Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Lückenlose Kontrolle notwendig" - zur Kritik der Synthetischen Biologie

Von Christoph Then

Das Aufkommen der Synthetischen Biologie hat sogleich Kritiker auf den Plan gerufen. Sie befürchten z.B., dass künstliche Lebewesen entstehen, die unkontrolliert freigesetzt werden könnten. Reichen die bisherigen Gesetze aus? Sind schärfere Kontrollen notwendig?

"Lückenlose Kontrolle notwendig" - zur Kritik der Synthetischen Biologie© Testbiotech e.V.Dr. med. vet. Christoph Then ist Geschäftsführer von Testbiotech e.V.
Forschung & Lehre: Von der Synthetischen Biologie erhofft man sich die Herstellung neuer Impfstoffe und Medikamente, von Kraftstoffen und neuen Materialien. Was haben Sie dagegen einzuwenden?

Christoph Then: Die Synthetische Biologie wirft grundlegende Fragen auf: Darf und soll künstliches Leben geschaffen werden? Was ist künstliches Leben? Wer entscheidet über diese Fragen? Welche Einflussmöglichkeit hat die Gesellschaft auf diese Entwicklung? Diese Fragen können nicht erst entschieden werden, wenn Produkte zur Vermarktung anstehen. Wir brauchen im Vorfeld eine ausführliche gesellschaftliche Debatte. Die möglichen Anwendungen der Synthetischen Biologie bergen in jedem Fall erhebliche Risiken, die zum Teil auch von den Betreibern offen angesprochen werden: Wenn man Gene (DNA) künstlich synthetisieren kann, werden auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, neue biologische Kampfstoffe herzustellen. Es können künstliche Lebewesen entstehen, die sich unkontrolliert in der Umwelt verbreiten. Wenn man nur einseitig die möglichen Vorteile dieser Technologie betont, führt man die Öffentlichkeit in die Irre.

F&L: Sie begründen Ihre Kritik auch mit dem Schutz der Biodiversität. Warum?

Christoph Then: Es ist schlichtweg unmöglich vorherzusagen, was passieren wird, wenn wir künstliche Lebensformen freisetzen und ihnen Gelegenheit zur Teilnahme an der Evolution geben. Die Komplexität der biologischen Systeme ist einfach zu groß. Da man langfristige Folgen nicht abschätzen und nicht kontrollieren kann, muss der Eintrag von synthetischen Lebensformen in die Umwelt grundsätzlich vermieden werden. Es gibt Konzepte, die entwickelt wurden, um die Ökosysteme vor einem Eintrag langlebiger chemischer Stoffe zu schützen. Diese Konzepte müssen erweitert und auf das Genom, die Evolution und die biologischen Prozesse übertragen werden. Das System der Vererbung und die Regulation des Genoms sind nichts anderes als eine spezielle Art von Ökosystem, das man nur schützen kann, wenn die Anwendungen der Synthetischen Biologie räumlich und zeitlich kontrollierbar bleiben. Wir schlagen deswegen ein Schutzkonzept vor, das auf die Bewahrung der Integrität evolutiver und biologischer Systeme ausgerichtet ist. Dazu haben wir im Internet sogar einen Aufruf veröffentlicht (www.testbiotech.org»).

F&L: Sind angesichts der Möglichkeit, künstliche Lebensformen zu schaffen, strengere Gesetze zum Schutz von Mensch und Umwelt notwendig?

Christoph Then: Ja. Das bisherige Konzept der Risikoabschätzung bei gentechnisch veränderten Organismen beruht auf dem Prinzip der Vergleichbarkeit: Es wird versucht, die gentechnisch veränderten Lebensformen mit den Ausgangsorganismen zu vergleichen und so Vorhersagen über deren Risiken zu treffen. Dieses Konzept und seine Anwendung im Rahmen der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen ist heftig umstritten. Für synthetische Lebensformen reicht es in keinem Fall aus: Hier gibt in vielen Fällen keine vergleichbaren natürlichen Organismen. Genaue Vorhersagen über das Verhalten der Organismen in der Umwelt sind daher nicht möglich. Deshalb müssen wir die Freisetzung synthetischer Organismen und ihrer Gene gesetzlich verbieten. Eine zweite Folgerung ist, dass die Risikoabschätzung im Bereich der Biotechnologie insgesamt verbessert werden muss - viele Fragestellungen, die in den letzten Jahren aufgetaucht sind, werden in den derzeitigen Bestimmungen nicht berücksichtigt. Zum Beispiel müssen wir auch die Herstellung/ Synthese von DNA regeln.


F&L: Sie fordern eine "lückenlose Überwachung" von Firmen und Forschungseinrichtungen, die Gene künstlich synthetisieren. Stimmt dies noch überein mit der im Grundgesetz garantierten Freiheit der Forschung?

Christoph Then: Die Kontrolle von Risiken kollidiert nicht mit der Freiheit der Forschung. Auch andere Forschungsbereiche unterliegen einer Überwachung. Die Frage geht deswegen am Kern der Sache vorbei. Unter 'lückenloser' Kontrolle im Bereich der Synthetischen Biologie kann beispielsweise eine automatische Registrierung und Dokumentationspflicht aller Aktivitäten der Gensynthese verstanden werden. Entsprechende technische Voraussetzungen zur Datenerfassung und Datenübermittlung könnten direkt in die Synthese-Maschinen integriert werden. Damit hätte man eine erste Grundlage dafür, dass die Behörden sich überhaupt darüber informieren können, wo, wann und wie Gene künstlich synthetisiert werden. Der Umgang mit Erbgut, das bekanntermaßen von gefährlichen Krankheitserregern stammt, müsste zusätzlich strenger reglementiert werden.

F&L: Soll vollständig auf Forschung und Entwicklung der Synthetischen Biologie verzichtet werden?

Christoph Then: Solange keine ausführliche gesellschaftliche Debatte über Chancen und Risiken stattgefunden hat, kann man diese Frage nicht beantworten. Um das zu verdeutlichen, fordern wir ein Moratorium bei staatlichen Fördermaßnahmen für die technische Weiterentwicklung der Synthetischen Biologie. Die Gesellschaft muss die Möglichkeit haben, sich ausreichend mit diesen neuen technischen Entwicklungen auseinanderzusetzen und auf ihre Anwendung Einfluss zu nehmen, bevor immer mehr Fakten geschaffen werden. Die Entscheidungen dürfen nicht nur den Behörden, den Forschern und der Industrie überlassen werden. Hier geht es um grundsätzliche Fragen, die unser Verständnis von Leben betreffen und die Art und Weise, wie wir damit umgehen wollen.


Über den Autor
Dr. med. vet. Christoph Then ist Geschäftsführer des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biologie (Testbiotech e.V.).


Forschung und Lehre :: Ausgust 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote