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"Ich kann mich jetzt alleine durchkämpfen"

Von Grit Thümmel

Sie ist Informatikerin und kommt aus Rumänien, er ist ein pakistanischer Wirtschaftswissenschaftler und beide haben eins gemeinsam: Sie haben sich für eine Promotion in Deutschland entschieden. academics.de wollte wissen, wie ihr Alltag an der deutschen Hochschule aussieht und hat die beiden besucht.

Ich kann mich jetzt alleine durchkämpfen - traditionell promovierenMonica Gavrila an ihrem Arbeitsplatz
Monica Gavrila sitzt in ihrem kleinen Büro im Department Informatik der Universität Hamburg. Der Computermonitor zeigt eine Eingabemaske - "geben sie Text ein", heißt es, und dann: "Übersetzen". Die Doktorandin aus Rumänien zeigt auf den Bildschirm und erzählt von ihrer Vision. Ein Computerprogramm will sie entwickeln, das beim Übersetzen hilft. "Recombination in Example-based Machine Translation" heißt es in der Fachsprache, womit sich die 28-Jährige im Rahmen ihrer Dissertation beschäftigt. 2005 ist sie dafür nach Deutschland gekommen. "In Rumänien gab es damals die Fachrichtung Sprachverarbeitung noch gar nicht", erzählt die Informatikerin. Ihren Doktorvater hatte sie bereits während eines Erasmus-Semesters an der Uni Hamburg einige Jahre zuvor kennen gelernt. Ein Ausnahmefall, denn wer in Deutschland nach traditionellem Modell promovieren will, muss meist sehr lange suchen, bis er den passenden Betreuer gefunden hat. Und bei der Vielzahl an Fakultäten und Instituten verliert man schnell den Überblick.

Naveed Iqbal Shaikh kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Bei zahlreichen europäischen Hochschulen suchte er nach einem geeigneten Betreuer für seine Doktorarbeit zum Thema "Handelsliberalisierung und Armutsbekämpfung" - und wurde schließlich am Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik der Ruhr-Universität Bochum fündig: "Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil es die treibende Kraft in Europa ist. Und hier in Bochum forschen sie in dem Bereich, der mich interessiert und zu meinem Thema passt", erklärt der 30-jährige Pakistaner.

Die Art der Finanzierung entscheidet, wie viel Zeit für das eigene Projekt bleibt

Promovieren: "Ich kann mich jetzt alleine durchkämpfen" Wer das Leben in Deutschland verstehen möchte, sollte zumindest ein bisschen die Sprache sprechen", sagt Naveed Iqbal Shaikh
Gemeinsam mit seiner Frau und der kleinen Tochter lebt Iqbal in einem Appartement nahe der Universität. Aber das war nicht von Anfang an so. Als er im April 2006 nach Bochum kam, fing für ihn zunächst das Warten an - sechs Monate dauerte es, bis die Behörden das Visum für seine Familie ausstellten. "Eine schreckliche Zeit", erinnert er sich. "Das war mein Tiefpunkt damals. Meine Tochter war gerade erst geboren und ich war hier in Deutschland allein". Den Lebensunterhalt seiner Familie finanziert er mit einem Stipendium seines Heimatlandes. Dafür muss er jedes Semester einen Antrag stellen und nachweisen, dass er mit seiner Doktorarbeit Fortschritte macht. Der entscheidende Vorteil für ihn: Nur so kann er sich ganz auf seine Dissertation konzentrieren und das bedeutet häufig bis zu elf Stunden Arbeit am Tag.

Die Zeit für das eigene Forschungsprojekt fehlte Monica Gavrila in den vergangenen Jahren oft. Drei Jahre lang finanzierte sie sich mit einem Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin. "Das war schwierig. Während meiner Arbeitszeit habe ich mich um andere Projekte der Fakultät gekümmert. Die hatten immer Priorität. Deshalb kann ich jetzt nach vier Jahren immer noch nicht sagen, dass ich mit meinem eigenen Projekt fertig bin", erzählt sie, überlegt kurz und sagt: "Dezember". Das ist ihre Deadline. Bis dahin soll der erste Entwurf fertig sein, hat sie sich vorgenommen.


Teamplayer oder Einzelkämpfer - der Forschungsalltag kann sehr einsam sein


Da sie nicht in einer Gruppe arbeitet, muss sie sich immer wieder selbst motivieren. "Du bist mit deinem Thema alleine. Das ist etwas anderes als an einem Graduiertenkolleg, wo du Austausch mit anderen hast". Für die Rumänin eine Typfrage - "wer eher ein Einzelkämpfer ist, für den ist die individuelle Promotion vielleicht besser. Ich arbeite eigentlich gern mit Leuten zusammen, deshalb versuche ich mich, so gut es geht, mit meinen Kollegen an der Fakultät auszutauschen". Sie lächelt und fügt hinzu: "Dafür hilft es vielleicht später bei der Bewerbung, nicht ausschließlich an einem Projekt gearbeitet zu haben. Auf jeden Fall sollte man sich aber gut beraten lassen, bevor man anfängt und schauen, was zur eigenen Persönlichkeit passt".

Was die Doktorandin nach ihrer Promotion machen möchte, weiß sie noch nicht. Vielleicht bei einem Unternehmen arbeiten, oder an einer Hochschule lehren. Aber eines ist sicher: Irgendwo in Europa soll es sein. Shaikh wird nicht bleiben. Mit seiner Familie will er zurück nach Pakistan und bei seiner Heimatuniversität arbeiten. "Ich schulde Pakistan etwas für mein Stipendium. Was das Land wirklich braucht sind qualifizierte Leute, die ihr Wissen ins Land bringen und weiter geben", findet er.

Nicht nur fachlich etwas dazu gelernt

Beide Doktoranden sind sich einig: Im Ausland zu promovieren war die richtige Entscheidung. "Es lohnt sich, weil ich ganz viel lerne. Ich sammle Auslandserfahrungen, bin selbstständiger, ich kann mich jetzt alleine durchkämpfen", sagt die Informatikerin. Auch der Wirtschaftswissenschaftler aus Bochum glaubt, dass er aus seiner Promotionszeit sehr viel mit nach Hause nehmen wird: "Nur Bücher lesen, das bringt dich nicht weiter. Man muss von den Menschen lernen, und selbst erleben, wie man woanders lebt und arbeitet".

Und auf die Frage, welchen Rat er denn nun anderen Doktoranden geben würden, antwortet er: "Deutsch lernen!". "Wer das Leben in Deutschland wirklich kennen lernen und verstehen möchte, der sollte zumindest ein bisschen die Sprache sprechen", meint Iqbal, der dafür zu Beginn seines Aufenthalts einen Intensivkurs besuchte. Und manchmal könne er von seiner kleinen Tochter sogar noch etwas lernen. "Sie geht hier in den Kindergarten und bringt mir neue Wörter bei, die sie gelernt hat", erzählt er und lacht.

Monica Gavrila spricht sogar fließend Deutsch, obwohl ihre Arbeitssprache Englisch ist. Nach über fünf Jahren in Hamburg hat sie neben internationalen Kontakten auch viele deutsche Freunde gefunden - für das Einleben in Deutschland hat sie ihr Übersetzungsprogramm nicht gebraucht.

Quelle: academics

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