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"Du schaffst es!" - Förderung von Migranten


Von Martin Spiewak

Migranten helfen Migranten: Warum dieses Konzept im Förderunterricht so erfolgreich ist.

"Du schaffst es!" - Förderung von Migranten© Franz Pfluegl - iStockphoto.com
Wenn Yeldakur Okuyucu vor ihrer Klasse steht, dann fühlt sie sich mitunter an ihre eigene Schulzeit erinnert. Zwar ging es zu jener Zeit »etwas behüteter« zu, sagt die Lehrerin. Doch ihre Probleme damals waren die gleichen wie die ihrer heutigen Schüler: die vielen deutschen Wörter, die sie niemals zuvor gehört haben; die Eltern, die zu Hause nicht bei den Schulaufgaben helfen können. Seit acht Jahren unterrichtet Okuyucu an einer Grundschule im Essener Norden. Der Weg von der Arbeitertochter, die mit ihren Eltern als Baby in die Ruhrstadt kam, zur Akademikerin, die Kindern Lesen und Rechnen beibringt, war beschwerlich. Auf die Grund- folgte die Hauptschule, dann das Aufbaugymnasium und am Ende ein Abitur mit Ach und Krach. Fragt man die Deutschtürkin, wem sie den Aufstieg verdanke, dann ist die Antwort überraschend. Sie lautet nicht »der Schule« oder »meinem Fleiß«. Sie heißt »dem Förderunterricht der Universität Essen«. Ohne die Unterstützung, die ihr die Hochschule über Jahre - erst als Schülerin, dann als Studentin - zukommen ließ, »hätte ich es nicht geschafft«.

Lehrer gewinnen durch die Nachhilfe wertvolle Praxiserfahrung

Vor 35 Jahren begann das Programm, fast drei Jahrzehnte bevor internationale Schulstudien das systematische Scheitern von Migrantenkindern in deutschen Klassenzimmern dokumentierten. Mittlerweile hat der Essener Förderunterricht - finanziell unterstützt von der Stiftung Mercator - in drei Dutzend Städten Nachahmer gefunden. Denn das Konzept ist einfach und leicht zu übertragen: Kinder aus Einwandererfamilien erhalten kostenlose Nachhilfe durch Lehramtsstudenten. Den angehenden Pädagogen bringt der Unterricht - neben zehn Euro die Stunde - wertvolle Praxiserfahrung. Und den Schülern ermöglichen die Zusatzstunden häufig einen besseren Schulabschluss. »Wir haben von Anfang an stark auf das Abitur und das Fachabitur gezielt«, sagt die Programmkoordinatorin Claudia Benholz. Der Unterricht in der Universität soll die Schüler zum Studium ermutigen. Als Yeldakur Okuyucu im Englisch-Leistungskurs absackte, sagten die Lehrer ihr, sie solle die Schule besser beenden und sich einen Ausbildungsplatz suchen.

Die Helfer an der Uni gaben einen anderen Rat: »Du schaffst es, mach weiter, dann kannst du studieren.« Ihr gelang der Abschluss, sie entschloss sich, Lehrerin zu werden - und gab wenig später als Studentin selbst Förderstunden. 4000 Schüler haben die Kurse in Essen bislang besucht, gut die Hälfte von ihnen brachte es zur Hochschulreife. Damit gehört der Förderunterricht für Migranten nicht nur zu den ältesten Integrationshilfen der Republik, sondern auch zu den wirksamen. Dies wurde dem Projekt nun wissenschaftlich bestätigt. So etwas passiert selten. Kaum irgendwo gibt es so viele gut gemeinte Initiativen wie in der Migrantenförderung; einer Erfolgskontrolle aber stellen sich nur wenige. Einen solchen Ergebnisbericht haben am vergangenen Dienstag Forscher der Universität Bamberg vorgelegt. Drei Jahre lang begleiteten sie den Förderunterricht, befragten Schüler wie Lehrer. Ihre Expertise verkündet keine Sensationen, aber »sehr ermutigende Resultate«, wie Studienleiter Friedrich Heckmann sagt - und die Botschaft, dass sich viel bewegen lässt, wenn gute Ideen auf privates Engagement treffen. Denn rund die Hälfte der Schüler verbessern ihre Leistungen in einem Hauptfach um mindestens eine Note. Von den versetzungsgefährdeten Schülern können sogar fast alle in Deutsch eine Zensur gutmachen. Dabei haben Förderlehrer, die selbst ausländische Wurzeln haben, den größten Erfolg. Damit ist erstmals für Deutschland empirisch belegt, dass das sogenannte ethnic mentoring - Migranten helfen Migranten - besonders wirkungsvoll ist.


Das Erfolgsgeheimnis heißt: kleine Gruppen, motivierte Lehrer

Die Strategie, Pädagogen aus Einwandererfamilien als Vorbilder anzuwerben, sollte deshalb mit weit größerer Verve betrieben werden als bislang. Wenn Yeldakur Okuyucu türkischen Eltern ihre Geschichte erzählt, dann »leuchten bei denen die Augen«, sagt sie. Und schon als Förderlehrerin hörte sie von ihren Schülern den Satz: »Frau Okuyucu, ich will so werden wie Sie.« Wer mit Verantwortlichen an den verschiedenen Förderstandorten spricht, erfährt immer wieder, wie lernbegierig die Schüler sind. »Auch nach sieben Stunden Unterricht kommen die Jugendlichen freiwillig hierher und lernen zwei Stunden weiter«, sagt Herbert Weber, Projektmanager im Soldiner Kiez in Berlin-Wedding. Der Stadtteil ist bekannt. Als der Senat die Quartiere der Hauptstadt nach Einkommen und Bildungsniveau in eine Rangliste brachte, kam der Soldiner Kiez auf Platz 319, Schlusslicht. Webers Förderzentrum richtet sein Angebot an die Jugendlichen aus allen umliegenden Schulen. Nachmittags um drei öffnet er die Türen, wenig später sind alle Plätze besetzt. An dem einen Tisch üben drei Mädchen von der benachbarten Realschule für die Abschlussprüfung in Englisch, an einem anderen bereiten zwei Neuntklässler vom Gymnasium ein Referat vor. Überall sieht man Studenten Hausaufgaben kontrollieren, Vokabeln abfragen, Mathegleichungen erklären. »Frank, kommst du mal?«, heißt es, »Dirk, ist das richtig?« Auch der Besucher wird als Hilfslehrer in die Pflicht genommen. »Was heißt entschädigungslose Enteignung? «, fragt ein Mädchen. »Hat das irgendetwas mit kaputt machen zu tun?« Senap heißt sie und besucht die Hauptschule. Ihre Schwester sitzt gegenüber, der Bruder kommt wenig später.

Die Familie stammt aus Palästina, sieben Kinder sind sie zu Hause, zum Lernen ist kein Platz. Aber das ist nicht der wichtigste Grund, warum Senap hierherkommt. Immer habe jemand Zeit, sagt sie, nie heiße es: Das musst du doch eigentlich wissen. Was ihre Lehrer in der Schule nur schwer leisten können, individuell zu fördern, gehört hier zum pädagogischen Prinzip. Auf vier Schüler kommt ein Student. Seit drei Jahren erscheint Senap jeden Nachmittag. In Mathe stand sie einst vier, jetzt hat sie eine Zwei im Zeugnis. Friseurin wollte sie bislang werden, aber vielleicht reiche es ja zur Hebamme, sagt sie. 6500 Schüler profitieren zurzeit von den Zusatzstunden. Angesichts der Bildungsnöte von Einwandererkindern müssten es hundertmal so viele sein. Private Finanziers können dies nicht bezahlen. Schon heute geraten Förderzentren wie jenes in Berlin-Wedding in Existenznöte, wenn die Anschubfinanzierung der Stiftung Mercator ausläuft. »Hier ist der Staat gefragt«, sagt Friedrich Heckmann. Jede Schule mit einem hohen Migrantenanteil sollte den Studentenunterricht organisieren, fordert der Integrationsforscher. Ein flächendeckendes Angebot wäre nicht einmal unbezahlbar. Rund 500 Euro kostet die Nachhilfe pro Schüler und Jahr. Den Verwaltungsaufwand mitgerechnet, würde eine halbe Milliarde Euro reichen, um alle betroffenen Schüler zu erreichen. Doch schon der Betrag von 100 Millionen - finanziert vom Bund, der für Integration zuständig ist - würde kleine Wunder bewirken. Dass die notwendig sind, erlebt Yeldakur Okuyucu jeden Tag. Die Grundschullehrerin hat den Kontakt zum Essener Förderzentrum nie verloren. Wenn sie ihre Schüler nach der vierten Klasse entlässt, gibt sie ihnen den Rat mit auf dem Weg: »Wenn ihr später Probleme habt, geht zur Uni.«

Aus DIE ZEIT :: 26.03.2009