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»Schluss machen wäre Kurzschluss«

Das Gespräch führte CHRISTIANE GREFE

Die Folgen von Dürre, Börsenspekulation und Biospritboom - ein Gespräch mit dem Agrarökonomen Joachim von Braun.

»Schluss machen wäre Kurzschluss«© Joachim von BraunDer Welthunger steigt - Agrarökonom Joachim von Braun zu den Ursachen
DIE ZEIT: Herr von Braun, trotz der dramatischen Dürren in den USA behaupten viele Experten: Wenn man die erwarteten Ernteausfälle mit den Lagerbeständen an Getreide gegenrechne, dann werde es für alle reichen.

Joachim von Braun: Es würde reichen für die Reichen. Aber wer von einem Euro pro Tag lebt und schon 70 Cent für Nahrung ausgibt, für den reicht das Geld bei den jüngsten Preissteigerungen um 50 Prozent nicht, um sich gesund zu ernähren. Mehr als eine Milliarde Menschen sind in dieser Situation.

ZEIT: Wirken sich die steigenden Weltmarktpreise denn aus? In vielen Ländern spielen ja Mais, Weizen und Soja kaum eine Rolle, weil man Reis oder Maniok isst und auch keine Tiere mit amerikanischen Futtermitteln versorgt.

Von Braun: Gewiss, die Auswirkungen sind unterschiedlich von Land zu Land. Aber der Markt funktioniert in stärkerem Maße global. Wenn die Preise an den amerikanischen Warenterminbörsen springen, dann spürt man das heute sehr schnell auch in Äthiopien oder Bangladesch. Je mehr Getreide ein Land importieren muss, desto größer sind die Probleme, und diese Abhängigkeit trifft besonders viele Entwicklungsländer. Auch ziehen Preissteigerungen bei einem Produkt andere Produkte mit. Der steigende Maispreis wegen der Dürre führt zum Beispiel dazu, dass jetzt mehr Weizen an Tiere verfüttert wird. Das hat den Weizenpreis stark erhöht.

ZEIT: Welche Länder machen Ihnen die größten Sorgen?

Von Braun: Besonders die Staaten Ostafrikas, die sich noch immer nicht von der Hungerkatastrophe des vergangenen Jahres erholt haben. Die Sahel-Region steckt ohnehin mitten in einer Krise. Auch in Ägypten sind die Nahrungsmittelpreise ein brisantes Politikum. Dort blockieren sie das Wirtschaftswachstum, das die politisch fragile Region jetzt so dringend braucht. Fatal ist, dass die lokalen Märkte auf steigende Weltmarktpreise sogar noch schneller reagieren als bei sinkenden Preisen.

ZEIT: Ist die Nutzung von Biosprit schuld?

Von Braun: Die Getreidepreise wären schätzungsweise um 30 Prozent niedriger, wenn die Biospritquoten und die entsprechenden Subventionen in Europa und den USA abgeschafft würden.

ZEIT: Der Beimischungszwang, der 2006 eingeführt wurde, trug ja die Logik der Massenproduktion absehbar in sich. Schon damals gab es viele Warner. Wie erklären Sie sich, dass weder die EU noch die Bundesregierung auf die frühe Kritik reagiert haben?

Von Braun: Politik-Korrektur ist oft schwierig. Die Interessengruppen im Umfeld der Bioenergiewirtschaft sind inzwischen stark. Ja, der klimapolitische und ökologische Nutzen sind falsch eingeschätzt beziehungsweise beim Start in diese Politik gar nicht erst genauer untersucht worden. Nun kommt bei den hohen Getreidepreisen noch dazu, dass dies ja auch die Futtermittelpreise erhöht und den Bauern, die Fleisch und Milch erzeugen, Einkommenseinbußen bringt.

ZEIT: Entwicklungsminister Dirk Niebel hat einen Verkaufsstopp für Biosprit gefordert. Ist das Hungerbekämpfung oder Populismus?

Von Braun: Ein Moratorium für die Nutzung von Getreide für Bioenergie wäre zurzeit richtig.

ZEIT: In den USA landet Bioethanol ja schon länger und in ganz anderen Dimensionen in den Tanks. Sehen Sie auch dort Bewegung? Oder hat Obama im Wahljahr keine Chance gegen subventionierte Bauern und die Auto- und Mineralölwirtschaft?

Von Braun: Der Druck zur Veränderung kommt von den Viehhaltern und denen, die sich um die Auswirkungen in den Entwicklungsländern sorgen. Der erfolgreiche Umgang mit der Dürrekatastrophe, die in den USA 60 Prozent der Bauern und die Hälfte des Landes unter Stress setzt, ist relevant für den Ausgang der Wahl. Viele Staaten, in denen die Wahl traditionell knapp verläuft, sind betroffen. Ich erwarte aber in den Monaten bis zur Wahl keine signifikante Veränderung in der amerikanischen Politik.

ZEIT: Sollte mit Biosprit ganz Schluss sein, oder sehen Sie auch sinnvolle Möglichkeiten, Energiepflanzen zu nutzen?

Von Braun: Ganz Schluss zu machen wäre ein unsachgemäßer Kurzschluss. Die Biomasse gehört in ein gutes Energiekonzept, weil sie es ermöglicht, Energie zu speichern und die Mengen zu regulieren - anders als bei Wind und Sonne. Schluss mit dem simplen Verbrennen von Biomasse und Getreide, Schluss mit der Konkurrenz von Energiegewinnung und Ernährung - das ist allerdings zu fordern. Ebenso eine ganzheitliche, intelligente Konzeption, also eine Bioenergie-Wende. Wir brauchen Forschungsinvestitionen in die nachhaltige Produktion und Verarbeitung von Biomasse, nicht Subventionen, die die gegenwärtigen Techniken zementieren.

ZEIT: Mais und Soja werden vor allem verfüttert. Wäre Fleisch zu verteuern nicht ebenso wichtig?

Von Braun: Natürlich müssen wir über die Problematik einer exzessiven Konsumnachfrage diskutieren. Die neun Milliarden Menschen, die womöglich im Jahr 2050 leben, können pro Kopf von der Weltlandwirtschaft nicht das einfordern, was heute schon an Grenzen stößt.

ZEIT: Spielt die Spekulation mit Nahrungsmitteln bei der aktuellen Krise eine Rolle?

Von Braun: Im Normalfall und beim Preistrend sehe ich da keine größere Wirkung. Aber die Situation ist jetzt gerade mal wieder nicht normal. Wird es knapp - das zeigen unsere Analysen - treibt Spekulation die Preisspitzen eindeutig noch weiter nach oben. Dass entsprechende Akteure an der Börse aktiv sind, beobachten wir auch jetzt.

ZEIT: Wie kann das verhindert werden?

Von Braun: Bei der G 20, in den USA und in der EU hat man sich immerhin auf erste Schritte verständigt, aber in der Praxis ist zu wenig geschehen. Kurzfristig wäre es wichtig, Obergrenzen für die Spekulation einzuführen. Zudem sollte das Niveau der Kapitalhinterlegung erhöht werden, auf die potenzielle Investoren verpflichtet werden. Entscheidend ist auch mehr Markttransparenz, insbesondere sollten spekulative sogenannte Over the counter-Geschäfte und Derivate außerhalb der traditionellen Warenterminbörsen beendet werden. Da passiert noch zu wenig, weil wirkungsvolle Schritte von Lobbyisten immer wieder verhindert werden.

ZEIT: Die baden-württembergische Landesbank und die Deka-Bank wollen Anlagen auf Agrarrohstoffe künftig nicht mehr anbieten, die Commerzbank ist bereits ausgestiegen. Sollten andere folgen?

Von Braun: Ich begrüße eine freiwillige Zurückhaltung in der gegenwärtigen Lage, und natürlich muss die exzessive Spekulation abgestellt werden. Aber ein transparentes Engagement der Finanzinvestoren schadet der Preisstabilität bei Nahrungsmitteln im Normalfall nicht, sondern nützt ihr. Die Absicherung an den Märkten ist ein unverzichtbares Instrument für die Bauern wie für den Lebensmittelhandel.

ZEIT: Was sonst muss jetzt geschehen, um eine Hungerkrise wie 2008 zu vermeiden?

Von Braun: Länder, die hohe Lagerbestände haben, sollten jetzt verkaufen, um mit dem steigenden Angebot die Preise zu mildern. Indien zum Beispiel hat etwa 80 Millionen Tonnen Getreide gelagert, etwa doppelt so viel, wie in den USA der Dürre zum Opfer fallen. Vor allem muss verhindert werden, dass Exportstopps verhängt werden. Dagegen hat sich die G 20 bereits ausgesprochen, aber dieser Beschluss muss noch bekräftigt werden.

ZEIT: Das Rapid Response Forum, ein Frühwarn-Gremium, das die G 20 im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat, will Ende August eine Telefonkonferenz schalten, im September will man sich treffen. Ist das schon zu spät?

Von Braun: Das Rapid Response Forum ist nicht »rapid« genug.

ZEIT: Was sonst sollte die G 20 jetzt in die Wege leiten?

Von Braun: Sie sollte die Organisationen der Nothilfe vermehrt unterstützen. Die können sich bei diesen Preisen nicht mehr hinreichend für die Armen engagieren, weil ihr Budget nicht reicht.

ZEIT: Das Welternährungsprogramm muss ja bei jeder Krise erst auf Zuwendungen aus den Geberländern warten. Sollte es endlich mit einer Grundfinanzierung ausgestattet werden, um schneller reagieren zu können?

Von Braun: Die Welt braucht einen Rettungsschirm für die Ernährungssicherung der Armen. Wir brauchen eine Welt-Getreidebank.

ZEIT: Und langfristig? Das CIMMYT-Institut hat darauf hingewiesen, dass die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von wenigen Getreideproduzenten sie in Krisen wie der derzeitigen noch anfälliger macht. Fließt mittlerweile genug Geld in die Agrarproduktion der Entwicklungsländer, damit sie sich stärker selbst versorgen können?

Von Braun: Die sichere Welternährung braucht freien Handel und lokale Investitionen, auch bei den Kleinbauern. Einige Staaten Afrikas und Asiens haben vermehrt in die Agrarwirtschaft investiert, aber in vielen Ländern sind wichtige Reformen der Eigentumsrechte an Land und Wasser und der Ausbau der Infrastruktur noch lange nicht hinreichend.

ZEIT: Wird es bald wieder Hungeraufstände geben wie im Jahr 2008?

Von Braun: Die Gefahr sehe ich noch nicht, aber ebenso wenig wage ich die Prognose, dass es ruhig bleiben wird. Sorge macht mir zum Beispiel, dass der Boom der Arbeitsmärkte in Asien nachlässt und in der arabischen Welt wirtschaftliche Stagnation herrscht. In vielen Ländern ist die Bevölkerung daher nicht mehr bereit, sich eine fahrlässige Nahrungsmittelpolitik gefallen zu lassen.


Über den Interviewten
Joachim von Braun ist Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn.

Aus DIE ZEIT :: 23.08.2012

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