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"Nehmen, was man kriegen kann"


Das Interview führten Elisabeth Kapatsina und Christian Remenyi

Bei Publikum und Kritik war die US-amerikanische Fernsehserie "Breaking Bad" ein sensationeller Erfolg - trotz (oder weil?) sie darauf setzte, Naturwissenschaft korrekt darzustellen. Welche Kompromisse nötig sind, wenn Chemie auf Unterhaltung trifft, berichtet die Chemieprofessorin Donna Nelson, wissenschaftliche Beraterin von "Breaking Bad".

"Nehmen, was man kriegen kann"© robtek - Fotolia.comIm Mittelpunkt der Serie Breaking Bad steht die Herstellung der Droge Crystal Meth
Nachrichten aus der Chemie: Wie kam es dazu, dass Sie wissenschaftliche Beraterin für Breaking Bad wurden?

Donna Nelson: Während der ersten Breaking-Bad-Staffel brachten die Chemical & Engineering News ein Interview mit dem Breaking- Bad-Produzenten Vince Gilligan. Darin beteuerte er, dass er die Wissenschaft in der Serie korrekt darstellen möchte, aber dass er kein Budget für einen ständigen wissenschaftlichen Berater hat. So mussten er und die Texter - alle ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund - die wissenschaftlichen Sachverhalte im Web und über Wikipedia recherchieren. Er sei aber für jedes konstruktive Feedback seitens eines chemisch gebildeten Publikums offen. Ich meldete mich beim C&EN-Redakteur, der informierte Vince - und so kam es zum Kontakt.

Nachrichten: Sie haben sich also ganz bewusst in diese Aufgabe gestürzt?

Nelson: Oh ja! Ich hatte häufiger schon mit Freunden und Kollegen darüber gesprochen, wie stiefmütterlich das Fernsehen die Wissenschaft behandelt. Ich hatte sogar häufiger schon mal gesagt, dass ich gerne Fernsehshows beraten würde - aber es ist schwer, Kontakte zu dieser Welt zu bekommen. Hier war nun die Gelegenheit, um Wissenschaft und Öffentlichkeit zusammenzubringen. Und - ganz ehrlich: Ich hoffte auch auf eine interessante persönliche Erfahrung.

Nachrichten: Und war es das auch? Konnten Sie auch eigene Ideen in Breaking Bad einbringen?

Nelson: Es war toll. Ich war hauptsächlich Beraterin; die eigentliche Arbeit war wirklich keine große Sache und nicht besonders zeitaufwendig. Meine erste Aufgabe war, den Drehbuchautoren ein Gefühl dafür zu geben, wie die wissenschaftliche Welt funktioniert. Da ging es vor allem um Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten. Also: "Aus welchen Gründen, entscheidet sich jemand für ein naturwissenschaftliches Studium?" und "Aus welchen Gründen wird ein Mensch mit einem PhD in Chemie High-School-Lehrer anstatt Professor?"

Nachrichten: Später ging es dann eher um konkrete naturwissenschaftliche Faktenfragen?

Nelson: Ja, diese haben wir oft telefonisch oder per Mail besprochen. Manche Autoren schickten mir aber auch ganze Skriptseiten zur Durchsicht und zur Überprüfung.

Nachrichten: Und wie oft fanden Sie Fehler?

Nelson: Im Grunde benötigte jedes Skript eine Korrektur. Ich habe aber immer ziemlich behutsam eingegriffen und so wenig Anweisungen und Dialoge wie möglich geändert. Es darf natürlich nichts fundamental Falsches im Skript stehen bleiben, aber nicht ganz akkurate Kleinigkeiten sind erlaubt, das zählt zur künstlerischen Freiheit. Solche kleinen Ungenauigkeiten entstanden bei Breaking Bad auch nicht aus Unachtsamkeit sondern aus dramaturgischen und optischen Gründen.

Nachrichten: Das Meth, das Walt herstellt, ist ja zum Beispiel nicht farblos, sondern schimmert blau.

Nelson: Es gilt einfach, Kompromisse zu machen, anstatt Skripte einer Unterhaltungsshow wissenschaftlichem Rigorismus zu unterwerfen. Es kommt auf das Gesamtbild an: Der überwiegende Teil der Wissenschaft - sowohl die naturwissenschaftlichen Fakten als auch die Darstellung, wie ein Chemiker tickt, ist in Breaking Bad realistisch gezeigt. Ich denke, Vince Gilligan hat die Messlatte für wissenschaftliche Genauigkeit in Unterhaltungssendungen auf ein bisher nicht gekanntes hohes Niveau gelegt.

Böse Chemie?

Nachrichten: In Breaking Bad geht es um das Thema Synthese von Drogen. Wird da die Wissenschaft Chemie nicht sehr einseitig dargestellt und sogar kriminalisiert?

Nelson: Breaking Bad hat nicht den Anspruch, eine Dokumentation über Chemiker sein zu wollen - Ziel ist es, eine spannende und außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Aber das Thema Drogen war tatsächlich genau der Punkt, der mir zu Anfang Bauchschmerzen verursachte. Ich fürchtete eine Verherrlichung der Kriminalität, man kennt das ja von diversen Hollywood-Produktionen. Aber im Ernst: Nach dem grauenvollen Schicksal, das Walt erleidet ...

Nachrichten: Unter anderem wird auf ihn geschossen, er gerät in Messerstechereien, schließlich wird er halb nackt durch die Wüste Arizonas geschleift.

Nelson: Ganz zu schweigen von den seelischen und sozialen Deformationen, die Walt und seine Familie durch seine Entscheidung, kriminell zu werden, erleiden. Ich bin mir absolut sicher: Nur sehr wenige werden sich Walt tatsächlich zum Vorbild nehmen.

Nachrichten: Wie fanden es Ihre Kollegen, dass Sie als Scientific Advisor fürs Fernsehen arbeiten?

Nelson: Ein paar meiner Kollegen haben da eher zurückhaltend reagiert; David Boren, der Präsident der University of Oklahoma scheint jedoch ganz glücklich über die Publicity, die unsere Universität dadurch erhält. Ich habe meine Beratertätigkeit auch nicht offensiv zur Schau gestellt. Aber als Breaking Bad immer populärer wurde und immer weitere Kreise zog, kamen dann auch Interviewanfragen. Auf einmal wollte jeder meine Sicht von Breaking Bad und allgemein von der Rolle der Chemie in Unterhaltungsmedien wissen. Mein Anliegen ist und bleibt, eine Brücke zwischen der akademischen Welt und der Öffentlichkeit zu bauen, und deshalb spreche ich gerne darüber. Ich sehe das in der Tat auch als meine Verantwortung als Wissenschaftler an.

Nachrichten: Werden Sie Ihre Beratertätigkeit noch ausbauen, vielleicht auch für andere Serien und Shows?

Nelson: David Saltzberg, Physikprofessor und technischer Direktor der Fernsehserie Big Bang Theory ...

Nachrichten: ... die amerikanische Comedy-Serie, deren Protagonisten vier junge Universitätsphysiker und -ingenieure sind ...

Nelson: Genau. Also David Saltzberg hatte mich für das Geek-of-the-Week-Programm eingeladen. Dabei besucht immer ein Wissenschaftler das Set der Serie. Es hat mir großen Spaß gemacht, und eine Wiederholung ist geplant. Ich bin kein besonders großer Fan der Serie Big Bang Theory, weil sie sehr stark auf den Nerd-Faktor setzt und ihre Hauptfiguren ziemlich überzeichnet. Aber ich denke, wenn man Wissenschaft im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verankern kann, sollte man nehmen, was man kriegen kann. Breaking Bad war für mich eine einmalige und tolle persönliche Erfahrung. Ich kann jeden Wissenschaftler nur ermutigen, sich auch einmal als Berater für eine Fernsehshow oder -serie zu betätigen.

Nachrichten: Mochten Sie das Ende der Breaking-Bad-Serie?

Nelson: Ja - auch wenn ich gehofft hatte, dass Walts Frau Skylar dabei eine stärkere Rolle bekommt. Aber mehr will ich gar nicht verraten. Vielleicht sind einige Nachrichten-Leser ja noch mitten in der letzten Staffel ...

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: April 2014

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