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»Es geht nicht ohne Verluste«

Das Gespräch führte GEORG ETSCHEIT

Das Maximum der Ölförderung sei erreicht, sagt der deutsche Energieforscher Werner Zittel. So viel wie heute wird die Welt nie wieder fördern.

»Es geht nicht ohne Verluste«© Werner ZittelWerner Zittel, Energieforscher, sieht das Maximum der Ölförderung, den Peak Oil, bereits erreicht
Die Spritpreise klettern und klettern. Grund sind nicht nur die politischen Unruhen im Nahen Osten oder wilde Rohstoffspekulationen. In der Spritpreis-Hausse sehen Experten bereits reale Knappheiten auf den weltweiten Ölmärkten abgebildet. Werner Zittel warnt seit Längerem vor dieser Entwicklung. Der Mann von dem unabhängigen Beratungsunternehmen Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH sitzt auch im Vorstand der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) in Deutschland.

DIE ZEIT: Mal heißt es, das Maximum der Ölproduktion sei überschritten, mal, dieser Peak Oil komme erst noch. Was stimmt?

Werner Zittel: Von 2000 bis 2005 hatten wir noch mal einen starken Anstieg der weltweiten Ölförderung, parallel zum Preisanstieg. Seither stagniert die Förderung, wir sind auf einem Plateau angekommen - und das, obwohl sich der Preis bis 2008 noch einmal verdreifacht hat. Das ist ein ganz starkes Indiz dafür, dass die Förderung nicht mehr ausgeweitet werden kann. Peak Oil ist jetzt.

ZEIT: Die Quellen versiegen also ...

Zittel: ... so weit ist es noch nicht. Doch der Stoff der Stoffe wird knapper. Alle großen westlichen Ölfirmen haben ihren Gipfel bereits hinter sich. Bei Shell etwa ist die Förderung seit 1998 um 30 Prozent gesunken. Über alle gerechnet, ergibt sich ein Rückgang um 15 Prozent seit 2004.

ZEIT: Immer wieder werden aber neue, große Funde bekannt gegeben. Macht das die Peak-Oil-Diskussion nicht obsolet?

Zittel: Umgekehrt ist es richtig. Um es plakativ zu sagen: In einem verlorenen Krieg wird immer besonders viel über erfolgreiche Schlachten berichtet.

ZEIT: Vor Kurzem konnte man aber etwas anderes lesen: Die USA könnten durch das Fluten tiefer Erdschichten, das sogenannte und hoch umstrittene Fracking, wieder zum Energieexporteur werden.

Zittel: Den Ölboom in North Dakota, wo Schieferöl gefördert wird, sollte man nicht überbewerten. Da werden mit maximalem Aufwand teils so kleine Mengen gefördert, dass sich oft nicht einmal eine Pipeline lohnt und das Öl mit Tankwagen abgeholt wird. Im Übrigen wird immer nur über angebliche Erfolge berichtet. Dass sich die Förderung in der Nordsee seit 2000 halbiert hat, interessiert offenbar niemanden.

ZEIT: Aber zumindest Erdgas soll es doch dank Fracking in rauen Mengen geben.

Zittel: Gas wird mit dieser Methode bislang in nennenswertem Umfang nur in den USA gefördert. Der aktuelle Boom ist vor allem Folge von unter George W. Bush gelockerten Umweltstandards. Wenn die Auflagen mal wieder erhöht werden, könnte das die Förderung schnell einschränken.

ZEIT: Auch bei uns in Europa soll bald »gefrackt« werden.

Zittel: Mal abwarten. Die Frage ist nicht, wie groß das theoretische Potenzial ist, sondern ob man es wirklich fördern kann, in welchem Zeitraum und zu welchem Preis. In dicht besiedelten Regionen ist das viel schwieriger als in Teilen Amerikas. Außerdem benötigt man fürs Fracking Unmengen an Wasser. Im trockenen Inneren Chinas, Australiens oder Argentiniens, wo es auch enorme Vorkommen geben soll, wird eine Förderung in großem Stil kaum möglich sein.

ZEIT: Warum setzen die Förderunternehmen dann so sehr darauf?

Zittel: Sie greifen nach jedem Strohhalm, um ihren Aktionären zu suggerieren, dass die Welt noch in Ordnung ist. Das sind Durchhalteparolen.

ZEIT: Könnte ein Einbruch der Weltwirtschaft für Entspannung und sinkende Preise sorgen?

Zittel: Die Wirtschaft wird sich in immer kürzeren Zeitabständen den Kopf an den hohen Energiepreisen stoßen. Dann fällt der Preis, später steigt die Nachfrage wieder an, woraufhin auch wieder der Preis steigt. Diese Krisen werden immer schneller aufeinander folgen. Auch die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise wurde vom hohen Ölpreis zumindest mit ausgelöst, weil der die Fähigkeit der US-Hausbesitzer schwächte, ihre Hypothekendarlehen abzuzahlen.

ZEIT: Was halten Sie davon, den Steueranteil an Kraftstoffen zu senken, um Benzin für die Bürger wieder erschwinglicher zu machen?

Zittel: In den USA hat der niedrige Steueranteil dazu geführt, dass die Gesellschaft fast ausschließlich aufs Auto setzt und der öffentliche Nahverkehr, anders als hierzulande, eine sehr viel geringere Bedeutung hat. Wollen wir das?

ZEIT: Es gibt auch Forderungen, die Pendlerpauschale zu erhöhen.

Zittel: Ich hielte das für kontraproduktiv. Die Preise signalisieren uns doch gerade, dass wir weg müssen vom Öl und von einer Mobilitätskultur, die auf motorisierten Individualverkehr setzt.

ZEIT: Was ist zu tun, um einen wirtschaftlichen Crash aufgrund Peak Oil zu verhindern?

Zittel: Wir müssen so schnell wie möglich Alternativen aufbauen. Parallel dazu müssen wir Energie sparen und sie effizienter einsetzen. Da ist technisch viel möglich. Am Ende wird es aber nicht ohne Verzicht gehen.

ZEIT: Böses Wort ...

Zittel: Mag sein, das kann man aber auch positiv sehen. Wenn die Raumüberwindung, wenn Transport also teurer wird, kommt es zu einer Entschleunigung. Das Leben in der Nahregion wird gegenüber dem Fernen aufgewertet. Das muss nichts Schlechtes sein.

Aus DIE ZEIT :: 06.09.2012

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