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"Für ein erfülltes, reiches Leben"

VON CHRISTINE BRINCK

In London entsteht die teuerste Hochschule Großbritanniens.

Für ein erfülltes, reiches Leben© crashed - Photocase.com
In London gibt es mit dem Imperial College und dem University College London zwei Universitäten in den Top Twenty der Welt, dazu die weltberühmte London School of Economics. An die 400.000 Studenten tummeln sich an insgesamt 40 Hochschulen. Wer braucht da noch ein neues Elite- College für zunächst 200 handverlesene Undergraduates, die 18.000 Pfund pro Jahr hinlegen müssen? Das New College of the Humanities (NCH) ist das Baby des englischen Philosophen A. C. Grayling. Die Idee kam ihm vor Jahren, als er Zulassungstutor in Oxford war und für jeden Angenommenen zwölf andere Bewerber ablehnen musste. »Sie waren alle gut«, erinnert er sich. »Wir haben nicht genug Plätze für die Elite-Ausbildung, insbesondere in den Geisteswissenschaften, wo der Staat besonders heftig kürzt.«

In Zeiten, in denen hauptsächlich die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), gepflegt würden, werde das Schicksal der Geisteswissenschaften immer unsicherer. »Weniger Geld heißt weniger Lehre und weniger Qualität. Beides wird die Gesellschaft ärmer machen.« Seine Devise: Eine Universität ist nur spitze, wenn der Lehrkörper erstklassig ist. Deshalb hat er sich als Mitstreiter eine Gruppe gefeierter Akademiker ausgesucht: Richard Dawkins (Evolutionsbiologe), Ronald Dworkin (Verfassungsrechtler), Niall Ferguson (Geschichte und Wirtschaft), Adrian Zuckerman (Recht), Steven Pinker (Psychologie), Peter Singer (Philosophie/Ethik), Sir Christopher Ricks (Literatur) und weitere. Die sollen ihm helfen, die bedrängten Geisteswissenschaften zu retten. Das Prinzip? Sorgfältig ausgesuchte Studenten, die er lehren will, wie man logisch denkt, kritisch fragt und zusätzlich mit praktischen Fähigkeiten für den Arbeitsplatz gerüstet wird. Kurz: Bildung statt Business- und Media-Studies, Breite und Tiefe, Konzert und Theater.

Gefragt, warum er an Bord dieser neuen Initiative sei, erklärte Niall Ferguson, der früher in Oxford lehrte und heute in Harvard Professor ist: »Das New College ist eine wertvolle Ergänzung des viel zu kleinen privaten Sektors tertiärer Bildung in England. Es gibt eine große Nachfrage nach Tutorien im Oxbridge-Stil. Ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft mehr private Gründungen dieser Art erleben werden.« Und doch: Als im Juni der Plan bekannt wurde, ging ein Sturm durch die Presse. Studenten, Professoren, Gewerkschafter und Leitartikler ließen an der Idee kein gutes Haar. Sie warfen den Gründern blanke Kommerzinteressen vor - Bildung als Ware. Grayling, ein Altlinker, der Bildung als öffentliches Gut sieht, war verblüfft. Aber nicht überrumpelt, denn es kam auch viel Zuspruch von denen, die um die Zukunft der Geisteswissenschaften bangen. So notierte Gareth Thomas, Labours Schattenminister für die Universitäten, dass er Professor Graylings Initiative begrüße, »... doch ist es eine traurige Reflektion des Ausmaßes der Bildungseinsparungen, dass es einer Privatinitiative bedarf, die sich neuen Investitionen in die Geisteswissenschaften widmet.«

Der Unterricht soll im nächsten Herbst beginnen, seit Monaten werden die Bewerber für das erste Studienjahr interviewt. Für die 200 Plätze gab es schnell über 1000 Anfragen. Sogar den ersten Stipendiaten hat man aufgenommen. Wer weniger als drei As (entspricht unserer Eins) in den A levels (entspricht unserem Abitur) hat, braucht sich nicht zu bewerben. Hinzu kommen Essays und Bewerbungsgespräche. Die Studenten werden ihre Grundversorgung für den BA als sogenannte Externe von der London University beziehen, von der sie auch ihren Bachelor erhalten. Der feine Unterschied aber ist, dass sie am New College weitere sechs Module belegen müssen, die aus guten Studenten fabelhafte machen sollen. Die drei Pflichtkurse heißen dabei Science Literacy, Logical and Critical Thinking, Applied Ethics. »Unser Ehrgeiz ist es«, sagt Grayling, »begabte junge Leute für höhere Laufbahnen und für ein erfülltes und reiches Leben vorzubereiten.« Dafür erhalten sie am Ende einen Doppelabschluss - Bachelor plus Diplom - nach dem Modell des Imperial College.

Was können die akademischen Superstars für die Studenten tun? Einige Skepsis rührt daher, dass diese Koryphäen allesamt an anderen Universitäten lehren, die Hälfte in den USA. Für Eins-zu-eins-Tutorien seien die Stars sowieso nie gedacht gewesen, sagt Grayling. Die einen würden mehrere Stunden, die anderen nur eine investieren. Aber an fast jedem Unterrichtstag könne man einem der Stars lauschen. Und dafür muss jeder Student, egal, ob Brite oder Ausländer, 18.000 Pfund, etwa 20.000 Euro, pro Jahr löhnen - doppelt so viel wie an der Londoner Universität? Ja, sagt Grayling. »Denn bei uns bekommen sie auch eine akademische Gemeinschaft und eine Vorbereitung auf die Welt der Arbeit. Man wird uns diese Absolventen aus den Händen reißen.«

Bleibt die Frage: Wer kann sich das leisten? Die Antwort fand Grayling in besagtem Oxforder Auswahlverfahren: All die Studenten, die in Oxford und Cambridge abgelehnt werden. Sie seien oft nicht schlechter als die Auserwählten, aber leider gebe es zu viele von ihnen. Manchen Eltern sei eine gute Ausbildung alles Geld der Welt wert. Andere würden Kredite aufnehmen. Immerhin sind Stipendien für bis zu einem Drittel der Studenten geplant. Ein mutiges Ziel, denn die Vollstipendiaten am NCH würden die einzigen in ganz Großbritannien sein, die wirklich umsonst studieren. Und das ausgerechnet an einer der (zukünftig) teuersten Hochschulen des Landes.

Aus DIE ZEIT :: 15.12.2011

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