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"Lübeck kann bald überall sein" - wie Schleswig-Holstein eine Universität austrocknen lassen will


Von Rolf-Michael Simon

Selten hat die Ankündigung einer Landesregierung auch bundesweit für so heftige Reaktionen gesorgt, wie die, den Medizin-Studiengang an der Universität zu Lübeck zu schließen. Ist der "Fall Lübeck" nur ein Einzelfall oder Menetekel für weitere Kürzungen an den Hochschulen?

"Lübeck kann bald überall sein"© nilgun bostanci - iStockphoto.comEinsparungen in der Bildung gefährdet auch das Überleben anderer deutscher Hochschulen
Die Entscheidung ist, notabene, noch nicht gefallen. Aber allein die Ankündigung dessen, was im hohen Norden der mutmaßlichen Bildungsrepublik droht, hat für so viel zerschlagenes Porzellan gesorgt, dass dies für den Polterabend einer veritablen Hochzeit bei Royals ausreichen dürfte. Die Ankündigung der schleswigholsteinischen Landesregierung nämlich, den Medizin-Studiengang an der Universität zu Lübeck ab Winter 2011/12 zu schließen, das Medizinstudium nach Kiel zu "verlagern". Die Politik will sparen - koste es, was es wolle.

Dass Studiengänge an Universitäten geschlossen werden, kommt immer wieder vor, so schmerzhaft dies im Einzelfall auch sei. Und die Mediziner-Ausbildung ist, zugegeben, teuer. Aber dass der Lübecker Medizin-Studiengang bei beiden bisherigen CHE-Rankings auf Platz 1 der Medizinischen Fakultäten kam, dass die Uni Lübeck in der Exzellenz-Initiative höchst erfolgreich abgeschnitten hat, dass diese Uni ohne diesen Studiengang nicht mehr lebensfähig wäre, und die Medizin nun gestrichen werden soll, das passt präzis in ein Umfeld und eine Zeit, da von Ärztemangel die Rede ist und ein "Bildungsgipfel" wieder einmal weder seinem Namen noch den an ihn geknüpften Hoffnungen (von Erwartungen mag man kaum mehr reden) gerecht wurde.

Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, stellte lakonisch-engagiert die schwarz-gelbe Kieler Koalition auf eine Stufe mit Louis XIV. Beim Besuch in der traditionsreichen Hansestadt an der Trave geißelte er "Entmündigung der Universität", "Willkür" und "Leibeigenschaft" und warnte: "Das zerstört das Vertrauen in das Land Schleswig-Holstein." Keine Forschungsgemeinschaft, kein Privater werde mehr in das Land investieren, wenn hier Entscheidungen so getroffen werden. Stürmischer Gegenwind bläst der Koalition von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im "meerumschlungenen" Nordland von allen Seiten ins Gesicht. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sprach von "Provokation", Präsidentin Margret Wintermantel warnte vor weitreichenden Konsequenzen.

Der Universitätsrat Schleswig-Holstein, also der Universitäten in Flensburg, Kiel und Lübeck, unter Vorsitz von Wintermantels Vorgänger Peter Gaehtgens trat unmittelbar nach Bekanntwerden des Kabinettsbeschlusses geschlossen zurück. Von Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, hieß es, sie wolle nicht mitansehen, wie der Studiengang abgewickelt werde - entsprechend redete sie ihrem Parteifreund Carstensen ins Gewissen. Die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin, zu der u.a. der Deutsche Hochschulverband, die Bundesärztekammer und der Medizinische Fakultätentag gehört, lehnte die Kieler Pläne kategorisch ab. Sie seien wissenschaftlich, strukturpolitisch und ökonomisch verfehlt.

Hoffnungsschimmer? Rüdiger Labahn, Sprecher der Uni Lübeck, zu F&L: "Die starke Unterstützung aus der nationalen und internationalen Wissenschaft kann nicht ignoriert werden." An der Uni Lübeck sind rund 2 400 Studierende immatrikuliert, die weitaus meisten in der Medizinischen Fakultät. Aber auch andere Studiengänge sind eng mit der Medizin vernetzt und ohne diese nicht überlebensfähig, wie Uni- Präsident Peter Dominiak konstatiert. Warum dann ausgerechnet Lübeck ins Fadenkreuz der Rotstift-Akteure rückt? Labahn: "Trotz aller Nachfragen wird uns die Mitteilung von nachvollziehbaren Begründungen weiter vorenthalten." Neben Verschwörungstheorien - z.B. die Kieler Uni werde bevorzugt, weil die meisten Kabinettsmitglieder dort studiert haben - wird als ein Grund genannt, der Campus Lübeck sei leichter zu versilbern, aufgrund seines im Vergleich zu Kiel besseren baulichen Zustands. Labahn: "Diese Begründung wird in der Risikoabschätzung des Wissenschaftsministeriums für den Beschluss aufgeführt."


Dessen Folgen waren bereits wenige Tage nach Bekanntwerden der Pläne unabsehbar. In der "Zeit" bot Rolf Hilgenfeld, Chef des Instituts für Biochemie, per Inserat (!) die Übernahme seiner Drittmittelprojekte an - Volumen 2009: 1,2 Millionen Euro, ein weiteres EU-Millionen- Projekt ab Oktober 2010, dazu ein 25-köpfiges internationales Forscherteam. Gab es schon Reaktionen? "Keine offiziellen Angebote, die Entscheidung über ein endgültiges Aus ist noch nicht gefallen. Mit dieser Anzeige wollte ich unsere Probleme bundesweit bekannt machen und habe für diese Aktion viel Beifall bekommen, nur Zustimmung." Befürchtungen? - "Die Anfragen von künftigen Studierenden häufen sich; ich bin sicher, dass sich die Besten gar nicht mehr bewerben werden. Und neuberufene Kolleginnen und Kollegen werden den Ruf nach Lübeck wohl gar nicht erst annehmen." Labahn ergänzt: "Das Studierenden-Service- Center kann der Fülle besorgter Anfragen von Studienbewerbern und ihren Eltern kaum noch Herr werden."

Der Hochschulsprecher weiß zudem von Wissenschaftlern, die ihre Karriere "an sicheren Standorten fortsetzen" wollen, falls nicht rasch eine Bestandsgarantie abgegeben wird. Der "Tagesspiegel" nannte den diesjährigen Leibniz- Preisträger Jan Born, der entschlossen sei, Schleswig-Holstein zu verlassen, falls die Landesregierung an ihren Plänen festhalte. Andere Forscher sollen sich bereits zum Wechsel entschieden haben.

Und die anderen? "Die Landesbediensteten sollen, wie es in der Risikoanalyse des Ministeriums heißt, in Kiel "untergebracht" werden - Anführungszeichen im Original", so Labahns Antwort an F&L, aber: "Wie dies geschehen soll, ist völlig unvorstellbar. Freie Nachfolgebesetzungen an der Universität Kiel wären über Jahre nicht möglich, weil die Stellen von unfreiwillig versetzten Kolleginnen und Kollegen aus Lübeck eingenommen werden müssten. Mit den Grundsätzen erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeit und der Hochschulautonomie ist dies nicht vereinbar und wäre, soweit ich sehe, beispiellos." Mittlerweile geht auch in anderen Bundesländern mit drängenden Finanzproblemen die Angst um. "Lübeck kann bald überall sein", wurde Klaus Erich Pollmann zitiert, der Präsident der Uni Magdeburg. Rolf Hilgenfeld hat jedoch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, Labahn bestätigt "Sondierungen und Gespräche". Nicht nur reden - handeln. Nach diesem Motto demonstrierten über 14 000 potentiell Betroffene, die vor dem Landtag bei der größten Demo in Kiel seit Jahrzehnten protestierten.

Was, wenn sie eine Parlaments-Mehrheit "pro Lübeck" herbeiführen? "Der verheerende Schaden des Beschlusses wird auch durch ein zu erhoffendes anderslautendes Abstimmungsergebnis im Landtag nicht vollständig wieder zu beheben sein...", sagte Labahn.


Über den Autor
Rolf-Michael Simon ist Journalist und war Ressortleiter für Wissenschaft und Bildung der in Essen erscheinenden Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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