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"Die bisher mutigste Reform des Medizinstudiums"

Über den deutschlandweit ersten Reformstudiengang Medizin.

"Die bisher mutigste Reform des Medizinstudiums"Prof. Dr. Gerhard Gaedicke ist Leiter des Reformstudiengangs Medizin und war bis zu seiner Pensionierung Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie der Charité
Forschung & Lehre: Dieter Scheffner, der Mitbegründer des Reformstudiengangs Medizin (RSM), blickte kurz vor seinem Tod im vergangenen Jahr resigniert auf das, was von seinem Lebenswerk übrig geblieben war, zurück. Welche Gründe hatte er dafür?

Gerhard Gaedicke: Der von Dieter Scheffner initiierte Reformstudiengang Medizin (RSM) der Charité zielt ab auf aktives, selbstbestimmtes und selbstreflektiertes Lernen, das hineinführt in den lebenslangen Lernprozess, dem wir Ärzte verpflichtet sind. Die Frage, die es zu beantworten galt, lautete: "Lässt sich dieses Ziel genauso gut mit dem Reformstudiengang wie auch mit dem Regelstudiengang erreichen?" Jetzt, zehn Jahre nach dem Start des RSM, werden nicht die Gleichrangigkeit, sondern seine Erfolge im Vergleich zum traditionellen Curriculum immer deutlicher. Bedauerlicherweise ist die Mehrheit der Fakultät der Charité nicht bereit, diesen weitreichenden Weg des Umdenkens weiter zu beschreiten, u.a. würde dies große Umstrukturierungen besonders der Grundlagenfächer erfordern. Dennoch ist es gelungen, dass die Fakultät sich auf ein neues, modular strukturiertes Curriculum geeinigt hat, den Modellstudiengang. Dieser sieht eine Mischung traditioneller und innovativer Lehr-, Lern- und Prüfungsformate vor und übernimmt erfolgreiche Elemente des RSM wie Kommunikation/ Interaktion und Problemorientiertes Lernen (POL) und des Regelstudiengangs (RSG) wie den Unterricht am Krankenbett. 90 Prozent der zukünftigen Studenten der Charité werden gegenüber den heutigen Studenten des RSG einen deutlich besseren Unterricht bekommen. Für die zehn Prozent RSM-Studenten mag man diese Entwicklung als Rückschritt gegenüber dem mutigen Scheffnerschen Ansatz interpretieren. Der Grund für Dieter Scheffners Resignation war die Enttäuschung über die Fakultät, die den RSM nicht aufgegriffen und weiter entwickelt hat.

F&L: Bei dem Modellprojekt soll es um eine grundlegende Reform des Medizinstudiums gehen. Worin besteht das grundlegend Neue?

Gerhard Gaedicke: Der Modellstudiengang ist ein Hybrid, das sich auf die positiven Elemente aus beiden Studiengängen gründet: einerseits Vorlesungen, interdisziplinäre Seminare, viele Praktika im Labor wie am Krankenbett und andererseits das Curriculum begleitend fallbasiertes POL, "Kommunikation und Interaktion" sowie "Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns". Neu ist die Verankerung von "Blended learning", der sinnvollen Verknüpfung von E-learning und Präsenzlehre. Im Gegensatz zum RSM mit seinem studentenzentrierten Lernansatz ist der Modellstudiengang nicht ausschließlich, aber stärker auf die Lehrenden ausgerichtet und bietet mehr Fächersystematik als ein fallbasiertes Curriculum. Dieses wird vermutlich Auswirkungen auf das selbstbestimmte und selbstorganisierte Lernen der Studierenden haben.

F&L: Das Modellprojekt orientiert sich an anderen internationalen Reformuniversitäten. Welche Vorbilder standen hier Pate?

Gerhard Gaedicke: Der Modellstudiengang übernimmt große Teile aus dem eigenen Reformstudiengang. Der Reformstudiengang basiert seinerseits auf Reformen in den Niederlanden, Großbritannien, Schweden, Kanada und den USA. Spricht man mit Studenten aus Reformstudiengängen darüber, was man besser machen könnte, ist der Ruf nach mehr Systematik unüberhörbar. Dem versuchen verschiedene Hybridmodelle Rechnung zu tragen. Solche gibt es an der Harvard Medical School in Boston und am Karolinska Institut in Stockholm. Zu beiden Institutionen unterhält die Charité enge Beziehungen. Aber auch in Deutschland wie etwa in Hannover, Heidelberg, München oder Dresden gibt es bereits Hybridcurricula.


F&L: 2005 hieß es in dem Abschlussbericht der BLK, der gesamte Unterricht an der Charité soll im Lauf der nächsten fünf Jahre "im Sinne des vom RSM beschrittenen Weges" umgestellt werden. Warum ist das bis heute nicht gelungen?

Gerhard Gaedicke: Die Frage bedarf einer Antwort, die die komplexe Situation berücksichtigt, in der sich die Berliner Hochschulen seit der politischen Wende befinden. Die Charité und die Westberliner Universitätskliniken mit dem Rudolf- Virchow-Klinikum und dem Benjamin- Franklin-Klinikum haben in dieser Zeit drei verschiedene Fusionen hinter sich bringen müssen. Die Einstellungen der verschiedenen Universitätsleitungen zum RSM waren sehr unterschiedlich. Nach dem Bericht des internationalen Advisory Board 2005 und dem BLK-Beschluss geschah zunächst nichts. Erst die unter dem jetzigen Prodekan für Lehre und Studium, Professor Manfred Gross, gegründete Curriculums-Kommission arbeitete zunächst an der Weiterentwicklung des RSM, die jedoch von der Mehrheit der Fakultät nicht getragen wurde. In dieser Lage hat die amtierende Dekanin, Professor Grüters-Kieslich, gemeinsam mit dem Prodekan eine Kommission beauftragt, einen Kompromiss für ein Curriculum zu erarbeiten, der von der Mehrheit der Fachvertreter akzeptiert wird. Aus den Vorarbeiten der Curriculums-Kommission und der inhaltlichen Zusammenarbeit mit Lehrstuhlinhabern ist das Konzept des Modellstudiengangs in seiner jetzigen Form entstanden. Wenn die Weiterentwicklung des Reformansatzes bei uns nicht einen solchen Verlauf genommen hat wie in Holland oder Großbritannien, dann lag das hauptsächlich an den hochschulpolitischen Besonderheiten Berlins. Die damit verbundenen Schwierigkeiten hat keiner vorhersehen können, weder der Senat, noch die Fakultät selbst, noch das internationale Advisory Board.

F&L: Kritiker behaupten, der Reformstudiengang sei viel zu aufwendig, um ihn für alle Studierenden anzubieten. Ist diese Kritik berechtigt?

Gerhard Gaedicke: Laut geltender EU-Richtlinie werden die Deputatsstunden für Studenten in einem Studiengang durch den Curricularen Normwert (CNW) festgelegt. Für das Medizinstudium sind die vorgeschriebenen 5 500 Unterrichtsstunden auf zehn Fachsemester und ein Praktisches Jahr verteilt. Daraus errechnet sich ein CNW von 8,2. Modell- und Reformstudiengänge dürfen einen zehn Prozent höheren Wert aufweisen. Der Berliner Reformstudiengang hat einen CNW von 8,29. Die Kritik ist also unberechtigt.

F&L: Gibt es Vergleiche dazu, welche Absolventen besser ausgebildet sind: die vom RSM oder die der Regelstudiengänge?

Gerhard Gaedicke: Im Progress-Test, den alle Studenten im RSM und RSG jedes Semester absolvieren müssen, beantworten die RSM-Studenten zehn bis 15 Prozent der Fragen mehr richtig. Auch im letzten Teil der Ärztlichen Prüfung schneiden sie im Vergleich zu ihren Kollegen im Regelstudiengang besser ab. Sie sind diesen überlegen in den praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten und in der Kommunikation und Interaktion mit Patienten. Auch die berufliche Zufriedenheit ist bei Absolventen des RSM höher als in der Vergleichsgruppe. 30 Prozent mehr abgeschlossene Doktorarbeiten zeigen, dass diese Absolventen gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen und wissenschaftlich zu arbeiten.

F&L: In Deutschland sind weitere Reform- und Modellstudiengänge in der Medizin entstanden. Hat der RSM vor diesem Hintergrund weiterhin Modellcharakter für die medizinische Ausbildung im 21. Jahrhundert?

Gerhard Gaedicke: Soweit mir bekannt ist, gibt es in Deutschland neben der privaten Universität in Witten-Herdecke und dem Modellstudiengang in Bochum, den Berliner Reformstudiengang mit einem fallbasierten, studentenzentrierten, integrierten, kumulativen Studiengang über zehn Semester. Ob der Wissenserwerb allein auf diesem Weg erfolgreich verläuft und reibungslos ins lebenslange Lernen führt, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Unzweifelhaft ist POL eine überaus wertvolle Methode, fallbezogen ärztliches und klinisches Denken einzuüben. Auch hat der RSM gezeigt, wie wichtig der klinische Unterricht und praktische Tätigkeit von Anfang an sind, um gerade das Grundlagenwissen im medizinischen Kontext sinnhaft zu erlernen, anzuwenden und zu behalten. Ärztliches Denken und Handeln, die Einstellung dazu, die Kommunikation mit den Patienten - all das muss von Beginn an gelernt werden. Kommt es erst beim Eintritt in den Beruf, dauert es einfach zu lange, um die einzelnen fachspezifischen Kontexte zum ärztlichen Handeln zusammenzuführen. All diese Elemente sind Bausteine eines Modells aus dem RSM, das ständig weiterentwickelt sein will. Der RSM war die bisher mutigste Reform des Medizinstudiums auf deutschem Boden, auch mit internationalen Auswirkungen, vor allem in Europa. Im neu gegründeten "Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre und evidenzbasierte Ausbildungsforschung der Charité" soll nun Dieter Scheffners Arbeit fortgesetzt werden und somit sollen weiterhin von Berlin aus wichtige Impulse für eine moderne medizinische Ausbildung und Ausbildungsforschung gegeben werden.


Zur Person
Gerhard Gaedicke ist Professor für Kinderheilkunde und war bis zur Pensionierung Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie der Charité. Seither leitet er den Reformstudiengang Medizin.


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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