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»Keine knappe Kleidung« - Als Doktorandin bei Muslimbrüdern

Das Gespräch führte Arnfrid Schenk

Als junge Doktorandin bei den Führungskadern der Muslimbrüder. Wie war das?

»Keine knappe Kleidung« - Als Doktorandin bei Muslimbrüdern© NourElRefai - iStockphoto.com Annette Ranko reiste für ihre Doktorarbeit nach Kairo und befragte Muslimbrüder zu Weltbild und Demokratie
DIE ZEIT: Frau Ranko, Sie haben für Ihre Dissertation fast die komplette Führungsriege der ägyptischen Muslimbrüder zu Weltbild und Demokratie befragt. Wie sind Sie als junge Forscherin aus dem Westen überhaupt an diese Kader herangekommen?

Annette Ranko: Ich hatte davor schon ein Jahr an der Cairo University studiert und Leute kennengelernt, die in der Oppositionsbewegung gegen Mubarak aktiv waren. Dadurch hatte ich bereits ein Netzwerk, zwar nicht im islamistischen, aber im liberalen und linken Spektrum der Opposition. Dann haben mir deutsche und ägyptische Wissenschaftler und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen mit ihren Kontakten zur Führungsriege der Muslimbruderschaft weitergeholfen.

ZEIT: War das nicht riskant? Unter Mubarak war die Bruderschaft noch verboten und Repressionen ausgesetzt.

Ranko: Für die Feldforschung war ich zwischen 2008 und 2011 viermal in Kairo, jeweils für ein bis zwei Monate. Ende 2010 war es tatsächlich schwierig, gerade lief wieder eine Verhaftungswelle gegen führende Muslimbrüder. Da durfte ich beispielsweise Adressen und Treffpunkte nicht aufschreiben.

ZEIT: Hatten Sie einen Übersetzer?

Ranko: Nein, das ging aus Gründen der Sicherheit und des Vertrauens nicht. Ich habe die Gespräche auf Arabisch und Englisch geführt.

ZEIT: Wie ist das, wenn man als junge Frau aus dem Westen einem stockkonservativen Islamisten gegenübersitzt - sind Sie da nicht auf Ablehnung gestoßen?

Ranko: Es gibt ja nicht nur die islamistischen Hardliner, sondern auch solche, die auf einer pragmatischen, professionell-politischen Schiene fahren. In den Führungskadern wurden schon immer Leute dafür geschult, mit »Westlern« zu reden. Es machte auch einen großen Unterschied, von wem man eingeführt wurde. Die eigentliche Hürde ist nicht der Gegenpol Mann-Frau, sondern »Westler«-»Nicht-Westler«. Wenn man die überwunden hat, verlaufen die Gespräche entspannt.

»Keine knappe Kleidung« Annette Ranko
ZEIT: Wie haben Sie die Hürde überwunden?

Ranko: Am meisten hat mir natürlich die Sprache geholfen und ansonsten ein etwas angepasstes Verhalten, wie etwa keine knappe Kleidung.

ZEIT: Hatten Sie nie das Gefühl, Beschönigungen zu hören, wenn es um das Weltbild ging?

Ranko: Ich hatte ja vorher alle wichtigen Programmschriften analysiert und konnte das dann ganz gut einschätzen und abgleichen.

ZEIT: Haben Sie auch Mursi gesprochen?

Ranko: Nein, er gehörte zu den wenigen aus dem Führungszirkel, an die ich nicht herangekommen bin. Ich glaube, das lag daran, dass er wirklich zu den absoluten Topleuten gehörte und zu den Hardlinern, die nicht für den Umgang mit westlichen Interviewern geschult waren.

ZEIT: Was für eine Demokratievorstellung tritt denn in Ihrer Forschung zutage?

Ranko: Die große Klammer, die alle verschiedenen Flügel der Muslimbruderschaft verbindet, ist: Wir wollen keinen Gottesstaat, sondern einen zivilen Staat mit einem islamischen Bezugsrahmen. Einige Kernpunkte der Demokratie sind integriert: freie und faire Wahlen, Gewaltenteilung, Parteienpluralismus, gleiche politischen Rechte für alle. Aber wenn es um Persönlichkeitsrechte geht, um Freiheitsrechte, die einen Bezug zur öffentlichen Moral haben, wird es schwierig. Das ist nicht mehr kompatibel mit liberal-demokratischen Konzepten.

ZEIT: Was genau heißt das?

Ranko: Geht es um öffentliche Moral, verlangen die Muslimbrüder die Umsetzung der Scharia, und da haben sie eine sehr konservative Vorstellung. Etwa wenn es um Geschlechterbeziehungen oder um das Verhalten von Frauen im öffentlichen Bereich geht.

ZEIT: Hat Sie das Vorgehen Mursis während seiner Amtszeit als Präsident überrascht?

Ranko: Die neue Verfassung, die unter den Muslimbrüdern geschrieben wurde, hat nicht dem widersprochen, was man vorher über sie wusste. Aber das Verhalten der Muslimbrüder hatte sich stark verändert. Unter Mubarak hatten sie mit den Säkularen, Linken und Liberalen kooperiert. Ihr Leitspruch war »Teilnehmen, nicht dominieren«. Das hat sich nach dem Sturz Mubaraks geändert, das hat der Muslimbruderschaft letzten Endes auch das Genick gebrochen, so hat sie die Masse der Sympathisanten, die sie 2011 noch hatte, verprellt.

ZEIT: Woher dieser plötzliche Unwillen?

Ranko: Da kam vieles zusammen, Selbstüberschätzung, ein »Wir sind das Volk«-Gefühl, was wir wollen, ist das Richtige; dann der interne Druck: Die ganzen Kader mussten mit Posten befriedet werden. Gleichzeitig war von Anfang an die Sorge vor einem Militärputsch und einer Gegenrevolution da.

ZEIT: Wie geht es jetzt weiter, wie groß ist die Gefahr einer Radikalisierung?

Ranko: Das hängt stark davon ab, wie sehr Militär und Übergangsregierung die Muslimbrüder einbinden in den politischen Prozess. An den Rändern ist eine Radikalisierung der Bruderschaft möglich, da ist der Weg zu militanten Islamisten nicht allzu weit. Aber es gibt ja sehr viele Muslimbrüder, die sich in den letzten drei Jahrzehnten im Politikbetrieb, in den Berufsverbänden engagiert haben. Die gilt es zu integrieren - und nicht strafrechtlich zu verfolgen, wie es sich gerade leider abzeichnet.

Aus DIE ZEIT :: 08.08.2013

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