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"Ich bin für die Entprivatisierung der Promotion"

Interview mit Andreas Marx

Im Juni entscheidet sich, welche Projekte der Exzellenzinitiative bis zum Jahr 2017 weiter gefördert werden. Auf eine Fortsetzung hofft auch die Konstanz Research School Chemical Biology.

"Ich bin für die Entprivatisierung der Promotion"© Forschung & Lehre Andreas Marx, der Sprecher der Graduiertenschule, berichtet über die Vorteile einer Promotion mit Stundenplan und warum die chemische Biologie in Konstanz Zukunft hat
Nachrichten aus der Chemie: Vor fünf Jahren startete im Rahmen der Exzellenzinitiative die Konstanz Research School Chemical Biology. Was unterscheidet sie von einem normalen Graduiertenkolleg der DFG?

Andreas Marx: Mit nahezu 100 Promovierenden sind wir etwa fünfmal so groß wie ein DFG-Graduiertenkolleg. Für spezielle Fragen, die ein solches Graduiertenkolleg bearbeitet, gibt es keinen Arbeitsmarkt für 30 bis 40 Leute pro Jahr. Deshalb darf eine große Graduiertenschule nicht übermäßig fokussiert sein, sondern muss ein breites Forschungsgebiet wie die chemische Biologie abdecken.

Nachrichten: Welche Möglichkeiten gibt es, in die Graduiertenschule aufgenommen zu werden?

Marx: Zweimal im Jahr schreiben wir Stipendien aus. Die Principal Investigators - also die beteiligten Konstanzer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - schicken uns Projektvorschläge zu. Aus diesen wählen wir die besten Projekte aus, insbesondere solche, die den Schwerpunkt chemische Biologie vorantreiben. Wichtig ist auch: Engagieren sich die Antragsteller am Kursprogramm der Graduiertenschule in besonderer Weise?

Nachrichten: Wer entscheidet über die Projektanträge?

Marx: Der Vorstand der Graduiertenschule, das sind sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dazu kommen zwei Promovierendenvertreter. Der Vorstand wird alle zwei Jahre gewählt, die Promovierendenvertreter wechseln jedes Jahr. Alle haben das gleiche Stimmrecht.

Nachrichten: Und wie geht es dann weiter?

Marx: In der zweiten Runde geht es dann nicht mehr um das Projekt, sondern um die Kandidaten. Hier bewerben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die Vergabe eines Stipendiums.

Nachrichten: Gibt es für Doktoranden noch andere Wege in die Graduiertenschule?

Marx: Ein anderer Weg in die Graduiertenschule führt über bereits laufende Projekte, die aus Hausstellen oder Drittmitteln finanziert werden. Ein Principal Investigator kann beantragen, dass ein solcher Doktorand als Fellow in die Graduiertenschule übernommen wird. Darüber entscheiden wir dann im Umlaufverfahren innerhalb einer Woche. Und dann gibt es noch den Fast-Track für herausragende Studierende der Universität Konstanz. Die wollen wir natürlich hier halten und bieten deshalb Folgendes an: Sie beginnen die Doktorarbeit in der Graduiertenschule, ohne vorher eine Masterarbeit abgeschlossen zu haben. Ein Bericht über die ersten sechs Monate der Promotion für die Graduiertenschule und eine Prüfung führen dann zum Masterabschluss.

Was auf dem Stundenplan steht

Nachrichten: Im Stundenplan der Graduiertenschule stehen auch Kurse wie Projektmanagement, interkulturelle Kommunikation, Bewerbungstraining und ein Managementkurs mit dem Namen "Leadership for Future Leaders". Wer bestimmt das Programm?

Marx: Das Programm hat sich über die Jahre entwickelt, wichtig war das Feedback der Doktoranden. Wir wollten kein Programm, das nur im akademischen Elfenbeinturm abläuft, sondern wir wollen zeigen: Was ihr hier lernt, hat auch Relevanz in der Wirtschaft. Deshalb unterstützen uns Unternehmen wie BASF, Roche, Boehringer-Ingelheim, Zeiss oder das Biotechnologienetzwerk Biolago bei unseren Kursen.

Nachrichten: Ist es für Sie als Professor aufwendiger, einen Doktoranden der Graduiertenschule zu betreuen?

Marx: Nein. Es macht mehr Spaß in der Graduiertenschule, weil wir interdisziplinäre Promotionskomitees mit jeweils drei Principal Investigators haben. Diese treffen sich nach 6, nach 18 und nach 30 Monaten. Ich bin in vielen dieser Komitees, und das ist wirklich klasse.

Nachrichten: Was passiert dort?

Marx: Dort schildern uns die Promovierenden aus erster Hand ihre Wissenschaft. Da lerne auch ich viel - der Gewinn für die Forschung ist wesentlich höher als der Zeitaufwand.

Nachrichten: Angenommen, Sie hätten genug Geld - würden Sie dann die normale Doktorandenbetreuung ebenfalls stärker strukturieren, etwa mit regelmäßigen Klausurtagungen?

Marx: Ich bin für die Entprivatisierung der Promotion. Auch in der Chemie und Biologie haben wir mittlerweile Promotionskomitees. Bei einer individuellen Promotion erkennt man Probleme manchmal erst nach drei oder sogar vier Jahren - da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Ein Promotionskomitee, das regelmäßig zusammentritt, erkennt rasch Probleme oder Sackgassen, kann helfen und auffangen.

Nachrichten: Aber ist das nicht die Aufgabe der Erstbetreuer?

Marx: Erstbetreuer dürfen die Verantwortung nicht auf das Komitee abschieben. Wir brauchen auf jeden Fall weiterhin die starke Erstbetreuung. Aber in einer großen Arbeitsgruppe sehen sich Promovierende und Betreuer nun einmal selten und unregelmäßig. Ich sehe das bei mir selbst - seit ich Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs bin, kann ich meine Promovierenden nur alle Nase lang mal sprechen. Da sind Promotionskomitees mit ihrem institutionalisierten, konstanten Feedback sehr heilsam.

Nachrichten: Aber bleibt dann nicht die Selbstständigkeit der Doktoranden auf der Strecke?

Marx: Nein, 95 Prozent der Arbeit findet im Labor statt, und diese Arbeit müssen Promovierende selbst strukturieren. Aber ich bin dagegen, das Einzelkämpfertum zu romantisieren. Für Wissenschaftler ist die Interaktion, die Vernetzung heutzutage das wichtigste - und dafür sollten wir in der Doktorandenausbildung einen Rahmen vorgeben.

Nachrichten: Chemische Biologie betrifft sowohl Chemiker als auch Biologen. Sprechen die beiden Fächer mittlerweile schon die gleiche Sprache?

Marx: Nein - aber sie verstehen mittlerweile die jeweils andere viel besser als früher. Chemiker denken, wenn sie Phosphotyrosin hören, zuerst an die Struktur, Biologen denken zuerst an Signaltranskriptionskaskaden. Aber in vielen Dingen ist mittlerweile ein Grundverständnis für die Sicht der anderen Seite da, und die Fächer befruchten sich gegenseitig. Interessanterweise ist das Verhältnis der Fachbereichszugehörigkeit zur Chemie und Biologie in der Graduiertenschule fast genau 50:50.

Nachrichten: Mittlerweile liegt ja auch ein starker Informatikschwerpunkt in der Graduiertenschule?

Marx: Ja, das war für mich eine dieser nicht vorhersehbaren positiven Entwicklungen. Im Hauptantrag hatten wir ein Forschungsgebiet beantragt, das wir Bioinformatics nannten. Heute nennen wir diesen Bereich Computational Life Science: Er umfasst nicht nur Bioinformatics, sondern auch Chemical Informatics. Die Nachfrage an Forschungskooperation mit der Informatik ist immens. Wir sind sehr froh über das Zentrum Incide, das Interdisciplinary Center for Interactive Data Analysis, Modelling and Visual Exploration. Diese Serviceplattform geht die Datenanalyse und Datenaufarbeitung mit neuen informatischen Algorithmen an. Wir Chemiker und Biologen stoßen vielerorts an die Grenzen dessen, was mit normalen Tools und Sachverstand im Programmieren noch zu leisten ist. Wenn ich aber große Datenmengen bewältigen kann, sind Experimente möglich, die vorher utopisch gewesen wären.

Nachrichten: Konstanz bietet seit dem Jahr 2002 einen Studiengang Life Science an. Entstand deshalb die Idee für eine gemeinsame Graduiertenschule von Biologie und Chemie?

Marx: Im Grunde ist die Graduiertenschule die Weiterentwicklung des Studiengangs Life Science, den wir auf Bachelor- und Masterniveau anbieten. Wir wollen den Studiengang ab 2013 auf Englisch anbieten und damit zur Internationalisierung beitragen. Durch die Fast-Track-Option können wir auch Länder adressieren, in denen der Bachelor den Zugang zur Graduiertenausbildung erlaubt.

Nachrichten: Hilft es der Graduiertenschule, dass Konstanz auch über die Zukunftskonzept-Förderlinie der Exzellenzinitiative gefördert wird?

Marx: Das hilft insbesondere bei der Infrastruktur. Eine tolle Einrichtung, von der wir sehr profitieren, ist das Welcome Center. Diese Serviceeinheit kümmert sich um Wissenschaftler, die neu nach Konstanz kommen. Auch andere zentrale Einheiten wie das Incide, das Center of Proteomics und das Bioimaging Center erhielten Mittel der Exzellenzinitiative. Ein weiterer Aspekt ist die Kinderbetreuung auf dem Campus. Ebenfalls mit Mitteln der Exzellenzinitiative hat die Universität ein Kinderhaus für bis zu 100 Kinder auf dem Campus etabliert - mit Strukturen, die auch über das Jahr 2017 Bestand haben, wenn die Exzellenzinitiative ausläuft.

Nachrichten: Werden auch Kinder von Angehörigen der Graduiertenschule dort betreut?

Marx: Ja. Wir hatten allerdings noch keinen Fall, in dem ein Doktorand oder eine Doktorandin während der Promotion ein Kind bekommen hat. Aber darauf würden wir uns freuen, und wir würden es schaffen, Promotion und Kinderbetreuung zu vereinbaren.

Nachrichten: Im Jahr 2017 ist ja spätestens Schluss mit der Exzellenzinitiative? Sehen Sie die chemische Biologie in Konstanz für die nächsten Jahre noch leuchten?

Marx: Da bin ich sicher. Durch die Berufungspolitik der letzten Jahre haben wir die Weichen gestellt, die Leute werden ihre Forschung ab 2017 ja nicht komplett ändern. Wir haben einen Sonderforschungsbereich etabliert - Chemical and Biological Principles of Cellular Proteostasis. Die chemische Biologie in Konstanz war kein Mitnahmeeffekt - der Leuchtturm steht, und die internationalen Kontakte, die wir durch die Exzellenzinitiative knüpfen konnten, werden weiterhin dazu beitragen, dass wir sichtbar bleiben und weithin wahrgenommen werden.

Die Absolventen

Nachrichten: Die ersten Graduiertenschüler sind promoviert. Wo landen denn Ihre Doktoranden?

Marx: Einer ist gerade auf Weltreise.

Nachrichten: Das ist wohl schwerlich ein Modell für alle...

Marx: Das ist auch nur eine vorübergehende Phase. Nein, im Ernst: Entweder gehen sie als Postdoktoranden in akademische Institutionen oder in die Biotech-Branche und die chemische Industrie. Was ich interessant finde ist, dass immerhin vier unserer Absolventen von Consultingunternehmen eingestellt wurden. Bei bisher erst 14 Absolventen will ich die Statistik jedoch nicht überinterpretieren. Aber was ich sehe ist, dass alle auf dem Arbeitsmarkt hervorragend untergekommen sind - und das ist doch viel wert.


Über den Interviewten
Andreas Marx ist Lehrstuhlinhaber für organische Chemie/zelluläre Chemie sowie Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Konstanz. Als Sprecher der Konstanz Research School Chemical Biology plädiert er für eine entindividualisierte und stärker strukturierte Promotion, fordert aber "auch weiterhin die starke Erstbetreuung". Da sich aber in einer großen Arbeitsgruppe Promovierende und Betreuer nur unregelmäßig sehen, seien beispielsweise "Promotionskomitees mit ihrem institutionalisierten, konstanten Feedback sehr heilsam".

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juni 2012

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