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"Ethik zahlt sich aus"

Das Interview führte Kerstin Schneider

Was sollen angehende Manager lernen? Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsethiker Jörg Althammer über Geld, Krisen und Moral.

Ethik zahlt sich ausJörg Althammer
DIE ZEIT: Viele Manager gelten als geldgierige Gewinnmaximierer. Ist da in der Ausbildung etwas schiefgelaufen?

JÖRG ALTHAMMER: Ich würde das nicht nur als Problem der Ausbildung sehen. Leitende Manager müssen in ihren Entscheidungen zwischen moralischen und ökonomischen Überlegungen abwägen. Oft werden in Unternehmen bestimmte Renditeziele vorgegeben, anhand derer das Management beurteilt wird. Um diese Ziele zu erreichen, fiel dann die Entscheidung in der jüngsten Vergangenheit oft zugunsten der Renditeerwartung und zulasten der ethischen Überzeugung.

ZEIT: Unternehmen rufen in schwierigen Phasen gerne nach dem Staat. Müssten ihre Manager nicht das eigene Handeln stärker hinterfragen?

ALTHAMMER: Ja, es wäre zum Beispiel ein großer Fehler, eine Bad Bank einzurichten, wo private Geldinstitute ihre »toxischen« Kredite zulasten des Steuerzahlers abladen könnten. Nicht nur aus moralischer Perspektive, weil ich dann strategische Fehler auf die Allgemeinheit abwälzen. Wenn der Staat die Haftung übernimmt, geht für die Akteure davon das Signal aus, dass sie beliebige Risiken eingehen können, und wenn das Risiko einmal zu groß wird, dann tritt die Öffentlichkeit in Form des Staates ein, um das Risiko zu übernehmen. Derjenige, der Entscheidungskompetenz hat, muss auch für seine Entscheidungen haften.

ZEIT: Wirtschaftsethik spielt in den Managementstudiengängen aber keine Rolle.

ALTHAMMER: Wir haben das Fach Wirtschafts- und Unternehmensethik an unseren wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten noch kaum verankert, das ist wahr. Es macht einen großen Unterschied, ob nur ein Wahlmodul Ethik angeboten wird, das auch abgewählt werden kann, oder ob sich die Frage des ethischen Handelns durchgängig wie ein roter Faden durch die Ausbildung zieht. Das ist in den wenigsten Studiengängen bislang der Fall.

ZEIT: Aber geht es vielen Absolventen von wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen oder Business Schools nicht einfach darum, möglichst viel Geld zu verdienen?

ALTHAMMER: Es mag sein, dass dieses Motiv bei BWL-Studenten etwas ausgeprägter ist als bei Studenten anderer Fächer. Sonst hätten sie vielleicht auch einen anderen Studiengang gewählt. Meinen Studenten ist es wichtig, gut in den Arbeitsmarkt zu kommen und dann auch gut bezahlt zu werden. Zunächst ist an dem Erwerbsmotiv auch nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, ob es auf Kosten des ethischen Handelns durchgesetzt wird. Auf die lange Frist zahlt sich kooperatives ethisches Handeln aus und ist auch wichtig für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg.

ZEIT: Wie kann man ethische Inhalte denn verbindlicher machen?

ALTHAMMER: Es geht gar nicht darum, dass nun jede Fakultät mit einem Ethik-Lehrstuhl ausgestattet sein muss. Vielmehr müssen in unserer betriebswirtschaftlichen Ausbildung wieder mehr volkswirtschaftliche Anteile auftauchen, vor allem in der Bachelor-Ausbildung. Diese Veranstaltungen wurden in reinen BWL-Studiengängen beziehungsweise in der Managementausbildung zunehmend reduziert. Die Volkswirtschaftslehre ist aber der systematische Ort, wo über Ethik und Moral in marktwirtschaftlichen Gesellschaften diskutiert wird. Sehr häufig wird die Wirtschaftskrise auf das moralische Fehlverhalten von Managern zurückgeführt, was definitiv nicht der Fall ist. Die Krise hat systemische Ursachen.

ZEIT: Auch wenn sich einige Manager bedient haben ...

ALTHAMMER: Das ist im Einzelfall sicher richtig, aber wenn sich nur der eine oder andere bereichert hätte, hätten wir nicht eine Wirtschaftskrise von diesem Ausmaß. Ethische Fragen müssen daher verbindlich im Curriculum verankert werden. Auch bei der Ausbildung im Bereich Finance, Marketing und Accounting geht es darum, zu erkennen: Wo liegen normative Fallstricke? Worauf ist aus ethischer Hinsicht zu achten? Die Wirtschaftsethik darf im Studium nicht die Rolle des Religionsunterrichts in der Schule einnehmen. So nach dem Motto: Nach einer Doppelstunde Mathematik kann man sich dann im Fach Ethik entspannen.

ZEIT: Wie machen Sie das konkret?

ALTHAMMER: Wir gehen in Fallstudien, zum Beispiel zur Schließung des Bochumer Nokia-Werks, systematisch der Frage nach, ob wir es mit individuellen Verantwortlichkeiten zu tun haben - oder mit systemischen Risiken. Oder das Beispiel Siemens: Was war das Motiv der Unternehmensleitung beim Korruptionsskandal? Was war das Motiv der korrupten Mitarbeiter? Wo hätte man aktiv werden müssen?

ZEIT: Und wie lernt man es, das Wissen auch unter Druck umzusetzen - also im Berufsleben?

ALTHAMMER: Da geht es zunächst um die Verortung der ethischen Frage. Liegt sie innerhalb meiner Entscheidungskompetenz, oder geht sie darüber hinaus? Ich kann nicht den einfachen Mitarbeiter für etwas verantwortlich machen, was auf der Leitungsebene entschieden wurde. Aber in seinen eigenen Verantwortungsbereich kann jeder diese Fragen mit einfließen lassen. Wenn ich zum Beispiel eine Vorstandsvorlage erstelle, dann kann ja ich entscheiden, ob ich ethische Aspekte thematisiere oder nicht.

ZEIT: Wie können Studenten denn lernen, dass es auch in der BWL Alternativen gibt, zum Beispiel das Engagement im Social Business oder als Sozialunternehmer?

ALTHAMMER: Wir versuchen, Kooperationen zwischen Studierenden und NGOs aufzubauen, die im sozialpolitischen Bereich aktiv sind. Das wird von einigen Fakultäten bereits praktiziert, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Wichtig ist, dass wir Social Business nicht nur im Seminarraum diskutieren, sondern im Austausch mit den Akteuren vor Ort. Wir erhoffen uns, dass die Persönlichkeit und die Lebenseinstellung der Studierenden dadurch geprägt werden.

ZEIT: Glauben Sie, dass kommende Studentengenerationen anders mit dem Thema persönliche Verantwortung umgehen werden?

ALTHAMMER: Ich tue mich schwer, das auf eine Generation zu übertragen. Es scheint so zu sein, dass man von der starken Gradlinigkeit in der Betriebslehre abkommt, also davon, dass man sich auf nur auf die Maximierung des Unternehmensgewinns fokussiert.

ZEIT: Würden wir solche Fragen auch ohne die jetzige Krise diskutieren?

ALTHAMMER: Der unternehmerische Spielraum ist größer geworden und damit auch die individuelle Verantwortung des Unternehmens. Die Frage nach dem Stellenwert ethischen, unternehmerischen Handelns hätte sich deshalb auch ohne die aktuelle wirtschaftliche Krise verstärkt.

Über den Menschen
Jörg Althammer, 46, lehrt Wirtschaftsethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Aus DIE ZEIT :: 05.03.2009

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