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»Nicht alle Studenten unter Generalverdacht stellen«

Das Interview führte Christine Böhringer

Kerstin Eleonora Kohl leitet die »Freiwillige Plagiatskontrolle« an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Ein Gespräch über das Schummeln.

»Nicht alle Studenten unter Generalverdacht stellen«© Kerstin Eleonora KohlDr. Kerstin Eleonora Kohl, Medienreferentin der Pädagogischen Hochschule Freiburg
DIE ZEIT: Frau Kohl, an der Pädagogischen Hochschule Freiburg können Studenten ihre wissenschaftlichen Arbeiten einer freiwilligen und anonymen Plagiatskontrolle unterziehen. Haben Sie keine Sorge, dass die Studenten damit nur testen, ob ein Abschreiben auffällt?

Kerstin Eleonora Kohl: Natürlich gibt es solche Studierenden. Doch die meisten wollen wissen, wie sie es besser machen können. Wir überprüfen die Texte nicht nur mit einer speziellen Software, sondern schauen selbst auch noch einmal drüber, ob es etwa auffällige Satzstrukturen gibt. Aber wir korrigieren die Arbeiten nicht, sondern erklären den Studenten anhand von Beispielen, wo und wie sie falsch zitiert haben oder welche Belege fehlen. Ob die Fehler dann korrigiert werden, liegt in der Verantwortung der Studierenden.

ZEIT: Wieso machen Sie sich diese Mühe? Andere Hochschulen setzen auf Kontrolle und Abschreckung und prüfen einen bestimmten Prozentsatz der eingereichten Arbeiten.

Kohl: Ja, aber eine totale Kontrolle setzt alle Studenten unter Generalverdacht und stellt das Prinzip der akademischen Selbstverantwortung infrage. Es kann nicht sein, dass eine Hochschule Wissenschaftler ausbildet, diesen aber zugleich nicht zutraut, eine ordentliche akademische Arbeit abzugeben. Forschung funktioniert nur, wenn Vertrauen da ist und Verantwortung - und diese muss früh im Studium entwickelt werden. Bei uns können Studenten bereits ihre Hausarbeiten prüfen lassen.

ZEIT: Wie oft finden Sie bei der Überprüfung Plagiate?

Kohl: Wir begutachten jährlich rund 500 Texte, zwei Drittel davon sind Abschlussarbeiten. Plagiate im herkömmlichen Sinn kommen nur in unter einem Prozent der Arbeiten vor. Weit mehr hat uns in der Anfangsphase die Masse der Fehler überrascht: Nur in jeder zehnten Arbeit wurde korrekt zitiert und belegt, in den anderen haben wir fehlende, falsche oder unvollständige Zitierweisen und Quellenangaben gefunden. Häufig paraphrasieren die Studenten etwa nach einem korrekten Zitat, vergessen aber, dazu ein »vergleiche« zu schreiben.

ZEIT: Eigentlich wird das wissenschaftliche Schreiben doch an jeder Hochschule von Anfang an gelehrt. Warum halten sich die Studenten nicht an die Regeln?

Kohl: Viele haben in den ersten Semestern keine Ahnung, was eigentlich zum Allgemeinwissen in ihrem Fach gehört, wo sie also etwas belegen müssen und wo nicht. Andere sitzen bei der Besprechung ihrer Arbeiten vor mir und fragen mich: »Warum ist das denn so wichtig? Ich werde doch kein Wissenschaftler!« Wenn Studenten Hausarbeiten schreiben, geht es ihnen auch häufig nur darum, dem Dozenten zu zeigen, dass sie den Inhalt verstanden haben - und nicht darum, selbst Ideen und Konzepte zu entwickeln. Dennoch möchten die Studenten, dass ihr Text wissenschaftlich klingt. Sie versuchen dann, sich der Wissenschaftswelt durch die Übernahme von gut formulierten, zumeist kurzen Sätzen anzunähern, dieses »Schminken« der Texte führt leicht zu Mosaikplagiaten.

ZEIT: Die Plagiatskontrolle gibt es nun seit zwei Jahren - spüren Sie schon Auswirkungen?

Kohl: Ja, mittlerweile ist es so, dass nur noch etwa die Hälfte der bei uns eingereichten Arbeiten Fehler aufweisen, und dies nur noch in sehr geringem Umfang. Das liegt auch daran, dass wir typische Fehlermuster regelmäßig den Fachbereichen und dem Schreibzentrum melden. Die können ihre Angebote dann entsprechend anpassen. Rund ein Drittel der Studierenden nutzen unser Angebot auch mehr als einmal, etwa bei der ersten Hausarbeit und bei der Masterarbeit dann nochmals. Auch die Dozenten sind sensibilisiert: Sie wissen, dass sie sich im Falle eines Plagiatsverdachts an uns wenden können, und sie können im Betrugsfall leichteren Herzens sanktionieren - die Studierenden hatten ja die Chance, sich beraten zu lassen und daraus zu lernen. Wer das nicht nutzt oder gar vorsätzlich betrügt, muss auch mit den Folgen leben.

Aus DIE ZEIT :: 14.08.2013

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