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»Männer wählen meist Männer«

Das Gespräch führte JAN-MARTIN WIARDA

Warum sind in Deutschland weniger Frauen und Ausländer Rektoren als anderswo? Ein Gespräch mit dem Berater Norbert Sack.

»Männer wählen meist Männer«© Franck Olivier GRONDIN - iStockphoto.comDie Dominanz der Männer an Hochschulen verhindert Diversität
DIE ZEIT: Was läuft schief an Deutschlands Hochschulen?

Norbert Sack: Wissenschaft ist eigentlich von jeher der Inbegriff von Internationalität, von grenzüberschreitendem Austausch, von Vielfalt und von Kreativität. Wenn man sich aber anschaut, wie die Hochschulen und Forschungseinrichtungen hierzulande ihre Spitzenpositionen besetzen, ist man überrascht von der Gleichförmigkeit, die einem da entgegenschlägt.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Sack: Wir von der Personalberatung Egon Zehnder International haben in einer aktuellen Studie 300 wissenschaftliche Institutionen weltweit miteinander verglichen: Wie viele Frauen schaffen es nach ganz oben, wie viel Auslandserfahrung bringen die Chefs mit, und wie hoch ist der Anteil der Ausländer unter ihnen? Deutschland schnitt leider in allen Bereichen eher mäßig ab.

ZEIT: Nachholbedarf gibt es aber doch sicher auch anderswo.

Sack: Schon richtig, aber es fällt auf, dass Deutschland in fast allen Kategorien die letzten Plätze belegt. In den USA etwa sind 22 Prozent der Rektoren und Institutsvorstände Frauen, in Skandinavien 18 Prozent. In Deutschland: fünf Prozent. Wobei das nicht unser einziges Problem ist. Stichwort Internationalität: In kleinen Ländern wie Singapur oder der Schweiz hat ein Viertel bis die Hälfte des Führungspersonals einen ausländischen Pass, selbst an britischen Universitäten sind es noch 12 Prozent. In Deutschland: acht Prozent. Ich halte das für bedenklich.

ZEIT: Wieso? Die Political Correctness mal beiseite: Wer sagt denn, dass Vielfalt automatisch Qualität garantiert?

Sack: Das liegt doch auf der Hand. Wenn alle gleich sind, die gleichen Erfahrungen und Lebensentwürfe mitbringen, gibt es keine konstruktive Spannung, keine kreativen Gegensätze, dann herrscht Selbstzufriedenheit anstelle von Innovation. Genau die aber braucht es, wenn eine Institution auf die sich verändernde Welt reagieren und nicht einfach im Status quo verharren will.

ZEIT: Also heißt die Lösung: Mehr Frauen, mehr Ausländer?

Sack: Manchmal würde es schon reichen, wenn die Universitätsleitung etwas mehr internationale Erfahrung hätte. Aber wenn man sich anschaut, wie viele Jahre die Rektoren hierzulande im Ausland verbracht haben, dann ist das ernüchternd. 61 Prozent haben so gut wie gar keine Erfahrung, gerade mal sieben Prozent waren länger als sechs Jahre von zu Hause weg.

ZEIT: Was können die Hochschulen tun?

Sack: Sie müssen ihre Auswahlverfahren professionalisieren. Findungskommissionen tendieren dazu, eher auf Nummer sicher zu gehen und beim gewohnten kleinsten gemeinsamen Nenner zu bleiben. Und der ist in der Regel: Wir wollen einen, der so ist wie wir.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Sack: Die Hochschulen müssen ihre Strategien anpassen. Solange in den Findungskommissionen hauptsächlich Männer sitzen, werden sie auch hauptsächlich Männer auswählen. Vielleicht ist da aber irgendwo eine Kandidatin, die vom Auftreten her anders ist, die nicht die eingespielten Stereotype bedient. Und die doch, wenn man sich auf sie einlässt, genau die Richtige wäre. Wenn man aber von Anfang an immer im gleichen Pool potenzieller Bewerber sucht, wird man nie auf ungewöhnliche Persönlichkeiten stoßen. Warum zum Beispiel für den Rektorenjob grundsätzlich alle ausschließen, die nicht Deutsch sprechen? Warum für den Posten des Verwaltungschefs immer nur Leute einladen, die schon Erfahrung mit der Führung großer Verwaltungen haben? Das soll nicht heißen, dass die bisherigen Kriterien nichts wert sind. Es gilt vielmehr, jene Kriterien, die einer stärkeren Diversität im Wege stehen, von Fall zu Fall kritisch zu überprüfen - nur so schaffen wir die notwendige Flexibilität.

Aus DIE ZEIT :: 16.08.2012

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