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"Die Politik hat Fehler gemacht"

VON JAN-MARTIN WIARDA

Bildungsministerin Annette Schavan über Versäumnisse bei der Bologna-Reform, ihr Verständnis von Bildung und die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems.

"Die Politik hat Fehler gemacht"© BMBFBildungsministerin Annette Schavan zur Bologna-Reform - ein Rückblick und ein Ausblick auf die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems
DIE ZEIT: Frau Ministerin, ist Humboldt tot?

Annette Schavan: Nein, wenn damit die Überzeugung gemeint ist, wonach Bildung durch Wissenschaft auch im 21. Jahrhundert zum Selbstverständnis der Universität gehört.

ZEIT: Die Gegner der Studienreform sehen das anders. Sie sagen, Bologna habe Humboldt auf dem Gewissen.

Schavan: Das ist mir zu einfach. Richtig ist: Es ist an der Zeit, eine neue gesellschaftliche Debatte über den Wert und das Wesen von Bildung zu beginnen, und zwar unabhängig von ihrer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Man hat sich beim Umbau der Studiengänge zu lange auf formale Aspekte konzentriert und versäumt, die entscheidende Frage zu beantworten: Was bedeutet Bildung durch Wissenschaft, das alte Humboldtsche Ideal, für die Hochschule des 21. Jahrhunderts?

ZEIT: Und, was bedeutet es?

Schavan: Neu hinzugekommen ist der Anspruch, die Studenten auf ihr Berufsleben vorzubereiten. Das ist die Anforderung an jedes akademische Studium, und das ist gut so. Doch ein Hochschulstudium muss eben, und jetzt komme ich zum klassischen Teil, vor allem Raum geben zur Gestaltung der eigenen Bildungsbiografie. Bildung führt nicht nur zur Ansammlung von Wissen und Kenntnissen; Bildung prägt die Persönlichkeit und führt zur Veränderung von Einstellungen, Bildung führt zu Urteilskraft. Was passiert, wenn nur noch Fakten und Fertigkeiten vermittelt werden, konnten wir unlängst bei den Absolventen einiger wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge und ihrem Verhalten in der Finanzkrise sehen.

ZEIT: Und das aus Ihrem Munde. Ihre Kritiker sahen Sie bislang eher an der Vorfront einer immer weiter gehenden Ökonomisierung des Hochschulstudiums. Vor drei Jahren, auf dem Höhepunkt des Bildungsstreiks, haben Sie jene, die gegen die Bologna-Reform protestierten, als »Gestrige« bezeichnet.

Schavan: Zu Recht. Erst die Reform hat die Studierneigung spürbar erhöht, Abiturienten gerade aus bildungsfernen Elternhäusern haben mehr Lust auf ein Hochschulstudium bekommen. Die technischen Fächer haben wieder Zulauf. Kurzum: Bologna war die richtige Antwort auf die Herausforderungen einer Gesellschaft, in der nahezu 50 Prozent eines Jahrgangs studieren und die nur durch eine möglichst hohe akademische Qualifikation möglichst vieler international bestehen wird. Alles in allem ist die Bologna-Reform eine Erfolgsgeschichte. Aber das hindert uns nicht, die noch vorhandenen Defizite anzugehen. Wir haben zu viel über Strukturen und zu wenig über Inhalte und Ziele von Bildung diskutiert. Wir haben bei all der Spezialisierung den Raum für das große Ganze eingeengt. Es geht um die Begeisterung für das Neue, das Unbekannte.

ZEIT: Eine späte Erkenntnis.

Schavan: Die Hochschulen haben von Anfang an Wert darauf gelegt, die Reform möglichst eigenständig zu gestalten. Und natürlich gibt es auch viele gute Beispiele für neue Studiengänge, in denen Bildung und Ausbildung zusammengebracht worden sind. Mir aber geht es darum, dass wieder klarer wird: Zur Universität im 21. Jahrhundert gehört der Anspruch von Bildung durch Wissenschaft. Es geht nicht um Einzelbeispiele, es geht um das Kernverständnis der Universität.

ZEIT: Verantwortlich für die Missstände sind also die anderen, nicht die Bildungspolitiker?

Schavan: Auch die Politik hat Fehler gemacht. Es ist Ende der neunziger Jahre, also ganz am Anfang der Reform, die Chance verpasst worden, die inhaltliche Dimension von Bologna gleichberechtigt in der Agenda zu verankern. Als der Umbau dann losging, war es erst mal zu spät. Die Hochschulen waren mit den Strukturfragen vollauf beschäftigt - und sie haben diese große Aufgabe gut bewältigt. Jetzt sind 85 Prozent der Studiengänge auf die neuen Abschlüsse umgestellt, und die Gelegenheit zur inhaltlichen Debatte ist wieder da.

ZEIT: Sind Inhalt und Form überhaupt zu trennen? Liegt das Kernproblem nicht im sturen Beharren auf dem sechssemestrigen Bachelor und im ewigen Credo, Bachelor und Master zusammen dürften nicht länger als zehn Semester dauern?

Schavan: Es mag in sieben oder acht Semestern leichter sein, mehr Raum für Reflexion unterzubringen. Doch das kann im Umkehrschluss nicht heißen, dass sechssemestrige Bachelorprogramme eine bildungsfreie Zone sein dürfen.

ZEIT: Warum also nicht den Acht-Semester-Bachelor zur Regel machen?

Schavan: Davor kann ich nur warnen. Schließlich ist es erst ein paar Jahre her, dass wir zu Recht die überlangen Studienzeiten beklagt haben und die sogenannten ewigen Studenten. Die anspruchsvolle Aufgabe für die Hochschulen wird sein, das richtige Verhältnis zwischen Allgemeinbildung und Spezialisierung im Studium zu finden, ohne sofort wieder auf die Struktur zu schielen.

ZEIT: Wie soll das denn funktionieren?

Schavan: Meines Erachtens sollte der Bachelor ein breites Fundament an Wissen schaffen über wissenschaftliche Methoden, über grundlegende Erkenntnisse in der eigenen und in fremden Disziplinen und dabei Zeit lassen, über das Wie und Warum nachzudenken. Ein Bachelorabsolvent wäre dann in viele Richtungen anschlussfähig: Entweder er macht einen Master und spezialisiert sich in einem bestimmten Wissenschaftsfeld, oder er bewirbt sich auf eine Stelle und eignet sich das dafür nötige Spezialwissen an.

ZEIT: Der Bachelor für das Allgemeine, der Master für das Spezielle?

Schavan: So sehe ich das, ja. Aber die Politik gibt keine Curricula vor.

ZEIT: Was dann?

Schavan: Sie gibt Impulse. Ein Beispiel ist der bereits laufende Qualitätspakt Lehre, in dem wir besonders gelungene Modelle fördern, vor allem in der Orientierungsphase zu Beginn des Studiums. Zudem werde ich einen hochrangig besetzten Expertenrat mit Hochschullehrern aller Fakultäten einberufen; Persönlichkeiten, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigen, wie sich Humboldt und Bologna miteinander verbinden lassen. Darunter der Theologe Christoph Markschies, der Erziehungswissenschaftler und Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen und der Ingenieur Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen. Ich wünsche mir, dass sie bis zur Nationalen Bologna-Konferenz im Herbst Vorschläge erarbeiten.

ZEIT: Währenddessen stöhnen die Hochschulen unter der Überfüllung. Wollen Sie mit der Diskussion über Inhalte von materiellen Problemen ablenken?

Schavan: Warum sollte ich das? Der Bund hat in der bis 2015 laufenden zweiten Phase des Hochschulpaktes Milliarden bereitgestellt, damit die Länder zusätzliche Studienplätze schaffen können.

ZEIT: Das Geld dürfte aber zwei Jahre vor der Zeit aufgebraucht sein. Das lässt zumindest eine neue Studienanfänger-Prognose der Kultusminister befürchten. Müssen Sie jetzt nicht nachlegen?

Schavan: Es wäre schön, wenn alle Länder zunächst ihren eigenen Anteil am Hochschulpakt erfüllen würden, anstatt schon wieder Forderungen in die Debatte zu werfen. Aber sicher ist, der Bund wird die Studienanfänger auch morgen nicht im Stich lassen. Klar ist auch, dass Bund und Länder zu gegebener Zeit die dritte Phase des Hochschulpaktes für die Jahre 2015 bis 2020 verhandeln werden. Ich habe nichts dagegen, dass dann auch Masterstudienplätze eine Rolle spielen. Solche Verhandlungen werden aber nur gelingen, wenn die Länder deutlich machen, dass sie die Kofinanzierung sicherstellen.

ZEIT: An der grundsätzlichen Schieflage ändert das nichts. Die Länder, die für die Bildung zuständig sind, bekommen nicht genug Steuern, während der Bund, der das Geld hat, sich heraushalten muss.

Schavan: Der Bund hält sich nicht heraus. Schon beim Hochschulpakt reizen wir die Grenzen der Verfassung aus. Der Bundesrat hat dieses Thema angepackt, meine Aufforderung an alle ist: Statt ewig über die große Föderalismusreform zu diskutieren, lasst uns jetzt das tun, was möglich ist. Mir erscheint eine Mehrheit für die Abschaffung des »Kooperationsverbotes« im Bereich der Wissenschaft greifbar nahe. Ziel muss sein, dass der Bund nicht nur wissenschaftliche Vorhaben, sondern auch Einrichtungen fördern darf. Aber es geht noch um viel mehr als das: die Neugestaltung des Wissenschaftssystems für die Zeit nach der Exzellenzinitiative.

ZEIT: Sie sprechen neuerdings oft von dieser Neugestaltung. Dahinter steckt die immer gleiche Frage, wie man mehr Bundesgelder dauerhaft an die Hochschulen bekommt. Doch das Gesamtbild dessen, was Ihnen vorschwebt, bleibt im Dunkeln. Was ist etwa mit den »Bundesuniversitäten«, deren Gründung Sie angeregt haben? Soll da eine deutsche Ivy League entstehen, die aus dem Kreis der Exzellenz-Unis gekürt wird?

Schavan: Der Begriff Bundesuniversität passt nicht. Es geht um die Schaffung konkurrenzfähiger Institutionen in gemeinsamer Trägerschaft von Bund und Ländern, um Leuchttürme mit internationaler Ausstrahlung. In der Tat könnte das auf dem Boden der Exzellenzinitiative geschehen. Ein Beispiel dafür ist der Zusammenschluss zwischen der Berliner Universitätsmedizin, der Charité, und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, einer bundesfinanzierten Helmholtz-Einrichtung, die wir gerade vorantreiben.

ZEIT: Jene Hochschulen, die in der Exzellenzinitiative nicht zum Zug gekommen sind, befürchten also zu Recht, auf Dauer abgehängt zu werden?

Schavan: Ich nehme solche Ängste ernst. Darum muss zu den eben skizzierten Zusammenschlüssen noch eine zweite Form der Bundesförderung kommen.

ZEIT: Sie meinen für die zweite Liga?

Schavan: Nein, für die erste Liga, die in vielen Unis überall in Deutschland vorhanden ist. Es wäre psychologisch verheerend, wenn man die Botschaft vermittelte, universitäre Spitzenforschung sei nur noch an wenigen Standorten möglich. Ein Beispiel: An der Uni Bremen gibt es das Marum, ein Zentrum für Meeresforschung, ein echtes Juwel. Aber das Land Bremen geht finanziell schweren Zeiten entgegen.

ZEIT: Also lösen Sie es aus der Universität heraus und schlagen es einer vom Bund finanzierten Forschungsorganisation zu?

Schavan: Eben nicht! Was stimmt, ist, dass viele Bundesländer lange Listen mit Instituten erstellen, die sie an eine vom Bund geförderte Forschungsorganisation abgeben möchten. Doch für mich sind die Hochschulen selbst das Rückgrat des Wissenschaftssystems. Darum schlage ich vor, dass Politik und Wissenschaft gemeinsam Forschungsfelder definieren, die für uns von nationaler Bedeutung sind, und schauen: Wo sind Institute innerhalb von Universitäten, die aufgrund ihrer Exzellenz eine Co-Förderung durch den Bund verdienen? Solche Themen könnten etwa Meeresforschung oder Klimawandel sein.

ZEIT: Der Bund als Pate einzelner Uni-Institute?

Schavan: So könnte man es sagen. Entscheidend dabei ist, dass die Länder ihr Engagement für die Wissenschaft auf hohem Niveau fortsetzen. So verhindern wir, dass der Einstieg des Bundes zum Ausstieg des jeweiligen Landes und damit zum Nullsummenspiel führt. Indem wir für Deutschland insgesamt wichtige Forschungsfelder definieren und mehrere Institute auf diesem Gebiet fördern, schaffen wir zudem neue Formen der Verbünde, der Kooperation zwischen den beteiligten Instituten und über Universitätsgrenzen hinweg.

ZEIT: Wer aber entscheidet, welches Uni-Institut einer Bundesförderung würdig ist? Gilt wieder das Prinzip Gutsherrenart, das Ihnen Kritiker bereits für die Fusion von Charité und Max-Delbrück-Centrum vorwerfen? Die Bundesministerin entscheidet nach eigenem Belieben?

Schavan: Das stimmt nicht. Die Charité genießt ein hohes Ansehen weit über Berlin und Deutschland hinaus. Es gab jede Menge wissenschaftliche Gründe, aus denen ein solches Zusammengehen genau dort und genau jetzt sinnvoll ist. Aber es ist richtig, dass die Neugestaltung des Wissenschaftssystems längst begonnen hat. Darum brauchen wir jetzt eine neue Systematik, wir brauchen Kriterien, wo und auf welche Weise sich der Bund künftig in den Ländern engagieren soll.

ZEIT: Und von wem sollte die kommen?

Schavan: Der Wissenschaftsrat hat zu dieser Frage eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Sie wird aus der Wissenschaft heraus Vorschläge zur künftigen Zusammenarbeit von Bund und Ländern machen und könnte dabei auch besagte Forschungsfelder definieren. Die Politik darf und will sich keine Deutschlandkarte nehmen und hier- oder dorthin deuten. Wir vertrauen der Wissenschaft und sind bereit, mit ihr gemeinsam neue Wege zu gehen.


Aus DIE ZEIT :: 23.02.2012

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