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"Jetzt sind wir klüger"

von Jan-Martin Wiarda

Die Exzellenzinitiative trat damit an, die deutschen Hochschulen zu revolutionieren. Was ist aus den Versprechen von damals geworden? Ein Überblick.

"Jetzt sind wir klüger"© Nastco - iStockphoto.comDie Erfolgskontrolle zeigt: die Exzellenzinitiative ist erfolgreicher als ihr Ruf
Es war eine Sozialdemokratin, die den Wettbewerb an Deutschlands Hochschulen brachte: Edelgard Bulmahn setzte als Bundesbildungsministerin 2004 die Exzellenzinitiative gegen den Widerstand einer ganzen Riege von Landespolitikern durch. Deutschland brauche keine Elite-Insel, sagte Bayerns CSU-Bildungsminister Thomas Goppel. Sein sächsischer CDU-Kollege Matthias Rößler fürchtete Schlimmes für Ostdeutschland. Doch auch ihre Parteifreunde hatte Bulmahn zunächst mehrheitlich gegen sich. Als Ende 2004 die Einigung endlich stand, war der Erfolgsdruck gewaltig: Jetzt musste die Exzellenzinitiative liefern, was ihre Befürworter angekündigt hatten. Aber tat sie das auch?

1 - Die Welt soll sehen, wie gut deutsche Unis sind

Das Versprechen:
»Damit Deutschland international mit Elite-Universitäten wie der ETH Zürich, Stanford oder Oxford konkurrieren kann, brauchen wir weithin sichtbare Leuchttürme.«
Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung 2004

Die Ausgangslage:
Wie misst man eigentlich das internationale Standing einer Wissenschaftsnation? Während die einen bei dieser Frage mit den Schultern zucken, stützen sich andere auf vermeintlich objektive Statistiken. Den Zitationsindex von Thomson Reuters zum Beispiel, dem eine simple Logik zugrunde liegt: Je häufiger Wissenschaftler von anderen Wissenschaftlern zitiert werden, desto besser sind sie. Demnach lagen Deutschlands Forscher zwischen 2001 und 2006 im weltweiten Vergleich hinter den USA auf Platz zwei. So weit, so gut - würden Deutschlands Unis nicht auch als gleichförmig und langweilig gelten. Im umstrittenen, aber extrem medienträchtigen Shanghai-Ranking der weltbesten Hochschulen befindet sich 2006 keine einzige deutsche Uni unter den Top 50. Ein ernsthaftes Problem, wie Ministerin Bulmahn glaubte: »Spitzen-Unis sind besonders attraktiv für Nachwuchs und Spitzenkräfte aus dem In- und Ausland.« Die Exzellenzinitiative soll helfen, die deutsche Forschung auch in den Uni-Rankings zum Strahlen zu bringen.

Der Stand heute:
Im »Sciencewatch-Index« von Thomson Reuters haben die Forscher hierzulande ihren zweiten Platz gehalten. Das Shanghai-Ranking von 2011 führt eine deutsche Uni unter den Top 50: die TU München auf Platz 47. Insgesamt schafften den Sprung unter die ersten 200 nur 14 deutsche Standorte, 2006 waren es 16. Hat die Exzellenzinitiative also dabei versagt, den Glanz der individuellen Forscher auf neue Elite-Unis zu übertragen? Nicht unbedingt: Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die zwischen 2007 und 2011 rund 6000 ausländischen Wissenschaftlern einen Forschungsaufenthalt in Deutschland gesponsert hat, weist unter den zehn begehrtesten Zielen sechs der insgesamt neun Exzellenzuniversitäten aus. Wobei im Zeitraum von 2004 bis 2008 schon fast die gleichen Unis oben waren. Der Münchner-TU-Präsident Wolfgang Herrmann ist sich dennoch sicher: »International hat die Sichtbarkeit unserer Wissenschaftler und unserer Wissenschaft erheblich zugenommen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass dieser kluge Schachzug deutscher Politik aufmerksame Nachahmer rund um den Globus findet.« Worauf Herrmann anspielt: Mit Spanien, Polen und Malaysia hat eine Reihe von Ländern die Idee der Exzellenzinitiative kopiert. Und die Zahl der ausländischen Wissenschaftler, die insgesamt nach Deutschland kommen, ist zwischen 2005 und 2009 um ein Drittel gestiegen - auf fast 30 000.

2 - Mehr Wettbewerb ist für alle gut

Das Versprechen:
»Die Besten dienen als Vorbild und heben so das allgemeine Leistungsniveau an.«
Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates 2004

Die Ausgangslage:
Einen wichtigen Grund dafür, dass deutsche Unis international ohne eigenes Profil dastehen, sehen Bildungspolitiker im mangelnden Wettbewerb. Die Hochschulen bekommen Staatsgelder nach dem Gießkannenprinzip und wursteln damit vor sich hin. Der Exzellenzwettbewerb soll das ändern - nicht nur indem er ein paar Sieger kürt, sondern indem er insgesamt eine Wettbewerbskultur etabliert. »Der Wettbewerb stärkt die strategische Entscheidungsfähigkeit in den Universitäten«, glaubt Peter Strohschneider, im Jahr 2006 Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Das darin enthaltene Versprechen: Auch wenn eine Hochschule im Wettbewerb durchfällt, hat sie von ihrem Antrag profitiert, weil sie gezwungen war, über ihre Stärken und Schwächen nachzudenken. Gleichzeitig werden die Verlierer angespornt, den Besten nachzueifern und sie in anderen Wettbewerben zu übertrumpfen. Und die Politik lockt zur Belohnung mit mehr administrativen Freiheiten.

Der Stand heute:
Die Exzellenzinitiative hat offenbar nirgendwo zu dauerhafter Frustration geführt: Viele Verlierer von einst versuchen es in dieser Runde erneut - und haben, wie die TU Dresden oder die Berliner Humboldt-Uni, beste Chancen, diesmal Elite-Uni zu werden. Überhaupt hat sich in Deutschlands Hochschullandschaft eine Vielzahl neuer Wettbewerbe etabliert: von Landesexzellenzinitiativen über Preise für gute Lehre bis hin zu Auszeichnungen für die beste Hochschulkommunikation. Gleichzeitig ist die Summe der Drittmittel explodiert: von 3,4 Milliarden Euro 2003 auf 5,9 Milliarden Euro 2010. Das Versprechen, den Hochschulen mehr Autonomie zuzugestehen, hat sich ebenfalls erfüllt - wobei es sich vor allem um mehr Entscheidungsfreiheit für die Hochschulleitung handelt. Haben davon alle etwas? Laut einer Umfrage der Ruhr-Uni Bochum gefallen vielen Professoren die neuen Managementstrukturen. Auch hat das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) ermittelt, dass die meisten Forscher mit der neuen Wettbewerbs- und Förderrealität insgesamt zufrieden sind. Kritischer sind die Geisteswissenschaftler, die ein Missverhältnis zwischen Antragsaufwand und Ertrag beklagen. Sie sind es auch, die eine Marginalisierung ökonomisch weniger interessanter Disziplinen befürchten. Bislang kam es zum Glück anders: Die Uni Potsdam hat erst kürzlich in einer Studie die im internationalen Maßstab weiterhin erstaunliche Vielfalt kleiner Fächer festgestellt.

3 - Die Hochschulen erhalten viel mehr Geld

Das Versprechen:
»Wir werden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von derzeit 2,5 bis 2010 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen.«
Gerhard Schröder, Bundeskanzler 2004

Die Ausgangslage:
Die Universitäten sind dramatisch unterfinanziert, Bund und Länder investieren 2005 nur 18,4 Milliarden Euro in die Hochschulen, das entspricht 0,83 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung. Gemäß dem Versprechen von Kanzler Schröder will die Bundesregierung mehr Geld für die Forschung lockermachen, die Exzellenzinitiative gilt dafür als wichtiges Vehikel. Das Mehr an Geld dürfe jedoch an anderer Stelle nicht wieder weggekürzt werden, warnt der damalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl, und fügt hinzu: »Richtig ist, dass, ungeachtet der Mittel, die in einen solchen Wettbewerb fließen, insgesamt mehr Geld in deutsche Hochschulen investiert werden muss.«

Der Stand heute:
Zwischen 2006 und 2011 sind 1,9 Milliarden Euro Exzellenzgelder an die Siegeruniversitäten geflossen. Insgesamt stiegen die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen bis 2010 um ein Fünftel auf 22,3 Milliarden Euro, was auch ein Verdienst der von der Exzellenzinitiative inspirierten Landeswettbewerbe ist. Der Anteil der Hochschulausgaben an der Wirtschaftsleistung nahm indes nur marginal zu: um 0,07 Prozentpunkte auf 0,90 Prozent. Und: Während die Drittmittel vor allem dank der Exzellenzinitiative zwischen 2003 und 2010 um satte 73 Prozent in die Höhe schnellten, nahm der Grundzuschuss des Staates an die Hochschulen zwischen 2003 und 2008 lediglich um 7,6 Prozent zu - was nicht einmal der Inflationsrate entspricht. Kurzum: Während die Sieger an den Drittmitteltöpfen die maue Apanage der Länder aufbessern konnten, darben die Verlierer entgegen Einhäupls Forderung weiter. Insgesamt beliefen sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2010 auf 2,82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - also unter Schröders drei Prozent, dennoch beachtlich, da überall sonst in Europa an Bildung gespart wird.

4 - Der wissenschaftliche Nachwuchs bekommt neue Chancen

Das Versprechen:
»Auch die Studierenden werden längerfristig von den Spitzen-Unis profitieren.«
Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung 2004

Die Ausgangslage:
Eigentlich ist die Exzellenzinitiative nur dazu gedacht, die Forschung aufzupolieren. Doch gerade in der Lehre, kritisieren Experten, sei die Not besonders groß: überfüllte Lehrsäle, schlechte Betreuung der Studenten, wenig versierte Didaktiker. Die Befürworter des Elitewettbewerbs versichern: Das Geld wird indirekt den Studenten zugutekommen, weil mehr Spitzenforscher an die Unis streben, die dann auch unterrichten werden. Gleichzeitig sollen neu gegründete Graduiertenschulen, ein Kernbestandteil der Exzellenzförderung, die Doktorandenausbildung revolutionieren. »Gerade unter hochbegabten Studenten könnte es zu einer Abstimmung mit den Füßen kommen«, prophezeite im Jahr 2006 der damalige Generalsekretär der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Gerhard Teufel - zugunsten der Elite-Unis, versteht sich.

Der Stand heute:
Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) begleitet seit vielen Jahren mit seinem Ranking die Studiensituation an den Hochschulen. Vergleicht man das jüngste Abschneiden der neun Elite-Unis im CHE-Ranking mit dem zu Beginn der Exzellenzinitiative, stellt man fest: Alles wie gehabt. Es gibt ein paar Fächer, in denen sie im Vergleich zum Rest der Hochschulen besser abschneiden als vor sechs Jahren (zum Beispiel Medizin und Geowissenschaften), und andere (Biologie, Anglistik oder Chemie), in denen sie abgestiegen sind. Offenbar haben einige Exzellenzforscher aus Zeitnot ihr Engagement in der Lehre zurückgefahren. Selbst Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), räumt ein, es wäre besser gewesen, die Lehre von Anfang an in den Wettbewerb mit einzubeziehen: »Jetzt sind wir klüger.« Soll heißen: In der aktuellen, letzten Vergaberunde ist die Lehre dabei. Umso erfolgreicher lief dank Exzellenzinitiative die Reform der Promotion: Die neu gekürten Graduiertenschulen haben eine solche Ausstrahlung, dass mehr Betreuung, mehr Struktur und weniger Abhängigkeit der Doktoranden vom Goodwill einzelner Professoren an immer mehr deutschen Unis der Normalfall werden.

5 - Die Kluft in der Forschung soll überwunden werden

Das Versprechen:
»Durch ein neues Niveau der Zusammenarbeit können wir die Versäulung des Wissenschaftssystems verhindern und überwinden.«
Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft 2005

Die Ausgangslage:
Es ist eine deutsche Spezialität: Das Nebeneinander von Unis und außeruniversitären Einrichtungen - von Experten als »Versäulung« beklagt. Die Spitzenforschung hat sich über die Jahrzehnte aus den Universitäten zurückgezogen und Heimat in den großen Forschungsorganisationen gefunden, von der Max-Planck-Gesellschaft über die Helmholtz- bis hin zur Leibniz-Gemeinschaft. Diese werden anders als ihre armen Schwestern großzügig vom Bund finanziert. Ihre Forschungsleistungen sind spitze, ihre internationale Reputation ist hervorragend. Die Exzellenzinitiative soll nun in sogenannten Clustern nicht nur verschiedene Disziplinen zusammenführen, sondern auch Unis und »Außeruniversitäre«. Eine Win-win-Situation: Die Forschungszentren kommen leichter an Nachwuchs, die Unis profitieren von der Ausstattung der Forschungszentren. Am Ende, so die Hoffnung, könnte sogar hier und da eine Fusion rausspringen - und dank schierer Masse eine bessere Position in internationalen Uni-Rankings.

Der Stand heute:
Bundesbildungsministerin Annette Schavan frohlockt: »Die Exzellenzinitiative hat die Versäulung aufgebrochen. Da sind viele Brücken entstanden.« Tatsächlich ist die bisherige Vergabebilanz im Wettbewerb eindeutig: Besonders erfolgreich waren Hochschulen, die ein dichtes Netzwerk an Kooperationen aufgebaut haben. Entstanden sind Cluster mit exotischen Namen wie »The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations« (FU/HU Berlin) oder »Die Herausbildung normativer Ordnungen« (Uni Frankfurt), die jeweils eine Vielzahl an Fächern und außeruniversitären Partnern umfassen. Während die Exzellenzinitiative mit ihrem interdisziplinären Ansatz einem bereits bestehenden Trend folgte, hat sie in Sachen Versäulung die Trendumkehr geschafft: Die Exzellenzuniversität Karlsruhe verschmolz mit dem benachbarten Helmholtz-Forschungszentrum zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Berliner Universitätsmedizin Charité soll mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (ebenfalls Helmholtz) zusammengehen, mit der sie bereits einen gemeinsamen Cluster betreibt.

6 - Allein die wissenschaftliche Leistung zählt

Das Versprechen:
»Wenn der Süden besser ist, dann ist er es.«
Angela Merkel, Bundeskanzlerin 2006

Die Ausgangslage:
Das zu Beginn des Wettbewerbs festgelegte Auswahlverfahren klingt unangreifbar: International besetzte wissenschaftliche Gutachterkommissionen werden an die Bewerber-Unis geschickt. Sie berichten anschließend einem gemeinsamen Vergabegremium von DFG und Wissenschaftsrat, das der Politik die Sieger vorschlägt. Die Politiker nicken die Entscheidung der Wissenschaftler ab, entscheiden selbst nur in Konfliktfällen.

Der Stand heute:
Schon in der ersten Vergaberunde kam es zum Eklat. Die Wissenschaftler nahmen ihren Auftrag ernst - und auf Proporz keine Rücksicht. Das Ergebnis: Der Süden Deutschlands räumte ab. Wütend beugten sich die Politiker dem einhelligen Votum, vermuteten jedoch »Machtkartelle« hinter der Entscheidung der gemeinsamen Kommission von DFG und Wissenschaftsrat. In der zweiten Runde dann drückten, so der Vorwurf von Kritikern, sie mit der FU Berlin und Göttingen zwei Unis durch. Im Übrigen bemängeln selbst Befürworter der Exzellenzinitiative, dass wichtige Vergabekriterien (etwa die Publikationshäufigkeit und die Möglichkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit) die Naturwissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften bevorzugen. So sind nur an sechs von insgesamt 37 Exzellenzclustern Geistes- oder Sozialwissenschaftler beteiligt.


Aus DIE ZEIT :: 06.06.2012

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