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»Im Notfall zählt die Zeit«

Das Gespräch führte JOHANNA SCHOENER

Der Gesundheitsökonom Andreas Beivers über die Zukunft ländlicher Krankenhäuser und neue Berufsbilder in der Medizin.

»Im Notfall zählt die Zeit«© Leonardo Franko - Fotolia.comUm die medizinische Versorgung in ländlichen Gegenden zu gewährleisten, müssen neue Berufsfelder geschaffen werden
DIE ZEIT: Herr Beivers, ist das Landkrankenhaus noch zu retten? Wie lautet Ihre Diagnose?

Andreas Beivers: Wenn Sie das typische ländliche Krankenhaus mit 200 bis 300 Betten meinen, das mit allgemeiner Chirurgie und Innerer Abteilung eine Grund- oder Regelversorgung anbietet: Das hat auf jeden Fall ein Problem. Einfache Leistungen werden inzwischen verstärkt ambulant gemacht. Das bringt weniger Geld ein als eine stationäre Behandlung. Und auch mittelschwere, planbare Eingriffe übernehmen immer häufiger größere Kliniken in der nächsten Stadt. Es schreien zwar immer alle Nein, wenn ein Landkrankenhaus geschlossen werden soll, doch für die eigene Hüft-OP fahren sie zum größeren Versorger.

ZEIT: Für den Notfall möchte man halt ein Krankenhaus in der Nähe haben.

Beivers: Das ist richtig - und da ist der Staat auch in der Verantwortung. Es ist im Grundgesetz verankert, dass er flächendeckend die Versorgung sicherstellen muss. Ganz besonders wichtig ist das natürlich bei der Notfallversorgung. Momentan sieht das aber sehr gut aus. Über 98 Prozent der Bevölkerung erreicht innerhalb eines 20-Minuten-Radius das nächste Krankenhaus. Noch. Denn die Bevölkerung wird nicht nur schrumpfen, es wandern auch immer mehr Menschen in urbane und suburbane Gegenden ab. Die Kunst wird dann sein, zu entscheiden: Welche Krankenhäuser in den strukturschwachen Gegenden kann man schließen und welche nicht, weil sie versorgungsrelevant sind? Im Notfall zählt ja nun mal die Zeit.

ZEIT: Nicht nur potenzielle Patienten verlassen diese Gegenden - Kliniken haben auch zunehmend Schwierigkeiten, Personal zu finden.

Beivers: Dieses Problem ist zwar noch nicht so groß wie bei der ambulanten Versorgung, aber es ist definitiv da. Es betrifft allerdings alle Krankenhäuser. In städtischen Kliniken brennt es vor allem im Pflegebereich. Ich war neulich in einem Münchner Krankenhaus, wo so ein buddy system eingeführt wurde: Wirbt eine Pflegekraft dort eine andere an, kriegt sie ein Kopfgeld in vierstelliger Höhe.

ZEIT: Und auf dem Land gibt es genug Krankenschwestern und -pfleger?

Beivers: Der Punkt ist, dass Pflegekräfte mit ihren niedrigen Gehältern im städtischen Bereich schlechter leben können als auf dem Land. Deswegen ist die Situation in der Pflege dort entspannter. Dafür werden Ärzte dringend gesucht.

ZEIT: Woher kommt es, dass Mediziner ungern aufs Land wollen?

Beivers: Eine Rolle spielt sicherlich, dass man davon ausgehen kann, dass Ärztinnen und Ärzte heute einen Partner haben, der selbst einem Beruf nachgeht. Nehmen wir mal meinen eigenen Fall: Ein Mann, der Volkswirtschaft studiert hat, lernt eine Medizinstudentin aus München kennen. Irgendwann hat diese Medizinstudentin ihren Abschluss und sagt: Ich geh jetzt in die Provinz, in ein Landkrankenhaus. Dann sage ich doch: Mach das, aber nicht mit mir, ich arbeite an der Hochschule. Wir leben in einer emanzipierten Gesellschaft, da wollen beide arbeiten. Auf dem Land ist schnell einer ohne Job.

ZEIT: Welche Anreize können Kliniken schaffen, um dennoch ihre offenen Ärztestellen zu besetzen?

Beivers: Wenn regionale Krankenhäuser Chefärzte anwerben wollen, können sie zum Beispiel versuchen, dem Ehepartner in dieser Region ebenfalls eine interessante Perspektive zu eröffnen. So etwas ist heute, wenn es darum geht, eine Professur zu besetzen, ja auch gang und gäbe. Was macht einen Arbeitsplatz sonst noch attraktiv? Vielleicht, indem der Arbeitgeber für Kitaplätze und Teilzeitmodelle sorgt. Kliniken im ländlichen Raum müssen da einfach mehr machen.

ZEIT: Viele versuchen, den Mangel durch ausländische Ärzte zu überbrücken. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Beivers: Bis zu einem gewissen Grad finde ich das gut. Aber Sprachbarrieren zwischen Arzt und Patient können die Behandlung erschweren. Zudem muss man sich fragen, inwieweit es unethisch ist, etwa den Griechen ihre Ärzte abzuwerben. Als langfristige Lösung finde ich Modelle aus Skandinavien interessanter. Die Finnen etwa haben ja wirklich noch ganz andere Probleme als wir, die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten.

ZEIT: Was tun sie dagegen?

Beivers: Sie schaffen neue paramedizinische Berufsfelder. Das heißt, die Pflege wird mehr und mehr akademisiert, das Personal kann dann Aufgaben übernehmen, die bisher die Ärzte leisteten. Es gibt dafür auch hierzulande bereits Ansätze. Das ist ein großer Zukunftsbereich - und im Grunde übrigens eine Entwicklung, die wir vor hundert Jahren schon einmal hatten: Damals gab es auf dem Land die approbierten Bader. Die waren so eine Mischung aus Friseur, Zahnzieher und Arzt.

ZEIT: Die Veränderung der Berufsbilder ist eine Sache. Aber was ist mit den Kliniken selbst, müssen die sich nicht auch an die neuen Umstände anpassen?

Beivers: Selbstverständlich. In den nächsten zehn Jahren wird sich da sehr viel tun. Viele ländliche Krankenhäuser sind schon lange defizitär, stehen kurz vor der Insolvenz. Dass die Kommunen an ihnen festhalten und sie quersubventionieren, liegt daran, dass sie oft der größte Arbeitgeber in strukturschwachen Gegenden sind. An einem kleinen Krankenhaus können locker 500 Arbeitsplätze hängen. Und wenn die medizinische Versorgung in einer Region unattraktiv ist, zieht man dort auch nicht unbedingt hin.

ZEIT: Welche Alternativen haben die Kommunen?

Beivers: Wenn ein Krankenhaus in den roten Zahlen und nicht mehr bedarfsgerecht ist, kann man es entweder schließen, oder aber man passt es den Strukturen an. Eine erreichbare medizinische Versorgung wird es ja immer geben müssen. Eine Entwicklung, die wir heute ganz klar absehen können, ist, dass die Krankenhäuser in strukturschwachen Gegenden zukünftig keine Krankenhäuser mehr sein werden, wie wir sie heute kennen.

ZEIT: Sondern?

Beivers: Sie könnten in Gesundheitszentren verwandelt werden, in denen die ambulante und stationäre Behandlung miteinander verknüpft sind. Meine Prognose ist, dass es die bisherige Trennung dieser Bereiche in Zukunft nicht mehr geben wird. Das Versorgungsmanagement in diesen Regionen muss neu gedacht werden. Vielleicht muss die Notfallversorgung etwa von weiter entfernten Kliniken mit abgedeckt werden. Das wirft Fragen auf, die die Logistik betreffen, angefangen bei Landeplätzen für Hubschrauber. Auch Telemedizin könnte eine größere Rolle spielen. All das ist mit organisatorischem Aufwand verbunden, gehört neu gedacht, gemanagt und strukturiert. Alles Aufgaben für Gesundheitsökonomen.

ZEIT: Machen Sie nur Werbung, oder sind Fachleute wie Sie wirklich begehrt?

Beivers: Ich werde ständig von Unternehmen gefragt, wann die Health-Economics-Studenten fertig sind. Ökonomen, die sich auf den Gesundheitsmarkt spezialisieren, sind bisher selten und daher sehr gefragt. Für 18-Jährige scheint ein BWL-Studium mit Aussicht auf einen Job in einer internationalen Firma oft spannender als das Gesundheitswesen. Doch die Branche ist längst einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Zukunft.


Über den Interviewten
Als Studiendekan leitet Andreas Beivers den Bachelorstudiengang Health Economics an der Hochschule Fresenius in München. Der Gesundheitsökonom forscht zu den Themen Krankenhausversorgung und Finanzierung des Gesundheitswesens. Er hat über »Ländliche Krankenhausversorgung in Deutschland« promoviert und ist Mitautor des Krankenhaus Rating Report.

Aus DIE ZEIT :: 07.03.2013

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