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»Immer in die erste Reihe setzen«

Das Gespräch führte Jeannette Otto

Wie gelingt es Frauen, in Aufsichtsräte zu kommen? Ein Gespräch mit der Beraterin Carola Eck-Philipp, die dazu einige Strategien entwickelt hat.

»Immer in die erste Reihe setzen«© Gina Sanders - Fotolia.comFür ein Mandat im Aufsichtsrat brauchen Frauen Durchhaltevermögen
DIE ZEIT: Frau Eck-Philipp, in deutschen Aufsichtsräten sitzen inzwischen 22 Prozent Frauen. Bis zur Quote von 30 Prozent, die seit Anfang des Jahres gilt, fehlt nicht mehr so viel. Freuen Sie sich über diese Entwicklung?

Carola Eck-Philipp: Anlass für Jubel ist das nicht, die 22 Prozent gelten lediglich für die 108 Dax-30-Konzerne. Alle anderen fühlen sich durch die Quotenregelung noch lange nicht angesprochen. Außerdem zeigen andere Länder: Es könnte schneller gehen. Norwegen zum Beispiel kam nach Einführung der Quote innerhalb von zwei Jahren von 19 auf 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten. In Deutschland erreicht nur die Firma Henkel einen solchen Wert und liegt bei 44 Prozent. Henkel ist auch das einzige Unternehmen hierzulande mit einer Frau als Aufsichtsratsvorsitzendem.

ZEIT: Sie coachen Frauen, die sich auf den Weg machen wollen, um ein Mandat in einem Aufsichtsrat zu erwerben. Warum haben diese Frauen eine solche Strategieberatung überhaupt nötig?

Eck-Philipp: Für gut qualifizierte Frauen ist es durch die Quote nun erstmals realistisch geworden, eine Position in einem Aufsichtsrat zu bekommen. Aber wie erreichen sie die? Dieser Weg ist absolut intransparent. Da wird nicht drüber gesprochen. Frauen wachsen ja in der Regel nicht mit dem Ziel auf: Ich werde irgendwann mal Aufsichtsrätin. Bei den Männern ist das anders. Die stehen mit den richtigen Leuten zusammen, und schon werden sie gefragt. Oder ihr Mentor sagt ihnen im Brustton der Überzeugung: Aus dir wird bestimmt mal ein Aufsichtsrat! So kommt es dann auch. Frauen hören solche Sätze nicht. Sie müssen überhaupt erst einmal lernen, dieses Ziel zu formulieren. Dabei haben sie Angst, sich anzubiedern, sich aufzudrängen. Das ist den meisten zuwider.

ZEIT: Frauen, die für ein Aufsichtsratsmandat infrage kommen, sind hoch qualifiziert und erfolgreich - denen sollte es doch nicht an Selbstbewusstsein mangeln?

Eck-Philipp: Das sind gestandene Frauen, die beeindruckende Karrieren vorzuweisen haben. Aber sie geraten in ein Spiel, das bisher von Männern bestimmt wurde. Und die Regeln für dieses Spiel sind ihnen fremd. Positionen in einem Aufsichtsrat werden überwiegend durch Empfehlungen vergeben. Dafür kann sich niemand bewerben. Viele Frauen geben da entnervt auf und sagen: Dieses Spiel verstehe ich nicht.

ZEIT: Womit sich die Männer einmal mehr bestätigt fühlen: Die Frauen halten einfach nicht durch, sind nicht dafür gemacht.

Eck-Philipp: Frauen unterschätzen sich, Männer überschätzen sich. Beides ist falsch. Aber das Überschätzen ist in unserer Gesellschaft eben Standard. Und die Frauen gehen den Männern noch viel zu oft auf den Leim. Die Männer behaupten ja tatsächlich immer noch, es gäbe gar nicht genügend qualifizierte Frauen, um der gesetzlichen Quote von 30 Prozent entsprechen zu können. Das stimmt natürlich nicht, aber viele Frauen glauben das.

ZEIT: Für Ihre Studie Die Quote allein reicht nicht haben Sie 18 Frauen zwischen 38 und 56 Jahren befragt. Was sind deren größte Hindernisse auf dem Weg in den Aufsichtsrat?

Eck-Philipp: Von den Frauen wird Topmanagement-Erfahrung erwartet. Am besten innerhalb eines Vorstands.

ZEIT: Der Anteil der Frauen in deutschen Vorständen liegt bei 5,5 Prozent - diese Voraussetzung dürfte also schwer zu erfüllen sein.

Eck-Philipp: Streng genommen ist die Vorstandserfahrung auch gar nicht vorgeschrieben. Aber damit lässt sich natürlich leichter argumentieren, um bestimmte Frauen von vornherein zu verhindern. Eine Frau, die ich für die Studie befragte, hatte einen Vorstandsposten inne. Ihr sagte man dann, einer sei zu wenig. Die Männer beklagten sich auch bei ihr, dass es einfach »keine qualifizierten Frauen« gebe. Sie erwiderte: »Ich stehe neben Ihnen, können Sie mich nicht sehen?«

ZEIT: Sind die Männer wirklich so blind?

Eck-Philipp: Stellen Sie sich vor, wer bisher in deutschen Aufsichtsräten saß: Männer um die 70. Deren Interesse ist es nicht unbedingt, den Anteil an Frauen zu erhöhen, außer man zwingt sie dazu. Einen wirklichen Vorteil, oder gar eine Bereicherung, sehen sie in den weiblichen Mitgliedern nicht. Sie kennen Frauen eher als Ehefrau, Sekretärin, Putzfrau oder Friseurin als in Topmanagement-Positionen. Das ist Realsatire.

ZEIT: Können Frauen von Männern also gar keine Unterstützung erwarten?

Eck-Philipp: Überrascht hat mich, dass sich die befragten Frauen von anderen Frauen sogar weniger unterstützt gefühlt haben als von Männern. Die Männerwelt präsentiert sich da recht zweigeteilt. Die einen bleiben stur und wollen lukrative Aufsichtsratsposten lieber selbst übernehmen oder einen guten Bekannten dafür empfehlen. Es gibt aber einen fast ebenso großen Anteil an Männern, die überrascht und positiv auf ambitionierte Frauen reagieren. Sie kämen zwar nicht von allein auf die Idee, eine Frau für eine Position in einem Aufsichtsrat vorzuschlagen, sind aber anerkennender, konkreter und sachlicher in der Unterstützung als Frauen.

ZEIT: Warum ist das so?

Eck-Philipp: Frauen solidarisieren sich, unterstützen sich aber nicht wirklich auf dem Weg nach oben. Die treffen sich in Netzwerken, hören sich gegenseitig zu, ermutigen sich, aber das ist es dann auch. Es gibt einen Austausch, aber keine Empfehlungen. Sobald es konkret werden müsste, helfen sie nicht mit Taten. Da macht sich einfach auch das Fehlen der weiblichen Machtpositionen bemerkbar. Frauen bringen sich durch ihre Netzwerke nur selten untereinander ins Spiel. Die Seilschaften der Männer, wo einer den anderen mit nach oben zieht, sind bei den Frauen einfach nicht eingeübt. Insofern habe ich manchmal den Eindruck, die machen sich in ihren Netzwerken ein bisschen was vor.

ZEIT: Was raten Sie den Frauen?

Eck-Philipp: Sich eine Strategie zu überlegen: Wer bringt mich in die entsprechenden Kreise, wie komme ich an den ran? Sie sollten zu Veranstaltungen gehen, zu Aufsichtsratstagungen, dort trifft man ja genau die, die später die Entscheidungen treffen. Dann heißt es, sich ein Thema überlegen, die Männer in den Pausen ansprechen. Und immer in die erste Reihe setzen, Fragen stellen, mit interessanten Beiträgen auffallen. Meist ergibt sich dann doch ein Kontakt, ein Gespräch. Wenn Männer merken, oh, die Frage hätte ja von mir sein können, die Frau weiß, wovon sie redet.

ZEIT: Lässt sich all das trainieren?

Eck-Philipp: Nein, dafür gibt es keinen Kurs. Ich entwickle mit den Frauen eine Strategie, die ganz individuell passt, sehe mir an, was die Frauen bisher gemacht haben und was ihnen liegen würde. Die eine kann wunderbar formulieren und könnte durch einen Vortrag sichtbar werden. Die andere ist eine begnadete Netzwerkerin, scheut sich aber, vor vielen Menschen zu sprechen.

ZEIT: Würden sich Männer in solchen Fragen jemals individuell beraten lassen?

Eck-Philipp: Eher nicht. Da ist es egal, ob einer introvertiert oder extrovertiert ist, solange er oben an der Spitze jemanden kennt, der ähnlich tickt wie er.

ZEIT: Wie erfahren Frauen überhaupt, welche Posten in den Aufsichtsräten frei sind?

Eck-Philipp: So was spricht sich herum, aber wer die Kontakte nicht hat, erfährt das nicht. Headhunter haben die Informationen, aber die Frauen machen die Erfahrung, dass sie von Headhuntern nicht profitieren. Es gibt diverse nationale und internationale Datenbanken, in denen sich Frauen mit Interesse an einem Aufsichtsratsposten eintragen können. Das Problem ist nur: Kein Aufsichtsratsvorsitzender, der ein Mandat zu vergeben hat, guckt da rein. Um die Stimmung einmal deutlich zu machen: Im Jahr vor der Quote konnte man dabei zusehen, wie Aufsichtsräte freie Positionen noch schnell mit Männern besetzt haben. »Schadensbegrenzung« nannte man das damals öffentlich. Das ist eine Frechheit!

ZEIT: Wie lange dauert es bis zu einem Mandat?

Eck-Philipp: Die befragten Frauen waren im Schnitt drei Jahre auf der Suche. In dieser Zeit ist es knapp der Hälfte von ihnen gelungen, ein bis zwei Mandate zu bekommen. Die Frauen brauchen schon Kampfgeist und Durchhaltevermögen. Und wenn dieser Weg weniger beschwerlich werden soll, dann müssen sich endlich beide verändern: Männer und Frauen.


Über die Interviewte
Carola Eck-Philipp, 65, ist Volkswirtin und Wirtschaftspädagogin. Sie berät nicht nur Frauen, sondern auch Vorstände von Unternehmen und Organisationen.

Aus DIE ZEIT :: 28.04.2016

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