Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Mehr ist besser als weniger" - Glücksforschung in der Ökonomie

von Ronnie Schöb

Was hat Geld mit Glück zu tun? Bisher galt in der Ökonomie der Grundsatz, wer rational entscheidet, der weiß, was für ihn gut ist, und wird mit mehr Geld auch zufriedener sein. An diesem Leitgedanken wird jedoch kräftig gerüttelt.

"Mehr ist besser als weniger" - Glücksforschung in der Ökonomie© lassedesignen - Fotolia.comGeld und Glück hängen nach Meinung der Ökonomen nicht zwangsläufig zusammen
Ökonomen haben sich die Frage, was Glück ist, lange Zeit nicht gestellt. Und das aus gutem Grund. Ökonomen gehen in der Regel davon aus, dass allein die handelnden Individuen selbst wissen, was ihnen nützlich ist und was nicht. Wenn Individuen rational handeln, dann werden sie von allen ihnen möglichen Alternativen nur diejenige auswählen, die ihren Wünschen am dienlichsten ist. Aus ihren Entscheidungen lässt sich dann rückschließen, was für sie tatsächlich das Beste ist, ohne nach dem "Warum" fragen zu müssen.

Eine solche Theorie ist zunächst einmal inhaltlich unbestimmt. Doch aus dem ökonomischen Grundproblem der Knappheit leiten Ökonomen die fundamentale Annahme des "Mehr ist besser als Weniger" ab, denn mit mehr Möglichkeiten lässt sich das Knappheitsproblem entschärfen. Dadurch wird die Theorie mit Inhalt gefüllt. Wer ein höheres Einkommen hat, der hat mehr Wahlmöglichkeiten und stellt sich damit besser. Mit mehr Geld auf dem Konto kann man es sich leisten, öfter in den Urlaub zu fahren oder gut essenzugehen.

Für viele ist es auch angenehm, zum Ende des Monats einmal nicht aufs Geld schauen zu müssen oder zu wissen, dass man für den Notfall etwas auf der hohen Kante hat. Doch nicht nur in diesem materiellen Sinne stiftet mehr Einkommen mehr Zufriedenheit. Ein höheres Einkommen erlaubt es auch, öfter mal Freunde einzuladen und damit seine Freundschaften zu pflegen, macht es einfacher, sich gesünder zu ernähren oder sich mehr Zeit zu nehmen - zum Beispiel durch die Entscheidung, früher in den Ruhestand zu gehen. Und wer gerne anderen hilft, der kann mit mehr Geld auch mehr für karitative Zwecke spenden. Wer rational entscheidet und weiß, was für ihn gut ist, der wird mit mehr Geld auch zufriedener sein. Diese Schlussfolgerung können Ökonomen treffen ohne zu wissen, was die Menschen glücklich macht.

An diesem Grundsatz der Ökonomie hat die Glücksforschung in den letzten Jahrzehnten gerüttelt. Zwar zeigt sich in Befragungen nach der Lebenszufriedenheit, dass Menschen, wenn sich ihr Einkommen erhöht, in der Regel auch höhere Zufriedenheitswerte angeben, und dass reichere Menschen in der Regel zufriedener sind als ärmere Menschen. Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch, dass wir als Gesellschaft, obwohl wir in den letzten Jahren immer reicher wurden, im Durchschnitt nicht zufriedener geworden sind. Dieser Widerspruch wird nach dem amerikanischen Ökonom Richard Easterlin als Easterlin-Paradoxon bezeichnet. Wenn es stimmt, so wäre eben Mehr nicht besser als Weniger!

Das Easterlin-Paradoxon

Zwei Erklärungen bieten sich zur Lösung dieses Paradoxons an. Zum einen gewöhnen wir uns offenbar an den zunehmenden Reichtum, die Begeisterung für den neuen Wagen verliert sich schnell, und das gute Essen beim Franzosen wird immer mehr zur Gewohnheit. Zum anderen vergleichen wir unser Einkommen mit dem der anderen. Geld macht uns insbesondere dann glücklich, wenn wir mehr haben als unsere Kollegen, Nachbarn oder Schwäger.

Inwieweit man selbst gegen diese relativen Vergleiche gefeit ist, kann man mit einem einfachen Gedankenexperiment überprüfen: Stellen Sie sich vor, Ihr Chef ruft Sie zu sich und eröffnet Ihnen, dass Sie hervorragende Arbeit geleistet haben und er Ihnen deshalb eine außerordentliche Gehaltserhöhung von zehn Prozent gewährt. Glücklich? Sie werden aller Voraussicht nach bestens gelaunt aus dem Büro des Chefs kommen. Doch wie wird es Ihnen gehen, wenn Sie gleich darauf einen Kollegen treffen, der Sie freundlich auf die Schulter klopfend fragt: "Na, hat der Chef Dir auch 20 Prozent mehr geboten?" Wenn sich das Einkommen aller Mitglieder einer Gesellschaft erhöht, ohne dass sich die relative Position ändert, macht der eigene Einkommenszuwachs nicht glücklicher - das ist die Folge, wenn ausschließlich relative Vergleiche wichtig sind.

Das Easterlin-Paradoxon und seine möglichen Erklärungen stellen die traditionelle Wirtschaftspolitik radikal in Frage. Wenn Wettbewerb und steigender Wohlstand nicht glücklicher machen, dann ist Wettbewerb schädlich und Wirtschaftswachstum sinnlos. Staatliche Eingriffe in die private Lebensführung lassen sich dann rechtfertigen, da die Menschen allein nicht in der Lage sind, ein Leben zu führen, das sie glücklich macht. Entsprechend wird immer wieder die Abkehr von der von Ökonomen gepredigten Wachstumsphilosophie gefordert. Doch dagegen erhebt sich unter den Ökonomen vermehrt Widerstand.

Widerstand unter Ökonomen

Erstens zeigen neuere Erhebungen, dass es auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einen deutlich positiven Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Einkommen gibt. Reichere Gesellschaften sind zufriedener als ärmere Gesellschaften, wenngleich der Zuwachs an Lebenszufriedenheit mit steigendem Wohlstand abflacht. Zweitens sollten wir bei der Interpretation der Daten vorsichtig sein, wenn wir die Antworten auf die Lebenszufriedenheitsfrage in unterschiedlichen Jahren miteinander vergleichen. Wenn sich im Zeitablauf ändert, was für uns ein vollkommen zufriedenes Leben ausmacht, dann hat sich vermutlich auch unser Referenzrahmen verschoben. Wenn das so ist, dann können wir aber nicht viel darüber sagen, was es bedeutet, wenn wir auf einer Skala von Null bis Zehn vor 20 Jahren und heute zweimal das Gleiche angekreuzt haben. Drittens stellt sich die Frage, wie wir bei der Messung der Lebenszufriedenheit mit der Tatsache umgehen wollen, dass wir immer länger leben.

Der niederländische Glücksforscher Ruut Veenhoven entwickelte hierfür einen Glücksindex, der die Zeit mitberücksichtigt. Wer ein vollkommen glückliches Lebensjahr zusätzlich genießt, dessen Glücksjahre-Index steigt um einen Punkt. Für jemanden, der ein zusätzliches Jahr lebt und auf einer Skala von Null bis Zehn eine "Sieben" ankreuzt, erhöht sich der Index entsprechend um 0,7 Punkte. Unser wachsender Wohlstand lässt uns immer älter werden, und die durch unseren Reichtum finanzierte bessere Gesundheitsversorgung hat es möglich gemacht, dass wir diese zusätzliche Zeit auch zu genießen wissen. Das zeigt sich in dem Glücksjahre-Index, der in den letzten 30 Jahren für Europa einen Zuwachs von über sechs Glücks-Jahren ausweist.

Schließlich wenden sich die Ökonomen auch gegen die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen, die aus der Glücksforschung häufig gezogen werden. Wenn sich, wofür vieles spricht, Statuswettbewerb nicht vermeiden lässt, dann sollten wir denjenigen Statuswettbewerb nicht unterdrücken, der positive Nebeneffekte mit sich bringt. Die Dynamik der Marktwirtschaft, die sich aus dem Streben nach Reichtum ergibt, sorgt für privaten Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und eine höhere Lebenserwartung und schafft damit die Voraussetzungen für mehr soziale Sicherheit, mehr Bildung für mehr Menschen und eine gerechtere Verteilung. In diesem Sinne ist Mehr besser als Weniger. Es gilt jedoch, die mit dem Mehr verbundenen Chancen dann auch zu nutzen.


Über den Autor
Professor Ronnie Schöb lehrt Finanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt internationale Finanzpolitik an der Freien Universität Berlin.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

Ausgewählte Stellenangebote