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»Es hieß, die kann was«

DAS GESPRÄCH FÜHRTE SILKE WEBER

Wie verändert man eine Männerdomäne? Ein Gespräch mit Nicola Lemken, die an der Spitze des Agrarmaschinenherstellers Lemken steht.

»Es hieß, die kann was«© Nicola LemkenNicola Lemken übernahm das Unternehmen ihres Vaters und ist nun Teilzeitchefin
DIE ZEIT: Frau Lemken, Sie können wahrscheinlich ziemlich gut Traktor fahren?

Nicola Lemken: Ja, klar. Die werden auch immer leichter zu fahren, weil mehr und mehr Elektronik Einzug hält. Man muss nur noch ein paar Knöpfe drücken, und los geht es. Die Herausforderung ist eher, das Gewicht zu balancieren, wenn hinten am Traktor schwere Maschinen hängen.

ZEIT: Sie meinen Sämaschinen, Eggen, Pflüge, die Ihr Unternehmen herstellt.

Lemken: Ja, diese Geräte funktionieren nur mit einem Traktor. Deswegen ist es wichtig, dass ich ihn auch fahren kann. Damit ich an das Gefühl eines Landwirts rankomme, begreife, welche Abläufe und Nöte er hat.

ZEIT: Sie leiten das Unternehmen in der siebten Generation. Ihr Ururururgroßvater gründete es, und Sie sind die erste Frau an der Spitze. Gab es früher keine Frauen, die die Führung hätten übernehmen können?

Lemken: Die ging ganz traditionell immer an die Söhne. Aber mein Vater hat nur ein leibliches Kind: mich.

ZEIT: Haben Sie ganz selbstverständlich den Chefsessel übernommen?

Lemken: Ganz so war es nicht. Ich studierte erst Betriebswirtschaftslehre und arbeitete dann als Angestellte in der Konzernbilanzierung für andere Unternehmen.

ZEIT: Bis Ihr Vater Sie fragte.

Lemken: Ja, das war auf einer Autofahrt von Frankreich. Wir kamen gerade von einer Pflugweltmeisterschaft. Da wird über drei Stunden eine Fläche gepflügt. Die Bauern fahren ganz langsam, es geht darum, auf der Ackerkrume eine möglichst präzise Furche zu ziehen. Das ist jetzt kein typischer Wettkampf, aber dabei entsteht durchaus Spannung. Das fand ich als Kind schon toll. Als mein Vater mich fragte, war ich schnell einverstanden. Darauf sagte er: »Aber dann musst du schrauben und drehen können.« Eineinhalb Jahre habe ich in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben und bei Landtechnikherstellern gearbeitet, stand in der Lehrwerkstatt neben den Auszubildenden, habe Metallstücke bearbeitet und Traktor fahren gelernt.

ZEIT: Haben Sie gleich in die neue Führungsrolle gepasst?

Lemken: Nicht sofort. Es hieß zwar, die kann das, die war auch auf dem Acker. Aber gerade als Tochter war ich in einer besonderen Rolle. In der Geschäftsleitung waren gestandene Manager, die alle 20 Jahre älter waren als ich. Da muss man sich Respekt verschaffen.

ZEIT: Wie haben Sie das geschafft?

Lemken: Das hat viel mit Kommunikation und Überzeugungsvermögen zu tun. Wenn ich etwas durchsetzen möchte, suche ich mir Allianzen, spreche erst mit dem einen, dann mit dem anderen und versuche so, alle mitzunehmen.

ZEIT: Wenn die Rede davon ist, wie Frauen die Wirtschaft verändern, heißt es immer, sie brächten eine andere Perspektive mit, kommunizierten mehr im Team und gingen weniger Risiken ein als Männer. Was hat sich in Ihrem Unternehmen verändert?

Lemken: Also, zunächst mal bin ich auch risikofreudig. Da ticke ich ähnlich wie mein Vater. Und Teamarbeit gehört zu unserer Unternehmenskultur. Das fing schon in den Neunzigern an, da wurde der Akkord abgeschafft, wurden Hierarchien reduziert und Teams eingeführt.

ZEIT: War Ihr Vater ein moderner Chef?

Lemken: Ich würde sagen, er stand und steht zu seiner Tochter und ist in dieser Hinsicht nicht konservativ.

ZEIT: Wollen wir über die Frauenquote reden?

Lemken: Als Unternehmerin halte ich davon nicht so viel.

ZEIT: Warum nicht?

Lemken: Es bringt doch nichts, wenn größere Unternehmen eine Frau öffentlichkeitswirksam einstellen, und nach einem Jahr ist sie wieder weg. Es bringt auch nichts, jemanden mit Zwang zu befördern, wenn das gar nicht zum Umfeld passt und sich die Frau in diesem Umfeld nicht entfalten kann. Es muss zur Kultur passen.

ZEIT: Was meinen Sie mit »Es muss zur Kultur passen«?

Lemken: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als wir ein neues Gebäude für die Fertigung unserer Maschinen planten, fiel mir auf, dass es darin gar keine Räume für Frauen gibt. Ich fragte unseren Bauleiter, warum ist denn da gar kein Bereich zum Umziehen, warum sind da keine Toiletten für Frauen? Und ich bekam zur Antwort: Aber den brauchen wir doch gar nicht, wir haben doch gar keine Frauen. Darauf sagte ich: Aber wenn wir diese Räume nicht schaffen, dann können ja gar keine kommen. Nehmt dort bitte eine Ecke raus, und seht die für Frauen vor! Bei der nächsten Bewerbungsrunde für Auszubildende haben sich dann plötzlich einige Frauen als Industriemechanikerinnen oder Zerspannungsmechanikerinnen bei uns beworben.

ZEIT: Aber doch nicht wegen der Toiletten?

Lemken: Ich habe die Frauen gefragt, warum sie sich beworben haben. Sie gaben mir als Antwort, dass sie gehört hätten, dass wir ein Gebäude mit einem Frauenbereich bauen. Klar, das hatte nicht den Ausschlag dafür gegeben, dass sie sich bei uns beworben haben. Aber sie wussten davon, es macht also Sinn, nach außen zu zeigen, dass wir uns junge Frauen wünschen. Doch eine Quote hilft da nicht.

ZEIT: Mit dieser Meinung stehen Sie in Ihrer Branche nicht allein. Dabei braucht der Maschinenbau doch unbedingt weiblichen Nachwuchs. Wäre da nicht eine Frauenquote ein gutes Signal?

Lemken: Selbst wenn ich den Plan hätte, die Quote bei uns umzusetzen, könnte ich es gar nicht. Denn das bedingt ja, dass ich überhaupt Frauen für die Berufe in der Fertigung oder Konstruktion finde. Aber das ist verdammt schwer, weil es einfach so wenige sind. Es sind ja noch nicht einmal zehn Prozent der Absolventen im Maschinenbau weiblich. Ich freue mich natürlich über jede Frau, doch wir sind schon froh, wenn wir überhaupt Nachwuchs finden. Die Konjunktur läuft gut, wir brauchen dringend junge Leute.

ZEIT: Würden Sie eine Bewerberin gegenüber einem Bewerber vorziehen?

Lemken: Wir würden uns für den entscheiden, den wir fachlich für am besten geeignet halten.

ZEIT: Für wen entscheiden Sie sich, wenn Bewerberin und Bewerber die gleiche Qualifikation haben?

Lemken: Dann würden wir immer noch überlegen, wie passt derjenige ins Team. Wenn ich dort 50 Männer sitzen habe, muss ich das wohl abwägen.

ZEIT: Wie viele Frauen gibt es in Ihrem Unternehmen?

Lemken: Kaum welche. Ich schätze, es sind 90 Frauen bei insgesamt mehr als 1200 Mitarbeitern. Wir haben 600 Mitarbeiter, die unsere Maschinen bauen. Darunter sind vielleicht zehn Frauen. Unter den Ingenieuren in der Forschung und Entwicklung haben wir gar keine Frauen. In der Verwaltung liegt der Anteil bei etwa 50 Prozent.

ZEIT: Mit dem demografischen Wandel werden die Facharbeiter noch weniger, sodass Sie durchaus auf Frauen angewiesen sind. Was tun Sie dafür?

Lemken: Das Thema Vereinbarkeit spielt eine wichtige Rolle. Wir kümmern uns um jede Frau, die sagt, sie will nach der Schwangerschaft wieder zurück an den Arbeitsplatz, aber sich ein anderes Arbeitszeitmodell wünscht. Da stellen wir uns individuell ein und können alles realisieren. Es gibt Mütter, die ganz wieder einsteigen, andere arbeiten zwei Tage die Woche oder halbe Tage, kommen später oder gehen früher.

ZEIT: Und die Väter?

Lemken: Da habe ich aktuell zwei im Unternehmen, die Elternzeit in Anspruch nehmen. Die Rollenverteilung ist meist schon noch klassisch. Und wenn die Männer ein paar Wochen Vaterzeit nehmen, sagen sie danach meist: Bin ich froh, wieder hier zu sein. In der Kantine rede ich immer mal wieder mit den Männern darüber, was sie daran hindert, zu Hause zu bleiben. Ich möchte da schon eine Diskussion anstoßen.

ZEIT: Sie selbst sind »Teilzeitchefin«.

Lemken: Ja, 2006 bekam ich mein erstes Kind und wollte nach einem halben Jahr wieder arbeiten. Als ich dann 2010 das zweite Kind bekam, habe ich auf eine halbe Woche reduziert.

ZEIT: Wenn Sie ein Unternehmen managen, können Sie nicht immer die Kinder vorziehen.

Lemken: Ja, das Sankt-Martins-Fest im November wird ohne mich stattfinden, weil ich da auf einer Messe bin. Also macht mein Mann das, die Kinder werden genauso viel Spaß haben. Aber ich habe auch schon mit dem Kind vorm Bauch an vielen Besprechungen teilgenommen oder bin den Maschinen auf dem Feld hinterhergerannt, um zu gucken, wie die arbeiten.

ZEIT: Bringen Sie Ihren Kindern Traktorfahren bei?

Lemken: Sicher - sobald sie alt genug sind. Ich habe einen Jungen und ein Mädchen. Ich zeige unterwegs immer auf die Äcker und sage: Guck mal, da arbeitet Mamas Maschine.

Aus DIE ZEIT :: 15.10.2015

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