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"Du, Frau Müller"

VON BURKHARD STRASSMANN

Die richtige Begrüßung erfordert viel Fingerspitzengefühl. Was zwischen "Du" und "Sie" alles schieflaufen kann, ergründet die Anredeforschung.

"Du, Frau Müller"© FotolEdhar - Fotolia.comDie Kenntnis der ortsüblichen Anredeform ist nicht nur in der Geschäftswelt entscheidend
Betriebsausflug. Man trinkt. Man lacht. Man verschlingt die Arme und trinkt Brüderschaft. Schon taumeln Abteilungsleiter und Pförtner singend und duzend durchs Lokal. Am nächsten Tag in der Firma dann der große Kater. Und die bange Frage: Muss ich den Chef und die Personalleiterin jetzt lebenslang duzen?

Die Duzbrüderschaft ist meist eine Einbahnstraße. Denn wer vom "Du" wieder zum "Sie" wechselt, handelt grob unhöflich. Er stößt den anderen von sich und zerstört die gemeinsam aufgebaute Kommunikationsbasis. Würde etwa Angela Merkel nach ihrem vertraulichen "Du" zu Obama bei dessen Deutschlandbesuch irgendwann wieder zum distanzierten "Sie" zurückkehren, wären weltpolitische Verwerfungen sicher. Andererseits lässt sich die Strategie der Kanzlerin, Konflikte durch Vertraulichkeit zu entschärfen, auch nicht auf jede Alltagssituation übertragen. Ein falsch platziertes "Du", etwa gegenüber einem Polizisten, kann laut Paragraf 185 StGB "ehrkränkend" wirken und teuer werden. Ganz schön verzwickt, unser verbales Höflichkeitssystem.

Zum Glück gibt es weltweit Soziolinguisten und Grammatiker, die über die Anrede forschen. Kürzlich kamen sie in Berlin zu ihrer ersten gemeinsamen Tagung zusammen. Wenige Wochen vor Obamas Besuch ging es da um "Du" und "Sie", um Anreden wie das unter alten Männern in Chile verbreitete "huevón" (dickes Ei), um die Veränderung der Höflichkeit und die bange Frage: Stirbt bei uns das Siezen aus?

Im globalen Trend läge es. Von überall her branden kräftige Du-Wellen an den deutschen Sprachraum. In den skandinavischen Ländern ist bereits jede spezielle Höflichkeitsform dem demokratischen "Du" gewichen. Selbst gekrönte Häupter dürfen geduzt werden. Auch in den Niederlanden wird quer durch die Hierarchien geduzt. Und im Internet ist das vermeintlich lockere, angelsächsische "you" ohnehin gang und gäbe. Das "Sie" scheint reif zu sein. Damit wären auch kommunikative Fallen wie das "Schnaps-Du" auf dem Betriebsausflug passé.

Doch Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der FU Berlin und Initiator der Tagung, ist anderer Meinung: "In Deutschland ist das Sie stabil." Dafür sprächen die historische Entwicklung der deutschen Sprache ebenso wie jede Menge Widerstände gegen den Trend. Der Du-Mainstream hat nämlich auch starke Gegenbewegungen. So ergab ein in Berlin vorgestellter Siez-Vergleich zwischen Leipzig und Mannheim, dass im Osten Deutschlands deutlich mehr gesiezt wird als im Westen. Insbesondere ältere Leipziger sprechen Fremde regelmäßig mit "Sie" an, während der Mannheimer viel flotter beim "Du" ist. Was im Osten Usus ist, fungiert im Westen allenfalls als Distanzsignal: Wir wollen erst mal Abstand halten! Simon erklärt das aus der DDR-Geschichte: Das "Du" im Osten war die Zwangsanrede unter Genossen; mit dem "Sie" konnte man Parteiferne signalisieren.

Aber auch im Westen finden sich Widerstandsnester, zum Beispiel unter Golfspielern. Sportler duzen sich meist. Doch auf dem Golfplatz geht man distanzierter miteinander um. Dort löst man den lästigen Anredekonflikt mit dem "Tages-Du". Man bietet dem Mitgolfer ein "Du" an, das nur für einen Tag gültig ist. So kann bei der Übernahmeverhandlung am Folgetag wieder knallhart gesiezt werden.

Ein anderes "Du" hängt von der Höhe über dem Meeresspiegel ab, in der angeredet wird: Bergsteiger duzen sich ab 1.000 Meter Höhe. Bei Grünau im Salzkammergut liegt auf genau 1.000 Metern Höhe der "Du-Stein" zur Erinnerung an diese Bergregel. Manchmal versteckt sich das "Sie" neben einer burschikosen Anrede. Beim "Hamburger Sie", dem man etwa in hanseatischen Pressehäusern begegnet, demonstriert man zugleich Respekt und kollegiale Nähe: "Könnten Sie den Text etwas nüchterner formulieren, Karl?" Dieses "Sie" in Verbindung mit dem Vornamen eignet sich auch hervorragend für die sogenannte asymmetrische Anrede: Der höher Stehende wird gesiezt und kann seinerseits mit einem solch "halben Sie" antworten. Lehrer gewähren Jugendlichen diese "asymmetrische" Anrede, bei der "von oben herab" anders gesprochen wird als "von unten nach oben".

Im Gegensatz dazu steht das gerne an Supermarktkassen gepflegte "Du, Frau Müller ..." Einer deutschösterreichischen Studie zufolge findet sich dieses "Kassiererinnen-Du" sogar im Hort der Titelsucht, dem österreichischen Beamtentum: Mit einem "Du, Herr Professor Gabriel" wird eine feinsinnige Doppelbotschaft ausgesandt, die Höhergestellten anderes signalisiert als den Kollegen.

So ist zwischen "Du" und "Sie" vieles im Fluss, was die Sache nicht eben einfacher macht. Das hat auch Horst Simon als Student erfahren. Als er von einem Professor der Amsterdamer Uni selbstverständlich geduzt wurde, duzte der junge Spund umstandslos zurück. Prompt gab es Ärger. An der konservativen Universität überwintert nämlich das niederländische Siezen. Und tritt erst da zum Vorschein, wo es um Respekt vor dem Alter geht.

Dass Deutschland dauerhaft ein Du-Land wird, ist schon deshalb nicht zu erwarten, da die deutsche Sprache historisch eine erstaunliche Vielzahl möglicher Anredeformen aufwies. Bis ins 18. Jahrhundert gab es hier allein fünf Anredepronomina: Du, Ihr, Er, Sie (Singular und Plural). Nimmt man den Majestäts- oder Doktorplural ("Wie geht's uns denn heute?") und das "man" hinzu, wird die Zahl der möglichen Fehlgriffe noch größer.

Zwar sind die meisten Spielarten der Anrede mittlerweile verschwunden; zuletzt schien es dem Siezen in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an den Kragen zu gehen. Infolge des studentischen Aufbruchs verschwanden damals nicht nur Talare und Krawatten, sondern auch die antiegalitäre Anrede. Hatten sich vorher wie selbstverständlich die Studierenden gesiezt, konnte oder musste man auf einmal sogar die Professoren duzen. Dennoch überdauerten auch sehr alte Anreden wie das "Ihr" alle Moden. Das Ihrzen kennt man noch in der Schweiz, speziell im Berndeutschen, im niederdeutschen Platt sowie unter Wolga- und Kasachstandeutschen. Dieses "Ihr" wird gern als Kompromiss zwischen "Du" und "Sie" benutzt, manchmal auch als alleinige Höflichkeitsform. Eine zweite Verwendung für das Ihrzen dient dem sozialen Frieden: Man benutzt das "Ihr" in der Anrede, wenn man einer womöglich kritisch klingenden Aussage die Schärfe nehmen will. "Habt Ihr keine Brötchen mehr?", sagt man beim Bäcker, um zu zeigen, dass man die Verkäuferin nicht persönlich haftbar macht.

Wie wichtig eine fundierte Kenntnis der ortsüblichen Anredeformen ist, müssen auch globale Konzerne immer wieder lernen. So ging etwa die lässige Strategie des Kaffeekochers Starbucks - jedermann beim Vornamen zu rufen, wenn sein Kaffee fertig ist - in Finnland nach hinten los. Finnen mögen es offenbar nicht, wenn ihr Vorname heraustrompetet wird. Das Duz-Möbelhaus Ikea wiederum macht hierzulande die seltsamsten Verrenkungen, weil die Mitarbeiter sich duzen müssen, die Werbung alle duzt - und die deutsche Kundschaft sich doch immer noch lieber von siezendem Personal beraten lässt.

Leider nicht vertreten auf der Berliner Tagung war übrigens Japan. Dabei hätten japanische Anredeforscher ungewöhnlich viel zu erzählen. Es gibt wohl kein anderes Land auf der Erde, das ein derart kompliziertes Regelwerk kennt. Die asymmetrische Anrede ist hier der Regelfall - mit dem ersten Wort wird gleich das hierarchische Verhältnis bestimmt. So erfordern verschiedene Berufe eine eigene Anrede, Positionen in der Firma ebenso. Ein Lehrer spricht ältere männliche Schüler speziell an. Für nahe Verwandte gibt es Sonderformulierungen. Und nicht mal Liebespaare verfügen über eine "symmetrische" Anrede auf Augenhöhe.

All das fehlerlos zu beherrschen ist Ausländern nahezu unmöglich. Dafür können Japaner im Gegenzug über unser Verzweifeln an der Frage, wie man ein Schnaps-Du wieder los wird, nur lachen.

Aus DIE ZEIT :: 27.06.2013

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