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"Leider müssen wir Ihnen mitteilen..." - Der missgünstige Gutachter

von KURT GEIHS

Bei der anonymen Einzelbegutachtung muss der Antragsteller darauf hoffen, dass sein Drittmittelantrag auf einen Gutachter trifft, der verantwortlich, objektiv und uneigennützig mit seiner Position umgeht - und der eine Ablehnung nachvollziehbar begründet. Doch nicht immer scheint dies der Fall zu sein. Nicht ganz ernst gemeinte Einblicke in die Basistechniken des Typs "missgünstiger Gutachter".

"Leider müssen wir Ihnen mitteilen..." - Der missgünstige Gutachter© mys - photocase.deWie geht der "missgünstige Gutachter" mit Drittmittelanträgen um?
Die Höhe der Drittmittel ist in der akademischen Welt zu einer Metrik für die "Qualität" der Forschung eines Professors und damit zur Basis seiner Reputation und Evaluation gemacht worden. Obwohl alle Beteiligten erkannt haben, dass sich die Politik mit diesem Trick aus der Verantwortung für eine solide Grundfinanzierung von Forschung und Lehre stehlen will, führt die Entwicklung dazu, dass der Professor von heute nicht nur ständig Drittmittelanträge schreibt, sondern auch ständig Drittmittelanträge von Kollegen begutachten muss. Natürlich immer unter der Prämisse und bereitwillig gegebenen Zusicherung, dass kein Interessenskonflikt beim Gutachter vorliegt.

Der missgünstige Gutachter

Viele Akademiker haben bereits Erfahrung mit dem missgünstigen Gutachter (MG) gemacht, kennen sich aber nur unzureichend mit den Techniken des MG aus. Dabei ist es gar nicht so schwer, wie wir im Folgenden zeigen werden. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, die Motivation des MG im vollen Umfang zu beschreiben.

Wir nennen hier nur einige Punkte, die einen typischen MG charakterisieren:

  • Obwohl der MG stolz auf die implizite Anerkennung seiner fachlichen Kompetenz ist, kommt ein Gutachten immer ungelegen. Schließlich muss er noch dringend einen Projektantrag fertigstellen.
  • Der MG ist der festen Überzeugung, dass nur er (und vielleicht noch ein Kollege vom MIT) sich in diesem Themenbereich wirklich auskennt.
  • Die Gutachten des MG sind immer korrekt und lassen keine andere Meinung zu, denn sie basieren ja auf seiner langjährigen Erfahrung als Gutachter.
  • Der MG bedauert stets, dass sein Gutachten nicht positiver ausgefallen ist, aber...
  • Referenzen auf Wikipedia machen ihn wild und führen zur sofortigen Ablehnung.

Der MG ist meistens in Eile, so dass er seine Gutachten unter ungünstigen äußeren Bedingungen schreiben muss, die leider keine Möglichkeiten bieten, weitere Informationen zum Antragsteller oder zum Antragsthema über das Internet abzufragen: Zum Beispiel Reisen im Flugzeug mit laufendem Filmprogramm und einem Kleinkind auf dem Sitz hinter ihm, das ununterbrochen gegen die Rückenlehne tritt. Oder Bahnfahrten im voll besetzten ICE mit einem Sitznachbar, der alle drei Minuten "Hallo Schatz, bist du noch da? Wir sind im Tunnel." in sein Mobiltelefon brüllt. Antragsteller sollten daher tunlichst darauf achten, dass ihr Antrag auch unter widrigsten Umständen verständlich ist.

Basistechniken des missgünstigen Gutachters

Der MG lehnt nicht jeden Antrag ab. Das kann er sich dann doch nicht leisten. Aber wenn die Situation es erfordert, z.B. wenn er selbst einen Antrag für dasselbe Förderprogramm gestellt hat, dann greift er zu den bewährten Techniken des MG. Obwohl sein Bauchgefühl ihm in solchen Situationen unzweifelhaft sagt, dass der Technical Approach falsch und überhaupt der gesamte Antrag grottenschlecht ist, reicht es im Allgemeinen nicht aus, einfach "Schwachsinn" in großen Buchstaben auf die Titelseite zu schreiben. Er muss sich dann schon näher mit dem Antrag beschäftigen und zu den Basistechniken des MG greifen.

Delegation an einen ahnungslosen Doktoranden

Der MG ist stets um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bemüht. Dazu gehört auch, dass seine Doktoranden frühzeitig an die fachgerechte und verantwortungsvolle Begutachtung von Projektanträgen herangeführt werden. Der MG befürwortet hier die Methode "Ins kalte Wasser werfen". Er gibt also seinem jüngsten und fachlich noch unbelecktesten Doktoranden diesen Projektantrag seines hochgeschätzten Kollegen (den er im Grunde nicht ausstehen kann) mit den Worten: "Hier habe ich einen hochinteressanten Antrag, der aber schwere Fehler enthält. Bitte schauen Sie sich das mal an und stellen Sie alle Schwachpunkte in einer Liste zusammen. Referenzen auf Wikipedia bitte dick unterstreichen." Die wahre Leistung des MG bei dieser Methode besteht nun darin, die Liste zu filtern und für die verbliebenen Einträge so verschwurbelte wissenschaftliche Formulierungen zu finden, dass ihn die anderen Gutachter und die Project Officers für seine außergewöhnliche Expertise bewundern und seine Ablehnung des Antrags voll unterstützen. Gegebenenfalls fügt er noch einen abfälligen Kommentar über die Verwendung von Wikipedia-Referenzen hinzu: "Wir sind uns doch einig, dass das alleine schon zur Ablehnung führen sollte."

Die "Too Hot or Too Cold"-Methode

Der MG sucht im Antrag einen Aspekt, der besonders stark vertreten ist und beklagt dann vehement, dass der gegenteilige Aspekt zu schwach betont wird. Das könnte so aussehen:
  • Theorie vs. Praxis: "Der Antrag hat einen eindeutigen Schwerpunkt in der Theorie (Praxis). Leider kommt die praktische (theoretische) Perspektive viel zu kurz."
  • Zu wenige vs. zu viele Beispiele: "Der Antrag enthält zu wenige Beispiele, um die Absichten klarzustellen./Der Antrag enthält zu viele triviale Beispiele, welche den Lesefluss und die Verständlichkeit behindern."
  • Zu wenige vs. zu viele Experimente: "Das Arbeitsprogramm sieht zu wenige praktische Experimente vor; die Evaluierung steht somit auf sehr tönernen Füßen./Das Arbeitsprogramm besteht im Wesentlichen aus Fingerübungen; Konzeption und wissenschaftliche Diskussion kommen viel zu kurz."

Die iterative "Too Hot or Too Cold"-Methode

Sollten die Basistechniken des MG einmal nicht unmittelbar zum Ziel führen und ein Antrag nicht direkt abgelehnt werden können, dann bleibt aber in der Regel immer noch der Ausweg, einen Antrag wegen einer Reihe von kleineren Schwächen mit einer großzügigen Geste zur Überarbeitung zu empfehlen, weil er leider "in its present form" nicht akzeptabel ist. (Zeitgewinn ist auch ein Gewinn.) Im Falle einer Überarbeitung wird der versierte MG dann die Argumente seines ersten Gutachtens ins Negative drehen. Schrieb er beispielsweise im ersten Gutachten, "wichtige Details des Arbeitsprogramms fehlen", so beklagt er im zweiten Gutachten, "die Darstellung des Arbeitsprogramms ist unnötig aufgebläht". Diese iterative Kritiktechnik kann bei evtl. weiteren Überarbeitungen fortgesetzt werden, so lange, bis der Antragsteller entnervt aufgibt.

Mangelhafter sprachlicher Ausdruck

Ein "todsicherer" Kritikpunkt insbesondere bei Anträgen, die in Englisch geschrieben sind, ist: "The English is bad such that the meaning often is obscured and unclear." (Der MG sagt natürlich nicht, wo genau das der Fall ist.) Falls dieser Mangel alleine nicht ausreicht zur Ablehnung, dann beschwert sich der MG auch noch über die Satzzeichen und den zu großen/zu kleinen Zeilenabstand. Besonders elegant klingt die Formulierung "The proposal does not meet the standards of argument and exposition necessary for a decent proposal, and requires extensive copyediting for grammar, punctuation and style". (Der MG sagt natürlich nicht, wo er diesen Satz geklaut hat.)

Unrealistische Evaluation

Ein erfahrener MG findet stets Argumente, warum die Evaluation der geplanten Arbeiten unzureichend und somit ein schwerwiegendes Problem des Antrags ist: Ist gar keine Evaluation vorgesehen: "Ha, hat ihn schon!" Werden nur Simulationen ausgeführt: "Die Evaluation geht von unrealistischen Annahmen aus!" Werden reale Daten benutzt: "Die Wahl der Daten ist nicht repräsentativ." Natürlich gilt auch für jeden realen Datensatz: "Der Umfang der Daten ist zu klein, um realistische Relevanz zu haben." Dabei sind Hinweise auf die erforderliche Mindestdatenmenge eindrucksvoll, wenn sie neue Größenordnungen erschließen, z.B. nach Exabyte folgen Zettabyte, Yottabyte, und Whatabyte.

Mensch ärgere Dich

Für besonders erfolgreiche und folglich unangenehme Konkurrenten würzt der MG sein Gutachten dadurch, dass er dem Antrag des Konkurrenten auf dem Beurteilungsbogen einfach nur schlechte numerische Noten gibt und ihn mit möglichst wenigen Erläuterungen abstraft. Das garantiert zusätzliche Frustration beim Antragsteller (das hat der verdient!) und vermeidet, dass dieser Vorteile aus qualifizierten Hinweisen zieht (die hat der nicht verdient!).

Das Tor verschieben

Findet der MG in einem Antrag zu wenige Kritikpunkte, die eine offensichtliche Ablehnung rechtfertigen, bleibt ihm immer noch, die Ziele des Antrags umzudefinieren und den Antrag abzulehnen, weil er diese Ziele nicht korrekt adressiert: "Der Antrag hat X zum Ziel, aber die fundamentale Forschungsfrage in diesem Problemraum ist doch Y." Dabei ist Y ein Thema, das mit X verwandt ist und das entfernte Ähnlichkeit mit früheren Arbeiten des MG hat. Der MG erläutert dann kurz und unverbindlich, wie er Y angehen würde und bemängelt dann mit starken Worten, dass das beantragte Projekt nicht in dieser Weise vorgeht und - unverzeihlich - der Antrag noch nicht einmal das Related Work des MG zitiert.

Generische Killerargumente

Der erfahrene MG findet immer Argumente, einen Antrag abzulehnen, oft sogar, ohne den Antrag gelesen zu haben. (Das nennt sich dann "blind reviewing".) Wir geben hier nur einige Beispiele:
  • "Der Antrag lässt zu viele Fragen offen." (Insbesondere solche, die der MG nicht gestellt hat.)
  • "Einige Annahmen sind fragwürdig." (Alle Annahmen können in Frage gestellt werden, selbst wenn sie nachweislich korrekt sind.)
  • "Das Thema ist allgemein von minderem Interesse." (Denn bspw. nur die Informatik würde sich für die Ergebnisse interessieren.)
  • "Die geplante Evaluation ist unzureichend, um die Skalierbarkeit der Ergebnisse zu beweisen." (Es gibt immer noch größere Experimente.)
  • "Das Arbeitsprogramm würde bei uns in einer Master-Arbeit erledigt werden." Oder falls dies nicht greift: "Das Arbeitsprogramm ist unrealistisch; es liefert Stoff für einen kompletten Sonderforschungsbereich."
  • "Der Kenntnisstand des Antragstellers ist unzureichend. Das "Related Work" ist unvollständig und es fehlen wichtige Referenzen wie ...". (Es gibt zum Thema des Antrags immer noch ein paar weitere Publikationen auf einer Konferenz in der Südsee.)
  • "Die Ziele des Antrags sind nicht uneingeschränkt klar." (Das meiste habe ich nicht verstanden.)
  • "Die Darstellungen in Abschnitt X sind fehlerhaft." (Weil der MG einen Tippfehler im Text gefunden hat.)
  • "Der Antrag enthält Verweise auf zweifelhafte Quellen." (Referenzen auf Wikipedia, das geht ja wohl gar nicht.)

Netter Auftakt

Der MG beginnt aus Höflichkeit sein Gutachten stets mit freundlichen Worten, bevor er richtig zuschlägt. Der MG stellt sich dabei genüsslich vor, wie der Antragsteller mit dieser Eröffnung auf eine falsche Fährte geführt wird. Geeignete Eröffnungsfloskeln sind:
  • "Der Antrag behandelt ein interessantes Problem." (Der MG verrät aber nicht, welches Problem er meint.)
  • "Der rote Faden ist klar." (Führt aber direkt in den Ablehnungsabgrund.)
  • "Der Antragsteller ist einschlägig ausgewiesen im Gebiet X." (Aber so kompetent wie der MG kann er ja nicht sein.)
  • "Der Antrag ist gut geschrieben." (Der Antragsteller weiß, wie man mit Word Dokumente erstellt, die mehr als drei Seiten haben.)
Selbstverständlich eignen sich diese Punkte auch als "Strong Points", falls das Begutachtungsformular danach verlangt. Der MG hofft aber inständig, dass nicht mehr als zwei Strong Points verlangt werden.

Fazit

Der MG hat es bisweilen nicht leicht mit der Ablehnung von Anträgen. Aber mit den von uns in diesem Beitrag dargestellten Techniken sollte es nicht schwer sein, jeden unerwünschten Projektantrag abzulehnen. Aktuell arbeiten wir an einem Computerprogramm, das die Begutachtung von Anträgen beträchtlich vereinfachen und somit den Begutachtungsengpass beseitigen wird. Der MG kann in einer Liste vorgegebener Optionen eine freundliche Eröffnungsklausel sowie einen oder mehrere Ablehnungsgründe ankreuzen. Das Programm erstellt daraus automatisch ein mehrseitiges (im Ergebnis negatives) Gutachten.

Der Beitrag wurde ursprünglich für eine Festschrift verfasst und baut teilweise auf dem folgenden Artikel auf: Graham Cormode, How NOT to review a paper - The tools and techniques of the adversarial reviewer, erschienen in SIGMOD Record, 37:4, 2008.


Über den Autor
Professor Kurt Geihs hat einen Lehrstuhl für Verteilte Systeme an der Universität Kassel.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2015

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