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»Ernüchterung, Enttäuschung, Wut« - Zur Situation an Ägyptens Universitäten

INTERVIEW VON ARNFRID SCHENK

Die Hoffnungen nach der Revolution waren groß an Ägyptens Universitäten. Bislang waren sie vergeblich, sagt Michael Harms, Leiter des DAAD-Büros in Kairo.

»Ernüchterung, Enttäuschung, Wut« - Zur Situation der ägyptischen Universitäten© DAADBis heute hat die Revolution für Ägyptens Universitäten kaum eine Veränderung gebracht. Eine Einschätzung der Situation von Michael Harms, Büroleiter des DAAD in Kairo
DIE ZEIT: Viele Studenten und Dozenten haben sich von der Revolution auch große Veränderungen an den Universitäten erhofft. Dass sie demokratischer werden, unabhängiger. Haben sich ihre Hoffnungen erfüllt?

Michael Harms: An den allermeisten Universitäten des Landes wurden neue Präsidenten gewählt. Vor dem Sturz von Staatspräsident Hosni Mubarak wurden sie von der Regierung eingesetzt. Auch Dekane und Studentenvertretungen werden mittlerweile gewählt. Ein Stück weit sind die Universitäten also demokratischer geworden. Dass sie mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, würde ich allerdings bezweifeln. Um eine größere Autonomie nutzen zu können, brauchte es eine entsprechende ökonomische Basis, und um die ist es wie in allen anderen öffentlichen Gemeinwesen schlecht bestellt. Der große ökonomische Absturz kommt ja erst noch, die Wirtschaft ist um bis zu 30 Prozent eingebrochen, Regierung und Militärrat sind im großen Stil an die Währungsreserven gegangen.

ZEIT: Das ägyptische Bildungssystem hat seit Jahrzehnten einen schlechten Ruf. Liegt das nur an der chronischen Unterfinanzierung?

Harms: Die Probleme sind mannigfaltig. Natürlich sind die Hochschullehrer viel zu schlecht bezahlt. Die meisten haben mehrere Jobs oder müssen sich mit Nachhilfestunden über Wasser halten. Aber dazu kommt: Die rund zwanzig staatlichen Universitäten sind Massenbetriebe mit über 100 000 Studenten, die Cairo University hat über 200 000. Das stellt die Unis vor fast unlösbare Kapazitätsprobleme. Dann sind die Lehr- und Lernmethoden veraltet, und die Studieninhalte sind gekennzeichnet durch große Arbeitsmarktferne. Jährlich verlassen eine Dreiviertelmillion Absolventen die Unis, nur ein kleiner Teil davon findet einen adäquaten Job.

ZEIT: Der DAAD hat ja nach der Revolution sein Förderprogramm ausgeweitet. Was ist dazugekommen?

Harms: Wir haben die Fördermittel für Ägypten und Tunesien fast verdoppelt. Die Summe beträgt jetzt rund 13 Millionen Euro. Es gibt viele neue Programme, die mittelfristig angelegt sind, darunter Partnerschaften mit 17 deutschen Universitäten, die wir über drei Jahre finanzieren. Wir fördern Sommerschulen, Workshops, Konferenzen, kurzfristige Aufenthalte in beiden Ländern. Und wir haben zwei neue Studiengänge ausgeschrieben, einen davon für Geistes-/Sozialwissenschaften.

ZEIT: Bisher waren in Ägypten Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaften die prestigeträchtigsten Fächer. Erfahren sozialwissenschaftliche Studiengänge nach der Revolution jetzt eine Aufwertung? Politikwissenschaft müsste doch gefragt sein.

Harms: Für eine Einschätzung ist es noch zu früh. Wir stellen aber fest, dass das Interesse an unseren Journalismus- und Public-Policy-Programmen gestiegen ist.

ZEIT: Das neue Parlament wird dominiert von der Muslimbruderschaft und den ultrakonservativen Salafisten. Die Muslimbrüder stellen auch einen aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten. Wie wird sich das auf die Wissenschaft und die internationale Zusammenarbeit auswirken?

Harms: Man muss klar unterscheiden zwischen den Muslimbrüdern und den Salafisten. Unter den Muslimbrüdern gibt es einen pragmatischen Flügel. Die sind durchaus interessiert an internationalen Kooperationen, sie haben viele Ärzte und Ingenieure in ihren Reihen. Da ist eigentlich keine Abschottung zu befürchten. Anders verhält es sich bei den Salafisten - die haben eine andere Vorstellung von Wissenschaft und Forschung als wir. Aber sie sind auch nicht so stark vertreten im Parlament wie die Muslimbruderschaft.

ZEIT: Kürzlich wurden Mitarbeiter verschiedener ausländischer Nichtregierungsorganisationen, darunter auch die Konrad-Adenauer-Stiftung, angeklagt wegen angeblich fehlender Lizenzen und illegal ins Land gebrachter Gelder. Was bedeutet das für die Arbeit des DAAD?

Harms: Vielleicht müssen wir für den Moment mit Begriffen wie Demokratieförderung diskreter umgehen. Aber wir lassen uns nicht beirren und machen weiter wie bisher. Wir bauen auf unsere Partner, fördern die Zusammenarbeit nicht nur in Fächern wie Medizin oder Erneuerbare Energien. Ich halte die Strategie der Amerikaner, die in einen Drohmodus schalten und sagen: »Wenn ihr uns so behandelt, dann gibt es keine Hilfe mehr!«, zwar für verständlich, aber auch für riskant. Das könnte dazu führen, dass man das Land in eine Ecke drängt, in der man es nicht haben will, dass es sich abwendet vom Westen und in Richtung Golfstaaten schaut.

ZEIT: Droht Ägypten aufgrund der desolaten Lage ein wachsender Braindrain?

Harms: Es gibt Wissenschaftler, die jetzt ihre Optionen prüfen - welche Möglichkeiten habe ich im Ausland, wenn es weiter bergab gehen sollte. Aber es gibt bis jetzt keine Absetzbewegung. Die Schlacht ist auch noch nicht geschlagen. Es gibt durchaus die Möglichkeit, dass sich die Lage wieder beruhigt. Trotzdem ist die vorherrschende Stimmung Ernüchterung, Enttäuschung und hier und da Wut, weil sich die großen Hoffnungen nicht erfüllt haben. Das gilt vor allem auch für die einfachen Leute. Irgendwann braucht man mehr als Hoffnung, man braucht einen Job, ein Einkommen - und Brot.

Aus DIE ZEIT :: 12.04.2012

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