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"Pragmatismus ist ein Wesenszug der CDU"

INTERVIEW: THOMAS KERSTAN

Was unterscheidet die Bildungspolitik der Union von jener der Sozialdemokraten? Ein Gespräch mit dem niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann.

"Pragmatismus ist ein Wesenszug der CDU"© Pressestelle Kultusministerkonferenz Dr. Bernd Althusmann ist seit dem 1. Januar 2011 Präsident der Kultusministerkonferenz
DIE ZEIT: Herr Minister, Sie sind einer der letzten Ihrer Art. Ihre Partei stellt nur noch in fünf Ländern den Kultusminister, in Westdeutschland nur noch in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Wo ist die Bildungspolitik der CDU geblieben?

Bernd Althusmann: Die CDU-Bildungspolitik lebt und ist erfolgreich. Wenn Sie in Koalitionen mit anderen Parteien regieren, dann können Sie nun einmal nicht alle Ressorts besetzen. CDU pur ist wünschenswert, aber nur bedingt durchsetzbar.

ZEIT: Mit Bildungspolitik, so heißt es, könne man Wahlen nicht gewinnen, sondern nur verlieren.

Althusmann: Diese Furcht haben viele. Aber für uns ist Bildungspolitik, gerade in den Ländern, eines der zentralen Politikfelder. Vom Wissen und Können unserer Kinder hängt nun einmal die Zukunft unseres Landes ab. Außerdem konnte man in Hamburg beobachten, dass die CDU auch dann die Leidtragende ist, wenn der Koalitionspartner in der Schulpolitik einen Irrweg einschlägt. Dann mache ich es lieber selber - und natürlich besser.

ZEIT: Und geben dabei CDU-Positionen auf. Bis vor Kurzem stand die Union auch in Niedersachsen für das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Kommende Woche bringen Sie ein Schulgesetz in den Landtag ein, das neben dem Gymnasium bis auf Ausnahmen nur noch die sogenannte Oberschule kennt, in der die Haupt- und Realschulen aufgehen. Solch ein zweigliedriges Modell führen in anderen Bundesländern Sozialdemokraten ein.

Althusmann: Ich setze zunächst einmal auf einen unideologischen, pragmatischen Weg. Vielen ist nicht ausreichend bewusst, mit welcher Wucht die Demografie auf die Schulen durch schlägt. Bis zum Ende des Jahrzehnts sinkt die Zahl der Schüler zum Beispiel in Niedersachsen von 900 000 auf rund 700 000. Gleichzeitig drängen mehr Kinder aufs Gymnasium. Wir brauchen neue Antworten. Dabei sollten wir uns unabhängig von Strukturen auf die Gelingensbedingungen von guter Schule konzentrieren.

ZEIT: Auch sozialdemokratische Kultusminister handeln zunehmend pragmatisch.

Althusmann: Die haben dazugelernt, und das ist im Sinne der Schüler und Eltern auch gut so. Während wir immer an der Seite der Gymnasien standen, mussten andere Parteien erst lernen, dass diese Schulform in Deutschland nicht zur Disposition steht - weil sie leistungsstark ist und bei den Eltern hoch im Kurs steht. Bei der CDU ist Pragmatismus ein Wesenszug, während bei der SPD und den Grünen ein ideologisch-gutmeinender Überschuss bleibt. Viele verbinden etwa mit der Gesamtschule noch immer Heilserwartungen und sehen in ihr nicht eine Schulform, die sich genau wie alle anderen im Wettbewerb bewähren muss. Eine Überlegenheit von Gesamtschulen kann ich aber nicht erkennen.

ZEIT: Aber auch Sie mussten ideologisch abrüsten. Heute tritt die Union wie die SPD für früh kindliche Förderung ein und will mehr Ganztagsschulen einrichten. Vor nicht allzu langer Zeit haben Ihre Parteifreunde solche Ideen noch als Angriff auf die Familie gegeißelt.

Althusmann: Ich sehe das aus einer anderen Perspektive. Es war und ist ein Markenzeichen der CDU-Politik, die Familie zu schützen und ihre Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Nun sieht die Familie von heute nicht mehr so aus wie früher. Viele junge Frauen, auch in konservativ geprägten Familien, wollen sich nach einer guten Ausbildung im Beruf beweisen und möchten ihre Kinder in der Kindertagesstätte oder der Schule gut betreut wissen. Das reale Leben muss Ausgangspunkt unserer Politik sein und nicht eine abstrakte Vorstellung davon.

ZEIT: Pragmatismus allein kann auch zu Beliebigkeit und Opportunismus führen. Was macht die CDU-Bildungspolitik unverwechselbar?

Althusmann: Von der Familie aus zu denken gehört zum werteorientierten Kern unserer Politik. Die Bildungsbiografie und der Bildungserfolg unserer Kinder beginnen in der Familie. Hinzu kommt, dass wir zum Wohle der Kinder auf individuelle, begabungsgerechte Förderung und auf Leistung bauen.

ZEIT: Auch in puncto Leistungsorientierung hat die SPD doch inzwischen aufgeholt. Die Kultusminister aller Bundesländer haben sich auf verbindliche Bildungsstandards geeinigt. Deren Erreichen wird durch Tests überprüft. Fast alle Länder haben das Zentralabitur eingeführt.

Althusmann: Für uns war, das ist der Unterschied, Leistung immer ein Thema. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sozialdemokraten erst durch die Pisa-Studie, die ihrer Bildungspolitik ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat, zum Kurswechsel gezwungen wurden.

ZEIT: Das ist Geschichte.

Althusmann: Nein, das Thema ist immer wieder umstritten. Die Kultusminister der Union arbeiten derzeit daran, das Abitur bundesweit noch weiter als bisher schon anzugleichen und einen gemeinsamen Pool an Abituraufgaben zu erarbeiten. Langfristiges Ziel ist es, ein ländergemeinsames Abitur einzuführen. Leider zeigt sich die SPD da wieder als Bremser. Man spürt immer wieder, dass den Sozialdemokraten die Leistung der Schüler nicht so wichtig ist. Ohne unseren ständigen Druck würden Standards schnell fallen gelassen.

ZEIT: Pragmatismus, Leistung, Standards - das klingt technokratisch. Hat Ihre Bildungspolitik keine Seele?

Althusmann: Ehrlich gesagt missfällt mir auch, dass in der Bildungspolitik viel über Tests und Schulformen geredet wird und zu wenig über Inhalte. Jedes Kind nach seiner Begabung zu fördern, damit jeder eine echte Chance bekommt, darum geht es. Wenn Sie so wollen, ist das die Seele unserer Bildungspolitik. Mir sind dabei solche Fächer wie Geschichte, Religion oder Musik genauso wichtig wie Deutsch und Mathematik. Im Übrigen darf die Schule nicht darauf reduziert werden, was in Pisa-Studien getestet wird.

Aus DIE ZEIT :: 10.03.2011

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