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"Die Politik muss die Zügel anziehen"

Interview: Jan-Martin Wiarda

Niedersachsens Wissenschaftsminister Stratmann will das Bachelorstudium verlängern - und den Zugang zum Masterstudium beschränken.

"Die Politik muss die Zügel anziehen"© lutzstratmann.deLutz Stratmann, CDU, Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen
DIE ZEIT: Sie haben ein Positionspapier zur Reform der Bologna-Reform verfasst. Wie wäre es zur Abwechslung einmal mit Handeln angesichts der tief greifenden Probleme?

LUTZ STRATMANN: Genau darum geht es. Wir müssen jetzt handeln. Und dazu möchte ich einen Anstoß geben, damit möglichst alle Bundesländer gemeinsam vorgehen - bevor es zu spät ist.

ZEIT: Warum machen Sie nicht einfach die ganze Reform rückgängig, anstatt weiter herumzudoktern?

STRATMANN: Weil die Ziele hinter dem Bologna-Prozess ohne Wenn und Aber richtig sind. Das Problem ist, dass wir sie nicht erreicht haben. Beispiel Internationalität: Wir wollten unsere Abschlüsse europaweit vergleichbar machen und den Studentenaustausch erhöhen. Jetzt ist sogar der Wechsel von Hannover nach München kaum mehr möglich. Und dann war da das zweite, vielleicht noch wichtigere Ziel: das Studium so auszurichten, dass es auf den sich rapide wandelnden Arbeitsmarkt vorbereitet.Der Bachelor sollte Grundlagenwissen und Methodenkompetenz vermitteln, um mit der steigenden Informationsflut umgehen zu können. Das Gegenteil ist passiert: Der Bachelor bringt teilweise noch extremere Spezialisten hervor als die alten Abschlüsse, die Stofffülle ist gewaltig, die Prüfungsdichte aberwitzig. Wir verstellen den jungen Leuten ihren breiten Horizont.

ZEIT: Was ist schiefgelaufen?

STRATMANN: Wir als Politiker haben den Hochschulen zu viel zugetraut.

ZEIT: Sie meinen: Die Politik hat die Hochschulen bei der Umsetzung im Stich gelassen.

STRATMANN: Wir haben ihre Autonomie respektiert und gefördert. Wir haben aber verkannt, dass die Hochschulleitungen oft gar nicht in der Lage waren, eine vernünftige Reform gegen die Vielzahl von Einzelinteressen und Gremien durchzusetzen. Vielfach haben die Lobbyisten der Teildisziplinen triumphiert, die ihre Inhalte in allen infrage kommenden Modulen bis ins Detail unterbringen und abgeprüft sehen wollten. Darum muss die Politik die Zügel wieder stärker in die Hand nehmen.

ZEIT: Sie wollen also einen Prozess, der bereits überreguliert ist, durch Regulierung von oben in Ordnung bringen.

STRATMANN: Die Reform ist nicht überreguliert, das ist es ja gerade: Bislang haben wir nicht genug Vorgaben gemacht.

ZEIT: Wo denn zum Beispiel?

STRATMANN: Wir hätten stärker darauf drängen sollen, dass mehr achtsemestrige Bachelorprogramme entstehen. Sämtliche Hochschulen in Niedersachsen haben beispielsweise das Architekturstudium auf sechs Semester beschränkt. Jetzt fragt mich die Architektenkammer, was sie mit Absolventen eines sechssemestrigen Bachelors anfangen soll, der keinen Master macht. Da kann ich nur sagen, dass das eine sehr berechtigte Frage ist.
ZEIT: Und warum ist das so gekommen?

STRATMANN: Weil die Architekten den Hochschulen nicht deutlich gesagt haben, was sie erwarten. Und weil umgekehrt die Hochschulen, gerade die Fachhochschulen, die Tendenz zu Studien strukturen haben, die unbedingt noch einen Master erfordern. Dahinter steckt die Angst, dass der Bachelor aus der Sicht der Personalchefs nichts wert ist und nur der Master die Wertigkeit garantiert, die Diplom oder Staatsexamen hatten.

ZEIT: Das stimmt doch auch für viele Fächer.

STRATMANN: So wie viele Bachelorstudiengänge zurzeit gestrickt sind, also vor allem konsekutiv, ja. Darum sollten Hochschulen mit den Praktikern reden, bevor sie ein neues Programm auflegen. Sie sollten potenzielle Arbeitgeber nach ihren Erwartungen fragen. Dass die Vermittlung breiter Wissensgrundlagen dann eher sieben oder acht Semester erfordert als sechs, ist wahrscheinlich.

ZEIT: Nach der Bologna-Logik dürfen konsekutive, also aufeinander aufbauende Bachelor- und Masterprogramme nicht länger als insgesamt fünf Jahre dauern. Eine weitgehende Umstellung auf Acht- Semes ter-Bachelor würde bedeuten, dass für die Masterprogramme nur noch ein Jahr Zeit wäre.

STRATMANN: Wer sagt, dass wir hauptsächlich konsekutive Masterprogramme anbieten müssen? Wenn ich einen Bachelor für die Grundbildung möchte, brauche ich einen Master zur Spezialisierung, und der wird in vielen Fällen unter vier Semestern nicht zu machen sein. Also weg von der konsekutiven Gleichung. Hinzu kommt: Wenn alle Hochschulen nur konsekutive Programme anbieten und alle Studenten beide Abschlüsse anstreben, haben wir sogar eine Verlängerung der Regelstudienzeit im Vergleich zu früher. Das kann nicht sein.

ZEIT: Bestreiten Sie damit das Recht jedes Bachelorabsolventen auf einen Masterplatz?

STRATMANN: Wenn wir Bologna so machen wollen, wie Bologna gedacht ist, bedeutet das, dass die Mehrheit der Studiengänge mit dem Bachelor berufsqualifizierend enden sollte. Das gilt besonders für die Fachhochschulen. Ich kann dann immer noch einen spezifischen Master draufsetzen - etwa, um bei der Architektur zu bleiben, energetische Sanierung.

ZEIT: Die Frage ist, ob ich dann einen Studienplatz finde: Bachelorstudiengänge, wie Sie sie fordern, werden teurer - auf Kosten der Masterkapazitäten?

STRATMANN: Natürlich sind die finanziellen Ressourcen begrenzt. Ein Umsteuern beim Bachelor hat Konsequenzen für die Zahl der Masterplätze - es sei denn, wir nehmen Qualitätseinbußen in Kauf. Der Maßstab aller Dinge kann aber nur Qualität sein.

ZEIT: Für Sie hört das aus dem Grundgesetz abgeleitete Recht aufs Studium nach dem Bachelor auf?

STRATMANN: Laut Verfassung gab es auch bisher kein Recht, nach dem Diplom ein Zusatzstudium anzuschließen. Zum anderen haben wir doch längst Mas terquoten. Wer in Niedersachsen vom Lehramtsbachelor in den Master wechseln will, braucht eine Mindestnote von 2,5. Und die meisten Studenten und Professoren finden das richtig, weil sie sagen: Wer die 2,5 nicht packt, ist für den Lehrerberuf ungeeignet.
ZEIT: Wer unter 2,5 liegt, hat Pech gehabt?

STRATMANN: Es ist Unsinn, so zu tun, als sei das eine massive Verschlechterung zu früher. Wer die Zwischenprüfung nicht packte, ging ohne Abschluss nach Hause. Das ist heute anders: Nur weil ich zum Beispiel nicht Lehrer werden kann, stecke ich nicht in der totalen Sackgasse. Ich kann mich für andere Masterprogramme und Jobs bewerben. Per spek tivlosig keit sieht anders aus.

ZEIT: Spätestens jetzt werden alle Kritiker des Bologna- Prozesses sagen: Wir hatten doch recht. Ziel der Reform war von Anfang an die Dequalifizierung der Mehrheit der Studenten.

STRATMANN: De facto wäre das so, wenn sonst alles so bliebe, wie es ist. Statt jedoch über Masterquoten zu reden, muss zunächst der Bachelor neu gestaltet werden - damit er endlich ein vollwertiges Studienprogramm wird.

ZEIT: Der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz fordern seit Langem Mehrausgaben von rund 15 Prozent pro Student, um die Folgen der Reform bewältigen zu können. Hätte sich das in Ihrem Modell erledigt?

STRATMANN: Natürlich würden wir Wissenschaftsminister uns freuen, wenn wir die 15 Prozent bekämen. Doch wahr ist auch: Wir haben gerade ein 18-Milliarden- Euro-Wissenschaftspaket auf den Weg gebracht. Die 15-Prozent-Forderung stammt aus der Zeit vor der Finanzkrise.

ZEIT: Wie wollen Sie Ihre Ministerkollegen überzeugen, Reformen mitzutragen, die die Hochschulautonomie beschneiden und mehr Bürokratie bedeuten?

STRATMANN: Angesichts der Studentenproteste im Sommer bin ich optimistisch, was ihre Einsicht betrifft. Anderenfalls werde ich den Rahmen, den mir die bisherigen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz geben, für Niedersachsen stärker konkretisieren. Wir müssen Schluss machen mit der Verschulung. Ein akademisches Studium muss ein akademisches Studium bleiben.

Aus DIE ZEIT :: 10.09.2009

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