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"Eine tolle Figur, aber nichts dran"

Von Hans-Georg Wehling

Im 19. Jahrhundert war Baden- Württemberg noch eine Region, die den Menschen nicht genug bot, um zu überleben. Auswanderung war die Folge. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Inzwischen ist Baden-Württemberg ein Zuzugsland. Was sind die Gründe für diese außergewöhnliche Entwicklung? Ein Rückblick.

"Eine tolle Figur, aber nichts dran"© Baden-WürttembergLandkarte von Baden-Württemberg
Auch wer nicht das Eigenlob der Politik teilen mag - es stimmt einfach: Baden-Württemberg ist Spitze. Das gilt für nahezu alle verfügbaren Daten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Dieser Aufstieg war nicht vorgezeichnet. Für das 19. Jahrhundert ist für den gesamten Raum des heutigen Baden-Württemberg Auswanderung kennzeichnend, nach Osteuropa und Übersee, weil die Menschen hier nicht (über)leben konnten. Südwestdeutschland galt von seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten her als übervölkert, obwohl damals hier, verglichen mit heute, nur ein Viertel der Menschen lebten. Inzwischen ist Baden-Württemberg ein Zuzugsland, auch innerhalb Deutschlands. Für den Erfolg waren staatliche Anstrengungen vonnöten, als Infrastrukturpolitik und
als Erziehungspolitik.

Die naturräumliche Ausstattung legt alles andere als wirtschaftliche Prosperität nahe. Eine Industrie, die sich auf Kohle und Stahl gründete, war hier nicht möglich. Denn Bodenschätze und Energievorräte gibt es kaum: Edelmetalle im Schwarzwald, deren Ausbeutung bereits im Industriezeitalter unwirtschaftlich wurde; zudem Wasserkraft. Der Schwarzwald bot Holz, als Energiespender nutzbar, für Glasproduktion und Verhüttung, mehr jedoch als Exportartikel, über Murg und Kinzig und den Rhein hinunter nach Holland. Besonders schlecht ausgestattet war Württemberg, die Geländegestalt machte das Land zudem weitgehend verkehrsungünstig, während Baden den Vorteil hatte, an der Rheinschiene zu liegen. Die extreme politische Zersplitterung des Südwestens - wir haben hier den Musterfall deutscher Kleinstaaterei - war ein weiteres Entwicklungshemmnis. Dank Napoleon entstanden hier allerdings um 1800 leistungsfähige Mittelstaaten: Baden und Württemberg. Als Anachronismus erhalten blieben die beiden kleinen Hohenzollerischen Fürstentümer Hechingen und Sigmaringen, dank persönlicher Beziehungen zu Napoleon. Nachdem die Revolution von 1848/49 den Hohenzollern das Fürchten gelehrt hatte, übergaben sie ihre Herrschaft den preußischen Verwandten - was für das Land ein Vorteil war: Denn die ließen sich nicht lumpen, ein preußisches Schaufenster im Süden zu entwickeln.

Das neue Baden war von außen definiert worden, nach Umfang, äußerer Gestalt und politischem Zweck. Das Land sollte ein Sicherheitsgürtel sein entlang der französischen Grenze, von daher seine langgezogene Gestalt entlang des Rheins, von Konstanz bis Mannheim und weiter bis Wertheim am Main. An der schmalsten Stelle war das Land nur 20 km breit. Stephanie de Beauharnais, die Stieftochter Napoleons, die durch ihre Heirat mit dem künftigen badischen Großherzog die Grenze auch dynastisch absichern sollte, lästerte: "...que le pays etait d'une superbe taille, mais q'il lui manquait de l'embonpoint", eine tolle Figur also, aber nichts dran. Nach Fläche hatte sich das alte Baden vervierfacht, der Einwohnerzahl nach versechsfacht. Zugleich hatte man sich aber enorme Integrationsprobleme eingehandelt: Ehemalige österreichische und kurpfälzische Territorien, Klosterherrschaften, Adelsterritorien und Reichsstädte waren hinzugekommen, verbunden mit konfessionellen Problemen: Es gab Reformierte und Lutheraner, die Katholiken machten sogar zwei Drittel der Bewohner aus, und das bei einem protestantischen Herrscherhaus. Auch die Dialektlandschaft war zersplittert: vom Fränkischen und Kurpfälzischen im Norden bis zum Alemannischen im Süden.

Die Antwort der badischen Politik war eine konsequente Modernisierungspolitik: politisch, wirtschaftlich und sozial. Das neue Baden sollte zum "Musterländle" werden. Dazu gehörten einige technische Großprojekte, so die Rheinkorrektion unter Leitung von Johann Gottfried Tulla seit 1817, fortgeführt von Max Honsell. Damit sollte Sicherheit vor Überschwemmungen erreicht, vor allem Land gewonnen werden. Für die Schifffahrt verkürzten sich die Wege erheblich. Die Rheinbegradigung war nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein organisatorisches und logistisches Problem. Die Erfahrungen kamen anschließend dem frühen Eisenbahnbau zugute. 1843 bereits erreichte die Bahn von Mannheim aus die Hauptstadt Karlsruhe, 1845 Freiburg. Auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet wurden diese Erfolge wirkungsvoll unterstützt durch die Gründung des "Polytechnicum" in Karlsruhe 1825, der ersten Technischen Hochschule in Deutschland überhaupt, basierend auf den Erfahrungen der Grandes Écoles des benachbarten Frankreich. Dass sie unter dem Namen Universität Karlsruhe 2006 schon in der ersten Runde zur Eliteuniversität gekürt worden ist, zeugt von qualitativer Kontinuität.

Wo die natürlichen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg nicht gegeben sind, muss in Bildung und Forschung investiert werden. Dafür ist Württemberg ein Paradebeispiel. Von Natur aus ist es ein eher armes Land. Das hier übliche Erbrecht der Realteilung, wonach der Besitz unter den Geschwistern aufgeteilt wird, führte zu Besitzzersplitterung und kleinen Betrieben. Selbst Haus und Hausrat wurden geteilt. Damit erhöhen sich die Konfliktanlässe, die Lebensgrundlagen verschlechterten sich. In Reaktion darauf profilierte sich das protestantische Württemberg als Erziehungsstaat, der seinen Untertanen Arbeitsmotivation, Disziplin, Fleiß, Sparsamkeit, kurz: eine Systematisierung der Lebensführung beibringen wollte. Zum Erfolg trugen nicht zuletzt die Kirchenkonvente bei, bereits 1642 eingerichtet als lokale Sittengerichte, die unter Vorsitz von Pfarrer und Bürgermeister regelmäßig alle Undiszipliniertheiten unterhalb der Kriminalitätsschwelle aburteilten. Zur Disziplinierung von außen kam die von innen. Der Württemberg prägende Pietismus ließ ein bescheidenes und arbeitsames Leben als Gott wohlgefällig erscheinen: ein Ethos, das nach wie vor Unternehmer wie Arbeiter prägt. Um die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern, musste man sich etwas einfallen lassen. Nebenerwerb, mehr noch: Innovation waren (über)lebenswichtig, der schwäbische Tüftler entstand. All das waren gute Voraussetzungen für die aufkommende Industriegesellschaft, wobei allerdings die mangelnde Risikobereitschaft - angesichts der prekären wirtschaftlichen Verhältnisse nur allzu verständlich - einschließlich der Scheu, mit fremdem Kapital zu arbeiten, zunächst den wirtschaftlichen Aufstieg behinderten. Richtig in Gang kommen konnte der Prozess der Industrialisierung sowieso erst, als Energie transportierbar wurde. So gelang es 1891, über eine Strecke von 175 km Strom von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main zu transportieren. Dank der Lage am Rhein war Baden vor Württemberg begünstigt. Der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft gelang in Baden 1895, in Württemberg erst 1907.
Der Blick geht zunächst auf die industriellen Ballungsräume Stuttgart (wo rund 20 Prozent der Menschen des Landes leben), Mannheim und Karlsruhe. Doch übersehen werden darf nicht, welche enorme Gewerbedichte der südbadische Raum entlang der Grenze zur Schweiz aufweist. Hier hat bereits im 19. Jahrhundert, angesichts des sich abzeichnenden neuen deutschen Wirtschaftsraumes (Zollverein, Reichsgründung 1871), schweizerisches Kapital in Zweigwerke investiert: in unmittelbarer Nachbarschaft und von daher gut kontrollierbar. Genannt seien die Lebensmittelindustrie (Maggi/Singen, Suchard/ Lörrach) oder die auf Elektrizitätsversorgung angewiesene Aluminiumproduktion in Singen und Rheinfelden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ursprünglichen "Kornkammern" des Landes in Hohenlohe und Oberschwaben - beides Anerbengebiete, in denen nur einer erbte, mit einer effektiven Agrarstruktur in Folge - zunehmend industrialisiert. Neues konnte sich ansiedeln, weil der Konservatismus "alter" Industrien keine Entwicklungsbremse darstellte. Land war genug da, um den Flächenbedarf zu decken. Die Bevölkerung hatte zudem rund hundertfünfzig Jahre württembergische Arbeitserziehung genossen, vermittelt durch die Schulmeister, die wenigstens teilweise wie die Pfarrer an der Landesuniversität Tübingen studiert hatten. Die altwürttembergische Beamtenschaft ging ganz selbstverständlich davon aus, dass ihr Wertesystem, der Swabian way of life, der richtige Weg auch für die Neuerwerbungen sei. Kristallisationskerne für die industrielle Entwicklung konnten die zahlreichen ehemaligen Reichsstädte sein, die immer schon kulturelle und wirtschaftliche Mittelpunkte waren, wie Schwäbisch Hall, Ulm, Biberach, Ravensburg. Für die Anwerbung von Fachkräften waren die intakte Landschaft, die kulturellen Angebote, die Nähe von deutschlandweit bekannten touristischen Attraktionen (Bodensee, Allgäu, Schwarzwald) nicht ohne Bedeutung. Von der neuen Industrie gehen kaum Beeinträchtigungen der Landschaft aus, hightech ist eine im Wesentlichen saubere Industrie. Beispielhaft genannt seien die Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF), der Baumaschinen- Hersteller Liebherr in Biberach und an vielen weiteren Standorten in Oberschwaben oder die Feuerungstechnik von Weishaupt in Schwendi. Ganz neu entstanden ist zudem ein Pharma- Cluster in Oberschwaben, der von ratiopharm in Ulm und Rentschler in Laupheim, Böhringer-Ingelheim in Biberach über Vetter in Ravensburg bis zu Altana in Konstanz und Singen reicht. Vetter in Ravensburg ist einer der vielen, für Baden- Württemberg so typischen "hidden champions": Das Unternehmen gehört zu den dreien in der Welt, die sich auf "Aseptische Applikationstechnologie" (z.B. Einwegspritzen) konzentriert haben, mit Kunden von überall auf der Welt, sogar aus Japan. Der von den genannten Unternehmen betriebene Forschungsaufwand ist teilweise sehr hoch; kennzeichnend ist die enge Verbindung mit der Wissenschaft, vielfach hergestellt über Fachhochschulen und Berufsakademien in Standortnähe, für deren Ausstattung die Wirtschaft teilweise mit aufkommt. Das hat Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht: Kleinere Unternehmen in der Fertigungsbranche benötigen Fachkräfte und Hilfe für ständige Innovation.

Für die baden-württembergische Industrie insgesamt kennzeichnend ist die hohe Exportquote, denn nahezu jeder zweite Euro wird im Ausland verdient. Dabei dominieren drei Branchen: Automobilindustrie, die sich mit Daimler, Porsche und Audi (Standort Neckarsulm) auf das Hochpreissegment konzentriert; Maschinenbau (insbesondere Werkzeugmaschinen) und elektrotechnische Industrie (Büromaschinen, Datenverarbeitung, Elektrotechnik, Feinmechanik, Optik, Uhren). Aufgrund der Qualität der Produkte sind diese Branchen nur wenig von Währungsschwankungen betroffen. Zwar sind die "Flagschiffe" Großbetriebe, doch um sie herum blüht eine umfassende Zulieferindustrie, einschließlich unternehmensnaher Dienstleistungen, mit sehr unterschiedlicher Größe, sog. Cluster mit einer umfangreichen Wertschöpfungskette. Sozial stabilisierend wirkt die Pendlerstruktur des Landes; Krisen auf dem Arbeitsmarkt werden durch die dörfliche Integration mit Kleinbesitz ausgeglichen, eine segensreiche Folge der Realteilung. Insgesamt ist in Baden-Württemberg die Arbeitslosigkeit so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland: 4,3 Prozent im Jahre 2007. Mit 3,0 Prozent schneiden die Arbeitsamtsbezirke Schwäbisch Hall und Ravensburg besonders günstig ab, auch im Bereich des mittleren Schwarzwaldes (Rottweil, Villingen- Schwenningen) sind die Daten mit 3,4 Prozent bzw. 3,8 Prozent noch sehr gut: Die hier ursprünglich beheimatete Uhrenindustrie hat die Menschen gelehrt, mit geringem Materialaufwand und dem entsprechend niedrigen Transportkosten hochwertige Güter zu produzieren. Nicht zuletzt im abgelegenen Furtwangen ist in Kooperation mit der dortigen Fachhochschule ein Technologieschwerpunkt entstanden.

Angesichts der Globalisierung kann der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg bestehen. So führte der angesehene württembergische Maschinenbau- Unternehmer Berthold Leibinger an: "Wir sind hier und werden wohl auch mit unserem Unternehmen an diesem Standort in Baden-Württemberg bleiben, weil man hier wie nirgendwo sonst auf der Welt für jedes technische Problem im Umkreis von fünfzig Kilometern eine Lösung finden kann". Dem "Innovationsindex" zufolge liegt innerhalb der EU Baden-Württemberg an der Spitze der 68 Regionen, gefolgt von Berlin und dem Großraum Paris. Innerhalb Deutschlands liegt bei der Zahl der Patentanmeldungen Baden-Württemberg mit 121 je 100 000 Einwohner vorne, vor Bayern mit 115, bei einem deutschen Durchschnitt von 62 Patentanmeldungen; innerhalb Baden-Württemberg liegen die Regionen Stuttgart (180), Ostwürttemberg (159) und Bodensee- Oberschwaben (113) an der Spitze. Hier zeigt sich wiederum, dass die regionale Streuung ein Merkmal der baden-württembergischen Wirtschaft ist. Zu Recht stellt zudem Rüdiger Soldt von der Frankfurter Allgemeine Zeitung fest: "Die berufsnahe Bildung ist immer eine Stärke Baden-Württembergs gewesen, sie ist gewissermaßen das pädagogische Pendant zur mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur. Zu erkennen ist dies an den zahlreichen Berufsfachschulen und an den vielen, breit über das Land verteilten Fachhochschulen" (10. Januar 2008). Den Wissenschaftsstandort Baden-Württemberg machen seine neun Universitäten, 37 Fachhochschulen, acht Berufsakademien sowie Hochschulen in den Bereichen Kunst und Kommunikation aus; private Hochschulen kommen hinzu. 18 Prozent der deutschen Hochschulen sind in Baden-Württemberg angesiedelt (in Nordrhein- Westfalen 16 Prozent, Bayern 12 Prozent), 20 Prozent aller Max-Planck-Institute und 40 Prozent der Fraunhofer- Institute. Wie gut die baden-württembergischen Universitäten sind, hat die Exzellenzinitiative 2007 gezeigt: in der ersten Runde war die Universität Karlsruhe eine von drei Gewinnern, in der zweiten Runde waren es die Universitäten Heidelberg, Freiburg und Konstanz unter insgesamt sechs ausgezeichneten Hochschulen.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2008

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