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"Der Stoffwechsel Mensch - Natur hat eben zwei Seiten"

Die Frage nach den (fehlenden) Manieren der Studierenden ist vielleicht etwas altmodisch, aber durchaus berechtigt. Wie geht ein Hochschullehrer mit Studenten um, die zwar nicht mehr so viel Rauchen, aber im Hörsaal dauernd Wasser trinken? Heiteres und Nachdenkliches zum Thema.

"Der Stoffwechsel Mensch - Natur hat eben zwei Seiten"© Amrei-Marie - Wikimedia CommonsHerfried Münkler ist Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Forschung & Lehre: In der Vorlesung essen und trinken, reden, E-Mails versenden - haben die heutigen Studenten keine Manieren mehr? Oder nur andere als früher?

Herfried Münkler: Dass in meinen Vorlesungen gegessen wird, habe ich noch nicht beobachtet, aber das mag auch daran liegen, dass der Hörsaal groß ist und ich nicht mitbekomme, was in den hinteren Reihen außer dem Mitschreiben mit der Hand oder am PC noch so abläuft. Das Trinken ist freilich ein Problem wegen seiner Folgen: Auf einhundert Hörer kommt in der Regel einer, bei dem das dauernde Trinken dazu führt, dass er während der Vorlesung auf die Toilette muss. Der Stoffwechsel Mensch-Natur hat eben zwei Seiten. Dummerweise sitzen die Betreffenden fast immer in der Mitte des Hörsaals, so dass mindestens zehn weitere aufstehen müssen, um den Weg frei zu machen. Das Ganze wiederholt sich dann bei der Rückkehr. Da die Humboldt-Universität einige alte Hörsäle hat, ist dies jedes Mal eine richtige Störung. Als ich selbst in den 1970ern studiert habe, wurde in den Lehrveranstaltungen geraucht. Das hat vermutlich auch einige gestört. Und mit Sicherheit ist das Trinken gesünder. Es wäre nur gut, wenn die mit den schwachen Blasen sich so setzen würden, dass sie ihren Bedürfnissen frönen können, ohne gravierend zu stören. Ich habe freilich auch den Eindruck, dass die Nahrungsaufnahme in den Lehrveranstaltungen auch mit den sehr engen Zeitplänen der Studierenden zu tun hat - jedenfalls um die Mittagszeit, wenn sich die Lehrangebote ballen. Hinzu kommt natürlich das Ende studentischer Zeitsouveränität infolge verschulter Studiengänge. Die Studierenden können häufig nicht mehr in Ruhe in die Mensa gehen, sondern müssen in die nächste Veranstaltung. So sickert die Mensa in den Hörsaal bzw. den Seminarraum ein. Wenn man das Studium verschult, darf man sich nicht wundern, wenn man mit typischem Schülerverhalten konfrontiert wird.

F&L: Ab wann verlieren Sie die Contenance?

Herfried Münkler: Gegenüber Studenten eigentlich nie, eher schon bei einigen Kolleginnen und Kollegen. Aber da man sich mit dem Verlust der Contenance nur selbst verwundbar macht, achte ich darauf, dass ich die Contenance bewahre. Was mich am Studierendenverhalten im Übrigen sehr viel mehr stört als Essen und Trinken im Hörsaal ist Unpünktlichkeit. Bei Vormittagsveranstaltungen trifft bis zu einem Fünftel der Studierenden zu spät ein. Da ich selbst grundsätzlich pünktlich bin, stört mich das, zumal organisatorische Fragen, die am Anfang besprochen werden, dann noch einmal angesprochen werden müssen. Ich will aber nicht ausschließen, dass hinter der Unpünktlichkeit auch Kalkül steckt, weil in meinen Seminaren am Anfang der Sitzung festgelegt wird, wer an diesem Tag Protokoll führt bzw. wer das Protokoll der letzten Sitzung vorträgt. Notorische Drückeberger sind notorische Zuspätkommer. Aber man kann darauf ja reagieren. Ich sehe mehr und mehr ein, dass ich auch pädagogisch agieren muss. Zur Didaktik kommt in der Universität die Pädagogik zunehmend hinzu.

F&L: Können Sie dieser zunehmenden Formlosigkeit auch etwas Positives abgewinnen?

Herfried Münkler: Ich lege auf Förmlichkeiten keinen Wert. Erst wenn Formlosigkeit zu Respektlosigkeit wird, ist das für mich ein Problem. Aber ich habe den Eindruck, dass die Studenten sehr einsichtig sind, wenn man mit dem Reziprozitätsgrundsatz argumentiert: Wir gehen gemeinsame Selbstbindungen ein, denen ich mich unterwerfe, weil sie sich ihnen unterwerfen - und umgekehrt. Das ist die moderne Variante des alten Humboldtschen Gedankens, wonach in der Universität Lehrende und Lernende gleichermaßen der Wissenschaft dienen. Maßstab der Selbstbindungen sollte also die Frage sein, was dem Dienst an der Wissenschaft förderlich ist. Wo die Förmlichkeit dem entgegensteht, ist Formlosigkeit vorzuziehen. Ansonsten ist ein von Respekt getragener Umgang miteinander in der Universität so hilfreich wie im sonstigen Leben. Aber ich muss sagen, dass ich hier eigentlich keine Probleme sehe, jedenfalls nicht in meinen Lehrveranstaltungen.

F&L: Ist ein Konsens über bestimmte Umgangsformen in einer sich so rasant verändernden sozialen Welt wie heute noch möglich? Wer legt ihn fest?

Herfried Münkler: Konsense werden ausgehandelt, nicht dekretiert. Die Festlegung erfolgt durch explizite oder implizite Zustimmung der Beteiligten, nur in Ausnahmefällen durch Mehrheitsbeschluss - in der Regel in meinen Lehrveranstaltungen dann, wenn meiner Frage, ob wir das so machen wollen, keiner mehr widerspricht. Aber nach einigen Aushandlungsschritten stelle ich das auch nicht mehr als Frage, sondern im Gestus eines zusammenfassenden Bescheids. Dabei handelt es sich in der Regel zwar um Festlegungen zum Seminar- Procedere, aber die betreffen immer auch Umgangsformen. Ich neige hier nicht zur Klage. Eher habe ich den Eindruck, dass die Umgangsformen im Vergleich mit den 1970er Jahren korrekter geworden sind. Dass die üblichen Tollpatsche und Stoffeln - der Korrektheit halber auch: Tolpatschinnen und Stoffellinnen - auch an der Universität zu finden sind, ist nicht überraschend. Aber es ist Ungeschick und nicht böser Wille, der sie auffällig macht. Vielleicht sollte in den Einführungsveranstaltungen für Erstsemestler auch ein wenig über sozialverträgliche Manieren gesprochen werden. Aber was mich mehr, viel mehr besorgt, ist das Fehlen handwerklicher Standards, die man eigentlich von einem Abiturienten erwarten sollte. Einer, der nicht exzerpieren und protokollieren kann, regt mich viel mehr auf als jemand, der mir die Tür nicht aufhält oder sonst sozial unaufmerksam ist.

Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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