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»Mehr Wert auf Wissen legen!«

Das Gespräch führte CHRISTINE BRINCK

Zwei Jahre Studium generale vorab wie in den USA? Oder gleich spezialisieren für den Beruf? Ein Gespräch mit dem Hochschulexperten Gerhard Casper darüber, was sich an den Universitäten ändern muss.

»Mehr Wert auf Wissen legen!«© Petair - Fotolia.comGerhard Casper, ehemaliger Präsident der kalifornischen Stanford-Universität, zur Situation deutscher Universitäten
DIE ZEIT: Herr Professor Casper, viele amerikanische Universitäten drängeln sich in den Top Hundert der Welt - doch eine Flut von Büchern beschäftigt sich mit der kaputten Hochschule. Sie haben in Freiburg promoviert und waren acht Jahre Präsident der Stanford-Universität. Wissen Sie, was los ist mit der Uni? Und was macht sie falsch?

Gerhard Casper: Das Wichtigste scheint mir, dass die deutsche Universität heute vieles besser macht, als sie das vor 15, 20 Jahren tat. Die Universitätsreform hat in Deutschland in der Tat Fuß gefasst. Damit meine ich vor allem die Art, wie Universitäten geleitet werden, wie sie Autonomie gegenüber dem Staat gewonnen haben, wie sie unabhängig geworden sind von den Kultusministerien, meistens ihre eigenen Berufungen vornehmen. Die Bologna-Reformen haben sogar einige Verbesserungen der Lehrpläne gebracht, allerdings ohne wirklich Neues zu schaffen.

ZEIT: Der sogenannte Bologna-Prozess sollte die Studienabschlüsse innerhalb Europas besser vergleichbar machen, um die Mobilität der Studenten zu erhöhen. Was ist das Problem?

Casper: Das dreijährige Bachelormodell in den Bologna-Ländern spiegelt die typische europäische Spezialisierung wider.

ZEIT: Was ist schlecht daran?

Casper: Was an der europäischen Universität fragwürdig war - nämlich die totale Spezialisierung aller Studenten, sowohl in England wie auf dem Kontinent, unmittelbar nach dem Schulabschluss-, das ist beibehalten worden. Außerdem offerierte Bologna die große Chance, nach dem Bachelorstudium die begabteren und geeigneteren Studenten für Master und Promotion auszuwählen. Ich fürchte indes, dass die Chance, auszuwählen, nicht wahrgenommen worden ist. Stattdessen studiert eine große Zahl der Studenten dann in Masterprogrammen einfach weiter.

ZEIT: Warum wurde diese Chance vertan?

Casper: Weil die meisten Universitäten die große Last der Auswahl nicht auf sich nehmen wollen. Das war schon immer das Problem der deutschen und auch mancher anderer Universitäten, dass man nicht zu sehr differenzieren will zwischen den sehr begabten Studenten und den anderen.

ZEIT: Nach den Studium-generale-Jahren spezialisieren sich die amerikanischen Studenten ja auch schon früh auf praktische Fächer, etwa Gender oder Business Studies, wenn auch die professionelle Spezialisierung etwa in Jura oder Medizin erst nach dem Bachelor einsetzt. Das Streben nach Wahrheit ist doch längst für die meisten nicht der Hauptzweck der Universität.

Casper: Die überwältigende Mehrheit derjenigen, die aus der High School in die Colleges drängen, will am Ende einen Job haben und spezialisiert sich ähnlich wie die Europäer. Schon immer, das sollten wir nicht vergessen, gingen die meisten Leute auf Universitäten, weil sie Jobs haben wollten. Einst gingen Studenten aus ganz Europa in großer Zahl nach Bologna, um Jura zu studieren, um anschließend bei den verschiedenen Fürsten Anstellungen zu finden. Auch nach Paris, wo das Trivium (Grammatik, Logik, Rhetorik, d. Red.) gelehrt wurde, ging man nicht nur der Gelehrsamkeit wegen, sondern um anschließend an den Höfen Jobs zu bekommen. Wir müssen da sehr vorsichtig sein: Idealerweise sind Universitäten der Erforschung der Wahrheit und der Vermehrung des Wissens verhaftet - das gilt auch für die Studenten. Aber realistisch betrachtet, wollen die meisten Studenten natürlich vor allem Jobs haben.

ZEIT: Kann denn die Universität den Spagat zwischen Berufsschule und Forschungsstätte wirklich schaffen? Oder brauchte man zwei Sorten Hochschulen? Und wenn die Universitäten sich schon wie Berufsschulen verhalten, wieso klagen die Arbeitgeber dann, dass die Studenten die Fertigkeiten, die der Arbeitsmarkt fordert, nicht mitbringen?

Casper: Nun schafft es die amerikanische Uni einigermaßen gut, die unterschiedlichen Begabungen mit den entsprechenden tertiären Institutionen zu versorgen, weil sie vom zweijährigen Community College bis zur Forschungsuniversität alles anbietet. Eines der Probleme ist, dass die Arbeitgeber sehr unbestimmt darin sind, was sie von den Studenten erwarten. Als ich der Präsident von Stanford war, wurde mir häufig von den Vorstandsvorsitzenden der großen Firmen gesagt: »Wir wollen keine Leute, die Fachkenntnisse haben, wir wollen lieber Leute, die eine breite Ausbildung haben, ein Studium generale gemacht haben und sich dann in der Welt zurechtfinden können. Das Spezialwissen, das können wir ihnen selbst beibringen.«

ZEIT: Und - hat man Ihnen die breit Gebildeten aus den Händen gerissen?

Casper: Nun, gleichzeitig kamen aus diesen Firmen Leute auf den Campus, um die nächste Generation Arbeitnehmer zu rekrutieren, und die fragten nicht mehr nach dem Studium generale, sondern nach Spezialwissen dieser oder jener Art. Es ist ein Mythos, dass Allgemeinbildung erwünscht ist. Es ist darum bewundernswert, dass die besten amerikanischen Universitäten immer noch nicht nur in den ersten zwei Jahren ein Studium generale offerieren, sondern auch in den Jahren drei und vier Spezialfächer, die nicht unbedingt einen Marktwert haben, anbieten.

ZEIT: Welche Fächer meinen Sie?

Casper: Zum Beispiel Klassik, Geschichte, Archäologie, Drama und Kunstgeschichte. Wir bieten immer noch das gesamte Spektrum dessen an, was man zum Gebildetsein rechnen möchte. Viele Studenten nutzen das auch. Besonders schön in Stanford ist, dass beispielsweise Studenten als Hauptfach Computer Science haben und wir ihnen ein Nebenfach erlauben; das ist dann vielleicht klassische Archäologie. Die besten Universitäten erwarten auch noch immer, dass die Studenten bestimmte Fächer wirklich abdecken, obwohl es kein Kerncurriculum mehr gibt.

ZEIT: Sollte es wieder ein solches Kerncurriculum geben?

Casper: Ich wäre für mehr Pflichtkurse, aber das ist schwer durchzusetzen. Dennoch gibt es auch in den deutschen Universitäten noch immer eine große Breite, der sich die Studenten aussetzen können und müssen. Als ich Jura in Hamburg studierte, habe ich auch Geschichte und Theologie belegt, aber das war völlig freiwillig, und ich habe viel Energie hineingesteckt. Unsere Studenten in Stanford etwa haben es da leichter, es wird ihnen nicht nur angeboten, sondern sie werden geradezu ermuntert. Zum Teil hat es damit zu tun, dass die Frage: Was wäre das richtige Curriculum?, sich in eine neue Frage verwandelt hat.

»Mehr Wert auf Wissen legen!« Professor Gerhard Casper
ZEIT: Und die wäre?

Casper: Wenn man mich gefragt hat, worum geht es in der Universität, habe ich immer gesagt, auf Englisch: teaching, learning, research. Lehre bedeutete natürlich, dass wir bestimmte Fächer darstellten, Lernen ist die Aufgabe der Studenten, obwohl die Professoren auch dazugehören, es ist der schöne Mittelbereich, wo wir alle dasselbe machen, und dann die Forschung, die ich in Verbindung zur Lehre gesetzt habe. Jetzt liegt die Betonung zunehmend nicht mehr auf teaching, immer noch auf research, aber sehr viel mehr wird das Lernen hervorgehoben, die Studenten müssen in der Lage sein zu lernen.

ZEIT: Was haben Sie dagegen?

Casper: Ich bin ja auch dafür. Ich habe einst dafür gesorgt, dass die Studenten der ersten beiden Jahre Seminare mit regulären Professoren belegen konnten und nicht nur mit Assistenten. Dass sie mit Leuten arbeiteten, die das Neueste auf ihrem Gebiet machten und den Studenten beibrachten, wie Forschung zu lernen ist. Aber das Wissen, das wir durch Lehre, Lernen und Forschung suchen, ist weit mehr als Lernen. Das Wissen, das ich mir vorstelle, ist das, was John Newman »Wissen als Gewohnheit« (knowledge as a habit) bezeichnete. Eine solche Gewohnheit verlangt nach sehr nachhaltigem und ernsthaftem Einsatz, dazu gehören Zweifel, Kritik und auch Selbstkritik.

ZEIT: Und das machen die Forschungsuniversitäten nicht?

Casper: Doch, der Vorteil der Forschungsuniversitäten in ihrem Beitrag zur Wissenserweiterung liegt in ihrer Möglichkeit ihre eigene Agenda zu verfolgen, frei von Regierungs- und Wirtschaftsforderungen, und offen zu bleiben für Wandel und serendipity, die glücklichen und unerwarteten Entdeckungen.

ZEIT: Sie klingen trotzdem zögernd. Was sollten Unis denn heute machen?

Casper: Nun ja, was machen Universitäten? Sie sind sich weitgehend einig über das Was der Bildung. Sie sagen alle, sie lehren, wie man denkt, besser noch: wie man kritisch denkt. Ich bin auch dafür, beizubringen, wie man denkt, vor allem kritisch, aber ich fände es überdies wünschenswert, wenn Studenten auch etwas wüssten, womit und worüber sie nachdenken sollten. Das setzt mich freilich der vernichtenden Kritik aus, dass ich Information befürworte, und die - das weiß heute jeder - verfällt schnell. Ich möchte aber doch daran erinnern, dass nicht alles eine Halbwertszeit von zweieinhalb Jahren hat wie angeblich Computersoftware.

ZEIT: Was heißt das für das Curriculum?

Casper: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Undergraduate-Curriculum würde sich trauen, mehr Vorschriften zu machen und Wert auf umfangreiches Wissen legen, zusätzlich zu disziplinären Methoden und interdisziplinären Problemanalysen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass irgendwo eine Universität erwägt, ihre Studenten aufzufordern, ihr kulturelles Wissen zu verbreitern und vertiefen. Oder um mit Musil zu sprechen: Wenn ich eine Weltanschauung haben will, dann muss ich mir die Welt anschauen.


Über den Interviewten
Der Juraprofessor, Gerhard Casper, hat in Freiburg promoviert und war von 1992 bis 2000 Präsident der kalifornischen Stanford-Universität

Aus DIE ZEIT :: 12.07.2012

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