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"Nein, ich habe noch nichts gehört..." - aus dem Innenleben einer Nachwuchswissenschaftlerin

Anonym

Die Bewerbung auf eine Professur stellt Nachwuchswissenschaftler auf eine harte Probe. Eine Geisteswissenschaftlerin berichtet über die Kunst des Wartens, ihre "Vorsingen"-Termine und Fragen der Berufungskommission.

"Nein, ich habe noch nichts gehört..." - aus dem Innenleben einer Nachwuchswissenschaftlerin© Martin Allinger - iStockphoto.com
Alles läuft bestens. Ich werde häufig zu Bewerbungsvorträgen eingeladen, darf mich und meine Vorstellungen präsentieren. Gleich beim ersten Mal bin ich auf der Liste gelandet. Ich habe noch keine Probleme mit Altersgrenzen. Als Frau habe ich es ohnehin besser (nur die Behinderung fehlt noch). Meine Assistentenstelle läuft noch ein gutes Jahr. Aber was ist das alles gegen die Ungewissheit, die endlosen Wartephasen? Warum habe ich von einem Bewerbungstermin, der ein halbes Jahr zurückliegt, noch nichts gehört? Warum von einem anderen nur unter der Hand? Kann ich vielleicht doch noch von meinem zweiten Platz aufrücken? Wann entscheidet sich der Erstplatzierte endlich, ob er den Ruf annimmt oder doch nur an seiner jetzigen Universität Bleibeverhandlungen führt? Was ist mit dem Verfahren, von dem ich seit drei Monaten weiß, dass ich in der engeren Wahl bin - gibt es da inzwischen eine Liste und wenn ja, wie sieht sie aus? Und warum werde ich das Gefühl nicht los, dass man mich an einem Ort nicht auf die Liste gesetzt hat, weil man dachte, ich würde mich gleich wieder weiter bewerben (machen das nicht ohnehin alle im Zeitalter der W-Besoldung?)? Und bin ich an einem anderen Ort nur deshalb nicht eingeladen worden, weil ich mal einen Ansatz der Kommissionsvorsitzenden in einem Aufsatz kritisiert habe? Mache ich etwas falsch? Ist mein Auftreten zu ehrlich, wirke ich zu jung und unerfahren? Und: Wie lange wird es noch dauern?

Fragen der Berufungskommission...

Mein erster "Vorsingen"-Termin liegt zwei Jahre zurück. Was war ich aufgeregt! Irgendwann kam die Routine, die inzwischen zur Langeweile wird. Immer dieselben Fragen: Wo liegen Ihre Schwerpunkte in der Forschung? Haben Sie Erfahrungen mit dem Einwerben von Drittmitteln? Wie sieht bei Ihnen eine Lehrveranstaltung aus? Was halten Sie von Interdisziplinarität? Mit welchen unserer Einrichtungen möchten Sie kooperieren? Was für Erfahrungen haben Sie mit akademischer Selbstverwaltung? Wären Sie bereit, Ihren Lebensmittelpunkt an unseren Ort zu verlagern?

...zum Lebensmittelpunkt...

Fangen wir von hinten an, mit der Frage nach dem Lebensmittelpunkt. "Du musst unbedingt sagen, dass du bereit bist, dorthin zu ziehen, damit du dir nicht die Chancen verbaust!", wurde mir vor meinem ersten Bewerbungstermin gesagt. "Könnten Sie sich vorstellen, an unseren Ort zu ziehen?" "Ja, das könnte ich mir vorstellen". Das war immerhin noch keine Lüge, aber auch keine Wahrheit. Das will ich doch gar nicht, mich verstellen, verbiegen. Was bilden die sich eigentlich ein? Dass meine ganze Familie (von der ich nur 25 Prozent ausmache) alles stehen und fallen lässt, um mir an einen Ort zu folgen, von dem ich mich sowieso bald wieder weg bewerben werde, weil das W2-Gehalt mein derzeitiges Assistentengehalt so gut wie gar nicht übersteigt? Natürlich wartet meine Familie sehnsüchtig darauf, nach fünf Jahren endlich wieder den Lebensmittelpunkt zu wechseln. Mein Mann, der nun doch noch das Staatsexamen nachholen will und an unserem jetzigen Wohnort eine Schule hat, die ihn übernehmen möchte und beim Studium unterstützt. Meine Tochter, die ihren ersten Freund hat und mit fünfzehn Jahren wahrscheinlich eine der jüngsten Chefredakteurinnen von Schülerzeitungen an Gymnasien ist. Und mein Sohn, der nach Mobbing und Schulwechsel nun dank einer therapeutischen Begleitung und seines geliebten Physik-Clubs endlich stabil ist.

...zur akademischen Selbstverwaltung....

Die anderen Fragen sind auch nicht besser. Akademische Selbstverwaltung? Ich weiß nicht, welche Aussage von mir erwartet wird, die glaubhaft machen soll, dass ich neben meinen ausufernden und innovativen Forschungsinteressen und meinen überaus studentengerechten Lehrveranstaltungen auch noch der Heilsbringer in Sachen akademischer Selbstverwaltung sein werde. Man tut, was getan werden muss, und nicht mehr und nicht weniger.

...zur Interdisziplinarität...

Was für ein Schlagwort! Warum nur sind dann die interdisziplinär ausgerichteten Tagungen immer die langweiligsten, weil alle aneinander vorbeireden und die eigentlich den Ausgangspunkt bildende Fachdisziplin zu kurz kommt? Wo fängt eigentlich Interdisziplinarität an? Schon beim "schön, dass wir mal drüber geredet haben"? Oder arbeite ich schon ach so interdisziplinär, wenn ich Methoden aus einer anderen Forschungsrichtung übernehme? Und ist eine disziplinenübergreifende Arbeit innerhalb der eigenen Fachrichtung auch schon interdisziplinär? Eigentlich habe ich ja gar nichts gegen Interdisziplinarität, wäre da nicht die Tatsache, dass die ohnehin schwierige Drittmittelsituation für Geisteswissenschaftler für sozusagen intradisziplinäre, die Kerninteressen eines Faches betreffenden Forschungsprojekte dadurch erschwert wird, dass die wenigen in Frage kommenden Stiftungen häufig nur interdisziplinär ausgerichtete Projekte fördern.

Und was man noch alles ertragen muss...

Man kommt zu einem Bewerbungstermin, von dem man sich sehr viel verspricht, weil der Ort nur 70 km vom Heimatort entfernt ist, man will ja schließlich die eigenen und die familiären Interessen unter einen Hut bringen können. Man kommt dahin und stellt fest, dass es in der Berufungskommission keinen einzigen Vertreter des Faches, um das es geht, gibt. Klar, dass man dann hinterher erfährt, dass diese Kommission von vornherein darauf festgelegt war, die Stelle mit einer der beiden Damen zu besetzen, die sie schon durch Vertretungsprofessuren kennengelernt hatten. Dabei habe ich mit den Kommissionen immer Glück gehabt. Keine bösen "Was können Sie eigentlich?"-Fragen, wie man es manchmal von Mitleidenden hört. Nur immer diese lästigen Rückfragen nach Themen, die bisher nicht zum Lehr- und Forschungsprofil gehörten. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass man mir nicht glauben will, wenn ich versichere, dass ich mich - wenn es nötig sein sollte - gerne in diesen Themenbereich einarbeiten werde? Aber danke, dass Sie mir nebenbei noch elementares Basiswissen unseres Faches vermittelt haben.

War da nicht noch was?

War da nicht eigentlich auch noch ein Bewerbungsvortrag? In dem ich eine völlig neue Forschungsrichtung ins Leben gerufen habe? Oder in dem ich eine traditionelle Kategorie revolutioniert habe? Oder den empirisch-sauberen Nachweis für die Relevanz einer neuen Perspektive auf eine alte Forschungsrichtung erbracht habe? War wohl nebensächlich.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2009

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