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"Ich kann auch im Café studieren"

Das Gespräch führte LEONIE ACHTNICH

Von virtuellen Hörsälen, Selbstdisziplin und den Grenzen der Kinderfreundlichkeit - eine Fernstudentin erzählt.

Ich kann auch im Café studieren© mrgroove - Photocase.comEin Online-Studium bietet die Möglichkeit, an verschiedenen Orten zu studieren
DIE ZEIT: Frau Prescher, Sie studieren an der Hochschule Emden im Fernstudium Medieninformatik. Wie darf man sich das vorstellen?

Jeannette Prescher: Ich muss mich nicht früh am Freitagmorgen in einem überfüllten Hörsaal einfinden. Stattdessen kann ich mich an den Schreibtisch setzen und mir den Stoff der Vorlesung selbst erarbeiten, und zwar dann, wann ich will. Ich kann auch im Zug lernen, im Wartezimmer oder im Café. Mein Studium ist nicht nur ein Fern-, sondern auch ein Onlinestudium. Der ganze Lernstoff ist im Web visualisiert, dort kann ich ihn abrufen und auf meinem Rechner speichern.

ZEIT: Warum haben Sie sich für diese Form des Studiums entschieden?

Prescher: Ich habe erst zwei Jahre als Krankenschwester gearbeitet, aber ich wusste, dass das nicht mein Beruf sein soll. Über Onlinerecherche bin ich auf das Fernstudium gestoßen. Das war für mich perfekt, weil es bedeutete, dass ich zunächst weiter arbeitete und Geld verdiente - und mir gleichzeitig abends und am Wochenende ein zweites Standbein aufbauen konnte. Als dann mein erstes Kind kam, konnte ich nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. Aber neben dem Kind in Teilzeit zu studieren, das ging gut.

ZEIT: Wie sieht Ihr Alltag aus?

Prescher: Früher kam ich von der Schicht im Krankenhaus nach Hause und habe mich vor den Rechner gesetzt und den Stoff durchgearbeitet. Seit ich die Kinder habe, ist es nicht weniger anstrengend: Morgens bringen mein Mann und ich sie in den Kindergarten und zur Schule. Dann setze ich mich an den Computer und studiere von acht bis halb eins. Wenn unsere Söhne zurückkommen, mache ich mit ihnen Hausaufgaben und erledige die Hausarbeit. Wenn abends noch Zeit bleibt, widme ich mich meinem Nebenjob. Ich arbeite an der Hochschule in der Wissenschaftsorganisation und verdiene damit mein Geld. Zum Glück ist auch dieser Job vor allem online und kann sehr flexibel erledigt werden.

Online studieren

Der häufigste Grund für ein Fernstudium ist Berufstätigkeit. Es eignet sich aber für alle Menschen, die zeitlich oder räumlich gebunden sind und deswegen ihr Studium flexibel gestalten wollen oder müssen. Die größte staatliche Fernuniversität ist die FernUniversität Hagen mit fast 80.000 Studierenden. Viele andere Hochschulen bieten neben dem Präsenzstudium ebenfalls Fernoder Onlinestudiengänge an. Auch an privaten Hochschulen gibt es Angebote. Die Fächerauswahl ist begrenzt, sehr häufig wird BWL gewählt, auch Psychologie ist beliebt. Studiert werden kann in Teilzeit oder Vollzeit, die Kosten variieren je nach Programm und Ausbildungsort. Einige Programme arbeiten viel online und nutzen neue Kommunikationswege, andere versenden ausgedruckte Studienbriefe. Es gibt Bachelor- und Masterabschlüsse, die Fernuni Hagen ist in der Forschung tätig, deswegen gibt es dort auch die Möglichkeit zur Promotion. Auf der Plattform www.oncampus.de findet sich ein Verbund deutscher Hochschulen, die Fern- und Onlinestudiengänge anbieten. Viele Infos und Foren gibt es auch auf www.fernstudium-infos.de»
ZEIT: Woher bekommen Sie denn Ihre Arbeitsmaterialien?

Prescher: Ich melde mich online bei einem Lernraumsystem an. Dort komme ich an die Module, die enthalten dann die Texte, Videos, Erläuterungen und Übungen. Es ist ähnlich wie ein E-Book. Den Inhalt erarbeite ich mir autodidaktisch, und zwar am Bildschirm. Anfangs habe ich alles ausgedruckt, aber das wird teuer. Mittlerweile arbeite ich häufig ganz klassisch mit Stift und Papier und schreibe mir das Wichtige in Stichpunkten ab. Wir müssen auch immer wieder Übungsaufgaben einreichen. Alle paar Wochen gibt es eine Videokonferenz mit dem Professor. In einer Art virtuellem Klassenraum. Ich melde mich an und sehe dann meinen Professor und die Kommilitonen, das waren 30, als ich angefangen habe. Der Dozent lädt seine Folien hoch und hält die Vorlesung. Wenn wir eine Frage haben, können wir uns melden, und der Professor nimmt uns dran.

ZEIT: Sehen Sie die Professoren denn auch mal persönlich?

Prescher: Es gibt natürlich auch Präsenzphasen an der Hochschule, drei Mal pro Semester. Dazu müssen alle Studierenden für einen Freitag und einen Samstag nach Emden kommen und hier an der Hochschule Seminare besuchen. Für mich ist das einfach, weil ich zufällig gerade zwei Minuten Fußweg davon entfernt wohne. Aber meine Kommilitonen reisen teilweise aus Frankreich oder den Niederlanden an.

ZEIT: Wie gut kennt Ihr Professor Sie?

Prescher: Wir treffen die Professoren auf den Einführungsveranstaltungen, in den Videokonferenzen und bei den Präsenzphasen. Dort reden wir auch miteinander. Außerdem gibt es ein Betreuerteam, das zwischen Professor und Studierenden vermittelt. Die kennen jeden Einzelnen und merken schnell, wenn die Leistungen nachlassen. Dann fragen sie auch nach. Als ich schwanger wurde, konnte ich nicht mehr so lange am Rechner sitzen. Damit ich kein Semester aussetzen musste, wurde ich von den Abgabefristen entbunden und durfte mich bei den Videokonferenzen auch mal auf den Boden legen, Beine hoch. Das ist schon ein sehr kinderfreundliches Studium, das sagen auch viele meiner Kommilitoninnen. Ich sehe sie zwar selten, aber wir sind inzwischen alle in Sozialen Netzwerken miteinander verbunden. So bekomme ich auch immer mit, was im Leben der anderen passiert, wir halten uns alle auf dem Laufenden. Wenn ich eine Frage habe, stelle ich die online. Meist kennt jemand die Antwort. Und wenn nicht, dann kann ich per Telefon, E-Mail oder im Chat das Betreuerteam kontaktieren. Als letzte Instanz wird die Frage an den Professor weitergeleitet. Der sollte dann innerhalb von 48 Stunden eine Antwort schicken, aber wie an jeder anderen Uni auch hält der sich nicht unbedingt daran.

ZEIT: Wie laufen die Prüfungen ab?

Prescher: Weil die meisten Studierenden nicht hier am Studienort wohnen, müssen für die zweiwöchige Prüfungsphase alle Studenten anreisen. Die Prüfung läuft dann so ab wie in jedem Präsenzstudium: Wir kommen in den Hörsaal, wir kriegen Stift und Papier und die Aufgaben.

ZEIT: Woher kommt Ihre Motivation?

Prescher: Ganz einfach über Lernerfolg. Wenn es mir gelingt, etwas Neues zu verstehen, dann motiviert mich das. Wenn der Prof gut ist, dann komme ich manchmal auch richtig beschwingt aus den Videokonferenzen heraus. Umgekehrt kann es mich natürlich auch demotivieren, wenn es nicht gut läuft. Wenn das mal einen Tag lang so ist, ist das nicht weiter schlimm. Wenn ich aber zwei Wochen lang nichts tue, dann hinke ich mit dem Stoff sehr hinterher. Man braucht schon viel Fleiß und Selbstdisziplin.

ZEIT: Wie planen Sie Ihre Zeit?

Prescher: Ich bin zu einem gewissen Grad sehr flexibel. Ungefähr 80 Prozent sind Selbststudium. Aber es gibt eben doch einige Termine, die ich einhalten muss. Dazu gehören die Präsenzphasen an der Hochschule, die Prüfungen und auch die Videokonferenzen. Es werden aber immer zwei Termine angeboten, einer vormittags, einer abends. Ich führe einen detaillierten Kalender: Was mache ich morgen? Was mache ich nächste Woche? Meinen Job bringe ich da auch unter, und für die Familie muss Zeit bleiben. Hobbys habe ich keine mehr, seit ich studiere.

ZEIT: Geht das gleichzeitig, studieren und Kinder haben?

Prescher: In der einen Hand die Einkaufstüte, auf dem anderen Arm das Kind, gleichzeitig mit dem Job beschäftigt und dann ganz nebenbei noch Formeln pauken, das geht natürlich nicht. Einmal hatte ich bei der Videokonferenz mit dem Professor meinen Sohn auf dem Schoss. Der Kleine hat wie wild in die Tasten gehauen. Mein Studium ist zwar sehr kinderfreundlich, weil es flexibel ist. Aber ich kann trotzdem nur dann lernen, wenn die Kinder nicht im gleichen Raum sind. Ich studiere zwar zu Hause, aber das ist genauso ernsthaft wie das Studieren an der Uni, das muss auch die Familie begreifen, sonst wird man immer unterbrochen.

ZEIT: Wie teuer ist das Studium?

Prescher: Als Onlinestudentin spare ich mir die Studiengebühren. Trotzdem belaufen sich die Kosten bei mir auf circa 500 Euro pro Semester, weil die einzelnen Module Geld kosten. Wenn man für die Präsenzphasen auch noch anreisen muss, wird es natürlich noch teurer.

ZEIT: Was wollen Sie mit dem Abschluss erreichen?

Prescher: Ich würde gerne an der Hochschule in der Wissenschaftsorganisation weiterarbeiten. Im Moment mache ich das neben dem Studium in Teilzeit. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, an mein Bachelorstudium auch noch einen Master anzuschließen. Vielleicht sogar eine Promotion. Aber ich will nicht mit hundert anderen Studenten im Hörsaal sitzen und einem Professor zuhören. Ich bin effektiver, wenn ich allein lerne. Deswegen kommt für mich auch in Zukunft nur ein Fernstudium infrage.

Aus DIE ZEIT :: 24.11.2011

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