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"Oh Gott, ein Ingenieur!"

Das Gespräch führten JEANNETTE OTTO und ARNFRID SCHENK

Sie arbeiten im selben Unternehmen, der eine seit 42, der andere seit sieben Jahren. Was hat sich verändert? Ein Generationengespräch.

"Oh Gott, ein Ingenieur!"© uchar - iStockphoto.comInterview zur Situation von Ingenieuren vor 40 Jahren und heute
DIE ZEIT: Warum wollten Sie Ingenieur werden?

Klaus Heyke: Bei uns in der Familie scheint das erblich zu sein. Mein Vater war Maschinenbauingenieur bei der Preussag. Trotzdem hat er gesagt: Du kannst alles werden, nur nicht Ingenieur! Er hat nie begründet, warum er das nicht wollte, er selber war ja erfolgreich. Der Widerspruch hat mich eher bestärkt in meinem Entschluss.

Robert Kolb: Bei mir war es die Begeisterung für Technik. Schaffen, basteln, erfinden - all das hat mir mein Studium der Materialwissenschaft an der TU Darmstadt geboten. Was wir dort gelernt haben, hatte einen konkreten Bezug zu einem Produkt, zu Solarzellen oder LEDs zum Beispiel.

ZEIT: Keine Visionen?

Kolb: Nein, ich dachte als Student nicht wirklich daran, die Welt zu verändern.

Heyke: In den fünfziger Jahren musste jeder anständige Junge ein Radio bauen können, mit drei Röhren. Das habe ich auch gemacht, und es hat funktioniert. Dann war ich eisenbahnbegeistert, habe ein Praktikum in einem Ausbesserungswerk gemacht...

Kolb: Genau so ein Praktikum bei der Bahn habe ich auch gemacht!

Heyke: ...sehen Sie. So kam eines zum anderen, schon in der Schule war der Wunsch da, Ingenieur zu werden.

Klaus Heyke

Der 74-Jährige arbeitet seit 1970 bei Bosch in Reutlingen. Als Senior-Berater kommt er immer noch täglich ins Büro und prüft die Qualität von Halbleiterchips.

Robert Kolb

Der 38-Jährige arbeitet seit 2005 als Prozessingenieur in der Diodenfertigung. Er ist Teamleiter am Bosch-Entwicklungsstandort Schwieberdingen.

ZEIT: Hatten Sie eine konkrete Vorstellung davon, wohin Sie dieser Beruf führen würde?

Heyke: Nein. Es hieß nur: Danach gehst du in die Industrie. Nur konnte man sich darunter nichts Genaues vorstellen.

ZEIT: Hörten Sie damals schon von deutschen Ingenieuren, die im Ausland arbeiteten?

Heyke: Das war eher kein Thema. Ich habe 1967 an der TU Braunschweig promoviert. Es gab damals eine bundesweite zentrale Bewerbungsstelle für Akademiker. Dorthin habe ich einfach meine Unterlagen geschickt, zwölf Angebote kamen zurück. Ich bin dann durch Deutschland gereist und habe mir sämtliche Unternehmen angesehen und mich für Bosch entschieden. Ich dachte: Geh du zu Bosch, vielleicht lässt du dich dort sogar pensionieren. So ist es dann auch gekommen.

ZEIT: Herr Kolb, bei Ihnen war internationales Arbeiten schon ein größeres Thema, oder?

Kolb: Ja, der Wunsch, ins Ausland zu gehen, war bei mir immer da. Während des Studiums habe ich es nicht geschafft, aber 2007 war ich für Bosch zwei Jahre lang in Australien, in Melbourne.

ZEIT: Was hat sich verändert: Welche Eigenschaften musste ein Ingenieur vor 40 Jahren mitbringen, was muss er heute können?

Heyke: Es gibt zwei Konstanten. Erstens: Der Ingenieur muss kreativ sein. Und zweitens: Er muss absolut sicher sein in den physikalisch-technischen Grundlagen. Diese beiden Eigenschaften sind unerlässlich.

Kolb: Was dazugekommen ist, sind Soft Skills wie soziales, kommunikatives und methodisches Wissen. Dinge, die im Studium fast gar nicht vorkommen. Ich habe das erst durch Förderprogramme hier im Unternehmen gelernt. Neue Anforderungen, wie interkulturelle Kompetenz, kommen durch die starke In ternationalisierung hinzu: Was muss ich beachten, wenn ich Kollegen in China Mails schreibe? Längst ist es selbstverständlich, dass wir auch mit deutschen Mitarbeitern im Ausland auf Englisch kommunizieren.


ZEIT: Herr Heyke, finden Sie das übertrieben, dass so viel Wert auf Kommunikation und Sozialkompetenz gelegt wird?

Heyke: Überhaupt nicht. Das ist fortschrittlich. Früher haben wir Mitteilungen auf Papier entworfen, dem Sekretariat zum Abtippen gegeben, dann wurden sie vom Abteilungsleiter abgezeichnet. Allerdings frage ich mich: Werden die Anforderungen, die durch das globale Arbeiten hinzukommen, auf Kosten von etwas anderem erfüllt?

ZEIT: Was vermuten Sie?

Heyke: Es könnte zulasten des Grundlagenwissens gehen: Physik, Mathematik, Elektrotechnik, Materialkunde.

Kolb: Ich denke nicht, dass die Entwicklung auf Kosten des Wissens geht. Heute besteht die Möglichkeit, zwei Laufbahnen einzuschlagen, die Fach- oder die Führungslaufbahn. Führungskräfte müssen sich, wie in meinem Fall, mit Technik auskennen, aber eine gewisse Flughöhe reicht aus. In der Tiefe wissen dann die Fachexperten Bescheid.

ZEIT: Standen Sie vor 40 Jahren auch vor einer solchen Entscheidung, Herr Heyke?

Heyke: Nein, so stringent gab es diese Richtungen noch nicht. Aber selbst wenn, hätte ich mich immer gegen eine Karriere im Management entschieden. Meine Sache war das Fachliche. Etwas anderes habe ich nie machen wollen.

ZEIT: Was können die Jungen von den Alten lernen und umgekehrt?

Heyke: Herr Kolb arbeitet im selben Bereich, in dem ich in den siebziger Jahren angefangen habe. Die Gleichrichterdiode, um die es dabei geht, ist ein eher bodenständiges Produkt. Sie ist fundamental für Generatoren, die Lichtmaschine eines Autos kann ohne Dioden nicht funktionieren. Trotzdem hat sich viel getan auf dem Gebiet. Es wäre verwunderlich, wenn wir Senioren auf dem exakt gleichen Niveau der Jungen wären. Die Stärken des einen sind die Schwächen des anderen. Beim Computer bin ich auf dem Stand eines 15-Jährigen. Aber wetten, dass Herr Kolb nicht mit dem Rechenschieber umgehen kann?

Kolb: Stimmt. Für mich ist es dennoch erstaunlich, wie schnell die Erfahrung eines älteren Mitarbeiters manchmal zum Ziel führen kann. Da dreht einer an ein paar Schräubchen, und schon läuft die ganze Anlage wieder. Die Jungen rasen mit Tempo 200 über die Autobahn, und die Alten fahren mit 50 über die Landstraße. Trotzdem sind sie schneller da, weil sie die Abkürzung kennen.

ZEIT: Die ganz Jungen kommen nun mit Bachelor- und Masterabschlüssen von den Hochschulen. Trauern Sie dem Diplom-Ingenieur nach?

Kolb: Natürlich bin ich stolz auf das eigene Diplom, finde aber, dass man Bachelor- und Masterabsolventen eine Chance geben sollte. Bisher kann ich keinen Unterschied zwischen einem Ingenieur mit Diplom und einem mit Master ausmachen.

ZEIT: Herr Heyke, was halten Sie von den neuen Abschlüssen?

Heyke: Ich bin skeptisch. Warum gibt man eine jahrhundertealte universitäre Tradition auf? Dass Deutschland wirtschaftlich so gut dasteht, ist ja zum Teil auch dem Diplom und den Ingenieuren zu verdanken. Mein Motto war immer: »Never change a winning team.«

ZEIT: Noch etwas ist neu in der Welt der Ingenieure: Der Anteil der Frauen nimmt zu...

Heyke: Zu meiner Zeit gab es quasi keine Frauen im Beruf. Heute sind in meiner Arbeitsgruppe 20 Prozent der Kollegen weiblich.

Kolb: Bei uns liegt der Anteil noch bei rund zehn Prozent. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Zahl der Frauen weiter stiege, weil gemischte Teams wichtig sind für die Innovationskraft von Unternehmen. Wir brauchen aber auch mehr Vorbilder auf den Firmenfluren, Frauen in Führungspositionen und Männer in Eltern- oder Teilzeit, damit der Paradigmenwechsel endlich in den Köpfen ankommt.

Heyke: Mir fällt heute mehr auf als früher, dass gerade Mütter Höchstleistungen bringen. Sie müssen viel organisieren, damit die Kinder gut betreut sind, während sie arbeiten.

Kolb: In meiner Arbeitsgruppe geht das zunehmend auch Männern so. Als ich Vater wurde, habe ich meine Arbeitszeiten verkürzt, teils von zu Hause aus gearbeitet. Bosch ermutigt die Männer inzwischen regelrecht, neue Arbeits- und Rollenmodelle auszuprobieren. Die Zahl der Väter in Elternzeit ist in den vergangenen fünf Jahren von 60 auf über 1000 gestiegen.

ZEIT: Bei fast 100 000 fehlenden Ingenieuren kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, nicht familienfreundlich zu sein. Ist der Beruf nicht mehr attraktiv genug für junge Leute?

Heyke: Es ist nichts Neues, dass das Studium sehr anspruchsvoll ist. Damals in Braunschweig gab es 50 Prozent Abbrecher. Gleichzeitig ist aber auch bekannt, dass jemand, der einen krisensicheren Job möchte, Ingenieur werden sollte. Mein Sohn ist auch Ingenieur, der kann sich vor Angeboten nicht retten. Aber sein Schwiegervater ist Altphilologe, der dachte wahrscheinlich: Oh Gott, ein Ingenieur! Die Technikskepsis in Deutschland ist nicht zu unterschätzen.

ZEIT: Schon in der Schule ist es cool, Mathe und Physik doof zu finden...

Kolb: Ich fand es cool, ein technisches Fach zu studieren - weil es so vielfältig und kreativ war.

Heyke: Zu meiner Zeit sind von zwanzig Abiturienten zwei Pfarrer geworden, aber die restlichen wollten alle Ingenieur werden.

ZEIT: Herr Heyke, bei Ihnen hieß es: Einmal Bosch - immer Bosch. Gilt das heute noch?

Heyke: Das ist kein Naturgesetz. Bei vielen hat sich das so ergeben, weil das Unternehmen ein hohes Ansehen genießt - wirtschaftlich und sozial. Das führt zu Identifikation. Verhaftet werden wir hier aber nicht.

Kolb: Die Möglichkeit zu haben, in einem nicht börsennotierten Unternehmen zu arbeiten, das langfristig planen und handeln kann, hat für mich einen großen Wert.

Heyke: Wir brauchen nicht alle drei Monate um die Quartalszahlen zu bangen. Die Sicherheit ist einfach größer.

ZEIT: Haben Sie trotzdem den Eindruck, dass sich alles sehr beschleunigt hat?

Heyke: Die Zeitspanne zwischen Entwicklung und Produktionsstart ist viel kürzer geworden. Wenn mir Leute sagen, sie stecken noch mitten in der Entwicklung und in ein paar Monaten geht die Produktion los, weiß man, wie viel Druck dahintersteht. Bei uns konnte das meist ein halbes Jahr länger dauern, Hauptsache, es war am Ende ein ordentliches Produkt.

ZEIT: Herr Kolb, wie spüren Sie den Druck?

Kolb: Unser Produkt, die Gleichrichterdiode, ist auf dem Markt hart umkämpft. Bei allem, was wir jetzt entwickeln, geht es um Qualität, Kosten und ökologische Verträglichkeit. Wenn wir Innovationen in die Serienfertigung bringen, darf das Produkt nicht teurer werden, dürfen Qualität und Umwelt nicht leiden.

ZEIT: »Die Ingenieure sind die Kamele, auf denen die Kaufleute und Politiker reiten«, lautete in den siebziger Jahren ein recht bekanntes Zitat. Können Sie damit noch etwas anfangen?

Kolb: Ich habe nicht das Gefühl, dass das so ist. Wir kennen den Markt sehr genau, und wir hören unsere Kunden an, um herauszufinden, wo deren Reise hingeht. Allein schon aufgrund des internationalen Wettbewerbs arbeiten wir interdisziplinär und stark vernetzt.

Heyke: Früher galt dieses Zitat insofern, als dass Techniker nur selten gelernt haben, ihre Innovationen auch zu vermarkten. Ich kann aber verstehen, dass ein junger Ingenieur nicht mehr viel damit anfangen kann.

ZEIT: Wie groß sind die erfinderischen Freiheiten heute überhaupt noch?

Kolb: Sicherlich hat man in der Forschung andere Freiheitsgrade und kann auch anders denken als im Entwicklungsbereich. Bei uns kommt es auf das Endprodukt an, das Bosch in möglichst großer Stückzahl verkaufen muss.

Heyke: Die Ideen, die aus mir selbst kamen, waren die besten. Die entstanden aber immer dann, wenn es keine angeordneten Entwicklungen waren. In einem Fall ist am Ende eine Minirevolution herausgekommen, die den elektronischen Bordmix im Auto betraf. Dagegen gab es zuerst viele Widerstände. Das funktioniert nicht, hieß es immer wieder. Jetzt fährt die ganze Welt mit dieser Erfindung herum. Ein anderes Beispiel: Sensoren, die heute in fast allen Handys vorkommen. Auch diese Entwicklung wurde nie angeordnet, aber heute stellen wir in Reutlingen eine Million mikromechanische Sensoren am Tag her. Manchmal haben Eigeninitiativen eine ungeheure Wirkung.

ZEIT: Wäre es heute noch denkbar, dass ein einzelner Ingenieur mit einer Erfindung in den Vordergrund tritt - vorbei am Team?

Heyke: Die Mannschaft ist der Star. Aber ich denke schon, dass ein Einzelner sagen darf: Das war jetzt meine Idee.

Kolb: Wir haben gerade einen neuen Diodentyp entwickelt, den macht man an einer bestimmten Person fest. Die einzelne Idee aber führt nicht weiter, wenn nicht das Team dahintersteht und sagt: Das machen wir jetzt serienreif. Denn Bosch verdient letztlich erst daran, wenn sich ein Produkt weltweit verkaufen lässt.

ZEIT: Welche Wunder der Ingenieurkunst darf die Welt noch erwarten? Woran müsste Ihrer Meinung nach dringend gearbeitet werden?

Kolb: Solarzellen mit Wirkungsgraden um 90 Prozent wären toll. Verglichen mit den aktuell rund 20 Prozent, käme das wirklich einem Wunder gleich.

Heyke: Das Ein-Liter-Auto irgendwann serienreif und bezahlbar auf den Markt zu bringen wäre ein großartiger Erfolg.



Aus DIE ZEIT :: 19.04.2012

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