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"Die spinnen, die Schweizer" - Universitäten in Sorge über Schweizer Volksentscheid

von JOHANNES KABATEK

Nach dem Volksentscheid über die Verfassungsänderung zur Einwanderung ist die Welt perplex über die Schweiz - und auch die halbe Schweiz ist perplex darüber, dass dies geschehen konnte. Ein Erklärungsversuch, was in der Schweiz derzeit passiert.

"Die spinnen, die Schweizer" - Universitäten in Sorge über Schweizer Volksentscheid© krockenmitte - photocase.comAm 9. Februar entschied die Schweiz eine Verfassungsänderung zur Einwanderung
Das abgewandelte Asterix-Zitat, das der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner nach dem Schweizer Volksentscheid zur Einwanderung twitterte ("Die spinnen, die Schweizer"), löste in der Schweiz verschiedene Reaktionen aus: die einen wollten es genau umgekehrt sehen, dass da das kleine gallische Dorf gegen die EU rebelliert, die anderen fanden zumindest den Ton unangebracht, manche applaudierten sogar. Aber dass ein Volk - oder zumindest dessen knappe Mehrheit - einem kollektiven Wahnsinn erlegen sein soll, das scheint dann doch praktisch allen unwahrscheinlich zu sein, weshalb es vielleicht eher angebracht ist, nach rationaleren Erklärungen zu suchen für das, was da am 9. Februar in der Schweiz geschehen ist. Dabei möchte ich hier nicht die häufigsten Argumente wiederholen, die seitdem in der Schweiz in allen Medien und überall täglich diskutiert werden, sondern auf ein aus linguistischer Sicht zumindest für die Deutschschweiz zentrales Faktum hinweisen, das auch in akademischen Kreisen und innerhalb der Universitäten - die ohne Zweifel mehrheitlich gegen die Initiative gestimmt haben - keine unwesentliche Rolle spielt.

Einwanderungsland Schweiz

Sicherlich, hinter dem, was da auf ein simples Ja oder Nein reduziert wurde, steht eine komplexe Gemengelage von Faktoren, die nicht einfach nur auf den Zulauf zum Rechtspopulismus der Schweizerischen Volkspartei, von der die Initiative ausging, reduziert werden können. Die Schweiz ist zum massiven Einwanderungsland geworden; sie hat sich in den letzten Jahren rasend verändert und lebt in der Praxis nicht mehr nur in ihrer traditionellen Pluralität, sondern in der überall spürbaren Prägung durch Migranten. Das ist auch in anderen europäischen Ländern nicht anders, aber in der Schweiz gibt es eine Reihe von Faktoren, die hier hinzukommen, und die auch für das Urteil aus deutscher Sicht relevant sind. Die SVP wurde nicht müde, ein möglichst umfassendes Paket von Argumenten zu schnüren, um alle Kräfte für ihre Initiative zu bündeln: da waren südländisch aussehende unrasierte "Sozialschmarotzer" auf den Bildern zu sehen, die den braven Schweizern das Geld aus der Tasche zogen, da wurde mit der Kriminalität der Ausländer argumentiert, aber auch mit überfüllten Trams und Zügen, mit Staus auf den Straßen und den zubetonierten Alpen: so viele Menschen aus dem Ausland brauchen so viel Platz, machen sich breit und zerstören die schöne grüne Schweiz in ihrem Inneren.

Deutschsprachige Arbeitsmigranten

Gegen eine Gruppe wurde in der offenen Propaganda wenig gewettert, sie spielt aber in der Deutschschweiz eine zentrale Rolle: im Unterschied zum Rest Europas ist nämlich die Schweiz bekanntlich stark geprägt von deutschsprachigen Arbeitsmigranten, und dies nicht auf dem Bau oder im Servicebereich, sondern in den Chefetagen der Banken, in leitenden Funktionen im Gesundheitswesen, in der Industrie und nicht zuletzt in den Universitäten, bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern und bei den Professoren. Wie gesagt, im Umfeld der Universitäten wurde sicherlich mehrheitlich mit Nein gestimmt, weshalb erste Reaktionen der EU wie der Hinauswurf der Schweiz aus dem Erasmus-Plus-Programm auch als "Strafe für die Falschen" angesehen werden. Aber auch an den Universitäten herrscht zuweilen Unbehagen gegen zu viel Fremdes, in diesem Falle auch: gegen zu viele Deutsche.

Ist aber im Gegensatz zu Protektionismus und nationaler Präferenz nicht auch für die international agierenden, qualitativ hochwertigen Schweizer Universitäten das Prinzip der Bestenauswahl absolut vorrangig? Hierzu sind zunächst zwei Aspekte zu nennen: erstens ist das Wissenschaftssystem der Deutschschweiz, Österreichs und Deutschlands durch eine Reihe von Faktoren (Festhalten an Habilitation, Festhalten an Deutsch als Verwaltungssprache, Festhalten an gewissen Schultraditionen) in sich sehr homogen und erlaubt in seinem Inneren große Mobilität. Zugleich aber ist es durch eben diese inneren Homogenitätsfaktoren in vielen Fächern nach außen hin eher wenig geöffnet: es ist ein in gewisser Hinsicht protektionistisches System, in dem wirkliche Internationalität immer noch eher die Ausnahme ist. Der zweite Aspekt ist ein rein demographischer und ökonomischer: wenn die Schweiz als kleiner Teil dieses deutschsprachigen Systems die besten Arbeitsbedingungen bietet, so ist sie für Deutsche und Österreicher attraktiv; da aber Deutsche und Österreicher mehr als 17mal so viele sind wie die Deutschschweizer, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schweizer auf eine Professur in der Schweiz kommt, verschwindend gering.

Im Sinne der wirklich barrierefreien Bestenauslese wäre es nun für die Schweiz wie für Deutschland und Österreich sicherlich sinnvoll, die Hürden so weit wie möglich zu beseitigen, die wissenschaftlichen Protektionismus begünstigen, und für tatsächliche internationale Mobilität zu sorgen. Dann darf aber keinerlei nationales Argument mehr für die Bevorzugung oder für die Benachteiligung von Wissenschaftlern herhalten. Gerade zwischen Deutschen und Schweizern aber werden diese Argumente - oft verdeckt, aber doch spürbar - nicht nur aus Vorurteilen abgeleitet, sondern aus einem realen Missverständnis, einem interkulturellen und sprachlichen Unterschied, der viel schwerer wiegt, als oft angenommen. Sicherlich hat der Protektionismus der Schweiz zahlreiche Seiten, die durch viele Argumente gestützt werden: nicht nur rechtsstehende Schweizer stehen zu der erfolgreichen Schweizer Wirtschaft, zum Franken als Symbol der Unabhängigkeit, zur teuer bezahlten, aber spürbaren Lebensqualität, zur Skepsis gegenüber der globalisierten, anonymen Massenwelt. Aber die Sprache, das innigste aller Identitätsmerkmale, scheint mir oft zwischen Deutschen und Schweizern das eigentliche Problem zu sein.

Die Sprache

Deutsche und Schweizer "ticken" nämlich sprachlich in gewisser Weise entgegengesetzt, und dies führt immer wieder zu Spannungen. Während in Deutschland der Nationsaufbau im 19. Jahrhundert in die allgemeine Verbreitung einer Gemeinsprache auch als überregionale Sprechsprache gemündet ist, die - ein wenig dem französischen Modell folgend - die Dialekte in die Lokalität verwies, hat in der Schweiz die Schriftsprache nur sehr begrenzte Funktionen und ist praktisch jenseits von formalen Anlässen nie Sprechsprache. Ein Berner und ein Zürcher sprechen in ihren jeweiligen Mundarten miteinander, und es gehört zur Schweizer Sprachkultur, diese Asymmetrie als völlig normal anzusehen und auch in einem gewissen Rahmen zumindest passive Kenntnisse der anderen Dialekte zu haben. Auch in der globalisierten Welt gibt es also nicht nur das Modell sprachlicher großräumiger Einheitlichkeit. Treffen nun Deutsche und Schweizer aufeinander, so finden es die meisten Deutschen vollkommen normal, dass die Schweizer zum Hochdeutschen wechseln, obwohl dies für viele Schweizer eine eher künstliche, mitunter unangenehm anstrengende Situation ist. Es ist auch eine jener typischen hierarchischen Situationen, bei denen der eine sich an den anderen anpasst und somit derjenige, der sich nicht anpasst, in eine Rolle vermeintlicher Superiorität verfällt. Daher sprechen viele Schweizer - immer mehr und immer häufiger - mit ihren deutschen Kollegen in der Mundart; dies aber wird von den an sprachliche Akkommodation und Symmetrie gewöhnten Deutschen zumindest zu Beginn oft als künstlich, mitunter unangenehm und anstrengend empfunden - und es kann bei ihnen ein Gefühl sprachlicher Inferiorität auslösen, das sie im ihnen vertrauten Rahmen der deutschen Sprachgemeinschaft als ungerechtfertigt empfinden. Deutsche und Schweizer sind, um George Bernard Shaw zu paraphrasieren, gewissermaßen durch die gleiche (und eben doch nicht so gleiche) Sprache voneinander getrennt. So etwas ist nun in den Sprachen der Welt auch wiederum nichts so Ungewöhnliches, und das Aufeinandertreffen verschiedener Sprachkulturen führt vielerorts zu Konflikten. Dafür gibt es aber selbstverständlich auch Lösungen, und viele Deutsche in der Schweiz leben diese heutzutage aktiv.

Die Schweiz hat ein Erziehungssystem, das die sprachliche Sozialisation in der Mundart auch bei Kindern von Migranten garantiert. Erwachsene Migranten, die ohne Deutschkenntnisse in die Deutschschweiz kommen, werden ebenfalls zumeist in Mundart sozialisiert. Bleibt die "Problemgruppe" der erwachsen migrierenden Deutschen (und, in geringerem Maße auch Österreicher). Für diese nun kann die Lösung nicht in der Pflege und Bewahrung einer der Schweiz entgegengesetzten Sprachkultur liegen - denn die wäre ein ständiger Konfliktherd. Wenn Schweizer nach Deutschland kommen, akzeptieren sie im allgemeinen sofort die andere Sprachkultur und gewöhnen sich sehr schnell an, auch im Alltag auf Hochdeutsch zu kommunizieren. Wenn Deutsche in die Schweiz gehen, müssten sie ebenfalls entweder lernen, dass ihre sprachliche Varietät - und sei es fast dialektfreies Hochdeutsch - in der Schweiz auch nur ein Dialekt wie jeder andere ist und sie nicht mit Anpassung rechnen dürfen (man aber von ihnen auch keine Anpassung verlangt). Oder sie bleiben ihrer Tradition der Akkomodation treu und lernen eine lokale Varietät - eine Option, die immer mehr Deutsche in der Schweiz wahrnehmen und die ohne jeden Zweifel der effizienteste Schlüssel zu ihrer sozialen Integration ist.

Man könnte gegen diese Ausführungen einwenden, sie seien viel zu stark von nationalen Stereotypen geprägt und dass sie im Austausch von Wissenschaftlern, bei dem es um Wissen geht und nicht um Herkunft, keine Rolle spielen dürften. Selbstverständlich sind Wissenschaftler nicht als Fahnenträger einer Nation, sondern als forschende Individuen anzusehen. Aber Nationen existieren auch durch die Pflege ihrer kulturellen Unterschiede, und erst dann, wenn wir es als Individuen schaffen, diese kulturellen Unterschiede in ihrer Tiefe wahrzunehmen und zu respektieren, werden wir einander auch in unserer individuellen Einzigartigkeit anerkennen können. Nähe scheint oft mehr zu trennen als zu verbinden. Wenn bei aller Nähe das Unterschiedliche nicht verwischt wird, braucht es keine Kontingente oder Begrenzungen: Deutsche und Schweizer brauchen einander, und ungehinderte Mobilität ist ein Teil der wissenschaftlichen Freiheit.


Über den Autor
Professor Johannes Kabatek lehrt Romanistik an der Universität Zürich.

Aus Forschung & Lehre :: April 2014

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