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"Es wird zu viel gejammert"

Das Gespräch führten ANANT AGARWALA und MANUEL J. HARTUNG

Der ehemalige Stanford-Präsident Gerhard Casper über falsche Erwartungen junger Wissenschaftler, fehlende Studiengebühren und zu wenig Exzellenz.

"Es wird zu viel gejammert"© Photo by Linda A. Cicero/Stanford News ServiceDer ehemalige Stanford-Präsident Gerhard Casper findet deutliche Worte über das deutsche Wissenschaftssystem
DIE ZEIT: Herr Casper, Sie waren 50 Jahre lang in den USA, unter anderem als Präsident von Stanford. Nun kehren Sie nach Deutschland zurück, leiten die American Academy in Berlin. Haben Sie das deutsche Hochschulsystem wiedererkannt?

Gerhard Casper: Obwohl ich Deutschland in den letzten 50 Jahren häufig besucht habe, bleibe ich erstaunt, wie wenig sich seit meiner Studienzeit an den Grundstrukturen geändert hat. Die Hierarchien sind geblieben. Die Fakultäten bestimmen fast alles. Innerhalb der Universitäten gibt es viele Institute, deren Wände schwer zu überwinden sind. Auch in den Vorlesungen sitzen noch häufig Hunderte Studenten. Gewandelt hat sich, dass nicht mehr alle Universitäten den gleichen Rang haben. Die Exzellenzinitiative hat in dieser Hinsicht zu Wettbewerb geführt - das finde ich sehr gut.

ZEIT: Sie haben in den fünfziger Jahren angefangen zu studieren. Ist es nicht erschütternd, dass sich die Unis seitdem kaum weiterentwickelt haben? Trotz 1968, Bildungsexpansion und Bologna-Reform!

Casper: Betrüblich, vielleicht. Erschütternd finde ich nur, dass viele Länderministerien noch immer auf Kontrolle bestehen. Ich sah mir neulich das Hamburger Universitätsgesetz an - die Regulierungen gehen bis in die kleinsten Details.

ZEIT: Wie würden Sie das ändern?

Casper: Ich würde alle Universitäten in Stiftungsuniversitäten umwandeln, das würde sie der staatlichen Einmischung entziehen und sie wettbewerbsfähiger machen. Der Wettbewerb sollte keine Grenze haben. Warum soll es nicht zehn verschiedene Typen von Hochschulen geben? Was immer auf dem Markt überlebt, sollte man zulassen. Die Akkreditierung sichert die Qualität.

ZEIT: Welche Reform für den Universitätsalltag würden Sie als Erstes angehen?

Casper: Eine meiner wichtigsten Maßnahmen in Stanford war, dass Studenten vom ersten Semester an Zugang zur Forschung bekommen. Alle Erst- und Zweitsemester können in Stanford ein Forschungsseminar mit nur 14 Teilnehmern besuchen. Auch kann sich jeder Bachelorstudent um Geld für ein eigenes Forschungsprojekt bewerben.

ZEIT: Dies auf Deutschland zu übertragen ist schwierig. Es fehlt an Geld.

Casper: Reformen kosten Geld. Das größte Problem des deutschen Hochschulsystems ist die andauernde Unterfinanzierung. Da die meisten Hochschulen in Deutschland öffentlich sind, muss der Staat mehr für sie ausgeben. Auch sollten die Studiengebühren wieder eingeführt werden.

ZEIT: Eine unpopuläre Position.

Casper: Die Studiengebühren waren in Deutschland von Anfang an zu niedrig angesetzt. Es wurde auch kaum über ein Stipendiensystem nachgedacht. Bei den Gebühren hätte man sich an England orientieren sollen - einige Tausend Pfund pro Semester. Doch in Deutschland sind Studiengebühren tot, leider.

ZEIT: Statt durch Studiengebühren Geld einzunehmen, hat der Staat mit der Exzellenzinitiative viel Geld in die Hochschulen gepumpt.

Casper: Die Exzellenzinitiative hat durchaus etwas bewirkt. Aber: Es wurden nur 4,6 Milliarden Euro über zehn Jahre an viele Universitäten verteilt. Pro Jahr ist das eine kleine Summe! Allein der Jahreshaushalt von Stanford liegt bei 6,2 Milliarden Dollar.

ZEIT: Das heißt: Damit durch das Geld wirklich große Veränderungen entstehen, müssten bei der nächsten Runde der Exzellenzinitiative deutlich weniger Unis Elite-Mittel bekommen?

Casper: Nice try. Ich bin Teil der Kommission, die die Initiative evaluiert, und damit zur Verschwiegenheit verpflichtet.

ZEIT: Anders gefragt: Muss Deutschland die Elitenförderung fokussieren?

Casper: Die Bologna-Reform bot die Chance, die Spitzen stärker zu fördern: Mit dem Master wurde eine weitere Auswahlmöglichkeit geschaffen, um nur wirklich gute Bachelorabsolventen weiterstudieren zu lassen. Doch heute machen in vielen Fächern über 60 Prozent der Studenten einen Master. Ich bin für auswählen, auswählen, auswählen.

ZEIT: Eine wirkliche Auslese in der Wissenschaft findet erst nach der Promotion statt. Die Situation junger Wissenschaftler ist durch große Unsicherheit geprägt.

Casper: Das Problem der Postdocs ist kein rein deutsches. Auch in den USA findet längst nicht jeder Postdoc eine dauerhafte wissenschaftliche Anstellung. Es gibt, genau wie hier, einfach viel zu viele von ihnen. Zumindest wenn man dem Irrglauben aufsitzt, dass alle Postdocs später einen Job in der Wissenschaft oder gar eine Professur bekommen. Das kann doch gar nicht gehen!

ZEIT: Wer es in der Wissenschaft versucht, ist also selbst schuld?

Casper: Es stimmt, dass Postdocs häufig als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Da müssen strengere Regeln her. In Stanford haben wir den Fakultäten klare Vorgaben für die Anstellung von Postdocs gemacht: vernünftiges Gehalt, Krankenversicherung für Frau und Kinder. Aber das grundsätzliche Risiko, das ein junger Akademiker eingeht, wenn er in der Wissenschaft Karriere machen will, kann nie ganz aufgelöst werden.

ZEIT: Heißt das, die Klagen der jungen Wissenschaftler sind Pseudogejammer?

Casper: Das ist kein Pseudogejammer, die Situation ist wirklich nicht gut. Aber es wird zu viel gejammert. Man kann nicht erwarten, dass Vater Staat jedem, der in die Wissenschaft will, eine Stelle verspricht. Jeder Postdoc muss wissen, dass er einen Weg mit großem Risiko geht. Das war schon immer so.

ZEIT: Als Allheilmittel für klarere Perspektiven gilt der Tenure-Track. Ist er das auch?

Casper: Ich würde den Tenure-Track überall in Deutschland einführen. Der große Vorteil ist, dass die sehr guten jungen Wissenschaftler frühzeitig eine Perspektive bekommen. Und jene, die keine Tenure-Track-Stelle bekommen, können sich auf Alternativen außerhalb der Wissenschaft konzentrieren. Nur: Ein Allheilmittel ist er nicht, denn längst nicht jeder Postdoc bekommt eine Tenure-Track-Stelle. Und nicht jeder, der auf dem Tenure-Track ist, bekommt am Ende eine Professur.

Aus DIE ZEIT :: 23.07.2015

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