch Rechenschaft. Daher sollten die Länder, aufbauend auf diesen Qualitätssicherungssystemen Berichtswesen einführen, die für den "Geldgeber" die Möglichkeit geben, bei Qualitätsmängeln in Lehre/Forschung/ Entwicklung etc. auf Abhilfe zu drängen. Das interne System der Qualitätssicherung ist dazu für die Aufgaben der Hochschulräte unabdingbar.

F&L: Ethik der Wissenschaft ist ein aktuelles, wichtiges Thema. Ist die Unparteilichkeit von Wissenschaft, die Suche nach Wahrheit in ernster Gefahr?

Peter Frankenberg: Diese Gefahr wächst, je mehr die Wissenschaft unmittelbar für die Gesellschaft relevant ist. Die Suche nach Wahrheit kann von Ehrgeiz, Mittelgebern oder schlicht "publish or perish" gefährdet sein. Dies kann letztlich nur die in sich und an sich kritische Wissenschaft weitgehend verhindern. Die Öffentlichkeit muss wissenschaftliches Fehlverhalten konsequent verurteilen. Es sind keine Kavaliersdelikte, selbst wenn sie von Kavalieren begangen werden, sondern es zerstört das Vertrauen in die Wissenschaft als Suche nach Wahrheit.

F&L: Die Stuttgarter Zeitung bezeichnete Sie jüngst als "Reformer mit trockenem Humor", der Tagesspiegel als "konservativen Reformer". Erkennen Sie sich darin wieder?

Peter Frankenberg: Durchaus: Konservativ als jemand, der Bewährtes bewahrt. Reformer im Sinne "universitas semper reformanda" und Humor, der mich selbst einbezieht: Nur wer sich selbst nicht zu wichtig nimmt, ist wirklich wichtig!

F&L: Sie sind ein Grenzgänger zwischen Politik und Wissenschaft. Wie fällt Ihr Urteil aus: Ist die Wissenschaft in der Gesellschaft aufgegangen, integriert, gewollt und geachtet? Oder bleibt ein Teil des Elfenbeinturms stehen?

Peter Frankenberg: Ich bin überzeugt: Der Elfenbeinturm ist geschleift. Für eine "knowledge based economy" und daher auch "society" ist Wissenschaft lebensnotwendig, und daher ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In einer Gesellschaft, in der mehr als 40 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulzugangsberechtigung erwerben, ist Wissenschaft ganz anders verankert als zu Zeiten, in denen sie Privileg einer kleinen Minderheit war.

F&L: Was haben Sie über Politik in Ihrer zehnjährigen Amtszeit gelernt? Was hat Sie positiv oder negativ überrascht?

Peter Frankenberg: Positiv: Ich habe viel Verlässlichkeit, Vertrauen, ja Freundschaft erfahren dürfen. Mein Fazit für Externe: Politik ist besser als ihr Ruf. Negative Erfahrungen, die sich oder mich niedergeschlagen hätten, habe ich als geborener Rheinländer nicht erfahren oder schlicht übersehen. Ich glaube, dass für die Akzeptanz von Politik in der Gesellschaft Politik sich mehr öffnen muss für "Seiteneinsteiger", wie ich es erfahren durfte, aber dass es dazu auch der Bereitschaft bedarf, in die Politik "einzusteigen". An beidem mangelt es derzeit.


Über den Wissenschaftler
Peter Frankenberg ist Universitäts-Professor für Geographie, war 1994-2001 Rektor der Universität Mannheim, 2001 bis 2011 Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg. Seit 2011 ist er Vorsitzender der Heinrich-Vetter-Stiftung.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2011

Ausgewählte Stellenangebote
Ausgewählte Stellenangebote