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»Nachjustieren ist mir zu wenig«

Die Fragen stellte MARTIN SPIEWAK

Universitäten sollen ihre Nachwuchskräfte endlich besser behandeln, fordert Johanna Wanka. Sie klagt über die missliche Lage junger Wissenschaftler und präsentiert eine Initiative, die ihnen helfen soll.

»Nachjustieren ist mir zu wenig«© Bundesregierung/Steffen KuglerDie Bildungsministerin Johanna Wanka über die Missstände an Hochschulen
DIE ZEIT: Frau Wanka, könnten Sie noch jemandem guten Gewissens raten, seinen Beruf in der Wissenschaft zu suchen?

Johanna Wanka: Wenn Begeisterung und Talent für die Sache vorhanden sind, unbedingt. Auch wenn die Bedingungen heute vielfach nicht optimal sind.

ZEIT: Das ist schön gesagt. Rund neunzig Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter sind nur befristet angestellt, die Mehrheit hat Verträge von unter einem Jahr Laufzeit. Es gibt kaum eine Branche, wo die Arbeitsverhältnisse so prekär sind.

Wanka: In den letzten Jahren sind durch zusätzliche Forschungsgelder viele neue Nachwuchsstellen entstanden. Das ist erst einmal positiv. In der Regel jedoch sind diese Stellen nicht auf Dauer angelegt. Zu viele junge Forscher hangeln sich so von einer Stelle zur nächsten. Das schafft eine oft nur schwer erträgliche Unsicherheit. Die Entscheidung, ob jemand in der Wissenschaft bleiben kann oder nicht, fällt bei uns erst sehr spät. Da ist das ganze System der Nachwuchsförderung in eine Schieflage geraten.

ZEIT: Nun wollen Sie mit einem Nachwuchsprogramm nachjustieren.

Wanka: Nachjustieren ist mir zu wenig. Wir wollen auch kein weiteres Programm beschließen, wo es erneut befristete Stellen gibt. Ich möchte die Strukturen verändern und eine Offensive Wissenschaftlicher Nachwuchs auf den Weg bringen. Wer Professorin oder Professor werden will, soll in Zukunft früher erfahren, ob es eine Chance gibt oder nicht. Dafür braucht es geordnete Karrierewege mit hohen, aber transparenten Leistungskriterien. Der Tenure-Track bietet genau das. Hier wird eine Professur frühzeitig unter dem Vorbehalt vergeben, dass der Kandidat oder die Kandidatin sich in Forschung und Lehre bewährt.

ZEIT: Wann sollte der Weg beginnen?

Wanka: Bei besonders brillanten Nachwuchswissenschaftlern kann das gleich nach der Promotion sein. Aber ich halte nichts von starren Vorschriften oder Altersgrenzen. In der Regel wird es gut sein, wenn jemand nach der Promotion als Postdoc weitere Erfahrungen sammelt, etwa in der Lehre oder im Ausland. Wir haben ja schon Erkenntnisse zum Tenure-Track sammeln können, etwa an der TU München. Da stellt man fest: Der Anteil von Frauen, die sich auf diese Stellen bewerben, ist besonders hoch. Auch das könnte ein Vorteil des Tenure-Tracks sein.

ZEIT: Die große Koalition will eine Milliarde Euro für das Vorhaben ausgeben. Wie viele Tenure-Track-Stellen soll es geben?

Wanka: Ich will den Gesprächen mit den Ländern nicht vorgreifen. Nur so viel: Ich möchte, dass unsere Offensive Wissenschaftlicher Nachwuchs die Karrierepfade in der Fläche nachhaltig verändert. Dabei werden wir den Hochschulen helfen, und zwar nicht nur einigen wenigen. Bei den Rektoren treffe ich dabei übrigens auf große Zustimmung. Sie wollen die besten jungen Wissenschaftler halten. Und sie wissen, dass sie dafür mehr tun müssen.

ZEIT: Was sollen die Bundesländer zu dieser Nachwuchs-Offensive beisteuern?

Wanka: Der Bund wird sich zwar langfristig engagieren und hat dazu durch die Änderung des Grundgesetzes auch die Möglichkeit. Wir werden aber keine Professorenstellen dauerhaft finanzieren. Das müssen die Länder übernehmen. Da sind die Voraussetzungen recht unterschiedlich. Bekanntermaßen hat der Bund die Finanzierung des Bafögs übernommen und den Ländern damit Jahr für Jahr neue finanzielle Spielräume eröffnet. Es gibt Länder, die mit dem Geld schon jetzt neue Dauerstellen in den Hochschulen schaffen wollen, was ich sehr begrüße. Andere geben das Geld für andere Zwecke aus.

ZEIT: Den Königsweg des Tenure-Tracks werden wenige beschreiten. Wie wollen Sie dem Rest der rund 150.000 Nachwuchswissenschaftler helfen?

Wanka: Nicht jeder Doktorand will und kann Professor werden, insofern sind befristete Stellen in der Wissenschaft normal. Dennoch sollten die Vertragslaufzeiten in der Regel eine bestimmte Dauer nicht unterschreiten. Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen, was wir mit einem neuen Wissenschaftszeitvertragsgesetz korrigieren wollen.

ZEIT: Ist es nicht peinlich, dass der Bund den Universitäten vorschreiben muss, ihre Nachwuchskräfte gut zu behandeln?

Wanka: Viele Professoren kümmern sich gut um ihre Mitarbeiter. Aber die Versuchung, immer neue Kurzzeitverträge abzuschließen, ist groß. Denn damit gehen die Universitäten das geringste Risiko ein. Fair gegenüber den Mitarbeitern ist dieser bequeme Weg freilich nicht. Dass wir die Hochschulen daran erinnern müssen, ist schon schade.

ZEIT: Wo soll die Untergrenze der Verträge liegen?

Wanka: Ein Vertrag sollte in der Regel der Promotionsdauer entsprechen beziehungsweise so lange laufen, wie ein Drittmittelprojekt bewilligt ist. Feste Untergrenzen will ich aber nicht vorschreiben.

ZEIT: Warum nicht?

Wanka: Weil auch ein Halbjahresvertrag im Einzelfall sinnvoll sein kann, etwa wenn jemand seine Promotion noch nicht fertiggestellt hat und einen kurzen Anschlussvertrag benötigt. Klar muss aber sein, dass es für Daueraufgaben auch Dauerstellen gibt. Heute wird der normale Laborbetrieb oft von Doktoranden oder Postdocs aufrechterhalten, die dann kaum noch zu ihrer eigenen Forschung kommen. Auch diesem Missbrauch soll das Gesetz einen Riegel vorschieben.

ZEIT: Ein anderes Thema: Schmerzt es Sie als Mathematikerin nicht besonders, dass die Abbruchquoten in den Naturwissenschaften so hoch sind?

Wanka: Das schmerzt mich mehr für die betroffenen Studierenden. Die Hochschulen haben da kleine Fortschritte gemacht, aber das ist mir zu wenig. Man weiß, dass die Gründe für die hohen Abbruchzahlen verschieden sind. Mal mangelt es den Studienanfängern an Vorkenntnissen, andernorts liegt es an der Qualität der Lehre. Und manchmal ist ein Studium eben nicht das Richtige. Immerhin können Studienabbrecher nun direkt in die duale Ausbildung wechseln, mit verkürzten Ausbildungszeiten.

ZEIT: Wäre es nicht besser, wenn sie gleich eine Lehre begonnen hätten?

Wanka: Natürlich, dafür brauchen wir in den Gymnasien aber eine bessere Beratung. Es gibt das Modell der Bildungsketten für Haupt- und Realschüler. Da versuchen Praktiker und Bildungslotsen mit den Schülern bereits in der achten Klasse herauszufinden, wo ihre Potenziale und Interessen liegen. Dies wünsche ich mir auch in den Gymnasien. Dafür öffnet der Bund sein Berufsorientierungsprogramm, Sachsen zum Beispiel will da jetzt einsteigen.

ZEIT: Wie soll das aussehen?

Wanka: Entscheidend ist individuelle Beratung. Und dann ein praktischer Einblick von ein, zwei Tagen, bei dem Schüler mehr darüber erfahren, was ein Studium oder eine Ausbildung bietet. Etwa dass für ein Maschinenbaustudium gute Mathematiknoten hilfreich sind oder Umwelttechnik viel mit Technik zu tun hat, aber wenig mit Naturschutz. Flyer oder Internetseiten zur Studienorientierung gibt es genug. Was weitgehend fehlt, ist neben der Beratung der Schüler eine bessere Verzahnung von Gymnasien, Kammern und Hochschulen.

ZEIT: Gilt das auch für die Förderung leistungsstarker Schüler?

Wanka: Auch da sind längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir sehen das bei Pisa. Da ist zwar die Zahl der sogenannten Risikoschüler stetig zurückgegangen, bei den leistungsstarken Schülern aber stagniert Deutschland. Damit dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Wir müssen besonders begabte Schüler ebenso individuell fördern wie diejenigen mit Lernschwächen. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Ich würde mich freuen, wenn die Länder hier aktiv werden.

ZEIT: Pläne gibt es dafür bereits seit Langem.

Wanka: Stimmt, und auch das Angebot des Bundes zur Unterstützung.

ZEIT: Warum werden sie nicht umgesetzt?

Wanka: Das müssen Sie die Kultusministerkonferenz fragen.

ZEIT: Welche Länder bremsen denn da?

Wanka: Positiv gesagt: Jetzt gibt es unter der Präsidentschaft von Sachsen ja einen neuen Anlauf.

ZEIT: Kann der Bund das beschleunigen?

Wanka: Der Bund kann den Ländern anbieten, Instrumente der Begabtenförderung, die es bereits gibt, zu erforschen - etwa die Wirkung von zusätzlichen Lernangeboten im Unterricht oder nach der Schule, von Freiräumen für selbstbestimmtes Lernen oder vom Überspringen von Klassen. Diese Forschungsergebnisse könnte dann jedes Land in seinen Schulen verankern. Außerdem könnte der Bund eine Förderung besonders begabter Schüler außerhalb der Schule unterstützen, wie Feriencamps oder Angebote der Hochschulen für diese Jugendlichen. Ich lobe selten, was in Ostdeutschland vor der Wende passierte, aber es gab interessante Wege der Begabtenförderung. Wegen meiner Leistungen bei der Mathematik-Schülerolympiade wurde ich in die Begabtenförderung der Karl-Marx-Universität in Leipzig aufgenommen und habe davon vielfach profitiert. Unter anderem habe ich da meinen Mann kennengelernt.

Aus DIE ZEIT :: 07.05.2015

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