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»Ich hätte große Bedenken«

Das Gespräch führten Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak

Christiane Woopen, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, über die Gefahren und Chancen der Kinderwunschmedizin.

»Ich hätte große Bedenken«© Deutscher Ethikrat - Foto: Reiner ZensenChristiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, rät zur Vorsicht im Umgang mit der Kinderwunschmedizin
DIE ZEIT: Frau Woopen, die Medizin kontrolliert die menschliche Fortpflanzung immer umfassender. Macht Ihnen das Angst?

Christiane Woopen: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aber eine Frage treibt mich schon um: Wie verändert die Technisierung die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern? Technische Beherrschung erinnert mich an Eigentums- und Machtausübung und nicht an ein dienendes, liebendes Verhältnis. Plakativ gesprochen: Wenn die Grenze vom Kind als Geschenk zum Kind als Produkt überschritten wird, dann halte ich das nicht für zuträglich.

ZEIT: In der vergangenen Woche haben wir über die Möglichkeit für Frauen berichtet, Eizellen in jungen Jahren einzufrieren, um im höheren Alter noch Mutter werden zu können. Würden Sie dazu raten?

Woopen: Nur denen, die konkrete Probleme haben, etwa wenn eine Krebsbehandlung ihre Fruchtbarkeit gefährdet. Nicht aber allen Frauen.

ZEIT: Aber medizinische Probleme mit ihrer Fortpflanzung können jeder Frau drohen - wenn sie zu lange wartet.

Woopen: Ich warne vor dem Versuch, ein soziales Problem biologisch zu lösen. Frauen können jetzt eine persönliche Entscheidung treffen, für ihre Biografie, ihre Lebensplanung. Das dürfen sie. Zugleich handelt es sich beim Verschieben des Kinderwunsches aber um eine gesellschaftliche Frage: Wie können Frauen ihren beruflichen Weg gehen, ohne auf Familie verzichten zu müssen oder zu glauben, dies zu müssen. Es bleibt doch wünschenswert, dass Kinder verhältnismäßig früh im Leben zur Welt kommen und nicht für die Karriere auf später verschoben werden.

ZEIT: Aber es gibt Frauen, die in ihren fruchtbaren Jahren keinen passenden Partner haben und die sich die Möglichkeit für Kinder erhalten wollen. Spricht denn wirklich etwas dagegen?

Woopen: Ich will da nicht polarisieren. Aber wir müssen aufpassen, wenn technische Lösungen für schwierige Einzelschicksale zu einer normalen sozialen Praxis werden. Und bedenken Sie, dass sich das Fortpflanzungserleben selber verändern kann. Dieser Akt der körperlichen Vereinigung in liebevoller Hingabe, aus der heraus ein Kind entsteht, ist etwas anderes, als wenn man diesen Vorgang ohne Not ins Labor verlegt.

ZEIT: Viele Frauen betrachten das als einen Akt der Emanzipation. Mit der Pille können sie sich gegen die frühe Schwangerschaft schützen. Indem sie ihre Eizellen einlagern lassen, können sie nun viel später doch schwanger werden.

Woopen: Wann man Kinder bekommt, mit wem und wie viele - dass Menschen das Recht haben, über ihre Fortpflanzung selbst zu bestimmen, steht außer Frage. Diese Emanzipation könnte sich aber ins Gegenteil verdrehen, wenn sich Frauen rechtfertigen müssen, wieso sie ihre Eizellen nicht einfrieren und erst einmal Karriere machen. Oder wenn sie ihre eingefrorenen Eizellen nicht nutzen wollen, weil sie gar keinen Kinderwunsch mehr haben.

ZEIT: Sie fürchten, durch ihre bloße Verfügbarkeit wird die Technik einen Bedarf wecken? Besteht der nicht längst?

Woopen: Ja, aber es ist dringlicher, den Grund dafür zu überwinden: Dieses Phasendenken - erst Ausbildung, dann Karriere, dann Kinder. Diese Technik des social freezing kann im Einzelfall, unter besonderen persönlichen Umständen, sehr hilfreich sein. Aber ich hätte große Bedenken, falls sie allgemein üblich werden sollte.

ZEIT: Eizellen einlagern zu lassen kostet viel. Ist es ungerecht, wenn nur Frauen ihre Fruchtbarkeit aufschieben dürfen, die es sich leisten können?

Woopen: Wer in einem kleinen, alten Auto sitzt, hat schlechtere Chancen, bei einem Unfall zu überleben, als jemand in einem großen, sicheren Auto. Aber ist es eine staatliche Aufgabe, jedem ein großes Auto zur Verfügung zu stellen? Die drängendere Gerechtigkeitsfrage scheint mir in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu liegen.

ZEIT: Wie ist es bei der anderen wichtigen Neuerung, der genetischen Selektion von Embryonen in den Fruchtbarkeitszentren durch Präimplantationsdiagnostik (PID)? Wenn dadurch die Aussicht auf eine Schwangerschaft steigt, auch bei älteren Frauen? Wenn dabei mehr gesunde Kinder entstehen? Das müssten wir als Gesellschaft doch unterstützen.

Woopen: Jede medizinische Behandlung soll erfolgreich sein. Es ist wünschenswert, dass nach künstlichen Befruchtungen die Schwangerschafts- und Geburtenraten hoch sind.

ZEIT: Dann können die Ärzte ja loslegen ...

Woopen: Moment! Da müssen wir zwischen verschiedenen genetischen Tests unterscheiden. Was genau wird untersucht? Will man nur Embryonen identifizieren, die entwicklungs- und lebensfähig sind? Oder will man schwere Erkrankungen ausschließen, auch solche, die sich erst spät im Leben manifestieren? Oder will man sogar nur Anlagen nachweisen, die nicht bei dem Kind selbst zur Krankheit führen, sondern eventuell erst bei dessen Nachkommen? All das kann man gleichzeitig untersuchen. Aber es sollte nicht zur Routine werden.

ZEIT: Aber die Selektion der Embryonen, wenn sie nur für die nicht ganz kleine Gruppe derjenigen zugelassen wird, die eine künstliche Befruchtung unternehmen, wäre nicht in irgendeiner Weise verwerflich?

Woopen: Eine künstliche Befruchtung ist körperlich und psychisch belastend. Falls erwiesen werden kann, dass diese Maßnahme die Erfolgsaussichten wesentlich vergrößert, kann man sie vertreten. Anders zu beurteilen wäre ein weitgehendes genetisches Screening. Da würden sich die Fragen stellen, welche Zugriffsrechte Eltern auf ihre Kinder haben und wie viel Embryonenschutz moralisch geboten ist.

ZEIT: Der Umbruch durch diese neuen Techniken hat gerade erst begonnen. Bringt er neue bioethische Kontroversen mit sich?

Woopen: Diese Debatte wird kommen. Und zwar im Kontext der technischen Entwicklungen der genetischen Diagnostik, die der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme gerade angesprochen hat. Niedrigschwellige und kommerzielle Angebote werden einen breiten, kostengünstigen Zugriff auf das Genom ermöglichen. Das Limit wird nicht mehr durch die technischen Möglichkeiten definiert. Wir müssen uns selbst überlegen, wo wir es setzen und wie wir den Fortschritt nutzen wollen. Jeder Bürger muss sich darüber klar werden, was er über seine Gene wissen möchte. Wir müssen entscheiden, was ein Mensch über einen anderen Menschen wissen darf. In welchem Umfang dürfen Eltern ihre Kinder genetisch untersuchen lassen?

ZEIT: Mit dem Gesetz zur PID aus dem Jahr 2012 schien die Debatte in dem Feld beendet.

Woopen: Solche Debatten enden nie. Wir müssen uns immer mit neuen Entwicklungen auseinandersetzen.

ZEIT: Der Ethikrat berät die Politik. Doch anscheinend überholt der galoppierende Fortschritt in der Kinderwunschmedizin jedes Gesetz vor seiner Verabschiedung im Parlament ...

Woopen: Der Gesetzgeber kann die Normen so klug konstruieren, dass sie möglichst lange halten. Er kann sie durch Bestimmungen konkretisieren, die selbst nicht Teil des Gesetzes sind, damit nicht bei jeder neuen Technik novelliert werden muss. Im Übrigen halte ich es für eine Stärke des Gesetzgebers, wenn er Gesetze angesichts weitreichender Neuerungen weiterentwickelt.

ZEIT: Anpassung, da werden Gegner sicher schimpfen. Sie haben immer geargwöhnt, das technisch Machbare werde irgendwann nachträglich legalisiert.

Woopen: Von diesem Kulturpessimismus halte ich nicht so viel. Man kann bei neuen Möglichkeiten immer vernünftige Rahmenbedingungen und Grenzen setzen, um die Vorteile zu nutzen und Schaden zu vermeiden.

ZEIT: PID, Embryonenschutz - bislang sind unterschiedliche Aspekte einzeln und teilweise widersprüchlich geregelt. Sehen Sie Chancen für ein Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin aus einem Guss?

Woopen: Der Ethikrat zählt die Fortpflanzungsmedizin zu den besonders wichtigen Themen. Ich wünsche mir, dass der nächste Bundestag sich diese Angelegenheit ganz früh vornimmt. Es geht um heikle Fragen - Leihmutterschaft, Eizellspende, Embryoscreening. Da sind langwierige Diskussionen zu erwarten und schwere Kontroversen. Aber wir müssen uns ihnen stellen.

Aus DIE ZEIT :: 18.07.2013

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