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"Multiversity" statt Einheitshochschule - über horizontale und vertikale Differenzierung im Hochschulsystem

von LOTHAR ZECHLIN

Die Welt der höheren Bildung hat sich gewandelt, gibt es doch nicht nur Universitäten und Fachhochschulen, sondern "Exzellenzuniversitäten", "Duale Hochschulen" oder Mitglieder von exklusiven Netzwerken wie u. a. die "TU9 - German Institutes of Technology". Doch wie weit soll dieser Trend zur "Multiversity" noch gehen? Geht es dabei um neue Aufgaben oder hauptsächlich um Image und öffentliche Wirkung? Eine Analyse.

Multiversity" statt Einheitshochschule© Jan van der Crabben - iStockphoto.comDie einfache binäre Einteilung in Universitäten und Fachhochschulen wird zunehmend in Frage gestellt
"Den" Hochschulbereich gibt eigentlich nicht mehr. Im Zuge seiner Ausweitung bis zu der heutigen Massenhochschule hat er eine Größenordnung erreicht, die schon seit langem nicht mehr in der institutionellen Form der "deutschen Universität" bewältigt werden kann. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts Technische Hochschulen neben die Universitäten getreten waren und später durch Einräumung des Promotionsrechts zu Universitäten wurden, kamen in den 1970 Jahren die Fachhochschulen hinzu.

Zusätzlich zu dieser gesetzlich vorgenommenen Typenunterscheidung hat aber in den zurückliegenden 20 Jahren eine weitere Diversifizierung stattgefunden. Die hauptsächlichen Treiber sind Profilbildung und Wettbewerb, ausgelöst durch veränderte gesellschaftliche Anforderungen einerseits und neue Modi der staatlichen Hochschulsteuerung andererseits. In Folge dessen gibt es in der deutschen Hochschullandschaft nicht mehr einfach nur Universitäten und Fachhochschulen, sondern "Exzellenzuniversitäten", "Universities of applied Sciences" und "Duale Hochschulen" oder Mitglieder von exklusiven Netzwerken wie u. a. die "TU9 - German Institutes of Technology" oder "UAS7 - German Universities of Applied Sciences". Doch wie weit soll dieser Trend zur "Multiversity" noch gehen? Geht es dabei um neue Aufgaben oder hauptsächlich um Image und öffentliche Wirkung? Lässt sich die Entwicklung steuern, z.B. durch die Bestimmung von "Auf- und Absteigern"? Und wenn ja wohin?

Höhere Leistungsfähigkeit durch Differenzierung

Dass eine Differenzierung sinnvoll ist, liegt auf der Hand. Arbeitsteilung ermöglicht Spezialisierung und dadurch eine höhere Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems als wenn es nur eine "Einheitshochschule" gäbe. Die Einordnung der dabei entstehenden Profile wird erleichtert, wenn man eine vertikale und eine horizontale Dimension der Differenzierung auseinander hält. Bei der horizontalen Dimension geht es um Unterschiede zwischen den Aufgaben und ihre Zuordnung zu unterschiedlichen- Hochschultypen.

Lange Zeit kannte das deutsche Hochschulsystem nur zwei Typen mit klarer Aufgabenteilung. So oblag es Universitäten, den Dreiklang von Forschung, Lehre und Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses herzustellen, während das Hauptbetätigungsfeld der Fachhochschulen die praxisorientierte Lehre war. Aber die Anforderungen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft in dem breiten Feld zwischen zweckfreier Theorie und reiner Praxisausrichtung haben zugenommen und zu einer Herausbildung spezifischerer Hochschulprofile geführt. Die einfache binäre Einteilung in Universitäten und Fachhochschulen wird somit zunehmend in Frage gestellt. Möglicherweise sind bereits in einigen Fällen die Unterschiede zwischen großen, forschungsaktiven und kleineren, regional ausgerichteten Universitäten größer als zu den Fachhochschulen. Umgekehrt gibt es auch im Fachhochschulbereich möglicherweise mehr Parallelen zwischen großen, forschungsaktiven Fachhochschulen und Universitäten als mit kleinen, stark lehrorientierten Fachhochschulen. Ein wesentlicher Unterschied bleibt allerdings bestehen: Die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses erfolgt ausschließlich in den Universitäten.

Bei der vertikalen Differenzierung geht es nicht um die Aufgabenprofile, sondern um die öffentliche Beurteilung der Qualität, mit der die Aufgaben erfüllt werden. Mit dem Einsetzen der Hochschulreform Anfang der 1990er Jahre wurde die bis dahin gültige Vermutung, alle Universitäten und alle Fachhochschulen erbrächten die gleichen Leistungen, grundsätzlich in Frage gestellt. Durch die Veränderung staatlicher Steuerungsmechanismen wie z.B. die indikatorengestützte Mittelverteilung und Verfahren der wettbewerbsgesteuerten Vergabe von Fördermitteln sowie durch das Aufkommen von Rankings und Ratings wurde die Leistungsfähigkeit der Hochschulen auf den Prüfstand gestellt. Es entstand eine Rangfolge zwischenden Kategorien "exzellent" und "schlecht".

Das politische Leitbild ist nicht mehr ein in der Breite gutes Hochschulsystem, sondern die Herausbildung von international sichtbaren Spitzeninstitutionen. Noch vor kurzem hat Deutschland in dem Shanghai Ranking unter allen 500 weltweit gerankten Universitäten hinter den USA zwar Platz zwei eingenommen und damit die Breite seines Hochschulsystems unter Beweis gestellt, unter den ersten 50 Universitäten landete es aber abgeschlagen hinter den USA, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Japan und der Schweiz und konnte keinen internationalen "Leuchtturm" präsentieren. Diese Situation hat sich 2011 erstmals geändert, als es die TU München auf Platz 48 schaffte. Im Zeitalter des Wettbewerbes streben nun alle Universitäten nach Erstklassigkeit, und die auf diese Weise entstehenden Gewinner und Verlierer finden sich dann unter den Labeln "Exzellenzuniversitäten" oder "Normaluniversitäten" wieder.

Balance zwischen Breite und Spitze

Die Frage ist, wie das neu entstandene Verhältnis zwischen horizontaler Breite und vertikaler Spitze weiter ausgestaltet werden sollte. Wichtig ist dabei in jedem Fall, Einseitigkeiten zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund wird ein differenzierter Begriff von "Exzellenz" erforderlich, in den die "Andersartigkeit" der neu entstehenden Profile eingeht.

Wer nur auf Spitzenleistungen in der Forschung setzt, riskiert die stromlinienförmige Ausrichtung aller Hochschulen in diese Richtung, obwohl das gar nicht den gesellschaftlichen Erfordernissen entspricht. Musterbeispiel für diesen Trend ist die Exzellenzinitiative. Durch die prestigeträchtige Hervorhebung international sichtbarer "Forschungscluster" und "Graduiertenschulen" treten andere, horizontal "eigentlich" gleichrangige Leistungsbereiche wie angewandte Forschung, Lehre, Weiterbildung, Wissenstransfer in die Region, Inklusion bisher bildungsferner Schichten u.a. in den Hintergrund. Es entsteht ein stratifiziertes System, in dem alle Universitäten nach dem Ritterschlag der Forschungsexzellenz streben und alle Fachhochschulen versuchen, nicht nur auf ihren englischsprachigen Visitenkarten zu "Universities" zu werden.

Wenn Exzellenz mit institutioneller Vielfalt in Übereinstimmung gebracht werden soll, bedarf es deshalb spezifischer Exzellenzkriterien für die ganze Palette der Aufgabenprofile. Bildlich gesprochen: Statt eines Dreiecks, in dem sich das Feld von einer breiten Grundlinie nach oben hin zu der Spitzenforschung verengt, ist eine Matrix gefragt, in der die Spalten unterschiedliche institutionelle Profile darstellen und die Zeilen unterschiedliche Rangstufen abbilden. Wie könnte ein solches System geschaffen werden?

Hochschulen als Akteure

Im Gegensatz zu der klassischen Unterscheidung von Fachhochschulen und Universitäten sind die neuen Profile nicht normativ durch Gesetze erzwungen, sondern von den Hochschulen selbst entwickelt worden. Es liegt somit nahe, sie auch selbst ihre spezifischen Ziele und Erfolgskriterien definieren zu lassen, mit denen sie auf die Erwartungen ihrer Zielgruppen antworten wollen.

Sie sollten sich dabei auf das konzentrieren, was sie unter den je gegebenen Umständen am besten können. Auf diese Weise davon befreit, alle mehr oder weniger demselben "Goldstandard" internationaler Spitzenforschung nachzueifern zu müssen, könnten verschiedene Gruppen oder Cluster von Hochschulen entstehen, die sich ähnlich sind. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Hochschulforschungsinstituts INCHER in Kassel zu den "mission statements" deutscher Hochschulen hat dazu bereits interessante Ergebnisse zu Tage gebracht. Auf diese Weise könnten sog. "competitive groups" entstehen, innerhalb derer die Hochschulen nach den für die jeweilige Gruppe geltenden Kriterien um Exzellenz wetteifern, ohne zwischen den Gruppen zu konkurrieren. Es gäbe auch keine Auf- und Absteiger zwischen den Gruppen. Es ist eher so wie bei Automobilen. Auch bei denen gilt: Wenn ein schön lackierter Stretch Car Probleme mit dem Motor hat, hilft es nicht, ihn zu einem Mittelklassen-Auto herabzustufen. Der Schaden muss schon auf andere Weise behoben werden.

Innerhalb ihrer Gruppe könnte dann auch eine duale Hochschule hohe Anerkennung gewinnen, ohne sich als "drittklassig" gegenüber einer Exzellenzuniversität fühlen zu müssen. Es setzt allerdings voraus, dass die Hochschulen tatsächlich den Mut haben, selbstbewusst ihre Identität und ihre eigenen Ziele herauszubilden, zu legitimieren und zu verfolgen.

Politik und HRK sind gefordert

Es wäre naiv, die größere Vielfalt lediglich zu empfehlen und sich im Übrigen auf die Selbstorganisation autonomer Hochschulen zu verlassen. Solche durch die kraftvollen Aktionen des "schöpferischen Unternehmers" erzeugten Innovationen können sich auf wirklichen Märkten mit freier Preisbildung entwickeln. Das gilt aber nicht für "Quasi Märkte", auf denen die Politik - übrigens legitimerweise - in inszenierten Wettbewerben Anreize setzt und damit die Preise bestimmt. Das übersieht der Wissenschaftsrat mit seinen im Jahr 2010 publizierten "Empfehlungen zur Differenzierung des Wissenschaftssystems". Er hofft auf die Entstehung neuer Profile aus den Hochschulen heraus und setzt sich nicht damit auseinander, dass der Sog nach forschungsgeleiteter Reputation durch das von ihm entwickelte Design der "Zukunftskonzepte" in der Exzellenzinitiative viel stärker ist.

Für eine "Pluralisierung der Exzellenz" müsste die Politik das "Kräftefeld" ändern, in dem die Hochschulen sich bewegen, und Anziehungskräfte in unterschiedliche Richtungen schaffen. Angesichts der Diskussion zu der Aufhebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern in der Hochschulfinanzierung und der Frage, ob und was nach der Exzellenzinitiative folgen soll, bestehen dafür möglicherweise Chancen.

Überlässt man dieses Feld allerdings der Politik alleine, muss man wieder mit ihren Eigeninteressen an medialer Sichtbarkeit rechnen. Deshalb müssen die Hochschulen auf die Politik Einfluss nehmen. Statt dem Geld, das die Politik auslobt, hinterherzurennen, sollten sie die Politik dazu bewegen, das Geld so zur Verfügung zu stellen, dass die ganze Palette der neuen Vielfalt zur Blüte gebracht werden kann. Dazu bedarf es eines intermediären Akteurs, der sowohl zwischen den einzelnen Hochschulen mit ihren jeweiligen Sonderinteressen als auch zwischen Hochschulen und Politik vermittelt. Das kann nach Lage der Dinge nur die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sein. Hier liegt ein wichtiges Betätigungsfeld für sie, welches rasch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Dafür ist es allerdings nötig, dass die Lobbyorganisation es schafft, ihre Mitglieder darüber ins Gespräch zu bringen. Ansonsten ist die Gefahr eines Auseinanderbrechens der HRK durchaus realistisch.


Über den Autor
Lothar Zechlin ist Professor für Öffentliches Recht im Institut für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Von 1992 bis 2008 war er Rektor der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg, der Universität Graz und der Universität Duisburg-Essen.


Aus Forschung & Lehre :: Juni 2012

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