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»Sagen Sie mal, Sie als Frau ...«

Alle Protokolle von Anna-Lena Scholz

Frauen, die Karriere als Wissenschaftlerin machen, müssen ständig Fragen beantworten, die nichts mit ihrer Forschung zu tun haben. Wir haben fünf Wissenschaftlerinnen gefragt: Welche können Sie nicht mehr hören - und diese Fragen ihren männlichen Kollegen gestellt.

»Sagen Sie mal, Sie als Frau ...«© NOBU - Fotolia.comWas antworten Wissenschaftler auf Fragen, die sonst nur ihren weiblichen Kolleginnen gestellt werden?
»Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie Ihre Familie vernachlässigt haben, nur um Karriere zu machen?«

Diese Frage kann Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie und Wirtschaftsweise, nicht mehr hören. Es antwortet Matthias Kleiner, Professor für Umformtechnik und Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.

»Nö. Das Gefühl habe ich nicht. Eine ganz selbstverständliche Priorität lag und liegt immer bei der Familie - entlang der Karriere, als junger Wissenschaftler, als Institutsleiter, als DFG-Präsident ebenso wie als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Außerdem bin ich keineswegs das einzige umtriebige Mitglied unserer Familie! Dadurch haben wir uns stets viel zu erzählen, und spätestens beim Fußball fiebern wir sowieso gemeinsam. Das Ausspielen von Familie und Karriere gegeneinander wird nicht dadurch besser, wenn statt Frauen nun Männer gefragt werden. Individuelle Antworten helfen auch nicht weiter. Wie gut, dass wir in der Wissenschaft längst einen Schritt weiter sind und uns mit übergreifenden Gleichstellungsstandards verpflichtet haben, den Frauenanteil in allen Qualifikationsstufen zu erhöhen; etwa durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Personalentscheidungen, die nach Leistung und nicht nach Geschlecht, Herkunft oder Religion erfolgen.«

»Wachen Sie manchmal auf und denken: Huch! Das ist ja eine große Aufgabe?«

Diese Frage kann Muriel Helbig, Präsidentin der FH Lübeck, nicht mehr hören. Es antwortet Manfred Prenzel, Professor für Empirische Bildungsforschung an der TU München und Vorsitzender des Wissenschaftsrats.

»Manchmal liege ich morgens im Bett und denke: Menschenskind, dieser Termin steht an, und ich muss noch dieses und jenes besprechen. In der Aufwachphase beschäftigen mich weniger konkrete Aufgaben, vielmehr Gedanken, wie ich einen Konflikt lösen oder einen Dialog führen kann. Ich empfinde das nicht als Druck. Schließlich habe ich meine Aufgabe selbst gewählt: Ich habe mir vorher überlegt, was machbar ist. Eine große Aufgabe überfällt einen nicht plötzlich. Der Weg zu einer Führungsposition ist ein kontinuierlicher Prozess. Vielleicht hat man schon als Jugendlicher eine Arbeitsgruppe geleitet. Später betreut man dann zum ersten Mal eine Abschlussarbeit oder bekommt einen Doktoranden zugeordnet. Auch das sind große Aufgaben, an denen man lernt, was Verantwortung bedeutet. Das Besondere in der Wissenschaft sind die flachen hierarchischen Strukturen. Als Dekan, Institutsleiter oder Präsident kann man nicht einfach kraft seines Amtes irgendetwas verordnen. Man muss die Leute mitnehmen und sollte Freude daran haben. Haben Männer hier einen Vertrauensvorschuss, nach dem Motto: Die können das einfach? Ich glaube nicht.«

»Warum betreiben immer nur Frauen zusätzlich zu der Forschung in ihrem Fach auch noch Gender-Studies?«

Diese Frage kann Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien, nicht mehr hören. Es antwortet Martin Schulze Wessel, Professor für Geschichte Osteuropas und Vorsitzender des Historikerverbands.

»Diese Frage muss man nur einmal gestellt bekommen, um sie nie wieder hören zu wollen. Wie würde man als Mann darauf antworten? Die spontane, etwas reflexhafte Antwort würde lauten: "Ich habe doch vor Kurzem selbst ..." Und dann erfolgt der Verweis auf entsprechende Tätigkeiten. In meinem Fall auf die Teilnahme an einer Gender-Studies-Konferenz über den Männlichkeitsentwurf von modernistischen tschechischen Priestern zwischen 1890 und 1930, auf der ich einen Vortrag hielt. Ein interessantes Thema. Allerdings war das nicht "vor Kurzem", sondern 2004, und ich war damals der einzige männliche Teilnehmer. Geschichtswissenschaft wird weiblicher, was die Besetzung von Positionen auf allen Ebenen betrifft. Außerdem ist die Erforschung der Geschlechter inzwischen, wie mir scheint, viel besser in verschiedene historische Themenfelder integriert. Trotzdem: Immer noch ist es so, dass sich eher Historikerinnen als Historiker der Bedeutung des Paradigmas Gender bewusst sind. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Was die Geschichtswissenschaft betrifft, so finde ich die Einrichtung von Professuren für historische Geschlechterforschung sinnvoll und notwendig. Noch besser wäre, wenn dieses Paradigma mit all jenen Themen verknüpft wäre, die auf den ersten Blick nichts mit Geschlecht zu tun haben. Vielleicht würde das den Wissenschaftlerinnen lästige Fragen zur Notwendigkeit ihrer Gender-Studies ersparen?«

»Sind nicht inzwischen die Männer im Wissenschaftssystem diskriminiert - angesichts all der Gesetze und Verordnungen zur Frauenförderung?«

Diese Frage kann Barbara Holland-Cunz, Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender-Studies, nicht mehr hören. Es antwortet Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund.

»Ganz klares Nein! Von einer Benachteiligung der Männer kann bei nur 21 Prozent Professorinnen nicht die Rede sein. In meinem Fachbereich sieht es zum Glück gut aus, wir sind zu zwei Drittel Kolleginnen. Aber als Dekan sitze ich in vielen Berufungskommissionen und sehe, wie gut die Männernetzwerke funktionieren. »Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt«, heißt es. Aber die Männer sind ganz gut darin, festzulegen, was als »beste Qualifikation« gilt. Mir fällt auch auf, dass die Wissenschaftlerinnen selbstkritischer auftreten - nicht so aufschneiderisch wie ihre männlichen Kollegen. Die Zurückhaltung der Frauen wird ihnen oft negativ ausgelegt. Öffentlich sagen die meisten zwar, dass sie gemischtere Teams gut fänden. Aber hinter vorgehaltener Hand heißt es: Die hat zwei Kinder, ob die wohl auch eine Lehrveranstaltung um 17 Uhr abhalten kann? Gut, dass immer eine Gleichstellungsbeauftragte dabei ist. Sie hat ein waches Auge. Frauenförderung ist wichtig, um unbewusste Stereotype auszuhebeln. Leider ist der Bereich häufig überreguliert. Das Professorinnenprogramm etwa hat hohe formale Hürden: Es muss sich um eine Erstausschreibung und -berufung handeln. Meine Hochschule hat sich ins Zeug gelegt und den Zuschlag für drei Professorinnen bekommen - und dann war es schwierig, die Frauen zu finden, die exakt den gewünschten Kriterien entsprachen. Manchmal scheitert man eben auch mit gutem Willen.«

»Lassen wir Ihre Forschung doch beiseite. Erzählen Sie mal - wie haben Sie eigentlich Ihre Wohnung eingerichtet? Wie wäre es mit einer Homestory?«

Diese Frage kann Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen, nicht mehr hören. Es antwortet Philipp Hübl, Juniorprofessor für Theoretische Philosophie, Universität Stuttgart.

»Ich hatte schon befürchtet, Sie würden nie fragen. Also: Holz, Fell und die obligatorische Petersburger Hängung. Ich brauchte Zeit, um zu merken, dass man sich zu Hause auch wohlfühlen kann. Davor dominierten ein grauer Tisch (Konfirmationsgeschenk) und nackte Glühbirnen die Szenerie. Jetzt verspüre ich nicht einmal beim Kauf von Duftkerzen den »Gender-Trouble«, der erstmals im Waldorfkindergarten erwachte, als ich meinen Namen tanzen musste. Heute kann ich öffentlich zugeben: Ich interessiere mich nicht für Autos, Bier oder Fußball. Meine Rettung war die Einsicht, dass man von der heterosexuellen Zwangsmatratze zwar nicht herunterkommt, sich aber wenigstens querlegen kann. Die Subversion fällt mir als Mann natürlich leichter, weil ich in der Uni nie als »zierliches Persönchen« diminuiert oder sexuell belästigt wurde. Meine pinke Yogamatte legt man mir als ironischen Individualismus aus, während eine Kollegin als »verbissen« gilt, nur weil sie die Beste sein will. Das wird erst aufhören, wenn auch in den Qualitätsmedien niemand mehr über die Kleider der Oscar-Nacht spricht. Dann wird es übrigens auch keine Homestorys mehr geben. Vielleicht ist das sogar eine bessere Welt.«

Aus DIE ZEIT :: 07.04.2016