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»Manche Firmen stecken das weg«

Das Gespräch führte Christiane Grefe

Kann Berlin die Preise von Arzneimitteln weiterhin deckeln? Ein Gespräch mit dem Mediziner Bertram Häussler.

»Manche Firmen stecken das weg«© Prof. Dr. Bertram HäusslerProf. Dr. Betram Häussler im Interview zu Zwangsrabatten für Arzneimittel
DIE ZEIT: Die Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel sind 2012 um 214 Millionen Euro gestiegen - auf 29,2 Milliarden Euro. Müssten sie nicht sinken?

Bertram Häussler: Das politische Ziel war, den Anstieg zu stoppen - und das ist fast gelungen. 2011 hatten wir einen Ausgabenrückgang und 2012 einen Anstieg von nur 0,7 Prozent.

ZEIT: Wo war man erfolgreich?

Häussler: Rund 700 Millionen Euro wurden vor allem durch Rabattverträge eingespart, die Krankenkassen mit den Firmen abschließen. Sie schreiben bestimmte Wirkstoffe aus, und die Pharmafirmen bewerben sich mit Preisnachlässen. Ein weiterer Teil der Reduzierungen ist den billigeren Nachahmerarzneien zu verdanken. Am wichtigsten war, dass die schwarz-gelbe Regierung 2010 die Rabatte erhöht hat, die Hersteller den Kassen einräumen müssen. 16 Prozent statt 6 Prozent: Das hat die Ausgaben schon in den beiden Vorjahren deutlich verringert.

ZEIT: Diese Zwangsrabatte, wie die Hersteller sie nennen, laufen Ende 2013 aus. 2014 müssten die Beitragszahler nach Ihren Berechnungen mindestens 1,4 Milliarden Euro mehr für Medikamente aufbringen. Sollte die Bundesregierung den erhöhten Nachlass fortschreiben?

Häussler: Das halte ich für problematisch. Das Sozialgesetzbuch begrenzt solche Sondermaßnahmen auf eine bestimmte Zeit, und sie müssen mit einer besonderen wirtschaftlichen Notlage begründet werden. Als der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler die Rabatte erhöht hat, schrieben die Kassen Defizite.

Pillen-Preise

Bertram Häussler

ist Mediziner, Soziologe und Honorarprofessor für das Fach »Ökonomik der pharmazeutischen Industrie« an der Technischen Universität Berlin. In der Hauptstadt leitet er auch das privatwirtschaftliche IGES-Institut. Es erforscht für private wie öffentliche Auftraggeber Fragen des Gesundheitssystems - ob zur Qualität, Finanzierung, Gestaltung oder zu gerechten Zugangswegen.

Arzneimittel-Atlas

Die vom IGES-Institut veröffentlichte Studie schreibt jedes Jahr fort, wie sich der Verbrauch und die Preise bei Medikamenten in Deutschland entwickelt haben. Der jüngste Arzneimittel-Atlas erschien vergangene Woche.
ZEIT: Heute hat der Gesundheitsfonds 28 Milliarden Euro Polster. Kann ein Minister zusehen, wie die Preise wieder steigen?

Häussler: Wie gesagt: Ich sehe da rechtliche Probleme. Aber so wie unsere Öffentlichkeit funktioniert, wird ein Minister, gleich welcher Partei, sich ungern dem Vorwurf aussetzen, er sei vor der Pharmaindustrie eingeknickt.

ZEIT: Der Verband der gesetzlichen Krankenkassen will die Rabatte verlängern, bis die Wirkungen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes voll eingetreten sind. Seit dieses AMNOG 2010 verabschiedet wurde, müssen die Preise runter, wenn kein Zusatznutzen nachgewiesen wird.

Häussler: Den Zusammenhang zwischen Sonderrabatten und AMNOG sehe ich nicht. Zudem profitieren die Kassen längst von den Prüfungen. Vielen der rund 50 Medikamente, die durch das Verfahren sind, wurde kein Zusatznutzen bescheinigt. Es gab Preisabschläge von bis zu 60 Prozent.

ZEIT: Bislang traf es nur neue Arzneien, jetzt geht es an den Bestand. Weitere Preissenkungen werden die Hersteller treffen. Deren Verband nennt das Gesetz eine Innovationsbremse, weil den Unternehmen Forschungsmittel verloren gingen. Ist das glaubwürdig?

Häussler: Teilweise. Bei den Rabatten und Prüfungen nach dem AMNOG geht es um viel Geld, und Forschung und Entwicklung werden aus den Einnahmen finanziert. Manche Firmen stecken das weg - anderen tut es weh.

ZEIT: Patentgeschützte Arzneien sind in Deutschland teurer als in anderen Ländern.

Häussler: Das stimmt so nicht mehr. Die Rabattpolitik hat dazu geführt, dass sich die Preise stark in Richtung europäischer Vergleichspreise bewegt haben und teilweise sogar darunter liegen. Das ist für die Industrie doppelt schlimm. Weil andere Länder sich an unserem Markt orientieren, ist eine Abwärtsspirale in Europa in Gang gekommen.

ZEIT: Offenbar hat ausgerechnet die FDP die Pharmaindustrie an die Kandare genommen ...

Häussler: Stimmt! Ulla Schmidt von der SPD hat zwar auch versucht, die Preise zu senken - aber nicht so rigoros. Bei diesem Thema hat die FDP die Sozialdemokraten tatsächlich links überholt.

ZEIT: Kosten ließen sich auch einsparen, indem Patienten und Ärzte weniger selbstverständlich zur Pille griffen. 2012 stieg der Arzneimittelkonsum.

Häussler: Weil mehr Patienten immer älter werden. Man erkennt es an der Art der Mittel, deren Verbrauch zugelegt hat. An oberster Stelle stehen Arzneien gegen Rheuma und Arthrose, Medikamente gegen hohen Blutdruck oder zur Vorbeugung von Schlaganfällen. Das sind schwere Krankheiten, da kann man nicht vom schnellen Griff zum Rezeptblock reden. Eine Ausnahme sind Säurehemmer. Das Phänomen, dass sie Jahr für Jahr öfter eingenommen werden, verwundert uns auch.

ZEIT: Hinter Magenproblemen oder auch hohem Blutdruck stehen falsche Ernährung oder Stress?

Häussler: Oft spielt der Lebensstil eine Rolle. Abnehmen ist allemal besser, als irgendwann Betablocker zu schlucken.

Aus DIE ZEIT :: 29.08.2013

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