Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Die Kritik an Bisphenol A ist reine Ideologie"

Für ein Verbot von Bisphenol A fehle jede wissenschaftliche Grundlage, findet Helmut Greim.

"Die Kritik an Bisphenol A ist reine Ideologie"© TUM: Junge AkademieHelmut Greim ist Vorsitzender des Scientific Committee on Health and Environmental Risks
Nachrichten aus der Chemie: Am 30. September 2010 hat die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa entschieden, den Grenzwert für Bisphenol A nicht herunterzusetzen. Was sagen Sie zu dieser Entscheidung?

Helmut Greim: Die Entscheidung war richtig und das hat mich auch nicht überrascht. In der Efsa sitzen vernünftige Wissenschaftler.

Nachrichten: Was sagen Sie zur neuesten Entscheidung der EU-Kommission, Bisphenol A in Babyflaschen zu verbieten?

Greim: Die Entscheidung ist wissenschaftlich nicht begründbar.

Nachrichten: Warum gibt es seit Jahren so viel Diskussion um Bisphenol A?

Greim: Das frage ich mich auch. Ich glaube, es existiert eine gewisse Begeisterung darin, von Gefahren und insbesondere von gefährlichen Chemikalien umgeben zu sein. Wenn irgendjemand die Öffentlichkeit mal so weit gebracht hat, dass sie daran glaubt, dass eine Gefahr besteht, dann macht sich ein solches Gerücht selbständig und kocht ständig weiter.

Nachrichten: Man hat Bisphenol A im menschlichen Urin und Blut nachgewiesen. Ist das kein Grund, sich Sorgen zu machen?

Greim: Wir leben in einer Umwelt, in der Chemikalien existieren. Wenn Sie richtig hingucken, können sie jede Chemikalie im menschlichen Organismus finden. Bisphenol A ist nun mal ein extrem wichtiges Produkt für die Industrie. Es ist Teil von Kunststoffen, Epoxidharzen, Dosen und vielem anderem. Wenn ein Stoff überall vorkommt, werden natürlich auch geringe Mengen freigesetzt. Die Frage ist aber: Wie viel wird freigesetzt und wie hoch ist die Exposition?

Nachrichten: Und wie hoch ist bei Bisphenol A die Exposition? Werden die Mengen, die im Tierversuch Wirkungen auslösen, beim Normalmenschen erreicht?

Greim: Definitiv nicht. Im Tierversuch müssen sie den Versuchstieren einiges hineinschaufeln, damit es zu einem Effekt führt. Das sind sehr hohe Dosierungen, die beim Menschen gar nicht erreicht werden. Auf der anderen Seite scheidet der Mensch Bisphenol A viel schneller aus als die Ratte und akkumuliert es daher viel weniger. Und dazu kommt, dass die Wirkungsintensität des Bisphenol A im Vergleich zu den Östrogenen viel geringer ist: Die Konzentration müsste tausend mal so hoch sein, damit es wirkt.

Nachrichten: Warum werden immer wieder Tierversuche mit Nagetieren gemacht, wenn man weiß, dass das kein adäquates Modell für den Menschen ist?

Greim: Tierversuche können nur beweisen, dass eine Wirkung existiert. Wenn man im Tierversuch Bisphenol A gibt, dann kommt es zu Störungen des Hormonsystems. Das ist allerdings abhängig von der Dosis, und die wird beim Menschen nicht erreicht.

Nachrichten: Dass die hohen Konzentrationen beim Menschen nicht erreicht werden - ist das für Sie das ultimative Argument, dass Bisphenol A nicht schädlich ist?

Greim: Genau. Das ist die Grundwahrheit der Toxikologie: Es ist die Dosis, die ein Problem macht. Und wenn die Dosis nicht hoch genug ist, dann ist die Substanz eben nicht problematisch.

Nachrichten: Könnte Reach noch irgendetwas an der Bisphenol-A-Lage verändern?

Greim: Eher nicht. Bisphenol A wird sicherlich früher oder später bei unserem Risk Assessment Committee der Echa auf den Tisch kommen. Dann stufen wir zunächst nur die Stoffeigenschaften ein, nicht, ob die Substanz ein Risiko darstellt. Möglicherweise heißt es dann, Bisphenol A ist eine reprotoxisch wirkende Substanz und für eine Restriktion oder eine Autorisierung zu bewerten. Aber dann folgt eine Risikoabschätzung. Und das wird vermutlich zu keinen Regulierungen führen.

Nachrichten: Gibt es eine Lösung zur langwährenden Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern des Bisphenol A? Kann man sich einigen?

Greim: Ich bin dagegen, dass man sich einigt. Entweder glaubt man an Wissenschaft oder an Ideologie und Hokuspokus. Von der Wissenschaft her ist das Thema durch. Aber es gibt Leute, die es auf ihre Fahnen geschrieben haben, irgendeine Chemikalie zu verdammen. Sie setzen alles dran, um das zu beweisen, egal mit welchen Mitteln. Die Presse ist begeistert, diese Befürchtungen aufzunehmen und weiterzugeben. Kurzum: Mit den Gegnern des Bisphenol A kann man sich nicht einigen.

Über den Autor
Helmut Greim ist seit dem Jahr 2004 Vorsitzender des Scientific Committee on Health and Environmental Risks, welches die Generaldirektion Gesundheit der europäischen Kommission berät. Seit dem Jahr 2008 sitzt er im Risk Assessment Committee der European Chemical Agency (Echa). Er war zudem Vorsitzender des GDCh-Beratergremiums für Altstoffe.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Februar 2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote